Art de Vivre

Sperrstunden statt Lebensfreude? Jürgen Stark warnt vor immer mehr Hürden für die Livemusik in der Ortenau

© FLM design + creative/Ortenau Journal – Kolumnist Jürgen Stark widmet sich diesmal den Einschränkungen für Kultur.
Live-Musik bringt Menschen zusammen, schafft Lebensqualität und prägt eine lebendige Kulturszene. Doch in Kehl sorgt eine behördliche Verfügung für Unmut: Die Rheinschnecke darf künftig nur noch einmal im Monat ein Konzert ausrichten – und auch das nur mit vorheriger Genehmigung. Kulturkolumnist Jürgen Stark sieht darin ein alarmierendes Signal. Mit Blick auf weitere Beispiele aus der Ortenau fragt er, ob Vorschriften und Sperrstunden zunehmend die kulturelle Vielfalt ausbremsen.
Von Jürgen Stark

Sprechen wir über Musik. Und erst danach über Verwaltung, also zuerst über schöne Momente im Leben in denen unsere Synapsen tanzen und die universelle Sprache der Musik uns erleuchtet und der Sinn des Lebens durch Melodie und Rhythmus hörbar wird. Die irdische Hölle beginnt nicht selten dort, wo die Musik verstummt – oder beseitigt, verboten, zerstört wird.

Wir kennen hierzulande aus den Medien libanesische „Clan-Bosse“ aus der Berliner Unterwelt, aber Khalil Gibran, einen libanesischen Künstler und Dichter, der von 1895 mit Mutter und Geschwistern nach Boston in die USA emigrierte, kennt hierzulande kaum jemand. Gibral, nach allem, was ich weiß und was ich von ihm lesen konnte, war für mich – imaginär – ein schöngeistiger Bruder und Kosmopolit, der in New York den lesenswerten Kurzroman „Gebrochene Flügel“ schrieb und Spiritualität über Religiosität stellte.

Zur Beliebigkeit neigende Epoche

In seinem kreativen Nachlass findet man zeitlose wichtige Erkenntnisse, wie etwa „Die Musik ist die gemeinsame Sprache aller Nationen dieser Erde“, oder „Das Schöne fesselt uns, aber das Schönste befreit uns von uns selbst.“ Ich stelle diese Weisheiten bewusst dem Anlass dieser Kulturkolumne voran, denn in einer zu Beliebigkeit und Oberflächlichkeit neigenden Epoche sollte daran erinnert werden, dass in allen Völkern und Ethnien dieser Welt die Erkenntnis (s.o.) weit verbreitet ist, dass Musik alle Menschen verbindet, wir uns alle auch in unterschiedlichen Ausdrucksformen und Stilen finden oder wiederfinden können.

Stehen Kneipenkonzerte wie hier in der Mach!BAR in Oberkirch vor dem Aus? Foto: Geraldine Zimpfer

Als Tod und Teufel dominierten

„Ein Lied geht um die Welt“ nannte sich entsprechend beziehungsreich ein melancholisch-musikverliebter deutscher Spielfilm aus dem Jahre 1933, kurz bevor hierzulande das Licht ausging, Tod und Teufel dominierten und Verbotsschilder wie „Entartete Kunst“ oder „Swing tanzen Verboten“ von einem Kulturabsturz kündeten und von Deutschland aus für lange Zeit kaum noch Lieder um die Welt gingen.

Und heute? Alles locker und frei, keine Repression mehr – und nun ist der Staat dein Freund? Denkste! – Szenenwechsel, Rheinschnecke Kehl. Ein kleines, privat betriebenes Lokal, welches Musikern und Fans der Live-Musik in für die Clubszene äußerst schweren Zeiten ein „Zuhause“, sprich eine Bühne, bietet und sich weit über Kehl hinaus wegen der dortigen guten Atmosphäre und einem vielseitigen Programmangebot großer Beliebtheit erfreut.

Fassungsloses Kopfschütteln

Daher schlug folgende Nachricht unlängst wie eine Bombe ein – es war ein behördlicher Affront übelster Sorte und von einer amtsschimmeligen Arroganz diktiert, die bei jedem Musikfreund fassungsloses Kopfschütteln auslöst. Die Betreiber der Rheinschnecke, die wohlgemerkt hochwertige, weniger kommerzielle (vs. massenbasierte Großveranstaltungen) regionale, publikumsnahe Live-Musikkultur als kulturelle Teilhabe für alle anbieten und mit großem Aufwand und jeder Menge Idealismus organisieren und ermöglichen.

Sie leisten diese für die Gesellschaft nützliche Arbeit (Musikkultur für alle bedeutet Lebensqualität und soziokulturelle Teilhabe von ganz besonderer Bedeutung!) in Zeiten exorbitanter Betreiberkosten, was Steuern, Abgaben, Personal- und Sachkosten betrifft.

Nur noch ein Konzert pro Monat

Insofern ist das ein Schlag ins Gesicht für die „liebe(n) Musikliebhaber an die sich die Betreiber öffentlich mit offenem Brief wendeten: „Leider müssen wir euch heute über eine Entwicklung informieren, die uns wirklich enttäuscht und auch ziemlich nachdenklich macht.

Aufgrund einer Verfügung (!), die uns im August durch das Ordnungsamt (!!) zugestellt wurde, dürfen wir künftig nur noch einmal monatlich eine Musikveranstaltung durchführen – und auch das ausschließlich nach vorheriger Genehmigung.

Laut Aussage des Ordnungsamtes gilt diese Regelung für ganz Kehl und für alle Lokale gleichermaßen. Man halte sich hier strikt an die gesetzlichen Vorgaben (!).“ Des weiteren führen die Betroffenen sichtlich erschrocken über diese amtliche Barbarei weiter aus: „Auf unsere Frage, warum vergleichbare Regelungen in anderen Städten offenbar wesentlich lockerer gehandhabt werden können, konnte man uns leider keine Antwort (!!) geben.“

Menschen wollen feiern, wie hier auf dem Ortenberger Feierabendmarkt. Foto: Jürgen Stark

Bis hin zum Komplettverbot

Es kommt aber noch dicker: „Besonders befremdlich finden wir außerdem eine weitere Aussage aus der Kommunikation mit dem Ordnungsamt. Darin wurde sinngemäß darauf hingewiesen, dass bei entsprechenden Umständen auch weitere Einschränkungen bis hin zu einem Verbot unserer Veranstaltungen möglich seien.“ – hier spricht die totalitäre Obrigkeit, bitte stellen Sie keine Fragen, sonst müssen wir leider noch zu ganz anderen Mitteln und Methoden greifen, sicherlich überspitzt interpretiert, aber genauso kommt dieser abgehobene, bürgerferne Sermon ungehobelt rüber.

„Mit Rücksicht auf unsere Nachbarschaft“

Verständlicherweise lassen diese überheblichen Umgangsformen die ehrlichen Betreiber eines kleinen, engagierten Musiklokals mit einigen Fragen zurück. Denn sie „wollen keine Partymeile mitten in Kehl schaffen.“, wie sie höchst seriös betonen und sachlich argumentieren: „Wir wollen Livemusik, Kultur und ein schönes Miteinander anbieten – natürlich unter Einhaltung der geltenden Vorschriften und mit Rücksicht auf unsere Nachbarschaft.“ – Liebe Behördianer, was wollt ihr eigentlich mehr…?!

Wo ist die Gleichbehandlung?

Doch – Achtung – Nachtigall, ick hör dir trapsen: „Interessant ist dabei auch: Musikveranstaltungen der Stadt (!!!) selbst sind von diesen Einschränkungen ausgenommen, da diese nicht als stehendes Gewerbe gelten. Und wenn uns gesagt wird, dass alle gleichbehandelt werden, fragen wir uns natürlich auch, warum es teilweise anders aussieht.“ – auf den Punkt, ab hier riecht diese Kehler Provinzposse nach Skandal, Willkür und fragwürdigen Machenschaften in eigener Sache!

„Wenn bei uns eine Musikveranstaltung zum Problem wird, während andernorts nachts um 2 Uhr noch lautstarke Gäste vor Lokalen sitzen und sich offenbar niemand daran zu stören scheint, darf man sich doch fragen, ob tatsächlich überall mit denselben Maßstäben gemessen wird“, heißt es aus der Rheinschnecke – Für diese Willkür sollten freie Bürger der Musikszene und ihre Fans und Freunde nicht nur eine sofortige Rücknahme dieser sinnlosen, kulturschädigenden Verordnung fordern sondern gleich noch eine Entschuldigung für dieses unseriöse Gebaren.

Unterstützenswerter Aufruf

Denn hier sind keine Störenfriede am Werk sondern eigentlich ideale Partner des letztlich städtischen Kulturlebens, also verdienstvolle Mitbürger über welche sich die Oberen in Kehl dankbar freuen sollten. Oder wie die „Rheinschneckler“ es selber formulieren: „Wir möchten ausdrücklich keinen anderen Gastronomen angreifen. Jeder soll sein Geschäft führen können und jeder hat seine eigenen Herausforderungen, aber wir möchten auch weiterhin eine lebendige Kehler Gastronomie- und Kulturszene.“

Es endet mit einem absolut unterstützenswerten Aufruf der Opfer dieser behördlichen Willkür: „Wenn euch diese Entwicklung ebenfalls beschäftigt und betrifft könnt ihr euch direkt an die zuständige Stelle richten: polizeibehoerde@stadt-kehl.de – Vielleicht sollten wir gemeinsam daran erinnern, dass eine Stadt nicht nur aus Vorschriften besteht. Eine Stadt lebt von Menschen, Musik, Gastronomie, Begegnungen und Kultur. Und genau dafür stehen wir. Hoch lebe die Kehler Kulturszene! Auch wenn es offenbar immer schwieriger wird, sie am Leben zu halten.“ Zitat Ende.

Radikaler Schnitt in Gengenbach

Aber damit ist noch längst nicht alles gesagt, denn wir sollten nicht Augen und Ohren davor verschließen, was dieser Vorfall markiert und drastisch verdeutlicht. Vor einiger Zeit erlebte ich ein schönes Live-Konzert im Gengenbacher Lokal „Frei Steinkellerhaus“, die Stimmung war super, Zugaben lagen in der Luft – aber es kam nur ein radikaler Schnitt. Der Wirt wies mit bitterer Miene auf die Uhr. Es war gerade mal 22 Uhr – an einem Freitag!

Erklärend hierzu, ich lebe schon seit etlichen Jahren als Exil-Hamburger in der wunderschönen Ortenau. Ich verbrachte einen großen Teil meiner Jugend an den Abenden im legendären Musikclub „Onkel Pö“, der sich im Basement eines stinknormalen Wohngebäudes im eher feinen Hamburger Stadtteil Eppendorf, mitten in einem Wohnviertel befand.

Hätte es dort das Unglück gegeben, dass auch dort notorische Spaßbremsen, bösartige Denunzianten und „Lärm-Neurotiker“ wie offenbar an Orten wie Gengenbach gelebt hätten, wären dort mutmaßlich die in HH-Eppendorf gestarteten Weltkarrieren von Helen Schneider und Al Jarreau (oder auch die von Udo Lindenberg) nicht zustande gekommen.

Region lebt vom Tourismus

In ca. 700 Kilometern Entfernung: Gengenbach, wundervoller historischer Ort mit tollem Flair, 22 Uhr, Licht und Musik aus, bitte gehen Sie jetzt ins Bett, es ist schon reichlich spät – verdammt nochmal, ist Gengenbach eine Jugendherberge und hat statt Bürgermeister einen Herbergsvater…?! Als ich seinerzeit im „Frei“ zu hören bekam, es gäbe eine 22-Uhr-Verordnung, die strikt eingehalten werden muss, zumal es am Ort zwei Herrschaften gäbe, die nachts um die Häuser schleichen und schon bei kleinsten Limit-Überschreitungen die Polizei rufen würden, da konnte ich nur den Kopf schütteln, denn die Region hier lebt vom Tourismus und spießige Sperrstunden wirken da, vor allem für Touris aus anderen Ländern und städtischen Räumen nicht gerade einladend.

Keine Sperrstunden in England

Wäre dieses doch nur ein Einzelfall! Was aber ist zum Beispiel aus dem einst lebendigen Offenburg geworden? Während die berüchtigten Sperrstunden für Gastronomen in England längst abgeschafft wurden, scheint der ewige Spießer in deutschen Landen mal wieder sein Unwesen zu treiben und als Pitbull der Ordnungsämter Jagd auf Lebensfreude, Geselligkeit und Musik zu machen.

Kolumnist Jürgen Stark verteidigt die Ortenauer Kulturszene. Foto: Jürgen Stark

Willy Brandts berühmtes Demokratie-Motto scheint speziell in Baden-Württemberg komplett auf den verordneten Hund gekommen zu sein: „Mehr Sperrstunde wagen!“ Wenn ich dann noch an die ehrenamtlichen Veranstalter des beliebten Ortenberger „Feierabendmarktes“ denke, die sich redlich um ein vielseitiges Musikprogramm für die inzwischen von immer mehr Menschen besuchten Veranstaltungen bemühen, dann darf ich soviel ausplaudern, dass auch hier die Furcht vorm Ärger mit den Ämtern trotz des kommunalen Riesenerfolges und größter allgemeiner Wertschätzung eine Rolle spielt.

Wo ist die Leichtigkeit des Seins?

Das Forum ist dort riesig, aber auch mal Rock’n’Roll-Bands aus dem Elsaß? Zu laut, sagt man – und ich denk mich tritt ein Pferd. Wo ist eigentlich die Leichtigkeit des Seins geblieben?! Wenn die Deutschen ihren Urlaub in Barcelona, Dublin, Paris, auf griechischen oder spanischen Inseln verbringen, geht dort irgendwo um 22 Uhr das Licht aus?

Wenn ich früher auf der Insel Samos in einer griechischen Taverne Gitarre spielte kamen Anwohner aus der Altstadt hinzu und statt Lärmverordnung und Polizei riefen diese lieber nach dem Wirt und seinen Getränken. Ich frage: Wollen wir noch eine freie, fröhliche Gesellschaft sein oder soll das kleinste Karo über unsere Freizeit bestimmen?

Zahllose Aufgaben während Corona

Wer die Live-Musik verbietet oder leise dreht, der sollte sich klarmachen, dass überall zu beobachten ist, dass inzwischen gerade auch ein älteres Publikum sich nach Musik sehnt und zu den wenigen, raren Angeboten strömt und dass dank der unseligen Corona-Zeit mit ihren rigorosen Beschränkungen zahllose Clubs und Bands aufgegeben haben und die Auftritts-Möglichkeiten gerade auch für junge Nachwuchsmusiker immer weniger werden.

Statt dümmlicher Herbergsvater-Politik sollten Ämter und Behörden eine sinnvolle Freizeitkultur auf allen Ebenen fördern und unterstützen, das wäre sozial und könnte den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern!

Weitere Kulturkolumnen von Jürgen Stark:

Kulturkolumne #15: Geistige Wegweiser – Gut und Böse …. auf der Suche nach dem verlorenen Kompass

Kulturkolumne #14: Der Spießer und warum es bei Rock’n’Roll nicht alleine um Jukebox und Petticoat geht

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