Arbeitswelt

Strukturelle Armut – Wenn Stärke zur Last wird: Die Realität vieler alleinerziehender Mütter in Deutschland

© prostooleh/freepik – Alleinerziehende Mütter werden vom System vernachlässigt.
Armut hat viele Gesichter – eines davon schläft Nachts auf dem Sofa im Wohnzimmer. In ihrem Essay erzählt Sozialpädagogin Nicole Eppie Wagner die Geschichte alleinerziehender Mütter und stellt eine unbequeme Frage: Warum bewundern wir Frauen für ihre Stärke, wenn diese Stärke oft nur das Aushalten struktureller Benachteiligung bedeutet? Zwischen Armutsrisiko, Care-Arbeit und gesellschaftlichen Erwartungen zeichnet sie das Bild eines Systems, das Verantwortung den Müttern zuschiebt.
Von Nicole Eppie Wagner

Sie schlief im Wohnzimmer. Alleinerziehend, zwei Kinder. Die Wohnung war nicht zu klein, es hätte durchaus ein Zimmer für sie gegeben, aber die Kinder sollten eines haben, und so kam sie zuletzt, wie bei den meisten Dingen, die mit ihr selbst zu tun hatten. Abends klappte sie das Sofa auf und morgens schob sie es wieder zusammen. Ein eigenes Bett besaß sie nicht, und das schien ihr selbstverständlich.

Ich erzähle von einer Frau, aber ich könnte von sehr vielen Frauen erzählen. Damals dachte ich aus meiner sozialpädagogischen Sicht, ich müsse etwas lösen. Ich wollte ihr bei einem Antrag helfen, vielleicht eine Stelle finden, und mich um die Betreuung der Kinder kümmern. Das war es, was ich gelernt hatte: an einem Fall zu arbeiten, die Ressourcen einer Person zu erschließen und sie dadurch zu stärken. Ich fragte, wie sie aus ihrer Lage herauskommt.

Mit Organisationstalent bewältigen

Heute weiß ich, dass schon die Frage falsch war, denn ich hätte fragen müssen, warum ein System diese Lage überhaupt produziert und sie dann der Einzelnen überlässt, als wäre sie eine private Angelegenheit, die man mit genug Organisationstalent bewältigt. Die Hilfe am Einzelfall ist nicht falsch, aber sie hat eine Grenze, die ich lange übersehen habe. Bleibt sie das Einzige, bestätigt sie leise genau das, was sie eigentlich bekämpfen will, nämlich die Annahme, die Lösung liege bei der Frau, wenn man sie nur richtig unterstützt. Und schiebt die Verantwortung zurück an einen Ort, an den sie nicht gehört.

Foto: Hallmackenreuther/pixabay

Mangel an Geld und an Zeit

Nancy Fraser hat beschrieben, dass Ungerechtigkeit selten nur eine Sache ist. Sie wirkt auf zwei Ebenen zugleich. Materiell, als Mangel an Geld und an Zeit und am Gefühl, abgesichert zu sein. Und kulturell, als ein Blick, der das Falsche sieht oder gar nichts. Das Besondere ist, wie diese beiden Ebenen einander halten. Wer wenig hat und dafür auch noch bewundert wird, gerät in eine Lage, aus der heraus sich kaum protestieren lässt. Wogegen denn auch, wenn das eigene Aushalten als Tugend gilt? Die Frau im Wohnzimmer war arm, und sie galt als stark. Stärke ist hier kein harmloses Lob. Sie ist der Name, den wir einer Benachteiligung geben, damit wir sie nicht ändern müssen.

Das System geht nicht auf

In meiner Arbeit begegnen mir viele solcher Frauen. Sie arbeiten und ziehen die Kinder groß, beides zur selben Zeit, und niemand löst sie ab. Trotzdem reicht es nicht. Man könnte meinen, sie täten zu wenig, dabei ist das Gegenteil der Fall. Was sie tun, findet in einem System statt, das für sie nicht aufgeht. Diese Frauen scheitern nicht an sich. Sie arbeiten unter Bedingungen, unter denen niemand bestehen könnte.

Alleinerziehende Mütter gelten in Deutschland als Risikogruppe. Das stimmt, und doch verschleiert das Wort mehr, als es erklärt. Es klingt, als wäre etwas schiefgegangen, ein Unglück, das man so nicht hätte vorhersehen können. Dabei ist ihre Situation kein Ausrutscher, sondern das vorhersehbare Ergebnis von Entscheidungen, die nie für sie getroffen wurden, denn das Steuerrecht begünstigt Ehepaare und lässt Alleinerziehende stehen, und die Betreuungszeiten orientieren sich an einer Vollzeitstelle mit verlässlichen Bürozeiten. An einem Leben also, das die wenigsten dieser Frauen führen.

Erwerbsarbeit schützt nicht vor Armut

Vier von zehn alleinerziehenden Familien sind armutsgefährdet1. Das ist keine Randnotiz, sondern die am stärksten betroffene Familienform im Land, seit Jahren stabil, ohne dass sich grundlegend etwas bewegt. Daneben steht eine Zahl, die das Klischee zerlegt: 72 Prozent der alleinerziehenden Mütter sind erwerbstätig2. Sie arbeiten also, und sie sind nicht die Frau, die sich auf Kosten anderer einrichtet. Trotzdem reicht es nicht, weil Erwerbsarbeit vor Armut nur dann schützt, wenn die Bedingungen stimmen, die diese Arbeit überhaupt erst tragen. Arbeit ist in diesem Land das große Versprechen: Wer arbeitet, kommt durch. Bei alleinerziehenden Müttern bricht dieses Versprechen, und es bricht nicht an ihnen.

Alleinerziehende Frauen arbeiten überwiegend. Foto: freepik

Frauen landen in unregelmäßigen Jobs

Eine Mutter, die arbeiten will, braucht Betreuung für die Zeit, in der sie arbeitet. Diese Betreuung kostet, und sie wird umso teurer, je weniger die Arbeitszeiten in das öffentliche Angebot passen. Dies ist gerade in den schlecht bezahlten und unregelmäßigen Jobs der Fall, in denen viele dieser Frauen landen. Die Frühschicht beginnt, bevor die Kita öffnet, und die Spätschicht endet lange nach ihrer Schließung. Um die zusätzliche Betreuung zu bezahlen, muss sie also mehr arbeiten, was wiederum den Betreuungsbedarf erhöht.

Schwerer zu beziffern als Geld

Dieser Kreis schließt sich nicht zufällig, sondern weil keine der Stellschrauben, an denen er hängt, je so eingestellt wurde, dass er sich öffnen würde. Wer fünf Jahre in dieser Logik lebt, verlässt sie nicht einfach, wenn das Kind älter wird. Was sich in diesen Jahren verändert, lässt sich schwerer beziffern als Geld. Es ist die Vorstellung davon, was überhaupt noch möglich ist. Der Horizont schrumpft leise mit, ohne dass es je einen Moment gäbe, in dem man sich entschieden hätte, kleiner zu denken. Irgendwann fragt man nicht mehr, was man will, sondern nur noch, was sich ausgeht.

Aufhören, die Lage als eigenes Versagen zu nehmen

Und doch ist dieser Kreis kein Schicksal, denn es gibt Frauen, die ihn durchbrechen. Sie nehmen die Ausbildung an und fordern die Betreuung ein, die ihnen zusteht, und sie hören auf, ihre Lage als eigenes Versagen zu nehmen. Dann geschieht etwas Merkwürdiges. Diese Frauen werden nicht zufriedener, sondern lauter. Sie stellen Ansprüche, wo vorher Dankbarkeit von ihnen erwartet wurde, und genau in diesem Moment gelten sie dem System nicht mehr als Erfolg, sondern als Problem. Wer sich fügt, gilt als stark, und wer dagegen aufbegehrt, wird schnell als anstrengend empfunden. So legt dieselbe Struktur, die Frauen in die Erschöpfung treibt, der einzigen Tür nach draußen die soziale Missbilligung in den Weg.

Mehr Sorgearbeit als alleinerziehende Väter

Und dann ist da noch jemand, über den kaum gesprochen wird. Der Vater. Nicht anklagend, sondern als Frage ans System. Alleinerziehende Mütter leisten im Wochenschnitt über fünfzehn Stunden mehr Sorgearbeit als alleinerziehende Väter, so das Statistische Bundesamt, und verfügen gleichzeitig über knapp sechshundert Euro weniger netto im Monat3. Das ist dieselbe Medaille, nur von der anderen Seite gelesen. Das System, das Mütter in die Sorgearbeit hineinzieht, lässt Väter gleichzeitig aus ihr heraus.

Väter leisten weniger Sorgearbeit als Mütter. Foto: TungArt7/pixabay

Dahinter steckt keine individuelle Bosheit und meist nicht einmal eine bewusste Wahl, sondern eine Logik, die beide Seiten formt, ohne dass die Beteiligten sie als Logik erkennen. Der Mann, der weniger Sorgearbeit leistet und mehr verdient, fühlt sich deshalb nicht als Profiteur, sondern als jemand, der seinen Teil tut. Genau darin liegt die Wirksamkeit der Struktur, dass sie sich nicht als Struktur zeigt, sondern als Normalität, in der jeder das Seine zu tun glaubt.

Weiterbildung verschiebt sich

Was daraus über die Jahre wird, zeigt sich nicht in einem einzelnen Moment, sondern in einer Abwesenheit. Mütter erwirtschaften im Lauf ihres Erwerbslebens, je nach Kinderzahl, zwischen vierzig und siebzig Prozent weniger als kinderlose Frauen4. In der Rentenbiografie sammeln sich derweil die Lücken. Eine Weiterbildung, die man sich vornimmt, verschiebt sich so lange, bis sie keine Option mehr ist, und die sozialen Kontakte enden nicht im Streit, sondern schlafen einfach ein, weil kein Abend mehr frei ist.

Armut ist nicht nur das, was heute fehlt, sondern auch das, was in zwanzig Jahren nicht mehr möglich sein wird, festgelegt durch das, was heute schon nicht möglich ist. Die Frau, die heute im Wohnzimmer schläft, schläft dort nicht nur in dieser einen Nacht. Sie schläft sich in eine Altersarmut hinein, die noch niemand benennt, weil sie zwanzig Jahre entfernt liegt.

Die Grenzen des Systems

Und die Nichtwahrnehmung, von der Fraser spricht, trifft nicht alle gleich. Eine Frau, die alleinerziehend ist und dazu kein soziales Netzwerk hat, deren Aufenthaltsstatus ungesichert ist und der die Sprache fehlt, in der die Institutionen ihre Formulare schreiben, stößt nicht nur an die Grenzen des Systems. Sie kommt in ihm kaum vor. Von rund 2,39 Millionen alleinerziehenden Müttern liegt die Armutsgefährdung je nach Datenquelle bei über vierzig Prozent5, und für Frauen ohne stabiles Netz liegt sie noch einmal höher. Die Benachteiligung verdoppelt sich also genau dort, wo die Wahrnehmung ohnehin am dünnsten ist. Wer am dringendsten gesehen werden müsste, wird am wenigsten gesehen.

„Sie schafft das schon irgendwie.“ Foto: freepik

Das Versagen einer Gesellschaft

Bleibt der Satz, den ich immer wieder höre. „Sie schafft das irgendwie.“ Er klingt nach Bewunderung, ist aber keine. Er ist eine Entlassung. Er macht aus dem Versagen einer Gesellschaft eine persönliche Leistung und sorgt dafür, dass die Ursachen nie benannt werden müssen. Die Bewunderung ist nicht das Gegenteil der Benachteiligung, sondern ihre Fortsetzung mit freundlichem Gesicht. Und sie tut etwas. Das Lob der Stärke beschönigt die Lage nicht nur, es hält sie am Laufen, denn es deutet die Erschöpfung in eine Tugend um und nimmt damit jeden Druck, etwas zu ändern.

Die Tragfähigkeit der einzelnen Frau

Eine Gesellschaft, die das Aushalten feiert, muss nichts reparieren. Sie prüft die Tragfähigkeit der einzelnen Frau und sieht dabei nie die Last an, die sie ihr aufgeladen hat. In Deutschland gilt eine Frau als Erfolgsgeschichte, wenn sie allein zwei Kinder großzieht, arbeitet und dabei nicht zusammenbricht. Wir nennen das Stärke. Ehrlicher wäre die Frage, was es über uns sagt, dass wir das Bestehen unter unmöglichen Bedingungen feiern, statt die Bedingungen zu ändern. Eine Gesellschaft, die ihre Schwächsten dafür bewundert, dass sie nicht zusammenbrechen, hat aufgehört zu fragen, warum sie überhaupt am Rand des Zusammenbruchs leben.

Viele kleine Gespräche

Die Frau, die im Wohnzimmer schlief, hat mir das nie gesagt. Ich habe es langsam verstanden, nicht in einem großen Moment, sondern in vielen kleinen Gesprächen, in denen mir klar wurde, dass das Problem nicht bei ihr liegt. Es liegt darin, wie wir entschieden haben, wessen Erschöpfung wir Stärke nennen. Sie schläft noch immer im Wohnzimmer. Und wir nennen das ihr Leben. Was sagt es über uns, dass wir damit einverstanden sind?

Nicole Eppie Wagner

Nicole Eppie Wagner ist Sozialpädagogin und Gemeinwesenarbeiterin. Foto: Priscillia Grubo

Anmerkungen

1 Bertelsmann Stiftung (2024): Trotz Arbeit haben Alleinerziehende noch immer das höchste Armutsrisiko. 41 Prozent der Ein-Eltern-Familien gelten als einkommensarm.

2 Statistisches Bundesamt, Mikrozensus; Deutscher Bundestag (2025): 72 Prozent der alleinerziehenden Mütter mit minderjährigen Kindern waren 2021 erwerbstätig.

3 Statistisches Bundesamt (Care-Arbeit, über 15 Stunden Differenz pro Woche); Einkommensdifferenz: Stiftung Alltagshelden nach Bertelsmann Stiftung (2021), 1.873 Euro netto bei Müttern gegenüber 2.461 Euro bei Vätern.

4 Bertelsmann Stiftung (2021): Lebenserwerbseinkommen von Müttern, Einbußen von rund 40 Prozent (ein Kind) bis nahezu 70 Prozent (drei und mehr Kinder) gegenüber kinderlosen Frauen.

5 Bundesstiftung Gleichstellung (2025): 2,39 Millionen alleinerziehende Mütter (2023); Armutsgefährdungsquote je nach Datenquelle über 40 Prozent.

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