Lust auf Kultur unterm Sternenhimmel? „Ach diese Lücke – diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff ist auf dem Weg zu seinem Publikum. Genau genommen ist es die versierte Schauspieltruppe des Theater Eurodistrict BAden Alsace, die ihre Open Air Sommertournee durch die Ortenau gestartet hat. Beginn war bereits der Donnerstag, 16. Juli auf dem Rathausplatz Friesenheim-Oberschopfheim. Insgesamt wird das Theaterstück an elf weiteren Orten zu sehen sein (siehe Anhang).
Gespannt darf man auf ein umtriebiges, nachdenklich machendes und mit viel Humor gespicktes Theaterstück sein, das es in lauen Sommernächten zu genießen gilt. Theaterintendant Edzard Schoppmann hat den Roman „Die Lücke …“ von Joachim Meyerhoff perfekt umgeschrieben und bei der Premiere im März in Neuried stehenden Applaus geerntet. Zurecht, denn die Theaterfassung ist gelungen und die Truppe versteht ihr Handwerk, schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen und ist sich für keine noch so akrobatisch anmutende Szene zu schade.

Das Stück handelt von einem jungen Mann, Joachim, der den Verlust seines Bruders zu verarbeiten und dabei an seine eigenem Lebensentwurf zu knabbern hat. Er versucht sich in der Schauspielerei. In München will er die renommierte Otto-Falckenberg-Schauspielschule besuchen. Hier hat auch seine Großmutter (köstlich, Diana Zöller) einst gelehrt. Mit ihrem Mann (herrlich, Christoph Hüllstrung) lebt sie in München und nimmt den Enkel wohlwollend auf.
Irritiert ist Joachim dabei nicht nur von den Gewohnheiten der Großeltern, den Tag mit viel Whiskey zu beginnen, ihn tagsüber begleitend zu nutzen und am Abend ihr Leben damit zu feiern. Auch ist so die ein oder andere Anekdote aus dem Leben der Großeltern, gespickt mit vielen Erinnerungen, nicht selten befremdlich für ihren „Liebeling“, wie sie ihn zärtlich nennen.
Tom E. Salinen verkörpert den jungen Suchenden, der seine Rolle ganz exzellent zu spielen weiß. Seine „Bühne“ ist riesig. Unglaubliches erwartet ihn alleine in seiner Ausbildung, Schweres in seiner Erinnerung, Tragik Komisches im zum Teil recht verstörendem Schauspielunterricht. Joachim scheint mal verloren, mal enttäuscht, mal komplett überfordert, kommt sich selber aber durch alle Wirrungen hindurch immer ein kleines Stückchen näher. Eine Rolle, die ihm alles abverlangt, die er aber großartig zu meistern weiß.
Sechs Darstellerinnen und Darsteller schlüpfen in insgesamt 23 Rollen. Großeltern, Lehrer, Mitschüler, innere Stimmen und der junge Ich-Erzähler, alles fließt ineinander und macht dieses Stück zu einer turbulenten Tragik Komödie, die den stehenden Applaus bei der Premiere mehr als verdient hat. Das, in Anlehnung an die Biografie Meyerhoffs, Stück, hält viele Themen in sich verborgen, was es besonders macht. Da ist der Umgang mit der Trauer, der Verlust und die Frage, wie man „diese Lücke schließen kann!“

Diana Zöller als Großmutter. Foto: Regina de Rossi
Da ist die Familie, präsent und doch nicht so anwesend, wie man sie benötigen würde. Und da ist die Ausbildung, das Erlernen, in Rollen zu schlüpfen, die man gar nicht möchte, oder aber komplett anders interpretieren würde. Standhaft bleiben in der Zeit des Erwachsenwerdens, sich nicht verbiegen lassen, seinen Weg suchen und finden. Alles ist hier verborgen und macht das Stück sehenswert. Vor allem, weil es meisterlich gespielt wird, eine fantastische Bühnenpräsenz hat und einfach sehenswert ist.
Im Gespräch – Regina de Rossi mit Theaterintendant Edzard Schoppmann
Ortenau Journal: Herr Schoppmann, ist es eine große Herausforderung mit einem Stück auf Tour zu gehen?
Edzard Schoppmann: Na ja, mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team. Der Aufbau beginnt bereits am frühen Nachmittag und bis zum Abend steht dann alles, die Bühne, die Maske, die Garderobe und natürlich die Technik.
Natürlich gab es schon größere Herausforderungen, was die Bühne betrifft. Riesige Aufbauten, die wir von Ort zu Ort transportieren mussten, etwa bei Blutsbrüder und Blutsschwestern, wo wir auf drei übereinanderliegenden Etagen gespielt haben. Oder unser letztes Stück, Perpetuum mobile war ebenfalls recht aufwändig. Aber wir lieben diese Touren, die uns direkt zu den Leuten bringen.
Ortenau Journal: Dieses Jahr bringen Sie das Stück „Die Lücke…“ auf die Bühne. Die Premiere war ja schon mal ein Riesenerfolg.
Edzard Schoppmann: Ja, es ist ein tolles Stück, adaptiert von Joachim Meyerhoffs Roman. In unserem Theatersaal in Neuried ist es bereits mehrfach mit Erfolg gelaufen.

Ortenau Journal: Was hat sie an diesem Stück fasziniert. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Edzard Schoppmann: Meyerhoff versteht es geradezu genial, Tragisches und Komisches miteinander zu verbinden. Nicht umsonst liegt er immer wieder ganz vorne auf den Bestseller-Listen. Der Roman „Die Lücke…“ ist aus Meyerhoffs Erfahrungen geschöpft, die meinen Erlebnissen an der Schauspielschule durchaus ähneln.
Ortenau Journal: Gibt es bereits Ideen für ein neues Theaterstück?
Edzard Schoppmann: Gerade sitze ich an einer Bearbeitung von Caroline Wahls „22 Bahnen‘“, ebenfalls ein Erfolgsroman, den ich für die Bühne adaptiere. Nächste Premiere ist „Napoleons Spion“, das ich bereits im Winter geschrieben habe. Im Mittelpunkt, der in Freistett geborene Karl Ludwig Schulmeister, ein Meisterspion im Dienste Napoleons. Ein Stück mit viel Humor und Abenteurergeist.
Ortenau Journal: Sehr gerne greifen Sie auch auf bewährte Stücke zurück. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Edzard Schoppmann: Wir schauen, dass wir im Programm immer eine Mischung haben von Stücken: viele Uraufführungen; Stücke, die historische Ereignisse in der Region thematisieren; Stücke, die über das Leben im ländlichen Raum erzählen, Komödien und genreübergreifende Produktionen. Bewährte Stücke sind einfacher, da sie ja schon von anderen Ensembles erprobt sind, aber Uraufführungen lieben wir wegen der Herausforderung, Neues zu gestalten.

Ortenau Journal: Sie sind Theatermensch durch und durch. Was macht es für Sie aus, ein Leben dem Theater zu widmen? Hätten Sie eine Alternative gehabt?
Edzard Schoppmann: Ich denke, ich habe die richtige Berufswahl getroffen, Theater erfüllt mich innerlich, und anscheinend habe ich da eine Begabung, das ist für mich auch durchaus eine Verpflichtung, einen nicht immer einfachen Weg zu gehen. Meine Eltern, sie Lehrerin, er Journalist, wollten, dass ich einen der Berufe meiner Eltern ergreife, zum Glück hatte ich genug Widerstandsgeist gegen die Wünsche meiner Eltern.
Ortenau Journal: Wir wünschen Ihnen ganz viele laue Theaterabende mit einem begeisterten Publikum und weiterhin viele großartigen Ideen für Theaterfreunde und die, die es dadurch vielleicht werden.
Fr 24. Juli, 19:30 Uhr – Mostmaierhof Hausach
Sa 25. Juli, 19:30 Uhr – Boerscher Platz Ohlsbach
Mi 29. Juli, 19:30 Uhr – Winzergenossenschaft Durbach Durbacher – die Steillagen Spezialisten
Do 30. Juli, 19:30 Uhr – vor der Alten Schule Schutterwald Schutterwald
Fr 31. Juli, 19:30 Uhr – Stadtpark Lahr LahrKultur
So 2. August, 18:00 Uhr – Weierhof Oberkirch-Nußbach
Do 6. August, 19:00 Uhr – Zuckerbergschloss Kappelrodeck
Fr 7. August, 19:30 Uhr – Kirchplatz Meißenheim-Kürzell Gemeinde Meißenheim
So 9. August, 18:00 Uhr – Neue Ortsmitte Biberach
Internet: https://theater-baden-alsace.com/…/ach-diese-luecke…/
Tickets: https://baal-novo.reservix.de/p/reservix/group/525266

Ortenau Journal-Autorin Regina de Rossi
Siehe auch hier:
Frühjahrsspielplan: Theater Baden-Alsace zeigt eine Meyerhoff-Uraufführung und „Aenne“ im Frühling
ANZEIGE