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„Ortenauer Spiegel“: Eine Osterkolumne über das Sehen, das Hören, das Sagen – und die teuerste aller Sünden

Drei Osterhasen
© Andreas Peter Geng – Die drei Osterhasen auf dem Schreibtisch des Kolumnisten.
Zwischen drei Osterhasen auf dem Schreibtisch, Brechts berühmten „fünf Schwierigkeiten der Wahrheit“ und aktuellen Geschichten aus der Ortenau spannt Kolumnist Andreas P. Geng einen ungewöhnlichen Bogen. Seine Osterbetrachtung fragt, warum Wegschauen, Schweigen und bequemes Ignorieren auch heute noch so verbreitet sind – und warum es Mut braucht, Wahrheit auszusprechen. Von Sozialbetrug bis zum Ostermarsch in Kehl: eine Kolumne über die Frage, wann Schweigen zur teuersten Sünde wird.

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Von Andreas Peter Geng

Auf meinem Schreibtisch stehen drei Osterhasen. Sie sitzen in leuchtenden Eierschalen und halten sich Ohren, Augen und Mund zu. Daneben eine Karte: „Frieden ist der Weg.“ Und ein Sparschwein. Willkommen in der Osterkolumne 2026 – erschienen am 1. April, dem Tag, an dem man niemandem glauben soll. Oder gerade heute allen.

Kennen Sie Mizaru, Kikazaru und Iwazaru? Vermutlich nicht namentlich. Aber Sie kennen sie. Es sind die drei Affen – nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Holzschnitzerei am Tōshō-gū-Schrein in Nikkō, Japan, 17. Jahrhundert. Zurückgehend auf Konfuzius, der lehrte: Schau nicht auf das, was nicht dem Anstand entspricht.

Wohlgemerkt: Im Original ist die Geste positiv gemeint. Wende dich ab vom Bösen. Schütze deine Seele. Lass das Dunkle nicht hinein.

In der westlichen Welt wurde daraus das Gegenteil: Wegschauen. Schweigen. Ignorieren. Die drei Affen als Sinnbild für Feigheit und mangelnde Zivilcourage.

Auf meinem Schreibtisch sitzen nun keine Affen, sondern drei Osterhasen. In leuchtenden Eierschalen, warm und golden. Sie halten sich Ohren, Augen und Mund zu. Und daneben liegt eine Karte mit einer Friedenstaube und den Worten: „Frieden ist der Weg.“

Ich frage mich: Welche Bedeutung gilt an Ostern 2026? Die japanische oder die westliche? Sich abwenden vom Bösen – oder das Böse ignorieren?

Fünf Schwierigkeiten

1935, mitten in der dunkelsten Zeit Europas, schrieb Bertolt Brecht einen Text, der mich seit Jahren begleitet: „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“. Geschrieben im Pariser Exil, als Tarnschrift nach Deutschland geschmuggelt, getarnt als „Satzungen des Reichsverbandes Deutscher Schriftsteller“.

Brecht benannte fünf Hürden:

Den Mut, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie unterdrückt wird. Die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie verhüllt wird. Die Kunst, sie handhabbar zu machen. Das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird. Und die List, sie unter diesen zu verbreiten.

Neunzig Jahre später. Wir leben nicht im Faschismus. Wir werden nicht deportiert. Niemand schmuggelt Tarnschriften über die Grenze.

Und trotzdem: Sind Brechts fünf Schwierigkeiten verschwunden?

Lässt sich die Wahrheit erkennen? Foto: freepik

Mut, anno 2026

Brecht schrieb: „Es ist Mut nötig, zu solchen Zeiten von so niedrigen und kleinen Dingen wie dem Essen und Wohnen und Arbeiten zu sprechen.“

Ersetzen Sie „solchen Zeiten“ durch „unsere Zeit“. Ersetzen Sie „Essen und Wohnen“ durch: die Rentnerin in Achern, die sich das Brot nicht mehr leisten kann. Der alleinerziehende Vater in Offenburg, der drei Jobs braucht. Die Familie in Lahr, die Grundsicherung beantragt, weil das Gehalt nicht reicht.

Oder nehmen Sie das Ehepaar aus dem Ortenaukreis, das es genau andersherum machte: Einnahmen über 270.000 Euro – durch Onlinehandel und ein Dienstleistungsunternehmen – und gleichzeitig über 70.000 Euro Grundsicherung vom Jobcenter Lahr kassiert. Drei Jahre lang. Die Frau verkaufte Damenbekleidung über Social Media, bezahlt wurde bar oder über Konten von Familienangehörigen. Der Mann gab eine Scheinanstellung bei seinem Bruder an.

Das Amtsgericht Offenburg verurteilte beide zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung.

Auf meinem Schreibtisch steht neben den drei Hasen ein Sparschwein. Es grinst.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Drei Jahre lang. Das Jobcenter sah nichts. Die Nachbarn hörten nichts. Und die beiden? Die sagten nichts.

Aber Brecht sagt auch: „Wenig Mut ist dazu nötig, über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen zu klagen. Da treten viele auf, als seien Kanonen auf sie gerichtet, während nur Operngläser auf sie gerichtet sind.“

Das ist der Punkt. Es ist leicht, auf Facebook zu schimpfen. Es braucht Mut, konkret zu werden.

Klugheit – oder: Was machen die eigentlich mit unseren Kindern?

103 neue Ganztagsschulen genehmigt Baden-Württemberg zum Schuljahr 2026/27. Allein im Ortenaukreis sind es über zwanzig – von der Grundschule am Römerbad in Zunsweier über die Hubert-Burda Grundschule in Offenburg bis zur Grimmelshausenschule in Renchen und der Grundschule Kork in Kehl.

Das Land übernimmt 68 Prozent der Betriebskosten. 8.000 neue Plätze. Ab 2026 wird schrittweise ein Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung eingeführt.

Klingt gut. Klingt modern. Klingt nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Aber ich erlaube mir eine Frage, die man in diesen Tagen offenbar nur leise stellen darf: Was machen die eigentlich den ganzen Tag mit unseren Kindern?

Und – die unbequemere Frage: Muss die Rolle der Elternschaft nicht neu gedacht werden?

Hubert Burda-Grundschule

Die Hubert-Burda Grundschule. Foto: Land Baden-Württemberg

Ostern feiert die Auferstehung. Das Fest des Lebens. Und Leben beginnt nicht mit einem Betreuungsschlüssel. Es beginnt mit Liebe. Mit Anwesenheit. Mit Zeit.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ganztagsschulen sind für viele Familien eine Notwendigkeit, keine Bequemlichkeit. Wer allein erzieht, wer zwei Gehälter braucht, um die gestiegene Miete zu zahlen, der hat keine Wahl. Aber dass eine Gesellschaft, die sich Lebensmittelpreissteigerungen von 37 Prozent seit 2020 leistet, ihren Bürgern gleichzeitig erklärt, ihre Kinder seien in der Ganztagsbetreuung besser aufgehoben – das darf man zumindest hinterfragen.

Brecht nannte es die zweite Schwierigkeit: Die Klugheit, die Wahrheit zu erkennen. Denn die Wahrheit ist selten das, was einfach klingt.

Kunst und Urteil – oder: Die List des Wolfgang Huber

Brechts dritte Schwierigkeit: Die Wahrheit handhabbar machen. Sie nicht abstrakt beklagen, sondern konkret nutzbar. Und seine vierte: Sie den Richtigen geben – denen, die etwas damit anfangen können.

An dieser Stelle ein Einschub, den ich mir als Kolumnist selten erlaube – ein Wort über das Medium, in dem Sie diesen Text lesen.

Das Ortenau Journal, für das ich diese Kolumne schreiben darf, hat Ende 2025 einen ungewöhnlichen Schritt getan: Es wurde gemeinnützig. Ein Online-Magazin, das sich freiwillig der Transparenz und dem Gemeinwohl verpflichtet. Kein Verlag im Rücken, kein Konzern, keine Werbeabteilung, die bestimmt, was geschrieben wird.

Wolfgang Huber, Chefredakteur, arbeitet nicht nur professionell – er arbeitet mit Leidenschaft. Und er finanziert diesen Journalismus zu einem erheblichen Teil aus eigener Kraft. Jeden Tag. Auch an Feiertagen.

Was macht das Netz daraus?

Unter dem Spendenaufruf – „Gutes tun und Steuern sparen! Unterstütze jetzt das gemeinnützige Ortenau Journal“ – kommentiert ein gewisser „Theo Torpedo“ auf Facebook: „Geht arbeiten!“

Genau, Theo. Du hast es verstanden. Auf Dich verzichten wir sogar als Leser.

Aber die anderen – die nachdenklichen, die neugierigen, die, die verstanden haben, dass unabhängige Information keine Selbstverständlichkeit ist – die überlegen vielleicht, ob sie diesen ernsthaften Journalismus nicht mit einem kleinen Obolus bedenken wollen.

Journalist Wolfgang Huber

Ortenau Journal-Chefredakteur Wolfgang Huber. Foto: Christian Ell

Brecht schrieb: „Die Wahrheit ist etwas Kriegerisches. Sie bekämpft nicht nur die Unwahrheit, sondern bestimmte Menschen, die sie verbreiten.“

Es gibt Leute, die verwechseln den Überbringer der Botschaft mit der Botschaft selbst. Die auf den Journalisten schimpfen statt auf den Missstand. Die den Boten erschießen wollen, weil ihnen die Nachricht nicht passt.

Das war 1935 so. Und das ist 2026 nicht anders. Nur die Waffen haben sich verändert: Aus Zensur wurde der Algorithmus. Aus dem Verbot wurde der Shitstorm.

Die fünfte Schwierigkeit: List

Brechts fünfter Punkt war die List. Die Klugheit, die Wahrheit so zu verpacken, dass sie an den Zensoren vorbeikommt.

Konfuzius fälschte Geschichtskalender, um die Herrschenden zu entlarven. Voltaire schrieb galante Gedichte, in denen er die Kirche zerlegte. Jonathan Swift schlug vor, man solle die Kinder der Armen schlachten und als Fleisch verkaufen – um die Denkfaulheit seiner Zeitgenossen zu entlarven.

Ich schreibe eine Osterkolumne über drei Hasen.

Die List des Jahres 2026 besteht darin, Wahrheiten in Geschichten zu verpacken, die man gerne liest. In einer Kolumne, die einen Tag nach dem 1. April erscheint – dem Tag, an dem niemand etwas glauben muss.

Kurioses aus der Nachbarschaft

Apropos Glaubwürdigkeit. Auch diesen Monat liefert die Ortenau Geschichten, die kein Satiriker erfinden könnte.

In Bad Peterstal-Griesbach hat Bürgermeister Meinrad Baumann die meisten Stimmen erhalten – obwohl er gar nicht kandidiert hat. 43 Prozent der Wähler schrieben seinen Namen auf den Stimmzettel. Demokratie kann auch ohne Kandidatur funktionieren.

In Obersasbach klingelte ein falscher Polizist an der Tür einer Seniorin und ließ sich Wertsachen aushändigen. Nichts sehen, nichts hören – und schon ist das Gold weg.

In Önsbach – ja, direkt vor meiner Haustür – stahlen Unbekannte acht Metallkreuze und Statuetten vom Friedhof. Auch in Renchen-Erlach und Seebach wurde geplündert. Abgesägte Kreuze, geraubte Madonnen. Bereits in der März-Kolumne musste ich darüber schreiben. Es hört nicht auf.

Und die Schwarzwald-Marie – Sie erinnern sich, die Ein-Millionen-Euro-KI, die einfache Fragen nicht beantworten kann – sucht jetzt einen Ehemann. Fans dürfen zwischen drei Playmobil-Männern wählen: Valentin, Jakob oder Hannes.

Playmobil-Figur Schwarzwald Marie

Die Schwarzwald Marie als Playmobil-Figur. Foto: Schwarzwald Tourismus GmbH

Manchmal schreibt das Leben bessere Pointen als jeder Kolumnist.

Auferstehung: 4. April, 14 Uhr, Kehl

Jetzt zu dem, was zählt.

Am Samstag, dem 4. April 2026, um 14 Uhr, beginnt auf dem Marktplatz an der Friedenskirche in Kehl der Ostermarsch 2026. Der Weg führt über die Europabrücke nach Strasbourg. Organisiert von der DFG-VK Regionalgruppe Mittelbaden und vielen weiteren Gruppen.

Ich werde dort sein. Als Pressevertreter und als Bürger.

Ostern feiert die Auferstehung. Die Überwindung des Todes. Die Hoffnung, dass nach dem Dunkelsten etwas Neues beginnt.

In einer Welt, in der der Ukraine-Krieg ins fünfte Jahr geht, in der die Straße von Hormus gesperrt ist, in der Raketen auf Städte fallen und Gräber geschändet werden – in dieser Welt ist der Ostermarsch kein nostalgisches Ritual. Er ist ein Bekenntnis.

Frieden ist der gemeinsame Nenner. Das einzige Thema, bei dem es keine Parteien geben sollte. Keine Lager. Keine Kommentarspalten-Krieger.

Nur Menschen, die über eine Brücke gehen. Von einem Land ins andere. Gemeinsam.

Ostermarsch Offenburg

Menschen wollen Frieden, wie hier beim Friedensspaziergang in Offenburg am 14. März 2026. Foto: Andreas Peter Geng

Auferstehung der drei Hasen

Ich schaue noch einmal auf meinen Schreibtisch. Die drei Hasen in ihren goldenen Eierschalen. Ohren zu. Augen zu. Mund zu.

Und ich denke: Das Original war richtig. Sich vom Bösen abwenden – das ist Weisheit. Aber sich von der Wahrheit abwenden – das ist Feigheit.

Auferstehung heißt: Augen auf. Hinschauen, auch wenn es wehtut. Die Rentnerin am Brotregal. Die Gräber in Önsbach. Die Kinder in der Ganztagsbetreuung, die ihre Eltern vermissen.

Auferstehung heißt: Ohren auf. Zuhören, auch wenn es unbequem ist. Dem Nachbarn, der Angst hat. Dem Journalisten, der Wahrheiten ausspricht. Dem Kind, das fragt: „Warum bist du nie da?“

Auferstehung heißt: Mund auf. Sagen, was gesagt werden muss. Auch am 1. April. Auch wenn es Mut braucht.

Bertolt Brecht wusste: „Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden.“

Konfuzius lehrte: Wende dich ab vom Bösen.

Christus sagte: Fürchtet euch nicht.

Drei Weisheiten. Drei Hasen. Eine Eierschale, die leuchtet.

Frohe Ostern, liebe Ortenau. Möge die Auferstehung in diesem Jahr nicht nur den Gläubigen gehören – sondern allen, die den Mut haben, hinzuschauen, hinzuhören und den Mund aufzumachen.

Frieden ist der Weg.

Quellen
Thema Quelle Datum
Drei Affen / Sanzaru – Mythologie Wikipedia / Tōshō-gū-Schrein Nikkō 17. Jh.
Bertolt Brecht: Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit Erstveröffentlichung „Unsere Zeit“, Paris 1935 April 1935
Sozialbetrug Lahr: 270.000 € Einnahmen, 70.000 € Betrug FOCUS / Hauptzollamt Lörrach März 2026
103 neue Ganztagsschulen BW, 22+ in der Ortenau baden.fm / Regierungspräsidium Stuttgart 12. März 2026
Ortenau Journal – Gemeinnützigkeit und Spendenaufruf ortenau-journal.de März 2026
BM Baumann: Gewählt ohne Kandidatur SWR Aktuell 9. März 2026
Falscher Polizist Obersasbach Badische Zeitung 12. März 2026
Friedhof-Diebstähle Önsbach/Renchen/Seebach Schwarzwälder Bote 20. März 2026
Schwarzwald-Marie heiratet Playmobil-Mann BNN 20. März 2026
Ostermarsch 2026 Kehl-Strasbourg Netzwerk Friedenskooperative / Weltladen Offenburg 4. April 2026

 

Andreas Peter Geng

Ortenau Journal-Kolumnist Andreas Peter Geng

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