Kunst & Kultur

Kulturkolumne #15: Geistige Wegweiser – Gut und Böse …. auf der Suche nach dem verlorenen Kompass

Kulturkolumne Jürgen Stark
© FLM design + creative/Ortenau Journal – Der Kolumnist Jürgen Stark blickt auf den Dichter Hölderlin und den Publizisten Ralph Giordano.
Zwischen Hölderlin und Ralph Giordano spannt Jürgen Stark in seiner neuen Kulturkolumne einen weiten Bogen über Moral, Menschlichkeit und den Verlust gesellschaftlicher Orientierung. Der Autor beschreibt zwei außergewöhnliche Geburtstagsbrüder als geistige Wegweiser in einer Zeit voller Widersprüche, ideologischer Verhärtungen und politischer Irrwege. Dabei geht es um die ewige Frage nach Gut und Böse, um Mitgefühl, Verantwortung und die Suche nach einem moralischen Kompass.
Von Jürgen Stark

Am 20. März hatte ich mal wieder Geburtstag, wegen eines vorherigen persönlichen Dramas, nannte ich diesen beziehungsreich „Re-Birthday“, erklärte ihn also zu meinem persönlichen Überlebens-Tag. Dieses Datum ist historisch interessant, nimmt man zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten der Zeitgeschichte hinzu, welche ebenso an diesem 20. März das Licht der Welt erblickten: Ähnlichkeiten und signifikant verbindend Empfundenes mit den beiden ergeben diese Geschichte, Grund genug für eine gemeinsame literarische Nachfeier und wie oben genannt, dank der zwei bereits nur noch in Erinnerung präsenten Menschen eben auch biografisch bedingt hilfreich bei der Suche nach dem verlorenen Kompass in einer immer verlorener wirkender Zeit.

Historischer Prototyp Deutschlands

Aufbruch in die Leuchtspuren dieser bemerkenswerten Biografien: Die erste Figur ist Johann Christian Friedrich Hölderlin (geboren am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar im damaligen Königreich Württemberg) – Hölderlin ist der inzwischen im öffentlichen Bewusstsein kaum noch präsente historische Prototyp des Deutschlands der Dichter und Denker, der zu den bedeutendsten Lyrikern seiner Zeit zählte.

Hölderlin schrieb Briefe an den von ihm verehrten Friedrich Schiller und befreundete sich in Tübingen auch mit dem späteren Philosophen Hegel, bewegte sich also munter unter kreativen Schön- und Freigeistern seiner Zeit – doch warum erfahren hierzulande Schülerinnen und Schüler im Unterricht nichts über diesen interessanten deutschen Vordenker, dessen Worte innerhalb der deutschen Literatur wahre Leuchtfeuer des Guten, Wahren, Schönen und Gesellschaftskritischen sind…?!

Bei „Dichter und Denker“ denken die meisten erstmal an Goethe und Schiller. Foto: pixabay

„Glaube, Liebe, Hoffnung“

Außerdem begleitet uns alle im deutschsprachigen Raum stets und ständig: Hölderlin! – mit einem der wohl meistgebrauchten Zitate aller Zeiten: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ – ein Sinnspruch aus dem Gedicht „Patmos“, der an christliches Abendland in schönster Güte erinnert, also an die ebenso berühmte christliche Losung „Glaube, Liebe, Hoffnung“ – im Original: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe“ (1. Korinther 13,13).

Die Grundfrage „gut oder böse?“

Auf unserer kleinen Rundfahrt auf der Suche nach einer aktuellen Klärung der Grundfrage „gut oder böse?“ begegnen wir also zwangsläufig einem ursprünglich von christlicher Nächstenliebe geistig geprägten Land und seinen Nach-Denkern, Grüblern und kritischen Zweiflern. Ich selber entdeckte meinen Geburtstagsbruder Hölderlin allerdings erst sehr spät, vor einigen Jahren, als ich erfuhr, dass ein Freund aus früher Jugend, mit dem ich gemeinsam Musik gemacht hatte, er am Klavier, ich an der Gitarre, damals noch oben im Bismarck‘schen Aumühle wohnend, in Hamburg soziale Jugendarbeit für einen von ihm mitbegründeten „Hölderlin e.V.“ leistete.

Den gleichen Geburtstag

Who – the fuck – is Hölderlin, fragte ich mich, denn schon in meiner Schulzeit bestand deutsche Geschichte vorwiegend aus der Trias meist linker Lehrer „Hitler, Hitler, Hitler = Schuld, Schuld, Schuld“, gähn! – Land der Dichter und Denker? Gerade heute: Fehlanzeige! Jedenfalls schaute ich dann mal nach bei Hölderlin – und staune bis heute, zumal ich irgendwann den gleichen Geburtstag mit dem sensiblen Dichter entdeckte.

Um zu verstehen, was Hölderlin ausmachte, muss man sich nur vor Augen führen, dass zu seiner Zeit Adlige noch das Recht hatten, unliebsame Untertanen am Pranger öffentlich auszupeitschen und der Feudalismus im theokratischen Bündnis das finster-bösartige Dach bildete, unter welchem Hölderlin dem Guten huldigte und sich, zunehmend unter diesen Verhältnissen leidend, von Staat und Mentalität der Deutschen abwendete.

„Priester, aber keine Menschen“

Geistreich und über seine Zeit hinaus ins Land hinein ahnend und mahnend formulierte er: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen.“ – Hätte man Hölderlin nur frühzeitig ernster genommen, hätte das der Weimarer Republik enorm helfen können, denn dieser überaus geistreiche Mensch hatte schon um 1800 das widersprüchliche Wesen der Deutschen genauestens diagnostiziert und eine damit verbundene, verhängnisvolle Nähe zur Begünstigung von Katastrophen bis heute (!) erkannt und benannt – was also könnte man im Geiste Hölderlins alles besser machen?

Absage an Kollektivismus

Neben der verkorksten üblen Neid-Mentalität in der Nähe zum Mangel an Mitmenschlichkeit auch das: „Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.“- Eine unglaublich frühzeitige eindeutige Absage an Kollektivismus sowie Führer-, Politbonzen- und Nanny-Staat jeder Art, der das NS-Elend sowie das realsozialistische DDR-Debakel formte.

Es geht hier um keinen Politiker sondern um den zutiefst mit- und alles fühlenden Mitmenschen Hölderlin. Der Platz reicht hier nicht aus für eine umfassendere Würdigung des großartigen Hölderlin (ich empfehle alles und sämtliche Schriften! Unbedingt lesen! Ist teils unglaublich tiefgründig und heftig!) – aber persönlich fühle ich mich von solchen Worten angesprochen: „Wenn ich auf mein Unglück trete, stehe ich höher.

In schonungsloser Deutlichkeit

Hölderlins späte Jahre verliefen tragisch, von geistiger „Apathie“ und „unheilbaren Erregungszuständen“ ist die Rede, aber er spielte nun viel Klavier und reflektierte ganz typisch seine Situation in schonungsloser Deutlichkeit: „ Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen, die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen, April und Mai und Julius sind ferne, Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!“ – Heute würde man wohl von „Altersdepression“ reden, ein wenig Verzweiflung über gesellschaftliche Zustände dürfte noch hinzugekommen sein. Sein bedeutendes Werk steht frei, wer es nicht kennt, hat viel verpasst. Hölderlin, der Gute, starb am 7. Juni 1843 in Tübingen und sein Grab steht noch heute dort auf dem Tübinger Stadtfriedhof.

Der Dichter Hölderlin wurde in Tübingen beigesetzt. Foto: pixabay

Typische deutsche Wendehälse

Die zweite Person ist nicht nur Geburtstags-Bruder sondern ich war auch dessen „Bundesgenosse“. Die Rede ist vom deutsch-jüdischen Schriftsteller Ralph Giordano (geboren am 20. März 1923 in Hamburg). Ich lernte den Publizisten, Schriftsteller und Regisseur 1987 kennen. Giordanos Buch „Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein“ war soeben erschienen und sorgte wegen dessen Abrechnung mit dem Laufenlassen übelster NS-Schurken, von denen nicht wenige ganz schnell wieder als typisch deutsche Wendehälse in der Nachkriegszeit in Ämter und Würden gelangt waren, für reichlich Streit und Diskussion im Lande.

„Mitfühlend und klar denkend“

Ich arbeitete zu der Zeit für `ran – das Jugendmagazin des DGB’ als freier Kulturjournalist und traf mich mit Fotografin und Giordano in Hamburg zu Fotosession und Interview um dann einen Beitrag über das Buch und seinen Autor zu schreiben. Nach der bundesweiten Veröffentlichung des Magazins erhielt ich Post von Giordano – er zeigte sich überaus erfreut über den Artikel und schrieb, dass es ihn glücklich machen würde, dass es, nach allem, was er mit den Deutschen hatte erleben müssen und ihm und seiner Familie in der NS-Zeit angetan wurde, es nun „junge Deutsche“ gäbe, „die sich so mitfühlend und klar denkend“ solidarisch zeigen würden“ – und er ernannte mich schriftlich zu seinem „Bundesgenossen“ und lud mich zum Besuch bei ihm nach Köln ein – es war eine Auszeichnung, die ich noch heute als höchste Ehrung empfinde.

Wegweisender Bruder im Wirrwarr

Es war der Beginn einer auch publizistischen Freundschaft, denn in Büchern, Anthologien und sonstigen Schriften und auch für etliche Tageszeitungen (u.a. Hamburger Abendblatt, Mittelbadische Presse) veröffentlichte ich zahlreiche Geschichten über meinen politischen Freund, den ich als großen, wegweisenden Bruder im Wirrwarr des stets unübersichtlichen Weltgeschehens empfand. Immer wieder und wieder würde ich Ralph Giordano in seiner kleinen Hochhaus-Wohnung – damals in der Kölner Berndorffstrasse 4 – besuchen, stets voller Erkenntnisgewinn und vielfach erweitertem Wissen und klarerem Verständnis für politische Sachverhalte.

Diskriminierungen ausgesetzt

Mit dem 1982 veröffentlichten, teilweise autobiografischen Roman „Die Bertinis“ war er weltbekannt geworden. Der Vater war ein Pianist mit sizilianischen Vorfahren und dessen Frau Lilly, geborene Seligmann, war eine jüdische Klavierlehrerin, allesamt ursprünglich in Hamburg-Barmbek lebend, wo Giordano auch geboren wurde. Er war zahlreichen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt, dreimal verhörte die Gestapo den jugendlichen Giordano, misshandelte ihn und sperrte ihn ein.

Als Jüdin war seine Mutter sehr gefährdet, als dann dieser die Deportation drohte und sie 1945 die Aufforderung der Gestapo erhielt, sich wenige Tage später am Sammelplatz Grindelhof einzufinden, tauchte die Familie in Hamburg unter. Von Sohn Ralph (!) vorbereitet, konnten sie bis zur Befreiung durch die Briten in einem unter Wasser stehenden Keller überleben, weil Helfer sie versorgten.

Verträumt melancholische Augen

Giordano ging mit seiner Mutter durch die Hölle! – und an seinem Küchentisch saß mir ein äußerst kultivierter Mann mit sanfter Stimme und verträumt melancholischen Augen gegenüber. Er hatte eine bemerkenswerte Aura, großen Ernst und weiten Horizont und viel Stil und Niveau – und so wurde er schnell zu meinem Lehrmeister. Giordano war vom erbitterten Feind des Rechtsextremismus nach seinen Erfahrungen mit den extremen Linken (1955 siedelte Giordano in die DDR über und kehrte zutiefst ernüchtert bald wieder zurück) schließlich auch deren Gegner geworden.

Ralph Giordano siedelte 1955 in die DDR über, und kam ernüchtert zurück. Foto: pixabay

„Linksfaschismus von Tyrannen“

Ich war zu der Zeit anfangs selbst noch ein typischer Linker (also einseitig verblödet mit dem „Gleichheit“-Brett vorm Kopf), und natürlich, klar, „gegen den Faschismus“ – bis mich Giordano auf den Boden holte und mir klar machte, dass es sowohl den Faschismus wie unter dem Nationalsozialismus gäbe als auch den „Linksfaschismus“ solcher Tyrannen und Massenmörder wie Josef Stalin oder Mao Zedong, aber auch einen religiösen Faschismus wie in vielen totalitären islamischen Gesellschaften, wie etwa im Iran unter Khomeini.

Raumgreifend und inspirierend

Unsere Gespräche über Militarismus, Krieg und auch über Nahost (Giordano litt sehr über Israels ständige Bedrohung und hoffte auf Frieden des kleinen Landes der Verfolgten und Geflüchteten mit seinen arabischen Nachbarn, worüber er auch das Buch „Um Himmels Willen, Israel“ schrieb) waren stets raumgreifend und inspirierend, so gab er mir einmal seine bemerkenswerte Beschreibung der „Metaphysik von Gut und Böse“ zu Protokoll: „ Das Böse hat es sehr leicht, denn es muss sich nur fallen lassen, wohingegen das Gute sich – quasi gegen die physikalischen Kräfte zuerst einmal erheben und aufrichten muss.“

In Wirklichkeit totalitäre Machtpolitik

Hier sind wir in der Geschichte dieser Kolumne und in Tagesaktualität! Am Ende wurde es für Giordano bitter, denn seine vollkommen berechtigte Kritik an dem Teil des Islam, der sich religiös tarnt aber in Wirklichkeit totalitäre Machtpolitik ausübt wollte keiner hören, dabei wird nun heute immer deutlicher, wie der Einfluss radikaler Gruppierungen und Moscheevereine wächst – als Ralph Giordano den Bau der ideologisch von Erdogan gesteuerten DITIB-Zentralmoschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld kritisierte, erhielt er nun Morddrohungen nicht mehr von Neonazis sondern telefonisch von radikalen Muslimen, was seine Kritik bestätigte!

Letztes Telefonat kurz vor seinem Tod

Die Schmähungen durch naive Grüne und Linke trafen ihn hart. Besonders absurd wurde es aber, als er aus den Reihen der Grünen und ihrer linken Medienkumpanen zunehmend nach „rechts“ und „Nazi“ gerückt wurde, peinlich und typisch für diese Maulhelden: viel Meinung und wenig Ahnung! Noch kurz vor seinem Tod telefonierten wir ein letztes Mal, die Stimme leise, traurig, lebensunlustig. Er, der für mich ein moralischer Held einer humanen Zivilisation war, ging ernüchtert über eine bitterböse Welt, deren Menschen einfach nichts dazulernen und nun auch schon wieder hierzulande den Krieg verherrlichen und Bellizismus feiern – das Gute muss sich leider weiterhin gegen die Gesetze der Schwerkraft mühsam aufrichten und immer wieder Nein! Sagen…

Ortenau Journal-Kolumnist Jürgen Stark

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