Ortenau Direkt

Ortenauer Feuerwehr bekommt Konkurrenz von der Bundeswehr – Rekordsumme für Bevölkerungsschutz

Feuerwehreinsatz
© Augustin-Foto_J_Augustin – Feuerwehren haben Zulauf. Einen Boom gab es zuletzt in der Ortenau (Symbolbild).
Die Mitgliederzahlen der Feuerwehr in der Ortenau steigen weiter – wenn auch langsamer als zuletzt. Hinter dem Engagement stehen jedoch nicht nur Gemeinschaftssinn und Nachwuchsarbeit, sondern auch größere gesellschaftliche Entwicklungen. Die Rolle von Feuerwehr und Katastrophenschutz rückt stärker in den Fokus als je zuvor, denn längst ist in der Politik von „Kriegstüchtigkeit“ die Rede. Das gilt auch für die „Heimatfront“. Der Bund investiert Rekordsummen in den Bevölkerungsschutz.
Von Wolfgang Huber

In den vergangenen Jahren waren Organisationen wie die Feuerwehren, das Technische Hilfswerk (THW) oder das Deutsche Rote Kreuz (DRK) von einem Neumitgliederboom verwöhnt worden. Auch bei der Kreisjugendfeuerwehr Ortenaukreis gab es zuletzt von 2024 auf 2025 einen Zuwachs von 1.364 auf 2.094 Mitglieder – ein sattes Plus von 53 Prozent. Bei der Verbandsversammlung des Feuerwehrverbands Ortenaukreis e.V. gab Kreisjugendwart Raphael Jägle nun die neuen Mitgliederzahlen bekannt. Sie stiegen immerhin von besagten 2.094 auf nunmehr 2.150. Die Ortenauer sind damit der drittgrößte Verband in Baden-Württemberg.

Der Mitgliederboom seit 2021

Im Oktober 2024 berichteten wir über das wachsende Engagement von Freiwilligen bei Organisationen wie dem Technischen Hilfswerk (THW), den Feuerwehren und Hilfsorganisationen, über das Thomas Kuhn für die „Wirtschaftswoche“ schrieb. Das THW habe allein mehr als 10 Prozent neue Mitglieder gewonnen, vor allem seit den Überschwemmungen 2021. Wie das THW damals mitteilte, seien große Klimakatastrophen und gezielte Öffentlichkeitsarbeit Gründe für das gestiegene Interesse.

Der positive Trend erstrecke sich auch auf andere Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Insgesamt sei hier die Zahl ehrenamtlicher Kräfte seit 2019 um etwa 90.000 gewachsen, was einen Trendwandel darstellte, nachdem zuvor altersbedingte Abgänge überwogen hätten. Krisenereignisse wirkten dabei oft als Motivator.

Naturkatastrophen sorgten für einen Mitgliederboom bei Feuerwehren. Foto: Kollinger/pixabay

Das obligatorische Badnerlied

Doch zurück zur Verbandsversammlung des Feuerwehrverbands Ortenaukreis. Begonnen hatte sie mit Feuerwehrmusik der Spielmannszüge aus der Ortenau und dem obligatorischen, gemeinsam gesungenen Badnerlied. Die Versammlung sollte später unter der erstmaligen Leitung des neuen Verbandsvorsitzenden Michael Dietrich den Haushaltsplan, das Wirtschaftsergebnis und eine kleinere Satzungsänderung einstimmig beschließen. Über mangelnde Harmonie kann sich bei der Ortenauer Feuerwehr also niemand beschweren.

Konkurrenz von der Bundeswehr

Doch die Versammlung rückte eher beiläufig zwei Aspekte in den Vordergrund. Zum einen wies Michael Wegel, Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Baden-Württemberg, darauf hin, dass bei einer Wiedereinführung einer zivilen Verteidigung oder eines Wehrdienstes der eingangs geschilderte Mitgliederboom abebben könnte. Denn dann würden die Feuerwehren und Hilfsorganisationen mit der Bundeswehr um den begehrten Nachwuchs konkurrieren.

Und Bezirksbrandmeister Christoph Glaisner vom Regierungspräsidium Freiburg mahnte angepasste Rahmenbedingungen und ausreichende Ressourcen für Feuerwehr, Rettungsdienste und Katastrophenschutz an: „Sicher ist, dass nichts sicher ist.“ Doch welche Rahmenbedingungen meinte Glaisner? Beim Mitgliederboom waren die im Zuge der Klimaerhitzung häufiger auftretenden Naturkatastrophen noch die Hauptursache, die auch junge Menschen aktiv werden ließen.

Vielbeschworene Kriegstüchtigkeit

Tatsächlich geht es – wie bei der geplanten Wehrpflicht – um Kriegstüchtigkeit. Europa und allen voran Deutschland, will „kriegstüchtig“ werden, wie es Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius formulierte. Das bedeutet aber nicht nur exorbitant steigende Verteidigungsausgaben für die Anschaffung von allerlei Kriegsgerät wie Drohnen, Panzer und Munition. Vielmehr muss auch die „Heimatfront“ auf eine von den europäischen Führungen erwartete (oder forcierte?) Konfrontation mit Russland vorbereitet werden.

Kampfdrohnen in den Innenstädten?

Denn im Kriegsfall ist mit Bombenhagel und Raketeneinschlag zu rechnen. Auch deutsche Städte wären davon betroffen, wenn Kampfdrohnen aus dem Osten in die Innenstädte gleiten und materiellen und menschlichen Schaden verursachen könnten. Es gäbe Trümmerfelder und Tote und Verletzte. Doch auf vor Bedrohungen im Cyber War wäre Deutschland nicht sicher. Es müsste mit Hackerangriffen auf kritische Infrastruktur gerechnet werden. Betroffen könnte auch das Energiesystem sein. Und bei all den düsteren Szenarien kämen THW, Feuerwehren und Rettungskräfte zum Einsatz.

Mitgliederehrung beim Feuerwehrverband Ortenaukreis. Foto: Jan Streibelt

Drastisch erhöhte Mittel

Nicht verwunderlich also, dass die jährlichen Haushaltsmittel für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) von unter 200 Millionen in den vergangenen Jahren (2024: 168 Millionen Euro) deutlich erhöht wurden, auf 333 Millionen Euro im Jahr 2025 und auf über 605 Millionen Euro in 2026, wie das Ortenau Journal auf Anfrage erfuhr. Bis 2029 sollen die Mittel sogar auf über 800 Millionen Euro im Jahr anwachsen. Man will auf das Äußerste vorbereitet sein, wenn es zu Stromausfällen oder Wasserknappheit kommt.

Ausbildung zur Selbsthilfe

„Ziel des Bundes ist es, Deutschland krisenfest aufzustellen und auf eine mögliche zivile Verteidigung vorzubereiten“, heißt es dazu aus Bonn. Ein erheblicher Anteil der Mittelaufwüchse floss demnach im Jahr 2025 in den Bereich der Zivilschutzausstattung (z.B. Fahrzeuge und IT), der zivilen Notfallversorgung (Trinkwassernotversorgung) sowie der Warnung. Im Jahr 2026 fließen die Mehrausgaben ebenfalls zu erheblichen Teilen in den Bereich der Zivilschutzausstattung, der zivilen Notfallversorgung sowie der Ausbildung der Bevölkerung in Selbsthilfemaßnahmen.

Hilfe leistete auch der Kreisfeuerwehrverband laut Vorsitzendem Dietrich im Fall eines jungen Feuerwehrkameraden, dem man solidarisch nach einem Einsatz bei gesundheitlichen und finanziellen Problemen zur Seite sprang. Zu Recht hob Bürgermeister Philipp Klotz den guten Geist innerhalb der Feuerwehr hervor. Kreisbrandmeister Bernhard Frei berichtete von 58 Lehrgängen mit 922 Teilnehmenden auf Kreisebene; weitere 20 Kameradinnen und Kameraden hätten Lehrgänge an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal besucht.

Auszeichnungen

Im Rahmen der Versammlung wurden zudem mehrere verdiente Persönlichkeiten ausgezeichnet. Das FVO-Ehrenzeichen in Gold erhielt demnach Christian Keller für seine langjährige Tätigkeit als Schiedsrichter-Obmann der Leistungsabzeichen im Landkreis. Mit dem FVO-Ehrenzeichen in Silber wurde Helmut Schanz für sein Wirken im Ausschuss des Feuerwehrverbands geehrt. Das FVO-Ehrenzeichen der Grundstufe ging an Hermann Mock (40 Jahre Kassenprüfertätigkeit), Julia Eble und Thorsten Wiucha (beide für ihre Ausschusstätigkeit) sowie Armin Schäfer und Dario Mock (beide für ihr Engagement in der Feuerwehrmusik).

Verbandsvorsitzender Michael Dietrich (r.) ehrt Michael Wegel. Foto: Jan Streibelt

Eine besondere Ehrung sei dem ehemaligen Verbandsvorsitzenden und heutigen Präsidenten des Landesfeuerwehrverbandes Baden-Württemberg, Michael Wegel, zuteil geworden: Er wurde zum Ehrenvorsitzenden des Feuerwehrverbands Ortenaukreis e.V. ernannt. Sichtlich überrascht und bewegt habe Wegel laut der Pressemitteilung die Urkunde entgegen genommen und persönliche Worte des Dankes an Versammlung und Vorstand gerichtet.

Umsichtig und zukunftsorientiert

Ob sich die Feuerwehr ob der drastisch erhöhten Mittel für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz freuen oder sich ob der Aussicht grausen soll, dass vielleicht eines Tages der Nachwuchs anstatt zur Feuerwehrübung in der beschaulichen Heimat in Leichensäcken von der Ostfront zurückkehrt, haben wir nicht nachgefragt. Man kann der politischen Führung in Berlin daher nur wünschen, genauso umsichtig und zukunftsorientiert zu handeln, wie die Kameraden vor Ort in ihren Feuerwehrabteilungen. Letztere behalten nämlich in Krisensituationen und bei Stress stets die Ruhe und die Übersicht, was ja in der Bundespolitik mitunter schwer vermisst wird.

Siehe auch hier:

Nachwuchs im Aufwind: 50 Jugendfeuerwehren feiern 50-Jähriges und Mitgliederboom in der Ortenau

Helferboom: Immer mehr Freiwillige bei THW und Feuerwehr

Podcast

Messe Tattoo & Shine

Weitere Beiträge