Es gibt einen Satz, den ich in meiner Zeit als Ausbildungsbegleiterin so oft gehört habe, dass er mir irgendwann wie eine Formel vorkam. Er fiel in Gesprächen mit Lehrkräften, manchmal auch mit Ausbildern, und er lautete sinngemäß: Sie müssten sich eben mehr anstrengen. Vor mir saß damals eine kleine Gruppe junger Frauen in einer kaufmännischen Ausbildung, mit mehreren Fünfen im Zeugnis.
Der Satz legte die Verantwortung dorthin, wo sie am wenigsten hingehörte. Er machte aus einer strukturellen Überlastung ein persönliches Defizit. An dieser Verschiebung entscheidet sich, ob Ausbildungsbegleitung als milde Nachhilfe missverstanden oder als das begriffen wird, was sie ist: eine Korrektur an den Bedingungen selbst.
Der erste Reflex, wenn junge Menschen in der Ausbildung scheitern, ist die Suche nach der individuellen Ursache. Diese Person war zu faul, jene hat einfach den falschen Beruf gewählt. Was dieser Reflex übersieht, ist die schiere Größenordnung des Problems.

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Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung wurden im Berichtsjahr 2023 rund 158.000 Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst, das entspricht einer Vertragslösungsquote von 29,7 Prozent. Fast jeder dritte Vertrag. Eine Quote in dieser Höhe lässt sich nicht mehr als Summe individueller Charakterschwächen erklären. Wenn ein Muster derart verbreitet ist, liegt der Verdacht nahe, dass nicht die Menschen versagen, sondern die Struktur, in der sie sich bewegen.
Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die in der öffentlichen Debatte oft untergeht. Eine Vertragslösung bedeutet nicht immer einen Abbruch, denn ein Teil der jungen Menschen wechselt nur die Ausbildungsstätte und macht anderswo weiter. Das entlastet die Betriebe nicht, an denen die Auflösungen sich häufen. Es verschiebt die Frage nur: Warum verlassen so viele einen konkreten Ausbildungsplatz, und was sagt das über die Bedingungen dort aus?
Bei dieser Gruppe war die Antwort auf diese Frage keine Vermutung, sondern Alltag. Die Arbeitstage waren lang, oft bis in den Abend, dazu kam regelmäßig der Samstag. Und danach sollten die jungen Frauen noch für die Berufsschule lernen. Wer diese Rechnung aufmacht, erkennt schnell, dass hier zwei Vollzeitanforderungen um dieselbe erschöpfte Person konkurrieren. Die betriebliche Realität fraß die Zeit auf, die das Lernen gebraucht hätte.
Die Forschung kennt dieses Muster. Das Bundesinstitut für Berufsbildung nennt als typische Gründe für vorzeitige Vertragslösungen ausdrücklich eine mangelhafte Ausbildungsqualität sowie Arbeitsbedingungen wie unbezahlte Überstunden und ungünstige Arbeitszeiten. Die Betonung liegt hier auf der betrieblichen Seite, nicht auf der Person der Auszubildenden.

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Eine viel beachtete Studie des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen aus dem Jahr 2016 kommt zu einem verwandten Befund. Sie benennt Konflikte, die aus misslungener Kommunikation zwischen Auszubildenden und Betrieben entstehen, als einen der Hauptgründe für Abbrüche. Nicht mangelnder Wille also, sondern ein Beziehungsgefüge, das nicht funktioniert.
Zur Vorsicht gehört dabei eine Ehrlichkeit, die auch die Fachleute selbst anmahnen. Die direkte Frage nach Gründen ist noch keine Ursachenanalyse, weil dabei immer die Gefahr nachträglicher Rechtfertigungen und wechselseitiger Schuldzuschreibungen besteht. Diese Warnung schneidet in beide Richtungen. Sie mahnt auch mich zur Zurückhaltung, wenn ich aus einem einzelnen Fall auf das Ganze schließe. Aber sie trifft vor allem den Satz von der mangelnden Anstrengung. Er ist selbst eine solche Schuldzuschreibung, nur mit dem Anspruch auf Objektivität versehen.
An dieser Stelle reicht die empirische Beschreibung nicht mehr aus. Sie sagt, dass die Bedingungen schlecht waren. Sie erklärt aber noch nicht, warum schlechte Bedingungen so tief in das Selbstbild junger Menschen eingreifen. Dafür braucht es einen theoretischen Begriff.
Ich finde ihn bei dem Sozialphilosophen Axel Honneth. In seinem Werk „Kampf um Anerkennung“ entwickelt er den Gedanken, dass Menschen ein positives Verhältnis zu sich selbst nicht aus sich allein gewinnen, sondern in der Erfahrung, von anderen anerkannt zu werden. Selbstvertrauen und Selbstachtung sind bei ihm keine inneren Besitztümer, sondern Ergebnisse gelingender sozialer Beziehungen. Wo diese Anerkennung ausbleibt, spricht Honneth von Missachtung. Und Missachtung bleibt nicht folgenlos für das Bild, das ein Mensch von sich selbst hat.

Anerkennung ist bei der Arbeit unabdingbar. Foto: Magnific
Wenn man diesen Gedanken auf die Ausbildungssituation legt, wird sichtbar, was in einem Betrieb geschieht, der junge Menschen als billige Arbeitskraft behandelt und ihre Lernbedürfnisse ignoriert. Es ist nicht nur eine organisatorische Nachlässigkeit. Es ist eine Form der Missachtung. Die jungen Frauen erfuhren Tag für Tag, dass ihre Ausbildung nachrangig war und ihre Erschöpfung nicht zählte.
Nach Honneth greift eine solche Erfahrung das Selbstverhältnis an. Die schlechten Noten waren dann nicht die Ursache des Problems, sondern sein Symptom. Sie waren der sichtbare Niederschlag einer unsichtbaren Kränkung. Das erklärt auch, warum reine Nachhilfe nicht genügt hätte. Man kann einer Person Rechnungswege beibringen, solange man will. Wenn sie zugleich verinnerlicht hat, dass sie ohnehin die Versagerin ist, an der alles hängt, wird das Wissen sie nicht tragen. Der Stoff braucht ein Fundament, und dieses Fundament ist der Glaube, überhaupt bestehen zu können.
Für dieses Fundament gibt es ebenfalls einen Begriff. Der Psychologe Albert Bandura hat den Gedanken der Selbstwirksamkeit geprägt, also die Überzeugung einer Person, eine schwierige Aufgabe aus eigener Kraft bewältigen zu können. Bandura zeigt, dass diese Überzeugung darüber mitentscheidet, wie viel Anstrengung jemand investiert und wie lange er bei Widerständen durchhält. Wer nicht glaubt, es schaffen zu können, gibt früher auf, und zwar nicht aus Faulheit, sondern aus einer nachvollziehbaren Ökonomie der Enttäuschungsvermeidung.
Von hier aus verstand ich meine Aufgabe neu. Für den fachlichen Teil organisierte ich eine ehemalige Lehrerin als Nachhilfe, die den Auszubildenden das Prüfungsrelevante beibrachte. Der eigentliche Kampf aber fand auf der anderen Ebene statt. Wir hatten wöchentliche Krisengespräche, weil die Motivation weg war und die Noten am Boden.
In diesen Gesprächen ging es selten um Lernstoff. Es ging darum, die Selbstwirksamkeit Stück für Stück wieder aufzubauen, die der Betrieb und die entmutigenden Rückmeldungen abgetragen hatten. Ich war in diesen Wochen oft diejenige, die den Glauben an das Bestehen hochhielt, wenn er auf der anderen Seite verloren gegangen war. Man könnte mit Bandura sagen, dass genau das die Bedingung dafür ist, dass Anstrengung überhaupt wieder in Gang kommt.

Krisengespräche gehören zum Alltag einer Ausbildungsberaterin. Foto: Magnific
An dieser Stelle muss ich gegen mich selbst denken. Denn was ich eben als Erfolg beschrieben habe, lässt sich auch anders lesen. Der Philosoph Michel Foucault hat gezeigt, dass moderne Macht selten mit Zwang arbeitet. Sie wirkt subtiler, indem sie auf die Selbstführung der Menschen zielt und ihr Verhalten über ihre eigenen, scheinbar freien Entscheidungen lenkt.
Der Soziologe Ulrich Bröckling hat das zugespitzt und vom unternehmerischen Selbst gesprochen, jenem Subjekt, das unablässig an sich arbeitet und die Verantwortung für sein Gelingen ganz bei sich selbst verortet. Aus dieser Perspektive gerät meine eigene Arbeit in ein zweifelhaftes Licht.
Denn was habe ich in den Krisengesprächen eigentlich getan? Ich habe junge Frauen befähigt, ein System auszuhalten, das sie überfordert hat. Habe ich ihnen geholfen, sich anschlussfähig zu machen an genau die Bedingungen, die krank machen? Wo Bandura sagt, der Glaube an die eigene Kraft sei die Bedingung des Bestehens, ließe sich einwenden, dass ebendieser Appell die Verhältnisse entlastet.
Wenn die Auszubildende lernt, an sich zu arbeiten, muss der Betrieb seine Arbeitszeiten nicht ändern. Die Begleiterin wird dann zum Reparaturbetrieb einer Zumutung, und ihre Menschlichkeit stabilisiert das Unrecht, statt es zu beseitigen. Das ist kein bequemer Gedanke. Aber er ist ernst zu nehmen.
Ich löse diesen Widerspruch nicht auf, indem ich den Einwand wegschiebe. Er hat etwas für sich. Selbstwirksamkeit zu stärken, ohne die Bedingungen anzutasten, wäre tatsächlich nur eine elegantere Form, den Menschen die Last allein tragen zu lassen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob die Begleitung dabei stehen bleibt. Wer einer jungen Frau hilft, an sich zu glauben, und zugleich über den Betrieb schweigt, der sie überlastet, bestätigt den Verdacht.
Wenn dieselbe Begleitung aber sichtbar macht, dass die Bedingungen das Problem sind, und auf ihre Veränderung dringt, dann kippt sie von der Anpassung zur Kritik. Selbstwirksamkeit ist dann nicht das Ziel, sondern das Mittel, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben, während man den Rahmen angreift. Genau an dieser Nahtstelle entscheidet sich, was Ausbildungsbegleitung ist.
Man könnte einwenden, dass dies alles nur mein persönlicher Zugang war, eine Frage des Engagements. Doch die Struktur, in der ich arbeitete, ist längst als notwendige Antwort auf das Problem erkannt. Instrumente wie die Assistierte Ausbildung verbinden fachliche Förderung ausdrücklich mit einer kontinuierlichen sozialpädagogischen Begleitung, damit die Jugendlichen ihre Ausbildung erfolgreich abschließen können. Der Gesetzgeber und die Bundesagentur für Arbeit haben also anerkannt, dass fachliche Unterstützung allein nicht reicht. Die psychosoziale Stabilisierung ist kein Zusatz, sondern Teil des Konzepts. Sie bleibt aber nur dann Kritik und wird nicht zur bloßen Anpassung, wenn sie den Rahmen mitverändert, statt allein die Menschen an ihn zu gewöhnen.
Ende April war mein letzter Arbeitstag. Ich ging mit einem schlechten Gewissen, weil ich die Gruppe mitten in der Prüfungsvorbereitung zurückließ. Kurz darauf erreichte mich die Nachricht: Alle haben bestanden. Ich habe das Ergebnis nicht mehr im Betrieb erlebt, und trotzdem kam es an.

Prüfungen bedeuten für Azubis oft Stress. Foto: Magnific / tonodiaz
Junge Frauen, die als hoffnungslose Fälle galten, haben bestanden, sobald sich die Bedingungen um sie herum verändert haben. Nicht sie waren das Problem. Das Verhältnis aus Berufsschule und Betrieb hatte ihnen mehr abverlangt, als unter diesen Umständen zu leisten war. Als die Rahmenbedingungen korrigiert und der Glaube an ihre Fähigkeiten wiederhergestellt wurde, konnten sie zeigen, was ohnehin in ihnen steckte.
An dieser Stelle sollte man nicht zu schnell erleichtert sein. Denn die eigentlich beunruhigende Frage stellt sich erst jetzt. Was ist mit denen, bei denen niemand da war? Diese Gruppe hatte das Glück, dass jemand die Bedingungen für sie gedreht hat. Aber ein Bildungssystem, in dem der Abschluss davon abhängt, ob zufällig eine engagierte Person auftaucht, ist kein gerechtes System, sondern eine Lotterie. Wenn dieselbe Vertragslösungsquote Jahr für Jahr auf hohem Niveau verharrt, dann heißt das, dass es überall diese jungen Menschen gibt, und dass bei den meisten von ihnen eben niemand da war. Der einzelne Rettungsfall ist deshalb kein Grund zum Feiern, sondern der Beleg für ein strukturelles Versäumnis. Er zeigt, was möglich wäre, wenn die Unterstützung nicht vom Zufall abhinge, sondern zum Rahmen selbst gehörte.
Diese Korrektur ist keine Leistung einer einzelnen Person. Ausbildungsbegleitungen, Lehrkräfte, Sozialpädagog:innen, Ausbilder:innen und Betriebe bilden zusammen das System, in dem eine Ausbildung gelingt oder scheitert. Sie alle gestalten den Rahmen mit, in dem junge Menschen lernen. Wenn dieser Rahmen so gebaut ist, dass Erschöpfung, Entmutigung und widersprüchliche Anforderungen die Regel sind, dann scheitern nicht die Auszubildenden, dann scheitert der Rahmen.
Ist er so gestaltet, dass Zeit zum Lernen, fachliche Unterstützung und Anerkennung zusammenkommen, dann führt er die Auszubildenden ans Ziel. Nicht der einzelne Wille entscheidet über den Abschluss, sondern die Bedingungen, die alle Beteiligten gemeinsam herstellen. Genau deshalb ist Ausbildungsbegleitung keine nette Zusatzleistung. Sie ist der Ort, an dem die Verantwortung dorthin zurückgelegt wird, wo sie hingehört, in das System selbst.
Zahlen und Befunde zu Vertragslösungen: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2025 sowie 2021. Studie zu Abbruchursachen: Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI), Reden ist Gold, 2016. Theorie: Axel Honneth, Kampf um Anerkennung (1992); Albert Bandura, Self-Efficacy (1997); Michel Foucault, Die Gouvernementalität (2000); Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst (2007).

Ortenau Journal-Gastautorin Nicole Eppie Wagner
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