Es gibt einen Moment in feministischen Räumen, den ich inzwischen kenne, bevor er eintritt. Ein Gespräch läuft, die Stimmung ist offen, jemand bringt einen Punkt ein – Lohnungleichheit, Care-Arbeit, die Unsichtbarkeit von Frauen in Führungspositionen. Alle nicken. Und dann melde ich mich zu Wort. Rassismus. Das Gefühl, zwischen Welten zu leben, die einen nie ganz fassen. Die kulturelle Erschöpfung, die entsteht, wenn man permanent zwischen Herkunft und Ankunftsgesellschaft übersetzt, ohne dass jemand fragt, was das kostet.
Die Reaktion ist freundlich. Nickend. Kurz. Und dann geht das Gespräch weiter, als wäre mein Beitrag eine Fußnote gewesen, kein Kapitel. Ich habe lange gebraucht, um diesen Moment nicht als persönliches Scheitern zu lesen. Als fehlende Eloquenz. Als falschen Zeitpunkt. Irgendwann habe ich aufgehört, das zu versuchen – und angefangen, den Moment selbst zu betrachten. Was passiert da eigentlich? Warum fühlt es sich so an, als hätte ich etwas von mir gezeigt und gemerkt, dass es hier keinen Platz hat?
Die Antwort, die ich gefunden habe, ist unbequem – weil sie nicht gegen andere gerichtet ist, sondern gegen einen Diskurs, dem ich mich zugehörig fühle. Dem ich mich immer noch zugehörig fühle. Der feministische Diskurs, wie er in Deutschland mehrheitlich geführt wird, hat eine Referenzfrau. Sie ist weiß, akademisch gebildet, berufstätig, westlich sozialisiert. Ihre Themen sind real: Lohnungleichheit, Sichtbarkeit in Führungspositionen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Anerkennung von Care-Arbeit. Das sind dringende Themen. Und sie sind nicht die einzigen.

Die Referenzfrau ist weiß, akademisch und westlich sozialisiert. Foto: marcosdamata/pixabay
Was fehlt, ist die Frau, die nicht nur gegen das Patriarchat kämpft, sondern gleichzeitig gegen Rassismus, gegen Klassismus, gegen die Fragmentierung, die entsteht, wenn man in keiner Kategorie ganz vorkommt. Die Frau, deren Erfahrung nicht nur strukturell belastet ist, sondern auch kulturell zerrissen – weil sie zwischen Erwartungen vermittelt, die einander widersprechen, ohne dass das jemandem auffällt. Weil ihr Körper in feministischen Räumen als Symbol willkommen ist, ihre Geschichte aber als Sonderfall abgeheftet wird.
Kimberlé Crenshaw hat dafür 1989 einen Begriff geprägt: Intersektionalität. Sie entwickelte ihn, um einen juristischen Blindfleck zu beschreiben – schwarze Frauen fielen in US-amerikanischen Antidiskriminierungsklagen durch das Raster, weil das Recht entweder Rassismus oder Sexismus adressierte, nie beides gleichzeitig. Wer mehrfach diskriminiert wird, existiert in solchen Systemen kaum. Crenshaws Argument war präzise und politisch. Was daraus geworden ist, ist komplizierter.
2026 ist Intersektionalität im Mainstream angekommen. Als Schlagwort, als Hashtag, als Pflichtbegriff in Diversity-Schulungen. Und als gelebte Analysekategorie. Als Praxis, die wirklich verändert, wessen Stimme im Raum gehört wird und wessen nicht – fehlt sie noch immer. Das ist kein Widerspruch, sondern ein bekannter Mechanismus: Sprache kann vereinnahmt werden, ohne dass die Verhältnisse sich ändern, die sie beschreiben wollte.

Frauen kämpfen um die Anerkennung von Care-Arbeit. Foto: marcinjozwiak/pixabay
Vermittlung zwischen Sprache und Erwartungen
Ich bin Sozialpädagogin. Ich arbeite täglich mit Frauen, deren Leben in keiner feministischen Referenzerzählung vorkommt. Frauen, die zwischen Behörden und Familien vermitteln, zwischen Sprachen und Erwartungen, zwischen dem, was das System von ihnen verlangt, und dem, was ihre Community von ihnen erwartet. Frauen, deren Erschöpfung mehrere Ursachen hat, die sich gegenseitig verstärken – und die in der Regel nur eine davon benennen dürfen, weil die anderen zu komplex erscheinen, um gehört zu werden.
In feministischen Debatten kaum auftauchend
Es gibt Momente in meiner Arbeit, in denen ich eine Frau vor mir sitzen habe, die alles richtig gemacht hat – nach jedem Maßstab, den wir ihr gegeben haben. Und die trotzdem nicht ankommt. Nicht weil sie gescheitert ist. Sondern weil die Kategorien, mit denen wir Ankommen messen, nicht für sie gemacht wurden. Diese Frauen tauchen in feministischen Debatten kaum auf. Und wenn doch, dann meist als Objekt der Fürsorge – nicht als Subjekt des Diskurses.
Was mich in meiner Arbeit beschäftigt, beschäftigt mich auch als Feministin. Nicht weil beides dasselbe wäre – Sozialpädagogik ist keine politische Bewegung. Aber weil die sozialpädagogische Linse etwas sieht, das dem feministischen Diskurs manchmal fehlt: dass Ausgrenzung selten eine Ursache hat. Dass Menschen nicht entlang einer einzigen Dimension diskriminiert werden. Und dass ein Diskurs, der das nicht benennt, die Menschen, um die es geht, nicht ganz erreicht.

Feminismus und Sozialpädagogik sind nicht dasselbe. Foto: freepik
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Anforderung.
Ich habe lange geglaubt, dass Feminismus mich meint. Und in gewisser Hinsicht stimmt das – er meint die Frau in mir, die gegen Lohnungleichheit kämpft, die Care-Arbeit sichtbar machen will, die strukturelle Unterbewertung sozialer Berufe benennt. Aber nicht alles in mir. Nicht die Tochter einer philippinischen Mutter in Deutschland. Nicht die Frau, die in feministischen Räumen gelernt hat, bestimmte Teile von sich zurückzulassen, damit der Rest dazugehören kann.
Ich habe das lange nicht so benannt. Ich habe es einfach gemacht – dieses stille Sortieren, bevor man den Mund aufmacht. Dieses Abwägen, welche Version von sich gerade passt. Es hat sich nicht falsch angefühlt. Es hat sich normal angefühlt. Und das ist vielleicht das Beunruhigendste daran.
Das ist keine Anklage gegen Menschen. Es ist eine Beobachtung über Strukturen. Über die Referenzfrau, die so selbstverständlich im Zentrum steht, dass niemand fragt, wer dabei an den Rand gerät. Über blinde Flecken, die keine böse Absicht brauchen, um zu wirken.

Die Referenzfrau steht selbstverständlich im Zentrum. Foto: standret/freepik
Was fehlt, ist die Bereitschaft, radikal zu sein. Nicht im Sinne von laut – sondern im Sinne von konsequent. Zu fragen, welche Erfahrung als universell gilt – und welche als Sonderfall abgeheftet wird. Wessen Erschöpfung einen Namen bekommt – und wessen lautlos bleibt, weil der Diskurs keinen Platz dafür hat.
Den Unterschied nicht persönlich nehmen
Ein Feminismus, der das nicht benennt, bleibt unvollständig. Und ein unvollständiger Feminismus grenzt aus – auch wenn er es nicht will. Gerade weil er es nicht will. Ich sitze noch immer in feministischen Räumen. Ich bringe noch immer Punkte ein. Manchmal wird zugehört, manchmal nicht. Und ich habe aufgehört, den Unterschied persönlich zu nehmen – weil ich weiß, dass er nicht persönlich ist.
Aber ich habe nicht aufgehört zu fragen: Was braucht ihr, damit ihr euch nicht mehr entscheiden müsst, welche Teile von euch Platz haben dürfen? Diese Frage richtet sich nicht nur nach außen. Sie richtet sich auch an mich.

Gastautorin Nicole Eppie Wagner
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