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Offenburg vor der OB-Wahl: Kandidat Julian Christ spricht über Hitze, Stil, Sicherheit und Millionenprojekte

© Wolfgang Huber – OB-Kandidat Julian Christ nach dem Interview im Salmen Offenburg.
Sechs Wochen vor der Oberbürgermeisterwahl in Offenburg legt Julian Christ seine politischen Schwerpunkte offen. Im Interview mit dem Ortenau Journal spricht der Gernsbacher Bürgermeister über Gewerbeflächen, Sicherheit, Digitalisierung und die angespannte Haushaltslage. Er will Großprojekte kritisch prüfen, bei Hitze und Stadtklima gegensteuern und mehr Transparenz schaffen. Auch beim Thema Stegermattbad und der Zusammenarbeit mit Baumretter Ralf Fröhlich bezieht Christ Stellung.
Von Wolfgang Huber

Bei der Wahl zum neuen Oberbürgermeister der Stadt Offenburg am 11. Oktober treten mit Uli Albicker, Julian Christ, Tobias Benz und Fritz Düker vier Kandidaten an. Mit Uli Albicker, der seine Kandidatur schon vor einem Jahr bekannt gegeben hat, hat das Ortenau Journal bereits gesprochen. Heute bringen wir das Interview mit Julian Christ. Gespräche mit den beiden weiteren Kandidaten werden folgen.

Julian Christ hat sich zu allen wichtigen Themen geäußert, die Offenburg bewegen. Angefangen mit Flächen für die Wirtschaftsentwicklung, die Hitze in der Kreishauptstadt, fehlende Bäume, Großprojekte, die Sicherheit sowie auch die Digitalisierung der Verwaltung und seinem Führungsstil. Wir streifen die Freibadsituation in Gernsbach, wo Christ seit neun Jahren im Rathaus sitzt sowie seinen möglichen Umgang mit Baumretter Ralph Fröhlich.

Ortenau Journal: Herr Christ, Sie sind seit neun Jahren Bürgermeister von Gernsbach. Kann Ihnen diese Erfahrung im Wahlkampf helfen?

Julian Christ: Auf jeden Fall. Tatsächlich ist es sehr hilfreich, wenn man schon weiß, wie das Geschäft eines Bürgermeisters läuft. Zumal Gernsbach und Offenburg eine ähnliche Struktur haben. Natürlich deutlich weniger Einwohner, aber auch eine Struktur aus Kernstadt und mehreren Ortsteilen.

Ortenau Journal: Sie waren außerdem vier Jahre lang in der Ministerialverwaltung des Landes tätig. Inwiefern könnte Ihnen diese Erfahrung im Bürgermeisteramt letztendlich zugutekommen?

Julian Christ: Ich glaube, dass es Offenburg als Oberzentrum gut zu Gesicht stehen würde, einen Oberbürgermeister zu haben, der weiß, wen er in Stuttgart anrufen muss. Die Erfahrung im Finanz- und Wirtschaftsministerium und auch in den anderen Ministerien ist sicherlich sehr hilfreich. Und auch die Kontakte, die ich mitbringe.

Ortenau Journal: Im Frühjahr gab es den Bürgerentscheid zum Flugplatz. Sie wissen, wie das ausgegangen ist. Wie wollen Sie mit den Flächen für Gewerbeansiedlungen umgehen? Wo sehen Sie in Offenburg noch Reserven?

Julian Christ: Für mich ist erst einmal klar, dass das Ergebnis des Bürgerentscheids zu respektieren ist. Das gilt es jetzt entsprechend auch umzusetzen. Das heißt, gemeinsam zu schauen, wo andernorts Flächenpotenziale sind. Es gibt eine Bewertung der Stadt Offenburg, in der verschiedene Flächen bewertet worden sind. Da gibt es aber unterschiedliche Ansichten darüber, wie die Flächen zu gewichten sind und wo die Potenziale liegen. Deswegen möchte ich das zur Chefsache machen: wirklich neue Flächen zu suchen und bestehende Flächen, die es auch schon gibt, nachzuverdichten, beispielsweise durch Aufstockungen. Denn ich glaube, die Offenburger Unternehmen haben tatsächlich einen Bedarf. Das habe ich auch schon in einigen Gesprächen geschildert bekommen.

Ortenau Journal: Glauben Sie, dass das ausreichen wird, was Sie gerade geschildert haben?

Julian Christ: Das kann ich Ihnen tatsächlich noch nicht abschließend sagen. Es gibt einige Unternehmen, die auch Flächen in ihrer direkten Nachbarschaft schon auf Vorrat gekauft haben. Insofern wäre es mein Ziel, gemeinsam mit den Unternehmen das Gespräch zu suchen und den tatsächlichen Flächenbedarf gemeinschaftlich zu klären.

Ortenau Journal: Sie haben als einen Schwerpunkt Ihres Wahlkampfs die Sicherheit im Blick. Ist der Einfluss eines Bürgermeisters auf die Sicherheit, vor allem auch auf das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger, nicht sehr begrenzt?

Julian Christ: Ja, er ist begrenzt, aber er ist durchaus da. Das möchte ich mit zwei Beispielen deutlich machen. Zum einen das Thema kommunaler Ordnungsdienst, der jetzt im Juli eingeführt worden ist. Ein Thema, das durchaus dazu beiträgt, beispielsweise Ruhestörungen oder Ähnliches auf öffentlichen Plätzen in den Griff zu bekommen, wie es auch Anwohner schildern. Ich glaube aber auch, dass man baulich etwas tun kann. Beim Bahnhofsumfeld beispielsweise können über mehr Licht und die Schaffung von Sichtachsen Anreize gesetzt werden, damit aus Angsträumen sichere Räume werden. Denn mein Verständnis ist, dass sich alle Offenburgerinnen und Offenburger in jeder Straße und auf jedem Platz in der Stadt wohlfühlen müssen.

Ortenau Journal: Können Sie das noch einmal umschreiben? Was ist mit Sichtachsen gemeint?

Julian Christ: Sichtachsen bedeuten im Prinzip ein Stück weit soziale Kontrolle. Sie haben keine toten Winkel, die irgendwo entstehen, sondern bringen Frequenz in die Stadt und sorgen gezielt dafür, dass man einander sieht. Das erhöht natürlich das Sicherheitsgefühl etwas.

Foto: TechLine/pixabay (Symbolbild)

Ortenau Journal: Dazu gehört auch das Thema Beleuchtung.

Julian Christ: Richtig. Wenn Sie eine dunkle Ecke haben, ist es natürlich etwas anderes, als wenn Sie eine Stadt entsprechend ausleuchten – schonend, aber eben so, dass man nicht durch eine dunkle Gasse läuft, um es bildlich auszudrücken. Und es geht zum Beispiel auch beim Thema Radwege weiter. Was mir oft geschildert wird, auch gerade aus den Ortsteilen, ist, dass es leider keine beleuchteten Radwege zwischen den Ortsteilen untereinander und auch zwischen den Ortsteilen und der Kernstadt gibt. Das ist natürlich gerade für Frauen in den Abendstunden, aber auch mit Blick auf den Schulverkehr schwierig. Da müsste man eigentlich ansetzen, um mit beleuchteten, umweltschonenden Radwegen wirklich mehr für das Sicherheitsgefühl und die tatsächliche Sicherheit zu tun.

Ortenau Journal: Bleiben wir noch einmal kurz bei der Sicherheit. In einem Bericht von SWR Online war vor einem Jahr von Anfeindungen und Bedrohungen gegenüber Amts- und Mandatsträgern die Rede, am Beispiel von Ihnen. Hat sich die Situation in Gernsbach inzwischen etwas entspannt, oder gibt es immer noch ständig Belästigungen?

Julian Christ: Nein, die Situation hat sich deutlich entspannt. Es waren tatsächlich wenige Persönlichkeiten, insbesondere eine Dame, die sehr verwirrt war und uns als Familie am Privathaus belästigt hat. Das hat sich gelegt. Mir war es damals einfach wichtig, transparent und offen damit umzugehen, wie gespalten oder auch aufgeregt die Gesellschaft insgesamt ist. Das geht ja weit über Gernsbach oder Offenburg hinaus. Auch hier gab es schon Proteste, gerade zu Corona-Zeiten und bei anderen Themen. Mir ist es einfach wichtig, dass man anständig miteinander umgeht.

Ortenau Journal: Wie sieht es beim Thema digitale Verwaltung aus? Das haben Sie ebenfalls auf Ihrer Agenda. Wie sieht der Kandidat Julian Christ Offenburg in dieser Frage und wo können Sie den Hebel ansetzen?

Julian Christ: Da sehe ich tatsächlich mehrere Hebel in Bezug auf Offenburg. Ich glaube, dass wir beispielsweise bei der städtischen Homepage anfangen sollten. Die ist in Teilen noch nicht einmal für die Nutzung auf dem Handy optimiert. Es geht darum, dass alle Anliegen, die Bürgerinnen und Bürger haben, grundsätzlich auch per Internet, also von zu Hause aus, zu erledigen sein sollten. Es geht aber zum Beispiel um neue Instrumente: Auf meiner Homepage habe ich eine Seite eingerichtet, die „StadtCheck“ heißt. Dort können Bürgerinnen und Bürger mit Fähnchen selbst markieren, was aus ihrer Sicht in der Stadt geändert werden sollte und wo sich etwas tun sollte. Einen solchen Mängelmelder stelle ich mir dauerhaft für die Stadt Offenburg vor. Ich weiß, dass es dazu auch schon Überlegungen gibt. Es wäre eines meiner ersten Ziele als Oberbürgermeister, einen solchen digitalen Mängelmelder für die Bürgerinnen und Bürger einzurichten, sodass sie ganz bequem beispielsweise mit dem Handy abfotografieren können, wo es Vermüllung gibt oder wo ein Loch in der Straße ist, und die Meldung automatisch an die zuständige Stelle der Stadt oder auch andere Stellen weitergeleitet wird.

Ortenau Journal: Sie haben das auf Ihrer Webseite. Gibt es da auch bereits Resonanz?

Julian Christ: Ja, das kann ich Ihnen gerne zeigen. Unter julianchrist.de gibt es den StadtCheck. Das ist eine interaktive Karte, auf der Bürger ganz unterschiedliche Anregungen eintragen können, zum Beispiel zum Thema Geschwindigkeitskontrolle im verkehrsberuhigten Bereich. Anhand der Pinnadeln können Sie sehen, was alles eingetragen wurde. Das sind alles farbige Pins, die nach Kategorien sortiert sind, beispielsweise nach Straßen und Wegen. Sie können aber auch Radinfrastruktur, Grünflächen, Schulen oder ÖPNV auswählen. Und Sie sehen: Das sind schon einige Meldungen, knapp 100 Meldungen, bei denen Bürger sagen, dass dort etwas passieren sollte.

Auf der Website von Julian Christ gibt es einen „Stadtcheck“. Foto: Screenshot

Ortenau Journal: In Gernsbach wollen Sie drei der vier Schwimmbäder in die Hände privater Initiativen legen. Begründung sind die Defizite. Welche Sparorgien erwarten die Offenburger Bevölkerung, sofern Sie gewählt werden?

Julian Christ: Zum einen ist die Situation von Gernsbach und Offenburg nicht miteinander vergleichbar. Gernsbach verfügt über 14.000 Einwohner, Offenburg über 63.000. Gernsbach hat vier Freibäder, Offenburg hat eines und hat dort ganz andere Themen. Zusammen natürlich auch mit dem Gifiz-Strandbad. Insofern ist es schwer miteinander vergleichbar. Uns ist es aber in Gernsbach gelungen, jetzt mit allen Schwimmbadvereinen, die dort ehrenamtlich aktiv sind, Einigungen zu erzielen, sodass wir auch weiterhin trotz unserer nur 14.000 Einwohner unsere vier Freibäder betreiben können. Mit dem Effekt allerdings, dass die Stadt jedes Jahr über 200.000 Euro sparen wird. Das zeigt mir eben, wie wichtig es auch ist, Dinge zu hinterfragen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, gerade in finanziell schwierigen Zeiten.

Ortenau Journal: Und war es schwer, Bürger zu finden, die sich dann beteiligen und quasi einspringen?

Julian Christ: Tatsächlich gibt es das bei uns in der Region, aber auch hier in der Ortenau, beispielsweise in Nordrach, häufig vereinsgeführte Bäder, bei denen Schwimmbadvereine, Bürgerinnen und Bürger sich engagieren und auch den Betrieb des Bades übernehmen. Das war eigentlich auch die Vorstellung, die ich mir von Anfang an gewünscht hatte, zumal auch der Gemeinderat dieselbe Stoßrichtung verfolgt hat. Wir haben das ja demokratisch entschieden.

Ortenau Journal: Anderes Thema: Gut ausgestattete Kitas und Schulen sind unglaublich wichtig. Wie wollen Sie diese Ausstattung garantieren, wenn die Kassen leer sind?

Julian Christ: Ja, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Das Thema Kinderbetreuung war auch eines, das mich in Gernsbach bisher sehr beschäftigt hat. Wir haben über zehn Millionen Euro in den vergangenen Jahren für die Schaffung von mehr als 140 Kinderbetreuungsplätzen investiert – und das als finanzschwache Kommune. Jetzt ist Offenburg eine finanzstarke Kommune, noch, muss man sagen. Insofern glaube ich, tun wir auch gut daran, weiterhin den Fokus darauf zu legen, um zum Beispiel auch die Qualität in der Betreuung sicherzustellen. Offenburg hat ja das Offenburger Modell, bei dem sich auch Ehrenamtliche einbringen. Da stellt sich durchaus die Frage, inwieweit wir dieses Offenburger Modell angesichts der etwas zurückgehenden Kinderzahlen noch so beibehalten oder im Sinne der Qualität etwas optimieren.

Ortenau Journal: Großprojekte wie Kombibad, Sportpark Süd, Landesgartenschau: Wollen Sie daran festhalten, auch vor dem Hintergrund der finanziellen Notlage?

Julian Christ: Sehr viele Bürgerinnen und Bürger schildern mir, dass die Stadt Offenburg sich zu viele Projekte auf einmal vorgenommen hat. Ich möchte es mit zwei Zahlen untermauern: Die Stadt Offenburg möchte in den nächsten Jahren 335 Millionen Euro investieren und davon knapp die Hälfte aus Krediten. Das heißt, wir nehmen eine enorme Hypothek für die Zukunft auf und müssen deswegen jede Investition auf ihre Nachhaltigkeit prüfen. Da möchte ich es an einem Beispiel konkret benennen: der Landesgartenschau. Ich nehme schon wahr, dass es dabei Vor- und Nachteile gibt, Stichwort auch Fördermittel, mit denen man andere Projekte finanzieren kann, die man ohnehin angehen wollte. Solche Luxusthemen wie einen Aussichtsturm der Landesgartenschau für über 3,5 Millionen Euro, davon bis zu eine Million Euro aus städtischen Mitteln, kann ich allerdings niemandem erklären. Und deswegen spreche ich mich auch klar dagegen aus, städtisches Geld für diesen Aussichtsturm in die Hand zu nehmen.

Vorstellung des Projekts Sportpark Süd. Foto: Christian Huber

Ortenau Journal: Das wäre also ein Projekt, das gestrichen würde. Es ist ja so, dass die Wirtschaft derzeit lahmt, und dass wir eine Wirtschaftskrise haben. Es gibt aber auch erste Anzeichen, laut dem Wirtschaftsverband wvib Schwarzwald AG gibt es bereits Zeichen der Besserung am Horizont. Das ist im Prinzip auch eine Wette auf die Zukunft. Wenn die Wirtschaft besser läuft, sprudeln auch die Gewerbesteuereinnahmen wieder etwas mehr und man hat wieder etwas Spielraum. Es muss ja nicht immer so bleiben, wie es jetzt ist.

Julian Christ: Das ist richtig, wobei man offen sagen muss: Offenburg ist ein Stück weit die Insel der Glückseligen. Wir laufen von einem Rekord zum nächsten bei der Gewerbesteuer. Im Moment stehen etwa 100 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen im Raum, also ein sehr stattliches Aufkommen aus der Gewerbesteuer. Aber man muss ganz klar sagen: Das ist kein Automatismus. Die Gewerbesteuer und die Arbeitsplätze kommen nicht aus dem Wasserhahn, dafür muss man etwas tun. Deswegen ist auch das Thema Flächenbereitstellung so wichtig. Und wenn ich das noch anfügen darf: Wir haben natürlich auch noch Kostenrisiken im Haushalt, die, glaube ich, heute noch gar nicht richtig absehbar sind. Beispielsweise beim Ortenau-Klinikum haben wir zweistellige Millionendefizite, die im Raum stehen, und die schlagen sich am Ende auf die Kreisumlage durch. Das heißt, sie werden von den Kommunen, also auch von der Stadt Offenburg, bezahlt. Das sind Risiken in den Büchern, die wir natürlich auch mit berücksichtigen müssen, trotz aller noch guten Ausstattung.

Ortenau Journal: Apropos Risiken: Was hören Sie zum Beispiel aus dem Hause Burda? Dort läuft gerade eine Umstrukturierung, und es stellt sich auch die Frage, ob der Standort Offenburg beibehalten wird. Das ist, glaube ich, noch in der Schwebe. Was hören Sie dazu? Das wäre ja auch ein großer Verlust für Offenburg.

Julian Christ: Ich bekomme das auch oft von Bürgerinnen und Bürgern widergespiegelt: diese Sorge um den Burda-Standort Offenburg, um die Identität und auch die enge Verbindung zwischen Offenburg und Burda. Da muss ich ganz klar sagen: Das ist eine Sorge, die mich auch beschäftigt, auf die wir als Stadt ehrlicherweise aber auch wenig Einfluss haben. Beispielsweise beim Umbruch in der Medienbranche wird Offenburg an digitalen Trends oder anderen Themen wenig drehen können. Insofern bleibt es beim engen Austausch mit Burda und auch den anderen Unternehmen in der Stadt, um hier vor Ort gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft zu ermöglichen.

Bleibt Burda in Offenburg? Foto: Hubert Burda Media

Ortenau Journal: Weiteres Thema ist die bürgernahe Verwaltung. Es fällt das Stichwort Transparenz immer wieder. Ich weiß nicht, ob Sie von Baumretter Ralf Fröhlich schon gehört haben.

Julian Christ: Ich kenne Herrn Fröhlich. Wir hatten schon die Gelegenheit zum Austausch.

Ortenau Journal: Ihm zufolge sieht es mit der Transparenz gegenwärtig im Hinblick auf die Stadtverwaltung Offenburg aber nicht so gut aus. Es wurden schon 500 Euro für eine einfache Akteneinsicht in Rechnung gestellt. Das sind im Prinzip große Hürden, die aufgebaut werden, obwohl das Landesinformationsfreiheitsgesetz vorschreibt, dass Bürger einen erleichterten Zugang zu Informationen haben sollten. Wie würden Sie das handhaben?

Julian Christ: Mir wäre es tatsächlich wichtig, da miteinander konstruktiv in einen Austausch zu gehen. Es gibt ja zum Beispiel auch aus dem Umfeld von Herrn Fröhlich die Forderung und die Zielsetzung, Daten bereits zur Verfügung zu stellen. Also ein Open-Data-Ansatz, der sich auch sehr stark mit dem deckt, was ich im Bereich Digitalisierung und bürgernahe Verwaltung vorhabe. Das heißt, ich würde mir durchaus das Ziel setzen, mehr Informationen als Stadt proaktiv zur Verfügung zu stellen, sodass wir gar nicht erst in die Situation kommen, dass es für alles eine Anfrage braucht, sondern dass viele Dinge auch schon öffentlich einsehbar sind – im Sinne der Transparenz.

Den Baumretter Ralph Fröhlich kennt Julian Christ bereits. Foto: Ralph Fröhlich

Ortenau Journal: Bleiben wir noch einmal bei den Bäumen. Offenburg liegt in der Statistik der Deutschen Umwelthilfe zum Hitze-Check landesweit auf dem letzten Platz. Hier gibt es die wenigsten Bäume und es ist am heißesten. Das mindert die Lebensqualität natürlich enorm. Das ist vielleicht indirekt auch ein Nachteil, wenn es darum geht, Fachkräfte für die örtliche Wirtschaft zu finden. Wie wollen Sie da gegensteuern?

Julian Christ: Mir ist es da sehr wichtig, mit einem umfassenden Hitzeschutzkonzept an das Thema heranzugehen. Das heißt, Bäume wirklich nur zu fällen, wenn es gar nicht mehr anders geht, weil die Bäume zum Beispiel kaputt, verfault oder Ähnliches sind. Konsequente Ersatzpflanzungen vorzunehmen und beispielsweise auch über Baumpatenschaften gezielte Anreize für die Neupflanzung von Bäumen zu setzen. Über das Thema Bäume hinausgehend halte ich es aber auch für erforderlich, über Sonnensegel, Abkühlungsmöglichkeiten wie Verdunstungsanlagen, die man ja teilweise auch schon bei größeren Veranstaltungen hat, nachzudenken und auch gerade besonders sensible Einrichtungen wie Kindergärten oder Altenheime dabei zu unterstützen, dass der Sommer für sie erträglich bleibt. Das heißt, über das Thema Bäume hinausgehend wirklich umfassend an das Thema Hitze heranzugehen. Denn wir wissen heute: Wenn wir einen Baum pflanzen, ist er vielleicht erst in zehn oder 20 Jahren so groß, dass er wirklich Schatten spendet. Insofern braucht es einen Mix aus verschiedenen Maßnahmen, um die Offenburger Innenstadt für alle erträglich zu machen.

Ortenau Journal: Ich sage mal, nur Bäume zu pflanzen, wenn irgendwo einer gefällt wird, wird nicht ausreichen. Es braucht im Prinzip so etwas wie eine Baumpflanz-Offensive. Haben Sie so etwas im Blick?

Julian Christ: Ja, das habe ich. Unter dem Stichwort „1.000 Bäume von 1.000 Offenburgern“ ist meine Vorstellung, dass wir gezielt Anreize setzen, um Bürgerinnen und Bürger zu motivieren, beispielsweise auch auf ihren eigenen Grundstücken Bäume zu pflanzen. Wir müssen ganz klar sagen: Im öffentlichen Raum haben wir beispielsweise durch Leitungen im Untergrund und Ähnliches teilweise einen sehr großen Aufwand, um einen einzelnen Baum zu pflanzen. Oft haben wir aber im privaten Bereich, wo eben auch viele Flächen im Eigentum sind, viel weniger Aufwand, um beispielsweise eine Wiese mit Bäumen zu bepflanzen oder auch andere Dinge. Dann gibt es ein sehr spannendes privates Projekt aus Albersbösch, den sogenannten Tiny Forest, den man dort plant. Dazu gibt es auch einen Austausch mit der Stadtverwaltung und dem bisherigen Oberbürgermeister. Dieser Ansatz von Miniwäldern ist sehr spannend, weil er tatsächlich auch zur Verbesserung des Stadtklimas beiträgt. Und das meine ich: Es wird, glaube ich, ein Bündel von Maßnahmen brauchen, ein Sofortpaket, um wirklich an den verschiedenen Stellen etwas zu tun und den Sommer auch gerade für die ältere Generation erträglicher zu machen.

In Offenburg gibt es zu wenig Bäume. Foto: KfUTD

Ortenau Journal: Noch einmal Stichwort Baumretter Ralf Fröhlich: Er unterstützt ja den Gegenkandidaten von Ihnen, Uli Albicker. Wenn Sie gewählt werden sollten, planen Sie oder können Sie sich vorstellen, mit Ralf Fröhlich zusammenzuarbeiten und in einen intensiven Austausch zu gehen? Da ist ein enormes Wissen vorhanden.

Julian Christ: Aus meiner Sicht ist es ein demokratischer Wettbewerb. Herr Fröhlich und die Konferenz für Urban Transformation Design haben einen eigenen Kandidaten. Das ist ihr gutes Recht. Nach der Oberbürgermeisterwahl werden wir natürlich im Falle meiner Wahl auch miteinander ins Gespräch gehen. Und da gilt auch meine ausgestreckte Hand, um klar nach Lösungen zu suchen, wie wir gemeinsam und sachorientiert die Hitze in Offenburg in den Griff bekommen.

Ortenau Journal: Ein anderes Thema: Wie sieht es mit Ihrer Organisation und Führungskultur aus? Welchen Stil pflegen Sie beispielsweise im Rathaus Gernsbach?

Julian Christ: Mir ist es tatsächlich wichtig, und dabei unterstützt mich auch der Gemeinderat seit fast einem Jahrzehnt, die großen Themen, die großen Linien im Gemeinderat zu zeichnen. Wo wollen wir als Stadt hin? Eine Vision aufzubauen und die kleinen Dinge des Alltags tatsächlich in der Verwaltung zu lösen. Das heißt, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und dezentral auch Entscheidungen treffen zu lassen. Nicht alles muss über den Tisch des Bürgermeisters oder Oberbürgermeisters. Wir haben 1.700 Beschäftigte bei der Stadt Offenburg, die häufig näher am Thema dran sind. Und die möchte ich ausdrücklich ermutigen, selbstständig Entscheidungen zu treffen und damit ihren Teil für eine schnelle und bürgerfreundliche Verwaltung zu leisten.

Ortenau Journal: Wenn Sie das so machen, ist es eigentlich ein großer Vorteil. Wenn man Verantwortung auf seine Mitarbeiter und Teams überträgt und ihnen etwas Spielraum gibt, dann blühen sie auf. Das ist normalerweise der Effekt.

Julian Christ: Das kann ich nur bestätigen. Das ist ein Thema von Selbstwirksamkeit. Können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst etwas bewirken? Und da glaube ich, haben wir durchaus Persönlichkeiten in der Stadtverwaltung, die sehr verantwortungsvoll und dankbar auch mit Spielräumen umgehen.

Städtische Mitarbeiter sollen bei Julian Christ Entscheidungsspielraum bekommen. Foto: lookstudio/Magnific

Ortenau Journal: Sie werden von der SPD und den Grünen unterstützt. Läuft der Wahlkampf insgesamt bislang nach Plan?

Julian Christ: Absolut. Ich werde von einem überparteilichen Bündnis unterstützt. Große Teile der Fraktion der Freien Wähler unterstützen zwischenzeitlich auch meine Bewerbung. Ich finde es einfach sehr wichtig, da einen überparteilichen Ansatz zu haben und wirklich für alle Offenburgerinnen und Offenburger da zu sein. Deswegen habe ich schon eine erste Ortsteiltour hinter mir, bei der ich gezielt alle Ortsteile und auch schon die Kernstadt mit zwei Terminen besucht habe. Ich besuche natürlich auch weiterhin die Feste und Veranstaltungen, die in der Stadt und den Ortsteilen stattfinden, und werde darüber hinaus ab September weitere Formate anbieten, um noch einmal auf andere Weise persönlich mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. Denn am Ende geht es in so einem Amt um den Menschen, der dahintersteht.

Ortenau Journal: Es ist ja auch nicht mehr so lange hin. Am 11. Oktober ist die Wahl, das sind, glaube ich, noch fünf oder sechs Wochen. Wir sind praktisch im Endspurt: Wenn Sie gewählt werden, welche drei Themen würden Sie als Erstes anpacken?

Julian Christ: Ganz klar das Thema Hitze, die Vielzahl an Projekten – um wirklich zu hinterfragen und zu sagen, wo wir die Arbeit des Rathauses auch optimieren können, wenn zum Beispiel bestimmte Projekte nicht in dieser Geschwindigkeit vorankommen. Die Projekte wie die Landesgartenschau mit Kostenobergrenzen zu versehen und eben auch ganz klar das Thema Sicherheit mit anzugehen. Für die Bürgerinnen und Bürger etwas zu tun, auch die Situation im Stegermattbad ganz offen anzusprechen und nach Lösungen zu suchen, die Badeordnung konsequent durchzusetzen. Solche Themen sind mir wichtig, damit sich alle Offenburgerinnen und Offenburger hier wohlfühlen. Und damit die Offenburger auch in Offenburg baden gehen und nicht in Biberach oder anderswo.

Siehe auch hier:

Exklusiv-Interview: OB-Kandidat Uli Albicker – Warum er Großprojekte in Offenburg neu bewerten würde

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