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Landwirtschaft

Pestizidbelastung im Oberrheingraben: Gefahr reicht bis in den Nationalpark Schwarzwald

Traktor mit Pestiziden
© pixabay
Eine neue Studie der RPTU belegt eine weitreichende Pestizidbelastung im Oberrheingraben – mit alarmierenden Folgen für Umwelt und Gesundheit. Pestizide verbreiten sich weit über landwirtschaftliche Flächen hinaus und wurden sogar im Nationalpark Schwarzwald nachgewiesen. Besonders problematisch: komplexe Pestizidmischungen, deren Wechselwirkungen kaum erforscht sind. Die Wissenschaftler fordern eine drastische Reduktion des Pestizideinsatzes zum Schutz von Mensch und Natur.

Synthetisch-chemische Pestizide aus dem konventionellen Landbau verbleiben nicht auf den Anbauflächen, sondern verbreiten sich über die gesamte Landschaft bis in die Mittelgebirge. Dies belegt eine aktuelle Studie der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU). So gibt es eine weitreichende Verbreitung von Pestiziden im Oberrheingraben. Die Erkenntnisse werfen ein neues Licht auf die Umweltauswirkungen der konventionellen Landwirtschaft und unterstreichen die Notwendigkeit einer Reduktion des Pestizideinsatzes, schreibt die RPTU in einer Pressemitteilung.

78 Standorte untersucht

Das Untersuchungsgebiet erstrecke sich über 300 Kilometer zwischen Bingen und Basel. Die Region ist bekannt für den Anbau von Getreide, Obst, Wein und Gemüse, wobei seit den 1970er Jahren chemisch-synthetische Pestizide intensiv eingesetzt werden. Während der Spritzsaison 2022 untersuchte das Forschungsteam demnach 78 Standorte entlang von sechs 30 Kilometer langen Untersuchungstransekten. Dabei seien Proben von Oberboden, Vegetation und Gewässern entnommen worden.

Die Ergebnisse seien alarmierend: In nahezu allen Proben wurden Pestizidrückstände gefunden, oft in komplexen Mischungen. Insgesamt 63 verschiedene Pestizide konnten laut den Forschern nachgewiesen werden. Besonders besorgniserregend sei, dass auch entlegene Gebiete nicht frei von Pestiziden sind. Selbst in abgelegenen Mittelgebirgsregionen wie dem Pfälzerwald oder dem Schwarzwald ließen sich Wirkstoffe finden. Im Durchschnitt enthielt der Oberboden fünf verschiedene Pestizide, in einzelnen Proben sogar bis zu 26. Die Vegetation habe durchschnittlich sechs Pestizide aufgewiesen, maximal wurden 21 verschiedene Wirkstoffe festgestellt.

Gefahr durch „Cocktail-Effekt“

Besondere Aufmerksamkeit erhielt das Fungizid Fluopyram, das in über 90 Prozent der Proben nachgewiesen wurde. Dieses Pestizid gehört zur Gruppe der PFAS-Chemikalien, die sich durch eine extrem lange Beständigkeit auszeichnen und das Grundwasser kontaminieren können. Die Forscher warnen vor den noch nicht abschätzbaren Folgen für die Trinkwasserversorgung.

Ein weiteres zentrales Problem sei der „Cocktail-Effekt“. Die Untersuchung ergab, dass Pestizidmischungen aus mindestens zwei Wirkstoffen in 140 verschiedenen Kombinationen vorkommen. Diese Mischungen können Wechselwirkungen eingehen und potenziell schädlicher sein als die einzelnen Substanzen. Derzeit würden Pestizide im Zulassungsverfahren nur einzeln bewertet, wodurch die realen Risiken nicht ausreichend erfasst würden. Studien belegen jedoch, dass solche Mischungen beispielsweise die Eiablage von Insekten drastisch reduzieren können.

Pestizide auch im Nationalpark Schwarzwald

Besonders bedenklich sei die Kontamination von Schutzgebieten. Blühstreifen, Hecken und angrenzendes Grünland dienen eigentlich als Rückzugsorte für geschützte Tier- und Pflanzenarten. Dennoch seien Pestizide in Nationalparks wie dem Schwarzwald sowie im UNESCO-Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen nachgewiesen worden. Auf dem Feldberg, mit 1.494 Metern der höchste Berg des Schwarzwalds, wurden drei verschiedene Pestizide festgestellt, heißt es weiter. Diese Belastung gefährde nicht nur bedrohte Arten, sondern stelle auch eine ernsthafte Herausforderung für den Naturschutz dar.

Die Forscher fordern eine drastische Reduzierung des Pestizideinsatzes zum Schutz von Mensch und Umwelt. Dies decke sich mit den Zielen der Biodiversitätskonferenz COP 15, die eine Halbierung des globalen Pestizideinsatzes bis 2030 anstrebt. Um wirksame Alternativen zu entwickeln, schlagen die Wissenschaftler großflächige Pilotprojekte vor, in denen pestizidfreie Landwirtschaft im großen Stil erprobt wird. Bisher hätten nachhaltige Anbaumethoden in einer von Pestiziden dominierten Umgebung kaum eine Chance, ihr volles Potenzial zu entfalten.

Politik gefordert

Letztlich seien politische Maßnahmen erforderlich, um die Transformation hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft voranzutreiben, so die RPTU. Eine effektive Pestizidreduktion könne nicht nur die Biodiversität schützen, sondern auch langfristig zur Gesundheit von Mensch und Umwelt beitragen. Die Politik sei gefordert, großflächige pestizidfreie Konzepte zu entwickeln und umzusetzen.

wh/ChatGPT

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