Ortenau Journal: Sie sind im Gesundheitsmanagement tätig und Experte für medizinischen Cannabiskonsum. Beschreiben Sie bitte kurz Ihr Tätigkeitsprofil.
Stefan Kruse: Wir begleiten schwerkranke Menschen bei der Therapie mit medizinischem Cannabis. Der erste Schritt ist meist der Kostenübernahmeantrag. Wir übernehmen die komplette Bürokratie: Antragstellung, Dokumentation, Fragebögen. Das erstellen wir alles, um dem Arzt Arbeit abzunehmen. Ein Arzt ist kein Bürokrat, er soll sich um die Gesundheit kümmern. Gerade bei Cannabis-Therapien ist der bürokratische Aufwand sehr hoch. Diese Hürde nehmen wir kostenlos, damit die Therapie für den Patienten überhaupt möglich wird.
Nach der Genehmigung begleiten wir den Patienten weiter. Die Therapie wird individuell eingestellt. Jeder Patient braucht eine andere Dosierung und ein anderes Präparat, abhängig von Erkrankung, Stoffwechsel und Begleitmedikation. Dafür stellen wir ein bundesweites Netzwerk aus Pharmaunternehmen und spezialisierten Apotheken zur Verfügung, die auch individuelle Darreichungsformen herstellen können. Es geht nicht darum, einfach Blüten zu inhalieren, sondern um moderne Hightech-Therapien, etwa Notfallpens, mit denen sich in Akutsituationen schnell und ohne Verbrennungsprodukte therapeutische Wirkstoffe inhalieren lassen.
Wir begleiten auch die Einstellungsphase. Aktuell sind über 1.600 Cannabisblüten in deutschen Apotheken registriert. Die entscheidende Frage ist: Welche ist für welche Therapie geeignet? Genau hier setzen wir an, auch mit wissenschaftlicher Arbeit. Ich habe dazu einen Patientenratgeber geschrieben, um Transparenz zu schaffen. Zusätzlich erstellen wir das Berichtswesen für Krankenkassen und Berufsgenossenschaften, um zu dokumentieren, was wirkt und was nicht. Diese Bürokratie gehört weder zum Job des Arztes noch zu dem eines schwerkranken Patienten.
Ortenau Journal: Welche Eigenschaften der Hanfpflanze machen Cannabis zu einem wirksamen medizinischen Produkt?
Stefan Kruse: Wissenschaftlich sprechen wir vom sogenannten Entourage-Effekt. Dabei handelt es sich um das Zusammenspiel verschiedener Wirkstoffe der Cannabispflanze. Dazu gehören Cannabinoide wie THC, CBD, CBN, CBG oder THCV sowie Terpene, also aromatische Kohlenwasserstoffe, die wir aus Duft- und Geschmackswahrnehmungen kennen. Auch aus der Aromatherapie wissen wir, dass Terpene Einfluss auf den Stoffwechsel haben, etwa beruhigend oder konzentrationsfördernd.
Zusätzlich gibt es Flavonoide, also Pigmentstoffe der Pflanze, die ebenfalls therapeutische Effekte haben können. Erst die Kombination all dieser Stoffe erzeugt den Gesamteffekt. Diese Komplexität kann man von Ärzten nicht erwarten. In einem Medizinstudium spielt Cannabis kaum eine Rolle. Ich beschäftige mich seit fast 25 Jahren intensiv mit der Pflanze. Deshalb nehmen wir dem Arzt diese Arbeit ab, kostenlos. Die wissenschaftliche Arbeit wird von der Pharmaindustrie finanziert. Dieses Modell nenne ich ein Robin-Hood-Prinzip: Die Industrie bezahlt die Forschung, und wir nutzen die Mittel, um Patienten, Ärzten, Kliniken und Pflegeeinrichtungen Bürokratie abzunehmen.

Stefan Kruse erforscht auch die Wirkstoffe des Cannabis. Foto: jcomp/freepik
Ortenau Journal: Was sind derzeit die wichtigsten medizinischen Einsatzgebiete von Cannabis?
Stefan Kruse: Der Schwerpunkt liegt klar in der Schmerztherapie, insbesondere bei Krebserkrankungen, Amputationen, Multipler Sklerose, Fibromyalgie, ME/CFS, Rheuma, Arthrose sowie chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Auch Endometriose ist ein relevantes Thema. Es geht um Erkrankungen, die laut Sozialgesetzbuch als schwerwiegend chronisch gelten.
Cannabis kann viele Mechanismen beeinflussen, die die subjektive Schmerzwahrnehmung betreffen. Unser Ansatz ist es, Cannabis ergänzend zu schweren Schmerzmitteln einzusetzen, um sowohl die Wahrnehmung als auch die Ursache von Schmerzen zu beeinflussen. Ziel ist es, langfristig die Belastung durch Medikamente wie Fentanyl oder Ibuprofen zu reduzieren, da diese massive Nebenwirkungen haben können.
Ortenau Journal: Hat die Teillegalisierung von Cannabis Ihre Branche verändert?
Stefan Kruse: Ja, deutlich. Vor allem die Zahl der Selbstzahlerrezepte ist über Telemedizin stark gestiegen. Rund 80 Prozent der Verschreibungen laufen inzwischen auf Selbstzahlerbasis. Dabei ist oft unklar, ob es sich um echte Therapien oder um Freizeitkonsum handelt. Die verbleibenden GKV-Rezepte sind stark reguliert, fachärztlich begleitet und eng überwacht. Mit diesen Patienten betreiben wir wissenschaftliche Arbeit, weil dort valide Daten entstehen.
Das Problem ist, dass das Patientenprivileg missbraucht wird. Freizeitkonsumenten erhalten Rezepte, ohne sich an medizinische Vorgaben zu halten. Gleichzeitig genießen sie rechtliche Vorteile, etwa im Straßenverkehr. Das führt zu erheblichen juristischen und gesellschaftlichen Problemen und zwingt die Politik aktuell zum Nachbessern.
Ortenau Journal: Studien zufolge kann Cannabiskonsum den Alkoholkonsum senken. Spielt das in der Praxis eine Rolle?

Die harte Droge Alkohol kann durch Cannabis ersetzt werden. Foto: freepik
Stefan Kruse: Ja, wir substituieren Alkohol durchaus mit Cannabis. Alkohol erzeugt emotionale Gleichgültigkeit, verursacht aber massive körperliche Schäden. Bei korrekt angewendetem Cannabiskonsum, etwa über Vaporisatoren oder Edibles, sind diese Schäden deutlich geringer. Deshalb ist Cannabis für viele Menschen attraktiver, insbesondere zur emotionalen Entlastung.
Problematisch wird es, wenn Cannabis zur Selbsttherapie ohne ärztliche Begleitung genutzt wird, etwa bei psychischen Belastungen oder Traumata. Das lindert Symptome, löst aber keine Ursachen. Besonders kritisch sehe ich den Konsum bei Jugendlichen, wenn soziale Probleme wie Mobbing ignoriert werden.
Ortenau Journal: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen THC-reichen Sorten und psychischen Risiken?
Stefan Kruse: Wir arbeiten therapeutisch mit THC- und CBD-Kombinationen. CBD kann psychoaktive Effekte von THC abmildern. Medizinisch nutzen wir genau diese Balance. Der Freizeitmarkt hingegen fokussiert sich stark auf hohe THC-Werte. Das zeigt auch, dass dort oft der Rausch im Vordergrund steht, nicht die Therapie.
Gesetzlich liegt die Verantwortung aktuell stark beim Konsumenten. Angebot und Nachfrage steuern den Markt. Langfristig braucht es aber klarere gesetzliche Trennungen zwischen medizinischem und freizeitlichem Konsum, um Missbrauch zu verhindern und Patienten zu schützen.
Ortenau Journal: Rechnen Sie mit weiteren gesetzlichen Verschärfungen?
Stefan Kruse: Ja, das halte ich für wahrscheinlich. Es braucht klarere Regeln, um das Patientenprivileg zu schützen und Missbrauch einzudämmen. Wer sich an medizinische Vorgaben hält, sollte rechtlich abgesichert sein. Wer das System ausnutzt, nicht. Diese Trennung ist aus meiner Sicht zwingend notwendig.
Siehe auch hier:
Bürokratische Hindernisse für den Cannabis-Anbau
„Wir brauchen einen sachlichen Diskurs zur Cannabis-Legalisierung“
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