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Ostermarsch 2026: 400 Menschen ziehen über den Rhein – Friedensdemonstration von Kehl nach Strasbourg

Ostermarsch Rheinbrücke
© Andreas Peter Geng – Am Ostermarsch von Kehl nach Straßburg nahmen laut Veranstalter 400 Menschen teil.
Ein Demonstrationszug als Brückenschlag: Rund 400 Menschen sind am Ostersamstag von Kehl nach Strasbourg gezogen, um ein Zeichen für Frieden und Verständigung zu setzen. Der Ostermarsch – getragen von 17 Organisationen – führte von der Kehler Friedenskirche über die Europabrücke bis zur Passerelle des Deux Rives – mitten über die deutsch-französische Grenze. Fahnen, Reden und Musik begleiteten den Weg durch Geschichte und Gegenwart einer Region, in der der Rhein längst verbindet.
Gedenktafel am Fuß der Europabrücke

Es gibt Orte, die erzählen Geschichte, bevor ein einziges Wort gesprochen wird. Die Gedenktafel am Fuß der Kehler Europabrücke gehört dazu. Sie erinnert an den 23. November 1944, als neun Mitglieder der französischen Widerstandsgruppe Réseau Alliance von der Gestapo aus dem Kehler Gefängnis geholt, erschossen und achtlos in den Rhein geworfen wurden. Am Ostersamstag 2026 zogen knapp 400 Menschen an dieser Tafel vorbei, in die entgegengesetzte Richtung – nicht in den Tod, sondern über die Brücke, hinüber nach Frankreich, dem Frieden entgegen, wie die Veranstalter in einer Pressemitteilung schreiben.

„Mehr als eine Demonstration“

Der Ostermarsch 2026, organisiert von der Regionalgruppe Mittelbaden der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und getragen von 17 deutschen und französischen Organisationen, war demnach an diesem Nachmittag weit mehr als eine Demonstration. Er sei ein Lauf durch die Geschichte gewesen, ein dreieinhalb Stunden dauernder Brückenschlag im wörtlichsten Sinne – und eine der buntesten Veranstaltungen, die der Eurodistrict Strasbourg-Ortenau in diesem Frühjahr erlebt hat.

Ostermarsch Kehl  Ostermarsch Kehl

Marktplatz als Startblock

Um 14 Uhr hatte sich der Platz vor der evangelischen Friedenskirche am Kehler Marktplatz gefüllt wie ein bunter Markt – nur dass hier niemand Gemüse verkaufte, sondern Überzeugungen teilte. Regenbogenfarbene PACE-Fahnen neben den blauen Bannern des französischen Mouvement de la Paix, rote Gewerkschaftsfahnen der CGT Grand-Est und von Ver.di Offenburg neben Palästina-Flaggen und handgemalten Kinderschildern. „FRIEDEN“ stand auf dem großen weißen Transparent, das zwei Friedenstauben rahmten und das den Zug anführen sollte. Und wer genau hinsah, so heißt es weiter, entdeckte auch das eine oder andere selbstironische Schild, das beweist, dass Humor und Ernsthaftigkeit keine Gegensätze sein müssen.

Aus der Ortenau habe sich die Friedensinitiative Ortenaukreis – bestehend aus den Gruppen „Mütter für Frieden“ und „Bürger für Frieden“ – mit rund 80 Teilnehmenden angeschlossen, ebenso das Ortenau-Netzwerk e.V. „Die friedlichen Brückenbauer“, wie sie sich augenzwinkernd nennen, seien an diesem Tag nicht die einzigen gewesen, die dieses Selbstverständnis beim Wort nahmen.

Gehaltvolle Reden, ein Gitarrist

Die Auftaktkundgebung bot demzufolge ein Programm, das die Breite des Bündnisses spiegelte. Wolfgang Maelger, Kehler Gemeinderat und seit über vier Jahrzehnten kommunalpolitisch aktiv, sprach über die Verantwortung der Grenzregion für den europäischen Zusammenhalt. Lilly Groß, eine junge Aktivistin, die man sich der Pressemitteilung nach merken sollte, rechnete in einer „präzise argumentierten Rede“ mit der geplanten Wiedereinführung der Wehrpflicht ab. „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“ – ein Zitat aus der Neuen Osnabrücker Zeitung, das sie aufgriff und das im Publikum für nachdenkliches Nicken sorgte.

Einladung zu einem Friedensereignis

Stefan Haacke vom Friedenskreis der französischen Mennoniten erläuterte die jahrhundertealte Tradition der Gewaltfreiheit in den sogenannten „Kirchen des Friedens“ – den Mennoniten, Quäkern und den Kirchen der Brüder. Acht Mennoniten waren aus Strasbourg angereist, mit Fahnen und der Einladung zu einem Friedensereignis am 12. und 13. Juni vor dem Temple Neuf in Strasbourg. Angèle Kiefer sprach für das Mouvement de la Paix, Stefan Walther stellte die Initiative „Wehrhaft ohne Waffen“ vor, die zivile Verteidigungskonzepte als Alternative zur Aufrüstung entwickelt. Helga Schmidt vertrat Pax Christi, Jana Schwab rundete das Programm ab. Dazwischen griff Gitarrist Falk Wöhler immer wieder in die Saiten – „Strawberry Fields Forever“ von Lennon, „Give Peace a Chance“ natürlich, und Stücke, die den Nachmittag mit einer Wärme grundierten, die das wolkenverhangene Aprilwetter nicht liefern konnte.

Ostermarsch Kehl  Ostermarsch Kehl

Halt an der Villa Schmidt

Dann habe sich der Zug in Bewegung gesetzt. Fahrradpolizisten der Kehler Polizei sicherten die Route, das Gehtempo bestimmten demnach die beiden Träger des vorderen Transparents – „und nicht die Polizei“, wie der Versammlungsleiter unmissverständlich klargestellt hatte. Über die Hauptstraße ging es in die Friedensstraße, deren Straßenschild an diesem Nachmittag wie eine offizielle Bestätigung wirkte, und hinunter zum Rheinufer.

An der Villa Schmidt, dem historischen Gebäude unweit der Europabrücke, machte der Zug Halt. Hier, im Angesicht der Gedenktafel für die ermordeten Widerstandskämpfer der Réseau Alliance, wird ein Redner mit Worten zitiert, die über die lokale Geschichte hinauswiesen: „Wir haben uns seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges an den Frieden als Normalzustand gewöhnt. Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg war die Losung. Wir hier in Kehl und Straßburg sehen den Rhein nicht nur als Grenze, sondern als verbindendes europäisches Wasserband.“ Und dann, leiser: „Die Erinnerungskultur wird vom Alltäglichen verdrängt. Die Gedenktafeln sind nur noch an Tagen wie heute präsent.“

Amerikanischer Sherman-Panzer

Was folgte, sei das eindrucksvollste Bild des Tages gewesen. Auf dem linken Gehweg der Europabrücke, wie von der Polizei zugewiesen, erstreckte sich der Demonstrationszug über die gesamte Brückenlänge – ein Band aus Regenbogenfarben, Blau, Rot und Weiß, das sich langsam über den Rhein schob. Knapp 400 Menschen überquerten laut den Veranstaltern an diesem Ostersamstag eine Grenze, die seit Jahrzehnten keine mehr ist – und machten sie gerade dadurch sichtbar.

Auf der französischen Seite empfing die Chapelle de la Rencontre am Place de l’Hippodrome im Straßburger Quartier Port du Rhin die Teilnehmenden zur zweiten Kundgebung. Hier wechselte die Sprache, die Botschaft blieb: „En marche pour la paix – Stop la guerre, stop les violences“, stand auf dem großen weißen Banner, verziert mit Friedenstauben in allen Farben des Regenbogens.

Ostermarsch Kehl  Ostermarsch Kehl

Der weitere Weg habe vorbei an einem merkwürdigen Nachbarn geführt: einem amerikanischen Sherman-Panzer mit dem Schriftzug „Cherbourg“, der als historisches Denkmal nahe der deutsch-französischen Kindertagesstätte Crèche du Port du Rhin steht. Ein Panzer neben einer Kinderkrippe – ein Kontrast, den kein Regisseur besser hätte inszenieren können und der die Frage aufwirft, welche Geschichten wir unseren Kindern erzählen wollen.

Auf der Grenzlinie: Die Mitte als Ziel

Durch den Jardin des Deux Rives, den parkähnlichen Garten der zwei Ufer am Rhein, gelangte der Zug schließlich zur Passerelle des Deux Rives, der 2004 eingeweihten Fußgängerbrücke, die Kehl und Strasbourg verbindet. Genau in der Mitte dieser Brücke, über dem Rhein, auf der exakten deutsch-französischen Grenzlinie, habe die Abschlusskundgebung stattgefunden.

Es sei einer jener Momente gewesen, in denen ein Ort zur Aussage wird. Wo jahrhundertelang eine Grenze trennte, standen die Teilnehmer:innen aus beiden Ländern. Gewerkschafter und Kirchenvertreter, Pazifistinnen und Schüler, Veteranen der Friedensbewegung und Erstmarschierer, Deutsche und Franzosen und Gäste aus aller Welt: Sie forderten gemeinsam das ein, was der Rhein unter ihnen in diesem Moment verkörperte: nicht Trennung, sondern Verbindung.

Dreieinhalb Stunden ohne Zwischenfälle

Am Ende waren es der Mitteilung zufolge dreieinhalb Stunden, die dieser Ostersamstag dauerte. Dreieinhalb Stunden Reden, Musik, Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Dreieinhalb Stunden, in denen die Polizei exakt das zu tun gehabt habe, was sich jede Polizei wünscht: nichts. Keinerlei Zwischenfälle, wie die Beamten bestätigt hätten. Stattdessen lachende Gesichter, bunte Farben, gute Gespräche und die leise Zuversicht, dass Frieden keine Utopie ist, sondern eine Haltung.

Insgesamt 17 Organisationen hätten den Ostermarsch getragen, darunter die Gewerkschaften CGT Grand-Est und Ver.di Offenburg, das Mouvement de la Paix Strasbourg, Pax Christi, die SDAJ, der Friedenskreis der französischen Mennoniten, die Fédération Internationale des Résistants (FIR) und zahlreiche weitere elsässische Friedensgruppen.

Fotos: Andreas Peter Geng

Siehe auch hier:

Das „European Peace Project“ hat den Frieden in Europa ausgerufen – u. a. auf dem Rhein bei Kehl

„Stilles Zeichen für den Frieden“: Ortenauer Initiativen laden zum Friedensspaziergang in Offenburg ein

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