Es ist der 5. Juni, 13:13 Uhr, kurz nach dem Frühstück. Mein Freund Peter Bergmann – Fotograf und aufmerksamer Beobachter des Renchtals – schickt mir heute Morgen eine kurze Nachricht: Er habe aus seinem Fenster geschaut und dort eine Wolke gesehen. Eine Cappuccino-Wolke. Cremig, rund, warm. Und plötzlich, mitten in all dem Weltenlärm, habe er einfach Lust auf einen Cappuccino gehabt. So beginnt der Juni in der Ortenau. Nicht mit Schlagzeilen. Nicht mit Tankstellenpreisen. Sondern mit einer Wolke.
Ich sitze in meinem Garten in Önsbach, Espresso in der Hand, Thuja und ein Bäumchen im Vordergrund, darüber genau diese Wolke. Cremig, rund, still. Und ich denke: Wann haben wir eigentlich verlernt, einfach mal zu schauen?
Bevor wir zu den großen Themen kommen – ein kurzer Spaziergang durch die deutsche Sprache, wie sie gerade geschrieben wird. Auf WhatsApp, in den sozialen Medien, in den Kommentarspalten lauert täglich das sprachliche Abenteuer. „Der wo das gesagt hat.“ „Da wo ich gestern war.“ „Ich geh jetzt dann mal gleich.“ Kommas? Braucht man net. Großschreibung? Nur wenn man laut schreien will. Der badische Dialekt hatte sein „der wo“ schon immer – das ist charmant und heimelig. Aber wenn das gesamte Deutsch der Gegenwart zu einem einzigen WhatsApp-Sticker verkommt, dann stimmt was nicht.

Ein Journalist, der heute keine Meinung haben darf, und ein Leser, der nicht mehr liest – das ist kein Kulturverfall. Das ist Schweigen auf Raten. Knoten in den Gedanken? Nun, dann der Reihe nach. Rechnen wir mal
Die Bundesregierung diskutiert gerade die sogenannte 21-10-0-Formel: Mehrwertsteuer rauf auf 21 Prozent auf Normalwaren, runter auf 10 Prozent auf Grundbedarf, null auf bestimmte Güter. Klingt ausgewogen. Klingt nach Reform. Klingt nach Hochmathematik.
Wenn die Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent steigt, klingt das harmlos. Aber die Steuer selbst erhöht sich damit um über zehn Prozent. Im Geldbeutel bedeutet das: Wer heute 100 € ausgibt, zahlt künftig 121 statt 119 €. Zwei Euro. Jedes Mal. Bei jedem Einkauf.
Die Gastronomie weiß davon ein Lied zu singen. Seit dem 1. Januar 2026 gilt endlich wieder der ermäßigte Satz von 7 Prozent auf Speisen – eine lange überfällige Korrektur. Und trotzdem: Laut einer ZEIT-Analyse gehen viele Restaurants immer noch pleite. Weil die Kosten gestiegen sind, bevor die Entlastung kam. Weil man nicht einfach per Formularbeschluss zurückrechnen kann, was jahrelang kaputt gemacht wurde.
Das Bundesfinanzministerium erwartet für 2026 Steuereinnahmen von 998,7 Milliarden Euro. Fast eine Billion. Und gleichzeitig: Unsicherheit beim Gas für den nächsten Winter, Lieferketten unter Druck wegen des Iran-Kriegs, Energiewende-Ziele, die laut Stromnetzbetreibern nicht erreichbar sind. Eine Cappuccino-Wolke, und darunter ein Land, das rechnet, rechnet, rechnet – und dabei vergisst zu schauen.

Der Irankrieg ist weit weg. Oder? Der Wirtschaftsverband wvib hat im Juni seine Mitglieder befragt. Ergebnis: Baden-Württembergs Industrie spürt die Folgen des Konflikts am Golf deutlich. Die Straße von Hormus – gesperrt oder eingeschränkt – trifft die Lieferketten direkt. Rohstoffe werden teurer. Vorprodukte kommen nicht an. Betriebe warten.
Das ist nicht abstrakt. Das ist der Maschinenbauer in Lahr, der auf Bauteile wartet. Es ist die Metallwerkstatt in Achern, die ihren Kunden absagen muss. Das ist die Tankstelle in Önsbach, an der man jetzt wieder zweimal hinschaut, bevor man volltankt.
Apropos Tanken: Der Tankrabatt kommt seit Mai endlich an. Diesel ist erstmals seit Monaten wieder billiger als Super E10. Eine Trendwende – wie lange sie hält, weiß niemand. Was ich weiß: Die Unsicherheit ist real. Und wer sagt, das berühre uns hier in der Ortenau nicht, der schaut nicht aus dem Fenster.
Ein Satz, der mich beschäftigt, seit ich ihn gelesen habe: Rheinmetall kennt keinen Fachkräftemangel. 300.000 Bewerbungen im vergangenen Jahr. 34.000 Beschäftigte. Neue Großaufträge. Laser-Licht-Module für das neue Sturmgewehr G95 der Bundeswehr. Am 3. Juni verkaufte Rheinmetall seine letzten zivilen Sparten – der Konzern ist jetzt fast ausschließlich Rüstungsunternehmen.
Während anderswo Betriebe händeringend Fachkräfte suchen, kann sich die Waffenindustrie vor Bewerbungen nicht retten. Ich sage das ohne Verurteilung. Ich sage es als Beobachtung. Jeder Mensch muss selbst wissen, wo er arbeitet, und jede Familie muss selbst entscheiden, womit sie ihr Brot verdient.
Aber die Frage darf gestellt werden: Wenn Rüstung der einzige Wachstumsmarkt ist, in dem Fachkräftemangel kein Thema ist – was sagt das über den Zustand unserer Gesellschaft? Heiligt der Zweck die Mittel? Und wollen wir das wirklich – als Gesellschaft, als Region, als Menschen? Ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl. Mehr nicht.

Und dann ist da noch etwas, das mich als Kolumnist persönlich betrifft. Wir leben in einer Zeit, in der manche Journalisten glauben, bestimmte Dinge nicht mehr schreiben zu dürfen. Nicht weil es ein Gesetz verbietet – sondern weil der gesellschaftliche Druck so groß geworden ist, dass Selbstzensur das Ergebnis ist. Wer die falsche Meinung hat, wird nicht widerlegt. Er wird beschwiegen, belächelt oder gelöscht. Das ist ein gefährliches Pflaster.
Guter, unabhängiger Journalismus kostet Geld. Er kostet Zeit, Recherche, Mut und manchmal auch Nerven. Das Ortenau Journal von Wolfgang Huber ist gemeinnützig. Die Regio-Ortenau ist ein lokales Magazin ohne Konzernrücken. Diese Leute machen Journalismus, weil sie es für wichtig halten – nicht weil es sich rechnet.
Und trotzdem: In einer Welt, in der man glaubt, alles gratis zu bekommen, fragt kaum jemand, wer dafür bezahlt. Wer nichts zahlt, bekommt am Ende Inhalte, die jemand anderes finanziert hat. Mit Interessen, die man vielleicht nicht kennt. Gute Information hat einen Preis. Das ist kein Jammern. Das ist Mathematik.
Jetzt aber das Schöne. Das Wichtige. Das, wofür man in der Ortenau lebt. In Ottenhöfen drehen sich wieder die Wasserräder. Seit über zehn Jahren restauriert die ehrenamtliche Gruppe „Mühlenbau 2.0″ historische Mühlen im Achertal. Mit handwerklichem Können, Eigeninitiative und unzähligen Arbeitsstunden. Das Wasserrad an der Hammerschmiede läuft wieder. Matthias Rohrer, der das Ortenau Journal über diese Arbeit informierte, sagte kein Wort über Förderprogramme, Konzepte oder Strategiepapiere. Er sagte: Wir machen das, weil es wichtig ist.
Gleichzeitig: Die Rebenblüte rund um Offenburg bricht alle Rekorde. So früh wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen 1959 ist die Blüte abgeschlossen. Greifen die 100-Tage-Regel und der Klimawandel-Kalender, könnte die Weinlese bereits Ende August beginnen. Eine historische Frühlese – direkt vor unserer Haustür.
Und in Offenburg spielt bald Zipflo Reinhardt – Jazzgeiger, Wurzeln in der legendären Reinhardt-Dynastie, virtuose Improvisationen im Jergerheim in Hildboltsweier. Für alle, die mal wieder Musik brauchen, die nicht aus dem Handy kommt.

Der Kehler Messdi hat in diesem Jahr 145.000 Besucher gezählt. Weniger als im Vorjahr – die Eisheiligen haben die Stimmung getrübt. Aber 145.000 Menschen, die gemeinsam feiern, trinken, lachen. Das ist auch Ortenau. Das ist auch Deutschland. Wir sind gut darin, Probleme zu benennen. Wir sind weniger gut darin, sie loszulassen – auch nur für zehn Minuten.
Können Deutsche nichts tun? Können Ortenauer einfach mal pausieren? Ich glaube: Ja. Aber man muss es üben. Peter Bergmann hat es heute Morgen geschafft. Er hat aus dem Fenster geschaut. Eine Wolke gesehen. Cappuccino gedacht. Pause gemacht. Das ist kein Eskapismus. Das ist Überlebensstrategie.
Ich trinke meinen Espresso aus. Die Thuja bewegt sich leicht im Juniwind. Das Bäumchen daneben – ich kenne seinen Namen nicht, aber es wächst jedes Jahr ein bisschen mehr. Die Cappuccino-Wolke ist längst weitergezogen. Irgendwo über dem Renchtal, über den Weinbergen bei Durbach, über den Mühlen in Ottenhöfen. Deutschland ist getrieben. Von Nachrichten, von Zahlen, von Angst. Das ist real. Das darf man nicht wegdiskutieren.
Aber hier, in diesem kleinen Landstrich zwischen Schwarzwald und Rhein, drehen sich noch Wasserräder. Wächst die Rebe so früh wie nie. Spielt ein Jazzgeiger, dessen Großvater schon Saiten zum Klingen brachte. Das ist die Ortenau. Das ist auch Deutschland. Das andere Deutschland. Das, das aus dem Fenster schaut. Und manchmal einfach Lust auf einen Cappuccino hat.

Fotos: Andreas Peter Geng (KI)
Quellen
| Thema | Quelle | Datum |
| Cappuccino-Wolke / Foto-Impuls | Peter Bergmann, Fotograf, Renchtal | 5. Juni 2026 |
| 21-10-0-Formel Mehrwertsteuer | Futurezone / Merkur | 21. Mai 2026 |
| Gastro-MwSt 7% seit Januar 2026 | food-service.de / ZEIT | Mai 2026 |
| Steuereinnahmen 998,7 Mrd. € | Bundesfinanzministerium | 7. Mai 2026 |
| Lieferketten unter Druck / Irankrieg | wvib / Ortenau Journal | Juni 2026 |
| Tankrabatt wirkt – Spritpreise sinken | ADAC / WiWo | 1. Juni 2026 |
| Energiewende-Ziele nicht erreichbar | Handelsblatt | 4. Juni 2026 |
| Rheinmetall: 300.000 Bewerbungen | ZEIT | 12. Mai 2026 |
| Rheinmetall verkauft zivile Sparten | Rheinmetall / Stern | 3. Juni 2026 |
| Mühlenbau 2.0 Ottenhöfen | Ortenau Journal / Nicole Zscherneck | Juni 2026 |
| Rebenblüte Rekord Offenburg | Badische Zeitung | 1. Juni 2026 |
| Zipflo Reinhardt Konzert Offenburg | Ortenau Journal | 13. Juni 2026 |
| Kehler Messdi 145.000 Besucher | Stadtanzeiger Ortenau | 20. Mai 2026 |
| Psychische Gesundheit / Therapeutenmangel Ortenau | Badische Zeitung | 27. Mai 2026 |
| Polit-Splitter Ortenau | Ortenau Journal | Juni 2026 |

Ortenau Journal-Kolumnist Andreas Peter Geng
Weitere Kolumnen von Andreas Peter Geng:
ANZEIGE