Ortenauer Spiegel – August-Kolumne

Sommer 2026 in der Ortenau: Brände, Hitze, Unwetter – und eine Gesellschaft, die kaum noch hinschaut

© KI-generiert / apg – Ein Sommer über der Ortenau, der beides ist – wunderschön und bedrohlich.
Während Hitze Menschenleben fordert, Brände Häuser zerstören und Unwetter Verwüstungen hinterlassen, rauschen die Nachrichten schon am nächsten Tag weiter. Andreas Peter Geng fragt in seinem „Ortenauer Spiegel“, was diese permanente Flut aus Katastrophen und Bildern mit uns macht. Am Beispiel der Asiatischen Hornisse geht es zudem um Angst, Halbwissen und die Kraft einer nüchternen Betrachtung. Und um die Frage, ob wir wieder lernen können, wirklich hinzuschauen.
Von Andreas Peter Geng (Lesezeit: ca. 6 Minuten)

Hochsommer 2026. In Deutschland sterben fast 10.000 Menschen an Hitze. Vor Ceuta ertrinken 72 Flüchtlinge. In der Ortenau stehen Häuser und Lagerhallen in Flammen. Und auf irgendeinem Instagram-Kanal feiert man den Internationalen Tag der Sommersprosse. Willkommen in unserer Zeit.

Ich möchte eine Triggerwarnung vorausschicken.

Nicht die übliche, weichgespülte Art, mit der man heute jeden unbequemen Gedanken einpackt wie ein rohes Ei. Sondern eine ehrliche: Was folgt, ist ein Blick auf einen Sommer, der uns eigentlich erschüttern müsste. Der uns aber – und das ist das Erschreckende – kaum noch erreicht.

Also: Atmen. Kurz innehalten. Lesen.

Die Zahl

9.800. So viele Menschen sind in Deutschland seit Anfang 2026 hitzebedingt gestorben. Das geht aus dem Wochenbericht des Robert Koch-Instituts vom 30. Juli hervor. Schon jetzt mehr als in jedem einzelnen Gesamtjahr seit 2016. Ich schreibe das hin. Ich lese es. Ich weiß nicht, ob ich es wirklich fühle. Und genau das macht mir Sorgen.

Es brennt

Die Ortenau hat in diesem Sommer gebrannt. Nicht im übertragenen Sinne. In Renchen stand eine Lagerhalle in Vollbrand. Schaden: mehrere Hunderttausend Euro. Ursache noch unklar. In Zell am Harmersbach brach in der Nacht auf den 3. August ein Feuer aus, das sich rasend schnell ausbreitete. Zwei Wohnhäuser vollständig zerstört. Drei Menschen kamen ins Krankenhaus. Am Tag danach: wieder Glutnester, die Hauptstraße gesperrt.

Brände richten auch in der Ortenau zunehmend einen hohen Schaden an. Foto: KI-generiert / apg

In ganz Baden-Württemberg: Scheunenbrand, Mindestschaden 500.000 €. Vegetationsbrände, Hubschraubereinsätze, Feuerwehren im Dauereinsatz. Die Brandursachen sind oft menschliche Nachlässigkeit. Eine weggeworfene Zigarette. Ein unbeaufsichtigtes Lagerfeuer. Der Sommer 2026 verzeiht das nicht.

Es regnet

Und dann, als hätte jemand einen Schalter umgelegt: Hagel. In Karlsruhe verwüstete am 17. Juli ein Unwetter die Stadt. Ein Radfahrer wurde von einem umstürzenden Baum erschlagen. Zentimetergroße Hagelkörner, Orkanböen, Feuerwehren im Dauereinsatz. Hitze. Brand. Regen. Brand. Hitze.

Das Wetter hat diesen Sommer keinen Rhythmus mehr. Es ist so launisch wie die Menschen.

Die Abstumpfung

Irgendwann in diesen Wochen ist mir etwas aufgefallen, das ich kaum in Worte fassen kann. Die Meldung über die 9.800 Hitzetoten erschien am 30. Juli. Auf denselben Seiten, auf denen sie stand: Beiträge über Sommercocktails, den besten Grillkäse und den Internationalen Tag des Freundschaftsarmbands.

Am 2. August: 72 Tote bei Ceuta. Zehntausende Migranten hatten versucht, die spanische Exklave zu erreichen. Menschen, die ihr Leben riskierten, weil sie glaubten, anderswo besser leben zu können. 72 davon leben nicht mehr. Die Meldung verschwand nach einem Tag aus den Schlagzeilen.

Ich schreibe dies nicht anklagend. Ich sehe es als Beobachtung. Wir sind getrieben – von Meldungen, Bildern, Empörungen. Jeden Tag eine neue. Jeden Tag jemand, der stirbt, erstochen, erschossen wird, ertrinkt, verbrennt. Und jeden Tag derselbe Reflex: kurz innehalten, dann weiter scrollen.

Irgendwo zwischen dem ersten und dem zehnten Brand, zwischen Ceuta und dem nächsten Schlagzeilendrama – da dazwischen haben wir aufgehört, wirklich hinzuschauen. Das ist vermutlich kein moralisches Versagen. Es ist ein Schutzmechanismus. Aber der hat seinen Preis. Wir spüren das.

Die Hornisse

Meine Frau Daniela und ich haben uns letzte Woche eine Schulung angehört. Über die Asiatische Hornisse. Vespa velutina – kleiner als die heimische Hornisse, dunkler, mit gelben Beinen. In Oberkirch hat die Stadt dem Imkerverein Spezialausrüstung für den Umgang mit ihr finanziert. In Achern hat sie sich bereits am Campingplatz eingenistet. Schulungen finden jetzt in der ganzen Ortenau statt.

Was mich bei der Schulung beeindruckte: Wie viel Halbwissen kursiert. Wie schnell aus einem invasiven Insekt ein Monster wird. Wie Angst sich verbreitet – schneller als die Hornisse selbst. Vespa velutina ist ein Problem – für Bienen und Imker, viel mehr aber für die Biodiversität und alle anderen Bestäuber. Für gesunde Menschen ist sie kaum gefährlicher als eine Wespe. Aber das reicht nicht für eine gute Schlagzeile.

9.800 Hitzetote. Eine Meldung unter vielen. Der Kaffee wird kalt. Foto: KI-generiert / apg

Wir arbeiten mit Angst. Wir arbeiten mit Sorge. Wir zoomen rein, dramatisieren, polarisieren. Und dann wundern wir uns, warum alle so aufgeregt sind. Dabei wäre die sachliche Antwort so einfach: Melden. Experten ran. Fertig. Das Leben in der Ortenau – das echte, gelebte – funktioniert oft genau so. Pragmatisch. Ruhig. Ohne viel Aufhebens.

Die Kommentarspalte

Ich bin Journalist. Ich schreibe. Ich veröffentliche. Und manchmal lese ich danach, was die Menschen dazu sagen. Da ist die Meinung, die mit drei Sätzen alles erklärt hat. Da ist die Empörung über die Empörung. Da ist der, der weiß, dass alles eine Lüge ist. Und der andere, der weiß, dass alles wahr ist. Beide absolut sicher.

Vielleicht sollten wir alle – ich eingeschlossen – öfter mit einem einfachen Satz anfangen: „Ich weiß es nicht.“ Nicht als Schwäche. Als Einladung? Denn wer sagt „Ich weiß es nicht“, der hört noch zu. Der fragt noch. Der ist noch offen für das, was der andere zu sagen hat.

Was die Ortenau kann

Aber jetzt das Versöhnliche. Das Echte. Das Ortenauer Weinfest zieht in diesem Jahr wegen des Marktplatzumbaus komplett in die Hauptstraße – eine Premiere. Winzer und Besucher erleben eine neue Art von Fest: näher, direkter, menschlicher.

In Sasbach lernen Imker, wie man mit einer neuen Art umgeht – nicht mit Panik, sondern mit Wissen. In Achern rückt die Feuerwehr aus, ohne zu fragen, wessen Schuld es ist. Und irgendwo in der Ortenau sitzt gerade jemand auf seiner Terrasse. Hört die Vögel. Trinkt etwas Kühles. Schaut, wie die Abendsonne die Weinberge bei Durbach golden färbt. Und denkt nichts. Einfach so. Das ist kein Eskapismus. Das ist Menschlichkeit.

Was bleibt

9.800 Hitzetote. 72 Menschen vor Ceuta. Häuser, die nicht mehr stehen. Wälder, die noch glimmen.

Wir können das nicht alles tragen. Aber wir können aufhören, es wegzuklicken. Miteinander reden. Nicht übereinander. Hinschauen. Nicht wegklicken. Innehalten. Auch wenn es nur zehn Minuten sind.

Die Ortenau baut Brücken. Manchmal buchstäblich – über den Rhein nach Straßburg. Manchmal im übertragenen Sinne – zwischen Menschen, die sich fremd sind und feststellen, dass sie das gar nicht sind.

Das reicht mir für heute.

Ortenau Journal-Kolumnist Andreas Peter Geng

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