Ortenau Direkt

Ortenauer Spiegel: Vom Waschzettel bis zur WM – Eine Kolumne über Absurditäten und das echte Leben der Ortenau

© Andreas Peter Geng – Was Jahrzehnte braucht, um zu wachsen, leistet in Minuten, was keine Klimaanlage kann: Die Eiche.
Was sagt ein Waschzettel über unsere Zeit aus? Erstaunlich viel, findet Kolumnist Andreas Peter Geng. Acht Seiten Pflegehinweise für eine Badehose werden zum Ausgangspunkt eines pointierten wie nachdenklichen Streifzugs durch den Sommer 2026. Zwischen Hitzewelle, „The Länd“, Stand-up-Paddling, der XXL-Fußball-WM und dem Leben am Baggersee geht es um gesellschaftliche Widersprüche und die Frage, warum manche einfachen Dinge besser funktionieren als große politische Konzepte.
Von Andreas Peter Geng

Önsbach, Anfang Juli. Die erste Hitzewelle ist vorbei. Der Aldi in Renchen hat seine Frischwaren wieder drin. Und auf den Seen der Ortenau stehen die Menschen auf aufblasbaren Brettern. Willkommen im Hochsommer 2026.

Ich halte einige bedruckte Stoffstücke in den Händen. Acht Seiten. Teilweise doppelseitig bedruckt. Zwanzig Sprachen. Vom Deutschen über Arabisch und Kasachisch bis zum Kroatischen. Es ist der Waschzettel meiner neuen Adidas-Badehose. Wie man sie wäscht? Steht auch drin. Auf links drehen, 30 Grad, kein Weichspüler, nicht in den Trockner. Aber man muss sich erst durch sieben Seiten Rechtliches, Materialkennzeichnungen und Importeuradressen aus vier Kontinenten kämpfen, bevor man das findet.

Der Waschzettel einer Adidas-Badehose – ein kleines Weltkulturerbe. Foto: Andreas Peter Geng

Dokument für die Ewigkeit

Hergestellt: China. Verkauft: Weltweit. Dokumentiert: für die Ewigkeit.

Ich frage mich ernsthaft: Wer liest das? Und warum existiert es? Versicherungsrecht? EU-Regulierung? Oder glaubt wirklich jemand, dass ein Kasache oder ein Kroate vor dem ersten Bad in die Schwimmbadgarnitur greift und sagt: Moment, ich lese kurz den Waschzettel? Acht Seiten für eine Hose. Und das Wichtigste steht ganz hinten.

Die Kühlregale kapitulieren

Anfang Juli. Die historische Hitzewelle des Junis hat Deutschland den Schweiß ins Gesicht getrieben. Der Deutsche Wetterdienst meldete für die Ortenau bis zu 39 Grad – mit Spitzenwerten nahe der 40-Grad-Marke. SWR-Wetterexperten sprachen von einer „historisch langen Hitzewelle“ für Baden-Württemberg. Die Folge: Nicht nur Menschen schmolzen dahin. Auch die Kühlregale.

Beim Edeka in Offenburg und in Cottbus fiel die Kühlung aus. Bei Aldi, Rewe und Netto in Bielefeld, Duisburg, Würzburg – dasselbe Bild: Rollos vor den Kühltheken, leere Regale, weggeworfene Frischware. Beim Edeka in Wannweil musste die Inhaberin ihr komplettes Frischesortiment entsorgen.

Und in Renchen? Dort stand der Aldi mit seinen Frischwaren vollständig leer geräumt. Ein mobiler Kühlcontainer wurde aufgestellt – die pragmatische Ortenauer Lösung für ein Problem, das seltsamerweise niemand kommen sah.

Die Hitze fällt in Offenburg besonders ins Gewicht: Es gibt zu wenig Bäume. Foto: Stadtstaub Kollektiv

Offenburg und Lahr ganz hinten

Dabei wäre es vorhersehbar gewesen. Der bundesweite Hitzecheck 2026 der Deutschen Umwelthilfe listet Offenburg und Lahr unter den schlechtesten Städten Deutschlands. Baumüberschirmung in Offenburg: gerade mal 12,78 Prozent. In Lahr: 13,97 Prozent. Versiegelte Flächen, so weit das Auge reicht. Kommunaler Hitzeschutzplan für Offenburg? Laut dem Runden Tisch Offenburg-Ortenau im Juni: Fehlanzeige. Vielleicht sollten wir uns nicht fragen, wann das Klima sich ändert. Sondern wann wir anfangen, uns anzupassen. Wie immer gilt: bei uns selbst anfangen.

“The Länd” – heiß auf Steuergelder?

Bevor ich zur Badehose zurückkomme, muss ich kurz nach Oberkirch. Am vergangenen Wochenende war „The Länd“ – die steuerfinanzierte Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg – als Aussteller auf der Dialekta in Oberkirch. Einer Messe, die den Dialekt feiert. Die Sprache der Heimat. Das Schwäbische, das Badische, das Alemannische. Und das Land schickt dorthin: „The Länd“. Mit englischem Artikel. Mit schwäbischem Umlaut als Feigenblatt.

Niemandem aus der Sprachwissenschaft fiel dieser infantile Westdrall auf. Anglizismus trifft Dialekt – und nennt das Identität. Der Stand? Schrille Werbegeschenke aus China. Umweltfreundliche Aufkleber. Und das hochqualifizierte Standpersonal spielte – ich zitiere aus eigener Anschauung – Tipp-Kick. Bandenwerbung: „The Länd“.

Offizieller Jubiläumssong

Zum 75-jährigen Landesjubiläum wählten die Bürgerinnen und Bürger nun übrigens auch noch den offiziellen Jubiläumssong: Er heißt – natürlich – „The Länd“, gesungen von der Mannheimer Band Faxen. Brezeln, Kehrwoche und Sparsamkeit zum Jubiläum. Wer von solchen Initiativen auch nur irgendetwas ernsthaft Brauchbares erhofft, ist vermutlich sehr naiv.

Steuerfinanzierter Messestand „The Länd“ mit Tipp-Kick und Werbesachen aus China: „Hällo!“ Foto: Andreas Peter Geng

Am Baggersee – das echte Leben

Und dann der Baggersee. Familien, rüstige Rentner, Kinder, die spielen. Man hört russische Stimmen, spanische Stimmen, französische Stimmen. Gegrillt wird, gelacht, Fußball gespielt, gebadet. Integration, die niemand plant – und die trotzdem funktioniert. Gänzlich selbstlos, völlig ohne Programm. Das ist das andere Deutschland. Das, das man nicht auf Messen präsentiert.

Aber der ehrliche Blick gehört dazu: Zwischen all den fröhlichen Gesichtern fallen auch andere auf. Junge Menschen, Kinder, die bereits sichtbar unter starkem Übergewicht leiden. Jeder vierte Erwachsene in Deutschland ist von Adipositas betroffen, jedes sechste Kind – so die Deutsche Leopoldina in ihrer aktuellen Studie 2026. Kinder aus ärmeren Familien sind laut DAK-Daten 36 Prozent häufiger betroffen als andere.

Defizite beim Schwimmen

Das ist kein Vorwurf. Es ist nur Beobachtung. Und die Frage, die sich stellt: Was nützen acht Seiten Waschzettel – wenn wir es nicht einmal schaffen, unseren Kindern beizubringen, wie man schwimmt?

SUP, Stehpaddeln und der Boomer-Trend Nummer 54. Und dann sind da die neuen Aufblasdinger. Überall auf den Seen der Ortenau: Stand-Up-Paddleboards. SUP. Das neue Ding. Aufpumpbar, günstig aus Fernost, mit Schnupperkurs und allem Drum und Dran.

Die Boomer-Generation – meine Generation – hat nun wirklich einiges mitgemacht. Jogging in den Siebzigern. Aerobic in den Achtzigern. Step, Spinning, Nordic Walking, Pilates, Zumba, Yoga, CrossFit, Triathlon. Und jetzt: Stehpaddeln.

SUP-Kurs am Baggersee: Der 54. Boomer-Trend hat das Wasser erreicht – und macht sichtlich Spaß. Foto: Andreas Peter Geng

Ich sage das ohne Häme. Besser Stehpaddeln als auf der Couch sitzen. Aber es ist auch ein wenig wie der Waschzettel: Hauptsache beschriftet. Hauptsache dabei. Hauptsache Trend. Übrigens: SUP ist laut einer aktuellen Erhebung inzwischen fester Bestandteil der deutschen Outdoorkultur – kein Trendsport mehr, sondern Mainstream. Das heißt: Der nächste Trend kommt bestimmt. Wetten?

Aus im Sechzehntelfinale – Paraguay lacht

Am 29. Juni, kurz nach Mitternacht, war es vorbei. Deutschland schied bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 im Sechzehntelfinale aus. Gegen Paraguay. Nach 120 Minuten zähen Fußballs. Im Elfmeterschießen. 4:5. Joshua Kimmich sagte danach: „Schuld waren einzig und allein wir.“ Bundestrainer Nagelsmann stand fassungslos vor den Kameras.

Die WM 2026 – erstmals mit 48 Mannschaften, verteilt auf drei Länder, ausgerichtet von FIFA-Boss Infantino und US-Präsident Trump als politischem Stargast – war von Anfang an umstritten. Die Frankfurter Rundschau titelte im Juni: „Gigantismus, Gier, Größenwahn.“ Die Süddeutsche Zeitung fragte im Podcast: „Wie weit kann Infantino noch gehen?“

„Viele uninteressante Spiele“

Ex-Bundestrainer Jogi Löw kritisierte den XXL-Modus mit 48 Teams: zu viele uninteressante Spiele, zu viel Mittelmaß, zu wenig Qualität. Selbst Kleinverbände wehrten sich gegen UEFA-Präsident Ceferin, der ihre Spiele als „uninteressant“ abtat.

Für die Austragungsstädte stellt sich übrigens die Frage, ob die Party die Kosten wert war. Die FIFA nimmt Milliarden. Die Städte zahlen die Rechnung. Und Deutschland? Scheidet im Sechzehntelfinale aus. Gegen Paraguay. Es bleibt ein Trost: Am Baggersee in der Ortenau wurde die WM trotzdem gefeiert. Gemeinsam. Egal, woher man kommt.

Was bleibt

Der Sommer 2026 hat uns einiges gezeigt. Dass Kühlregale kaputtgehen, wenn es zu heiß wird – und wir noch keinen Plan haben. Dass acht Seiten Waschzettel und „The Länd“ aus China uns nicht weiterbringen. Dass 48 WM-Teams zu viel sind und Deutschland trotzdem rausfliegt. Dass Stehpaddeln Spaß macht, auch wenn’s der 14. Boomer-Trend ist.

Und das am Baggersee, zwischen russischen, spanischen und französischen Stimmen, Grill-Rauch und Kinderlachen. Irgendetwas funktioniert, was in Berlin und Stuttgart regelmäßig scheitert. Vielleicht ist das die eigentliche Anleitung. Nicht acht Seiten lang. Nicht auf zwanzig Sprachen.

Auf links drehen. Kurz durchlüften. Nicht zu heiß waschen. Die Ortenau macht das instinktiv richtig.

Quellen

Thema

Quelle

Datum

Hitzewelle BW: „historisch lang“

SWR Aktuell / Tagesschau

Juni 2026

Temperaturen Ortenau bis 39 Grad

SWR Wetter / DWD

24. Juni 2026

Kühlausfälle bundesweit: Edeka, Aldi, Rewe

WAZ / NR-Kurier / GEA / Volksstimme

29.–30. Juni 2026

Aldi Renchen leer geräumt / Kühlcontainer

Eigene Recherche / Ortskenntnis

Juli 2026

Hitzecheck DUH: Offenburg 12,78% Bäume

Stadtanzeiger Ortenau / bo.de

Juni 2026

Hitzeschutzplan Offenburg: Fehlanzeige

kfutd.de / Runder Tisch Offenburg

26. Juni 2026

The Länd – Dialekta Oberkirch

bo.de / Eigene Beobachtung

29. Juni 2026

The Länd Jubiläumssong – Band Faxen

t-online.de / tag24.de

1. Juli 2026

Adipositas: 1/4 Erwachsene, 1/6 Kinder

Deutsche Leopoldina 2026 / DAK

Januar 2026

SUP als Mainstream-Sport in Deutschland

InspiredBySports / ACSM

2026

WM 2026: Gigantismus, Gier, Größenwahn

FR / SZ / Augsburger Allgemeine

Juni 2026

Deutschland – Paraguay 4:5 n.E.

t-online / SZ / Eurosport / FIFA

29. Juni 2026

48 WM-Teams Kritik: Jogi Löw

AZ-Online

12. Juni 2026

WM-Kosten für Gastgeberstädte

Sportschau

27. Juni 2026

Andreas Peter Geng

Ortenau Journal-Kolumnist Andreas Peter Geng

Weitere Kolumnen des Autors:

Ortenauer Spiegel – Cappuccino-Wolke über der Ortenau: Warum zehn Minuten Pause plötzlich wichtiger werden

Kolumne „Ortenauer Spiegel“: Was der Frühling aufbricht – und was wir lieber unter der Erde lassen würden

Podcast

Weitere Beiträge