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Kolumne „Ortenauer Spiegel“: Was der Frühling aufbricht – und was wir lieber unter der Erde lassen würden

© KI – Kolumnist Andreas Peter Geng bekommt Besuch von einem Pfau.
Zwischen kuriosen Tierbegegnungen, globalen Schlagzeilen und tiefgreifenden Umbrüchen zeichnet sich ein ungewöhnliches Bild der Ortenau im Frühjahr 2026. Ein entlaufener Pfau, ein Wal als nationales Symbol und die wachsende Macht der Künstlichen Intelligenz stehen für eine Zeit, in der vieles gleichzeitig ins Wanken gerät. Die Kolumne von Andreas P. Geng blickt auf unnachahmliche Art hinter die Schlagzeilen – und zeigt, warum gerade jetzt Mut, Gelassenheit und neue Perspektiven gefragt sind.
Von Andreas Peter Geng

Ein Pfau stoppt den Verkehr in Lahr, ein Wal bewegt eine ganze Nation und Künstliche Intelligenz stellt Jobs infrage: Der Frühling 2026 bringt Bewegung in die Ortenau – sichtbar, spürbar, unausweichlich. Während Tiere ihren Raum zurückerobern und Krisen Schlagzeilen machen, zeigt sich zwischen Achertal und Rhein auch leise Stärke: neue Wege, neue Fragen, neue Zuversicht. Eine Kolumne über das, was aufbricht – und warum wir den Mut brauchen, mitzugehen.

Zeugen riefen die Polizei

Der Frühling in der Ortenau ist unbestechlich. Er fragt nicht, ob es gerade passt. Er bricht einfach auf. Die Kirschbaumblüte rund um Offenburg, die Reben in Durbach und Gengenbach, die Störche über dem Rhein. Und mittendrin: ein Pfau auf der Kaiserstraße in Lahr. Willkommen im Mai 2026.

Pfau

Es war der 10. April, kurz nach halb acht Uhr morgens, als ein Pfau die Lahrer Innenstadt in Beschlag nahm. Er war aus dem nahegelegenen Stadtpark ausgebüxt und spazierte seelenruhig die Kaiserstraße entlang. Ignorierte den Verkehr. Ignorierte die Passanten. Ignorierte sämtliche Regeln der städtischen Ordnung. Ein Ignorant?

Zeugen riefen die Polizei. Die Polizei kam. Und tat das Klügste, was man in diesem Moment tun konnte: Sie leitete Verkehrsmaßnahmen ein und begleitete den Pfau sicher zurück in den Stadtpark. Ich finde das großartig. Nicht weil ein Pfau auf der Kaiserstraße besonders praktisch ist. Sondern weil es das perfekte Bild für diesen Frühling ist: Das Leben bahnt sich seinen Weg. Ob es passt oder nicht.

Tiere übernehmen die Ortenau

Der Pfau war nicht allein.

Im Schwarzwald häufen sich die Wolfssichtungen. Nicht nur auf der Hornisgrinde – Experten gehen davon aus, dass ein Wolfsrudel im Schwarzwald immer wahrscheinlicher wird. Auch im Ortenaukreis wird der Wolf zur Realität. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie, wir damit umgehen.

Entlang der Ortenauer Bäche und im Achertal haben die Biber das Kommando übernommen. Sie fällen Bäume, stauen Bäche, bauen Dämme – ohne Baugenehmigung, ohne Umweltverträglichkeitsprüfung, ohne Gemeinderatsbeschluss. Die Landwirte sind verzweifelt. Die Naturschützer begeistert. Der Biber: unbeeindruckt.

Biber

Auch Biber sorgen für Aufregung. Foto: miloszelezny/pixabay

Die Natur macht ihr Ding

Und dann ist da noch die Frage der Achertal-Bauern: Nach dem Aus der Schlachtungen in Ottenhöfen und Seebach mussten viele Landwirte neue Wege finden. Das Ortenau Journal berichtete am 9. April: Der Schlachthof Bühl ist wichtig für die Achertäler – und umgekehrt. Eine regionale Lösung für ein regionales Problem. Das zeigt: Tiere und Menschen teilen denselben Raum. Die Natur macht ihr Ding. Wir dürfen mitdenken.

Timmy, der Wal, der Deutschland lahmlegt

Und dann ist da natürlich Timmy.

Seit dem 3. März treibt ein Buckelwal in der Ostsee vor der Insel Poel bei Wismar. Sieben Wochen Livestream. Ein Millionär mit Rettungsplan. Ein Umweltminister im Wahlkampfmodus. Internationale Medien, die nicht über den Wal berichten – sondern über Deutschlands emotionale Reaktion auf den Wal. Die Süddeutsche Zeitung titelte nüchtern: „Wal-Drama sorgt weltweit für Staunen – Deutschland im Fokus der Medien.“ Während im Achertal Bauern neue Schlachtwege suchen, die KI ganze Branchen umkrempelt und in Oberharmersbach eine Produktionshalle abbrennt, weint Deutschland um Timmy.

Ich sage: Das ist gar nicht so falsch.

Eine Gesellschaft, die täglich mit Kriegen, Krisen und Künstlicher Intelligenz konfrontiert wird, braucht manchmal einen Wal. Einen echten. Zum gemeinsamen Hoffen. Zum kollektiven Aufatmen, wenn das Tier – vielleicht, hoffentlich, bitte! – den Weg zurück ins offene Meer findet. Der Pfau auf der Lahrer Kaiserstraße versteht das. Er nickt.

Buckelwal

Ein Buckelwal hält Deutschland in Atem. Foto: foco44/pixabay (Symbolbild)

78.557 Jobs – und KI lacht

Aber jetzt zum Unbequemen.

Im ersten Quartal 2026 verloren weltweit 78.557 Menschen in der Technologiebranche ihren Job. Fast die Hälfte davon: wegen KI. Nicht wegen Konjunktur, nicht wegen schlechter Geschäfte. Wegen Algorithmen, die schneller, billiger und unermüdlicher arbeiten als jeder Mensch.

Digitalminister Wildberger sagte Ende März klar und deutlich: „KI ersetzt Programmierer und Callcenter-Agenten.“ Ein Drittel der deutschen Arbeitnehmer hält laut einer aktuellen Studie den eigenen Job für gefährdet. Das ist kein Alarmismus – das ist Realismus.

Aber – und das ist der Punkt, den man in der Hysterie gerne übersieht – der Ortenaukreis erzählt eine andere Geschichte. Der Arbeitsmarkt im Ortenaukreis zeigte im März 2026 einen Aufwärtstrend. Wachstumsfeld Nummer eins: das Gesundheitswesen. Pflege, Therapie, Begleitung. All das, was KI nicht kann. KI schreibt Texte, macht Bilder und Programmcodes. Aber sie hält keine Hand.

Unersetzlich: Berufe im Gesundheitswesen. Foto: pressfoto/freepik

Was keimen darf

Der Frühling bricht noch etwas auf. Etwas, das manche lieber unter der Erde ließen. Ich meine die Fragen. Die Unbequemen. Die, die man nicht stellen darf, ohne sofort in eine Schublade gesteckt zu werden. Was wissen wir wirklich – und was wurde uns verschwiegen? Was hat die Wissenschaft geleistet – und wo hat sie versagt? Wohin sind die kritischen Stimmen gegangen, als man sie am dringendsten brauchte?

Ich beantworte das hier nicht. Das wäre vermessen. Aber ich erlaube mir, Bertolt Brecht zu zitieren, der 1935 schrieb: „Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden.“ Eine davon ist der Mut, Fragen zu stellen. Auch wenn sie unbequem sind. Auch wenn man dafür angefeindet wird. Der Frühling fragt nicht um Erlaubnis. Er bricht einfach auf.

Was aufbricht, hat Kraft

Seit dem 1. April hebt in Lahr der Christoph Ortenau ab – benannt nach unserer Region, ein Rettungshubschrauber des Typs H145 mit Fünfblattrotor, betrieben von der DRF Luftrettung. In den ersten 17 Tagen: 45 Einsätze. Nicht als Zahl, sondern als Menschenleben.

Rettungshubschrauber

Helikopter Christoph Ortenau im Einsatz. Foto: DRF

Und mitten im Achertal und Renchtal tut sich etwas Stilles, aber Bedeutsames: Die neue Kirchengemeinde Acher-Renchtal startete die Initiative „fair.nah.logisch.“ – über vier Täler hinweg, auf dem Weg zur Klimaneutralität. Einkaufen, Feiern, Zusammenleben – regional, nachhaltig, menschlich. Das nennt man Resilienz. Und davon können wir alle lernen.

Neuanfang statt Jammern

Es wäre jetzt leicht, eine Klageliste zu schreiben. KI frisst Jobs. Timmy kämpft ums Überleben. Wölfe nähern sich dem Ortenaukreis. Fragen bleiben unbeantwortet. Aber der Pfau auf der Kaiserstraße hat mich eines Besseren belehrt. Er hat nicht gejammert. Er ist einfach gelaufen. Die Polizei hat ihn nicht erschossen, nicht eingekerkert, nicht mit Formularen überhäuft. Sie hat ihn begleitet.

Zeit für das, was zählt

Vielleicht ist das die Antwort auf den Umbruch, den wir gerade erleben: Nicht zurückschrecken. Nicht einfrieren. Einfach laufen – und darauf vertrauen, dass jemand, vielleicht auch „Höheres“, mitläuft.

Die KI nimmt uns manche Arbeit ab. Gut. Dann haben wir mehr Zeit für das, was zählt. Die Hand, die hält. Das Gespräch, das heilt. Den Spaziergang durch das Renchtal, bei dem man merkt: Die Welt ist größer als der eigene Bildschirm.

Und Timmy? Der findet seinen Weg. Da bin ich sicher

Frühlingsgefühle, liebe Ortenau. Die Natur macht einfach. Vielleicht sollten wir das auch mal versuchen. Gutes Gelingen nach dem Tag der Arbeit.

Thema Quelle Datum
Pfau Lahr Kaiserstraße / Stadtpark Badische Zeitung / Schwarzwälder Bote / ZEIT 10. April 2026
Wölfe breiten sich im Schwarzwald aus Schwarzwald-Aktuell / Schwarzwälder Bote 8. April 2026
Schlachthof Bühl / Achertal-Bauern (Ottenhöfen, Seebach) Ortenau Journal / Wolfgang Huber 9. April 2026
Kirchengemeinde Acher-Renchtal: „fair.nah.logisch.“ BNN / Roland Spether 16. April 2026
„Timmy“ – Buckelwal Ostsee / Medienspektakel Süddeutsche Zeitung 25. April 2026
Tech-Entlassungen Q1 2026: 78.557 / KI FOCUS / creati.ai April 2026
KI ersetzt Programmierer / Callcenter Badische Zeitung / Digitalminister Wildberger 29. März 2026
Ortenau-Arbeitsmarkt März 2026 – Aufwärtstrend Badische Zeitung 31. März 2026
Christoph Ortenau: 45 Einsätze in 17 Tagen Schwarzwälder Bote / DRF Luftrettung / Innenministerium BW 17. April 2026
Großbrand Oberharmersbach ZEIT / Ortenau 3. April 2026
Bertolt Brecht: Fünf Schwierigkeiten Erstveröffentlichung „Unsere Zeit“, Paris April 1935

Andreas Peter Geng

Ortenau Journal-Kolumnist Andreas Peter Geng

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