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„Die Gedanken sind frei“: Der Ortenauer Spiegel von Andreas Peter Geng im Oktober über Lachen und Frieden

© apg (KI-generiert) – Die Menschen hetzen – aber wohin eigentlich?
Zwischen Termindruck, Smartphone und Kaffee im Gehen gerät leicht aus dem Blick, was das Leben lebenswert macht. In seiner Oktober-Kolumne erinnert Andreas Peter Geng an ein altes Lied, drei mit der Staatsmedaille in Gold geehrte Ehrenamtliche, 80 neugierige Kinder im Operationssaal und eine Zeitkapsel im Windradfundament. Er fragt, warum wir so sehr hetzen und wo Frieden tatsächlich beginnt. Seine Antwort: bei uns selbst, im Gespräch und manchmal ganz einfach bei einer Tasse Kaffee im Sitzen.
Andreas Peter Geng

Es ist Sonntagmorgen. Ich sitze. Das allein ist schon eine Aussage. Es war eigentlich gar nichts Besonderes. Ich hatte das Radio an, irgendein Sender, irgendein Morgen, und dann sang eine Österreicherin – mit dem Akzent, der aus jedem Vokal ein kleines Kunstwerk macht – ein Lied, das ich kannte und doch längst vergessen hatte: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten…“

Ich musste lachen. Nicht laut. So ein inneres, warmes Lachen, das sich irgendwo hinter dem Brustbein meldet und sagt: Da ist was Wahres. Der Text stammt aus dem Jahr um 1780. Der Dichter ist unbekannt. Der Komponist der Melodie – um 1810 entstanden – ebenfalls. Beide haben ihren Namen weggelassen. Vorsichtshalber.

Telefone mit Wählscheibe

Das war damals klug. Und ich frage mich manchmal, ob es das heute nicht wieder wäre. Wir hetzen. Wohin eigentlich? Ich bin Jahrgang 1964. Das bedeutet: Ich habe Telefone mit Wählscheibe erlebt, Schallplatten, Briefmarken lecken und Warteschlangen, in denen man noch Zeit hatte, die Blümchen-Tapete ausgiebig zu studieren.

Foto: apg (KI-generiert)

Heute studiert niemand mehr die Tapete. Heute studiert man das Handy. In der Schlange. An der Kasse. An der roten Ampel. Beim Frühstück. Beim Mittagessen. Vermutlich auch beim Einschlafen – aber da bin ich nicht sicher, weil ich das Handy dann schon auf dem Bauch liegen habe und die Augen zufallen.

Ungeduld körperlich spürbar

Deutschland hetzt. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber sie trifft mich immer wieder neu. Ob in der 30er-Zone in Achern, wo der Hinter-mir gerne mal hupt und drängt, wenn ich tatsächlich dreißig fahre. Oder an der Supermarktkasse, wo die Ungeduld körperlich spürbar wird, sobald jemand nach dem Kleingeld kramt. Und im Straßenverkehr, wo das 70er-Schild offensichtlich nur als Mindestgeschwindigkeit interpretiert wird.

Der Kaffee-to-go ist für mich das Symbol dieser Zeit geworden. Nicht nur, weil Kaffee im Gehen schlecht schmeckt. Sondern weil er zeigt, dass wir uns nicht mehr die Zeit nehmen, ihn zu trinken. Sitzen. Riechen. Schmecken. Einen Moment lang nichts anderes sein als jemand, der Kaffee trinkt.

Foto: apg (KI-generiert)

Sehr, sehr beschäftigt

Der DAK-Gesundheitsbericht 2026 sagt, was wir eigentlich alle wissen: Psychische Erkrankungen sind der häufigste Grund für Krankschreibungen. 17 Prozent aller Fehltage. Die Menschen brennen aus. Sie hetzen, bis nichts mehr geht.

Ich schreibe das nicht mit erhobenem Zeigefinger. Ich schreibe es als jemand, der selbst gelegentlich den Kaffee im Gehen trinkt und sich dabei ertappt, gleichzeitig ans nächste Thema zu denken. Wir sind einfach nur sehr, sehr beschäftigt.

Drei Männer und eine Goldmedaille

Und dann ist da die Ortenau. Am 7. Oktober 2026 verlieh Landrat Frank Scherer die Staatsmedaille in Gold. Gleich dreimal. An Bernd Hopp, Alois Huber und Horst Körkel. Drei Männer, die über Jahrzehnte ehrenamtlich gearbeitet haben. Ohne Kamera, ohne Follower, vielleicht auch ohne Kaffee-to-go. Einfach so. Vermutlich, weil es ihnen wichtig war.

Ich kenne diese Sorte Mensch. Man trifft sie in der Ortenau öfter als anderswo. Sie sitzen in Vereinsvorständen, organisieren Feste, pflegen Kranke, erhalten Traditionen. Sie haben selten eine große Bühne. Und sie wollen meist keine. Und alle ahnen: Ohne diese selbstlosen Menschen läuft nichts.

Foto: apg (KI-generiert)

Staatsmedaille in Gold. Das ist das Richtige für diese Menschen. Herzlichen Glückwunsch – auch wenn Sie diese Kolumne wahrscheinlich nicht lesen, weil Sie gerade wieder irgendjemanden ehrenamtlich unterstützen.

80 Kinder im Operationssaal

Am selben Tag – 7. Oktober, Aktionstag „Türen auf mit der Maus“ – öffnete das Ortenau Klinikum in Offenburg seine Türen für 80 Kinder. Die durften schauen: Wie sieht ein Brutkasten für Babys aus? Wie sieht es hinter den Türen eines Operationssaals aus? Was macht eine Operationstechnische Assistentin?

Ich stelle mir vor, wie diese 80 Kinder nach Hause kommen. Aufgekratzt. Voller Fragen. Vielleicht träumt eines davon, Arzt oder Ärztin zu werden. Vielleicht wird eine Kinderbetreuerin draus, die sich an diesen Tag erinnert, wenn sie selbst mal krank ist und keine Angst mehr vor dem Krankenhaus hat. Das sind keine großen Schlagzeilen, es ist das echte Leben in der Ortenau.

Ein Windrad mit Zeitkapsel

Am 10. Oktober wurde auf der Hornisgrinde der Grundstein für die zweite Windkraftanlage gelegt. Umweltministerin Thekla Walker war dabei. Geteilte Meinungen. Und dann ist mir etwas aufgefallen, das mich wirklich verblüfft hat: Im Fundament liegt eine Zeitkapsel.

Jemand hat also, beim Gießen eines Windradfundaments, innegehalten und gedacht: Lasst uns etwas hineintun. Für die Menschen, die das irgendwann aufmachen und vermutlich den Kopf schütteln. Für jemanden, der noch nicht geboren ist. Soll die Nachwelt genau wissen, wer den Unfug dieser Zeit verantwortet? Weiß man dabei, was man tut? Vielleicht sollten wir die Fundamente der holländischen oder spanischen Windmühlen auch mal untersuchen? Don Quichotte wäre glücklich.

Der Spatenstich für das Windrad auf der Hornisgrinde. Foto: E-Werk Mittelbaden

Lachen ist keine Schwäche

Was wohl in der Zeitkapsel steht? Sicher keine “Hetze”. Das ist leise und zumindest denkt jemand über heute hinaus. Ich finde das wunderbar. Seltsam. Lachen ist keine Schwäche. Lachen macht immun. Jetzt kommt der wissenschaftliche Teil. Ernsthaft!

Das Journal of Happiness Studies veröffentlichte im Juli 2025 eine Meta-Analyse von Lachtherapie-Studien. Ergebnis: Lachen verbessert nachweislich die Lebenszufriedenheit und reduziert Angst. Eine weitere Studie aus dem Fachblatt Cognition & Emotion (Juni 2026) zeigte: Humor beugt negativen Emotionen vor – sogar bei Menschen mit hoher Angstneigung.

Als wäre Lachen unangemessen

Und der Klassiker: Lachen stärkt das Immunsystem. Das ist keine Metapher. Messbar. Bennett und Lengacher haben das bereits 2007 nachgewiesen. Ich sage das, weil wir in einer Zeit leben, in der viele Menschen glauben, sie dürften keine Leichtigkeit zeigen. Als wäre Lachen unangemessen angesichts der Weltlage. Als wäre Fröhlichkeit eine Form von Ignoranz.

Das ist Unsinn. Es gibt auch ein Leben vor dem Tod. Wer lacht, ist nicht blind für den Schmerz der Welt. Er ist nur klug genug, sich nicht von ihm auffressen zu lassen. Das wusste übrigens schon die Österreicherin, die das Lied gesungen hat. Und der anonyme Dichter aus dem Jahr 1780. Und meine Großmutter, die inmitten schwieriger Zeiten lachte, weil sie sagte: „Wenn ich nicht lache, wein ich.“

Was die Welt von mir will – und was ich ihr antworte

Die großen Mächte der Welt – ich schreibe das ohne Hysterie – arbeiten gerne mit Angst. Das ist kein Geheimnis. Es war immer so. Russisch, amerikanisch, chinesisch – es spielt keine Rolle: Angst ist das älteste politische Werkzeug der Menschheit.

Aber die echten Sorgen der Menschen – und ich meine das aufrichtig – sehen anders aus. Ein Mensch hat Angst, weil er einen Angehörigen verloren hat. Weil die Diagnose schwerer war als erwartet. Weil das Konto am Monatsende nicht stimmt. Weil ein Kind Probleme in der Schule hat. Weil man nachts nicht schläft und nicht weiß warum.

Foto: Magnific

Das sind die echten Sorgen. Sie sind vielschichtig, menschlich und haben mit dem russisch-amerikanischen Verhältnis ungefähr so viel zu tun wie ein Kürbis mit der Mondlandung. Frieden beginnt nicht in Genf. Nicht in Brüssel. Nicht auf einem Gipfeltreffen. Er beginnt dort, wo zwei Menschen miteinander reden. Ohne Agenda. Ohne Schlagzeile. Mit einem Kaffee – idealerweise sitzend.

Oktober in der Ortenau

Und während die Welt diskutiert, macht die Ortenau einfach weiter. Die Oberrheinmesse in Offenburg hat gerade ihre Tore geschlossen – mit hoher Besucherzufriedenheit, guter Kauflaune und dem schönen Befund, dass immer mehr junge Familien kommen. „Ein bisschen wie ein Familientreffen“, schrieb der Stadtanzeiger. Ich mag diesen Satz.

Der Europa-Park in Rust wurde als beste Bus-Destination Deutschlands ausgezeichnet. Eatrenalin, das Sternerestaurant ebendort, als „Unternehmen der Zukunft“ beim KI-Festival in Berlin geehrt. Rust ist eine Gemeinde mit 3.800 Einwohnern. Und weltberühmt. Das sollte uns alle ein wenig stolz machen. Die Landesfesttage in Oberkirch: 5.000 Mitwirkende. Trachten. Musik. Zapfenstreich. Glasperlenspiel. Drei Tage Brauchtum, das lebt, weil Menschen es leben wollen – nicht, weil es irgendwo vorgeschrieben steht.

Und in Kürze: der Herbstmarkt in Renchen. Davor Vernissage. Mit Kunst. Mit dem wunderbaren Beweis, dass auch in einem kleinen Ort Großes entsteht, wenn Menschen zusammenkommen. Kürbisse. Weinernte. Erntedank. Kastanien. Nebel über dem Renchtal am Morgen – dieser ganz bestimmte Oktobernebel, der wie Watte liegt und erst um zehn Uhr von der Sonne weggeküsst wird. Dann der Tee. Das Buch. Der Sessel. Das ist Rückzug, Innehalten und Auftanken.

Foto: apg (KI-generiert)

Die Gedanken

Der anonyme Dichter aus dem Jahr 1780 hatte recht. Die Gedanken sind frei. Immer noch. Trotz allem. Auch wenn manche gerne eine Sprachpolizei errichten würden, auch wenn Algorithmen entscheiden, wer was sehen darf, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, dass bestimmte Gedanken nur noch flüsternd geäußert werden dürfen.

Die Gedanken sind frei. Man kann sie nicht einsperren. Nicht mit Paragraphen. Nicht mit Kommentarspalten. Nicht einmal mit einem Haftbefehl – ich erinnere kurz an den Kollegen aus dem letzten Monat, der das gerade am eigenen Leib erfährt.

Freie Gedanken teilen

Und das Schönste an freien Gedanken ist: Man kann sie teilen. Ohne Lautsprecher. Ohne Hysterie. Einfach so. Beim Kaffee – dieses Mal bitte sitzend. Die Österreicherin hat aufgehört zu singen. Das Radio läuft weiter. Draußen färben sich die Weinberge bei Oberkirch. Erst gelb, dann orange, dann ein tiefes, warmes Rot.

Der Oktober macht, was der Oktober oft macht: Er erinnert uns daran, dass Schönheit keine Erlaubnis braucht.

Quellen

Thema Quelle Datum Status
„Die Gedanken sind frei“ – Entstehung Wikipedia / BR-Klassik um 1780/1810 ✅
UN-Sonderberichterstatter Meinungsfreiheit D Amnesty / UN Feb. 2026 ✅
DAK-Gesundheitsbericht 2026: 17% psych. Fehltage DAK 2026 2026 ✅
Staatsmedaille Gold – Hopp, Huber, Körkel Stadtanzeiger Ortenau 7.10.2026 ✅
Aktionstag Kinderklinik Offenburg – 80 Kinder Stadtanzeiger Ortenau 7.10.2026 ✅
Grundsteinlegung Windrad Hornisgrinde + Zeitkapsel Stadtanzeiger / Schwarzwälder Bote 10.10.2026 ✅
Lachtherapie-Meta-Analyse Journal of Happiness Studies Juli 2025 ✅
Humor reduziert Angst – ERP-Studie Cognition & Emotion Juni 2026 ✅
Lachen stärkt Immunsystem Bennett & Lengacher, PMC 2007 ✅
Oberrheinmesse – Besucherzufriedenheit Messe Offenburg / Stadtanzeiger & PM 4.10.2026 ✅
Europa-Park – Top Bus Destination Messe Offenburg / bo.de 8.10.2026 ✅
Eatrenalin – Unternehmen der Zukunft BIG BANG Festival Berlin 21.9.2026 ✅
Landesfesttage Oberkirch – 5.000 Mitwirkende Stadtanzeiger Ortenau Sept. 2026 ✅

Ortenau Journal-Kolumnist Andreas Peter Geng

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