Arbeitswelt

Plötzlich Führungskraft: Warum gute Führung nicht mit der neuen Position, sondern im Kopf beginnt

© Magnific – Mitarbeitergespräche gehören zu den Kernaufgaben von Führungskräften.
Eine Beförderung bringt neue Verantwortung – aber nicht automatisch die Sicherheit, die es für gute Führung braucht. Wer plötzlich ehemalige Kollegen führen soll, steht schnell vor schwierigen Gesprächen und Entscheidungen. Dabei entscheidet sich Führung oft schon, bevor überhaupt ein Wort gefallen ist: an der eigenen Haltung und dem Bild, das man sich vom Gegenüber macht. Klarheit und Wertschätzung müssen dabei kein Widerspruch sein. Gastautorin Petra Rinklin debütiert im Ortenau Journal.
Von Petra Rinklin

Montagmorgen, kurz nach acht. Der Kaffee steht unberührt auf dem Schreibtisch. In einer Stunde wird er das immer noch tun, nur kälter. Das Postfach ist gut gefüllt, vor der Tür wartet schon der erste Mitarbeiter mit einer Frage.

Seit ein paar Wochen ist da diese neue Position und mit ihr die Verantwortung für Menschen, mit denen man gestern noch in der Kaffeeküche stand. Man war Teil des Teams. Das ist man zwar immer noch und doch gefühlt irgendwie anders. Eine Gebrauchsanweisung lag der Beförderung allerdings nicht bei. Die neuen Visitenkarten schon.

Man beherrschte seinen Job und genau deshalb fiel die Wahl auf einen selbst. Nun reicht es nicht mehr, die eigene Arbeit gut zu machen. Jetzt geht es um andere Menschen. Und manchmal um Gespräche, auf die man sich deutlich weniger freut als auf die Beförderung selbst.

Ein Gespräch, das im Kopf längst eskaliert war

Vor einiger Zeit rief mich ein junger Mann an, der seit Kurzem einen Bereich leitet. Sein Auftrag war: die Büroabläufe neu ordnen. Drei Kolleginnen hatten bislang vieles parallel erledigt, künftig gab es klare Zuständigkeiten.

Auf dem Papier klingt das ausgesprochen vernünftig. Dann kommen die Menschen dazu. Für eine langjährige Mitarbeiterin hieß das, eine Aufgabe abzugeben, die sie seit Jahren mehr oder weniger gut betreute. Was des Öfteren zu Unstimmigkeiten führte. Stattdessen sollte sie das Kundentelefon übernehmen. Die Entscheidung stand. Offen war nur, wie er die Nachricht überbringt.

Bisher nur im Kopf

„Wie soll ich ihr das sagen?“, fragte er. „Die springt mir doch ins Gesicht.“ Ich musste schmunzeln. Nicht über seine Sorge – die war berechtigt. Sondern darüber, dass dieses Gespräch bisher nur in seinem Kopf stattgefunden hatte. Und dort war es erstaunlich schlecht verlaufen. Inklusive knallender Tür.

Foto: asier_relampagoestudio/Magnific

Statt an Formulierungen zu feilen, fragte ich: „Mit welcher Haltung gehst du gerade in dieses Gespräch?“ Wer überzeugt ist, dass das Gegenüber sofort in den Widerstand geht, verhält sich entsprechend verkrampft. Man wird belehrend oder hält einen Vortrag, wo drei Sätze gereicht hätten, oder wird unnötig hart. Am Ende provoziert man damit genau die defensive Haltung und die negative Reaktion, die man eigentlich vermeiden wollte.

Derselbe Mensch, ein anderer Blick

Meine zweite Frage: „Wo liegen ihre Stärken?“ Die Antwort kam ohne Zögern: „In der Kommunikation.“ Der erste Eindruck eines Unternehmens entsteht selten beim Geschäftsführer. Er entsteht am Telefon, mit einem einzigen Satz: „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“ Wer ihn sagt, ist in diesem Moment die Stimme des ganzen Hauses und zugleich sein Aushängeschild. An der Entscheidung änderte das nichts. Doch der junge Teamleiter ging nicht mehr in ein Gespräch, um ihr etwas wegzunehmen. Er ging hinein mit Klarheit in der Sache und echtem Respekt vor dem, was diese Frau mitbringt.

Dahinter steckt mehr als Gesprächstaktik: Menschen ticken unterschiedlich. Ein Detailmensch blüht im Controlling auf und quält sich in der Projektentwicklung, beim Visionär ist es genau umgekehrt. Das sind keine Launen, sondern innere Filter. Führungskräfte, die sie kennen, setzen Menschen dort ein, wo ihnen die Arbeit liegt. Wer gern zur Arbeit geht, fällt seltener aus. Und erzählt beim Grillen, dass er sein Unternehmen richtig gut findet. Eine bessere Stellenanzeige gibt es kaum.

Was vor dem Gespräch passiert

Führung beginnt lange vor dem ersten gesprochenen Satz. Sie beginnt mit dem Bild, das wir uns vom Gegenüber machen. Sehe ich eine schwierige Mitarbeiterin? Oder einen Menschen mit Erfahrung und eigener Sicht auf die Veränderung?

Das ist kein Kuschelkurs. Führung heißt, zu entscheiden und auszusprechen, was nicht funktioniert. Klarheit und Wertschätzung schließen sich dabei nicht aus. Wer klar führt, muss nicht hart werden. Hilfreich ist eine ehrliche Frage an sich selbst: Welche Geschichte erzähle ich mir über mein Gegenüber, bevor wir überhaupt miteinander gesprochen haben?

Eine Position kann ein Unternehmen vergeben. Einen Titel kann man auf eine Visitenkarte drucken. Führung entsteht in der Begegnung mit Menschen. Manchmal beginnt sie mit einem ganz einfachen Satz: „Erzähl mal. Wie siehst du das?“

Hier geht´s zur Website von Petra Rinklin: WERTvoll-Coaching

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