Ein junger Mann kommt nach Steinach bewirbt sich um das Amt des Bürgermeisters, gewinnt, obwohl ihn kaum einer kannte. Nun ist das FDP-Mitglied für die nächsten acht Jahre verantwortlich für die Gemeinde. Nach den ersten Monaten im Amt zeigt Benedikt Eisele, dass Bürgermeister von heute nicht mehr in Krawatte und Anzug durchs Dorf spazieren und mit Pfarrer und Lehrer die Heilige Dreifaltigkeit der Kommune bilden. Der Jurist Eisele legt Wert auf zwei Faktoren seiner Arbeit in der Kommune: Transparenz und Teamarbeit.
Ortenau Journal: Warum haben sie in Steinach kandidiert?
Benedikt Eisele: Also für mich war es immer wichtig, dass ich eine Gemeinde habe, zu der ich passe. Ich bin jemand, der aktiv ist, etwas bewegen möchte und deswegen war für mich eine Gemeinde wichtig, in der die Leute motiviert sind und auch was schaffen wollen. Auch von der Größe wollte ich immer eine Kommune so zwischen vier- bis 7.000 Einwohnern. Ich finde es schön, im Austausch auch mit den jüngsten Mitbürgern zu sein. Das war mir wichtig. Genauso schätze ich es, nah bei den Leuten zu sein. Und nach meinem Wunsch sollte der Ort nicht mehr als maximal zwei Ortsteile haben.
Ortenau Journal: Wie sind Sie über Steinach gestolpert?
Benedikt Eisele: Das ist kein Staatsgeheimnis. Ich lernte eine Steinacher Gemeinderätin auf einem Polterabend kennen. Wir kamen ins Gespräch und sie fragte mich, ob ich nicht in Steinach kandidieren möchte.
Ortenau Journal: Haben Sie sich vorher über die Gemeinde erkundigt?
Benedikt Eisele: Ja, ich habe Gespräche geführt, mit Gemeinderäten und auch mit dem Ortsvorsteher. Ich bin auch mal Inkognito mit meinen Eltern und meiner Schwester hier gewesen. Ich wollte wissen, was sie von Steinach halten. Eigentlich hatte ich immer ein gutes Gefühl, nachdem was ich gesehen habe und das hat sich bisher in meinen fünf Monaten im Amt bestätigt.
Ortenau Journal: Was erwarten Sie von einer Gemeinde?
Benedikt Eisele: Ein Bürgermeister kann noch so viele Ideen haben, wenn die Bürgerinnen und Bürger und der Gemeinderat nicht mitziehen, dann hilft es nichts. Ich mir wünsche mir, dass die Einwohner mit ihren Anliegen auf mich zukommen, diskutieren und auch offen dafür sind, wenn gewisse Entscheidungen getroffen werden müssen, auch wenn sie ihnen nicht gefallen. Wir haben in der Gemeinde Steinach einen Investitionsstau von vierzig Millionen Euro. Aber gleichzeitig ist die finanzielle Lage in der Gemeinde genau so schlecht wie in vielen anderen Kommunen in Baden-Württemberg. Deshalb ist es notwendig, dass die Einwohner Verständnis haben, in welcher Priorität wir das machen und das gilt für die wichtigsten Aufgaben, die Pflichtaufgaben: Kita, Schule, Feuerwehr.
Ortenau Journal: Bringen junge Bürgermeister neue Sichtweisen mit?
Benedikt Eisele: Das würde ich schon sagen. Ich glaube, wir haben eine andere Herangehensweise. Wir profitieren auch von den Erfahrungen der älteren Kollegen. So wie es im normalen Berufsleben auch ist. Die jüngeren Bürgermeister haben neue Ideen, wir sind offener für Kritik oder Anregungen. Ich kommuniziere viel über den WhatsApp Kanal. Also heutzutage sind die Einwohner viel offener, wollen mehr in den Austausch mit dem Bürgermeister gehen. Es ist nicht mehr wie vor vierzig Jahren, als der Bürgermeister mit Krawatte rumlief und er mit dem Lehrer und dem Pfarrer die Heilige Dreifaltigkeit des Dorfes darstellt. Ich habe grobe Ideen, bin aber offen für Vorschläge. Ich beschreibe es mit Schwarmintelligenz, sowohl im Rathaus als auch in der Bevölkerung.
Ortenau Journal: Whats App-Kanal? Funktioniert dieser Kommunikationsweg?
Benedikt Eisele: In der Tat. Ich habe vor kurzem von einer 92-Jährigen eine Nachricht bekommen per WhatsApp. Sie folgt dem Kanal und findet ihn klasse. Also ich habe da die ganze Bandbreite von 14- bis 92-Jährigen. So kann ich Informationen breit streuen und auch für Vereine werben. Ich finde das gut, kann viel besser reagieren und die Leute mitnehmen. Die Einwohner lesen nicht nur Amtsblatt oder Zeitung, sondern sie wollen sich auf kurzem Weg informieren und ich merke auch bei vielen, die aus Steinach weggezogen sind, dass sie dem WhatsApp-Kanal folgen, obwohl sie in Stuttgart, Freiburg oder Karlsruhe wohnen.
Ortenau Journal: Wo liegen Ihre kommunalen Schwerpunkte?
Benedikt Eisele: Mein Schwerpunkt umschreibe ich am besten mit lebenslangem Wohnen in Steinach. Wir sind attraktiv, wir schaffen jetzt neuen Wohnraum. Wir haben über 30 Kitaplätze zur Verfügung. Außerdem ein Gewerbegebiet mit vielen offenen Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Wir sind eine Gemeinde mit Zukunft, die Wohnqualität ist bereits hoch. Von daher brauchen wir uns vor niemandem zu verstecken. Das gilt es jetzt weiter auszubauen und so gut es geht zu erhalten, trotz aller finanziellen Schwierigkeiten.
Ortenau Journal: Wo sehen Sie ihre politische Zukunft. In der FDP sind jetzt viele Ämter frei?
Benedikt Eisele: Also für mich ist die kommunale Ebene immer viel spannender. Solche Debatten wie im Bundestag oder Landtag sind für mich nicht zielführend. Ich bin jemand, der lieber konkrete Lösungen umsetzt. Bei manchen besteht vielleicht die Sorge: „Oh Gott, der Eisler ist bald wieder weg.“ Also da muss sich keiner Sorgen machen.
Ortenau Journal: Wie denken Sie über den Ausbau des kommunalen Gewerbegebiets?
Benedikt Eisele: Klar, zunächst gibt es einen Austausch mit den Nachbarkommunen und mit der Gemeinde. Gesucht wird nach den bestmöglichen Lösungen, auch wenn der Bürgerentscheid formal seit drei Wochen keine Bestandskraft mehr hat, weil er nur für drei Jahre gilt. Ich habe kein Interesse an einem gespaltenen Dorf. Die Frage lautet, wie kriegen wir Wirtschaft, Verkehr und die anderen Themen, die damit zusammenhängen, bestmöglich gelöst. Denn wir können uns ohne einen guten Wirtschaftsstandort vieles nicht mehr leisten, beispielsweise Kitas, Schulen oder Schwimmbad.
Ortenau Journal: Haben Sie neue Ideen zum Kommunalen Gewerbegebiet?
Benedikt Eisele: Ich führe derzeit viele Gespräch zu vielen Themen. Ich merke, dass dabei viel Emotion im Spiel ist. Das nicht Steinach spezifisch. Viele Leute fühlen sich unter Druck gesetzt, haben Angst um ihren Arbeitsplatz. Ich spüre das bei vielen Debatten. Doch ich bin jemand, der Fakten schaffen, Entscheidungen treffen will. Auch beim Gewerbegebiet. Ich möchte die Emotionen raus halten. Auf kommunaler Ebene geht es um Lösungen.
Ortenau Journal: Sie haben in Greifswald, dann Kehl gelebt und jetzt in Steinach. Was sind die Unterschiede?
Benedikt Eisele: Ich merke eine Steigerung meiner Lebensqualität. In Greifswald, in Kehl schlossen ebenfalls Gaststätten und Geschäfte. Da ist die Situation im Kinzigtal, in Steinach noch vergleichsweise wirklich gut, so meine Beobachtung. Die Lehre für mich aus Ostdeutschland ist: Man darf auf keinen Fall das Vorhandene als Selbstverständlichkeit betrachten. Deswegen glaube ich auch, dass der Frust bei vielen Menschen darin liegt, dass sie deutlich spürbar sehen. Der Staat und sonstige Einrichtungen – wie etwa die Einzelhändler – ziehen sich zurück. Dadurch sinkt die Lebensqualität im Osten oder anderen West-Bundesländern noch stärker als bei uns.

Ortenau Journal-Autor Peter Marx
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