Ortenau Direkt

Offener Brief an Cem Özdemir: „Grindi“ wird politischer Prüfstein für Glaubwürdigkeit im Naturschutz

© Wolfsretter – Die Proteste gegen den Abschuss von „Grindi“ reißen nicht ab.
Der Streit um den „Hornisgrinde-Wolf“ spitzt sich weiter zu – politisch, juristisch und gesellschaftlich. Nach der Abschussgenehmigung von Ministerin Thekla Walker wächst der Protest bundesweit. Eine Leserin aus Bühlertal richtete nun einen offenen Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Cem Özdemir und Bündnis 90/Die Grünen – und fordert ein Umdenken im Umgang mit streng geschützten Arten. Anstatt politischer Signale an eine bestimmte Klientel sei eine differenzierte Betrachtung nötig.

Proteste nehmen zu

Seit Monaten beschäftigt der Hornisgrinde-Wolf die Gemüter – und das bundesweit. Seit der Entscheidung von Landesumweltministerin Thekla Walker (Grüne), die Abschussgenehmigung für „Grindi“ zu erteilen, gibt es Demonstrationen, Mahnwachen und vielfältige Social-Media-Aktivitäten, die den Wolf retten wollen. Doch es sind nicht nur Tierschützer, die hier mitmachen: Wölfe sind laut einer Studie bei den Deutschen sehr beliebt. Für rund 80 Prozent gehört der Wolf zum Landschaftsbild wie Rehe oder Füchse.

Die Leserin Alexandra Aelzenberger hat einen offenen Brief an die Landesregierung, Cem Özdemir und die Partei Bündnis 90/Die Grünen geschickt. Sie hat unserer Redaktion das Schreiben zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Offener Brief

an Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Cem Özdemir und Bündnis 90/Die Grünen zur Entscheidung über den Wolf im Nordschwarzwald

Am 15. Februar 2026 habe ich mich mit einem Schreiben an Sie gewandt. Nach der zwischenzeitlich ergangenen gerichtlichen Entscheidung und den weiteren angekündigten Rechtsmitteln veröffentliche ich meine präzisierten Gedanken in dieser Fassung:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann,

sehr geehrter Herr Özdemir,

sehr geehrte Verantwortliche von Bündnis 90/Die Grünen,

beim Hornisgrindewolf geht es längst nicht mehr um ein einzelnes Tier. Der Fall ist zu einem politischen, juristischen und gesellschaftlichen Prüfstein geworden – für den Umgang mit streng geschützten Arten und für die Glaubwürdigkeit einer Politik, die Natur- und Umweltschutz zu ihrem Kern erklärt.

Die gerichtliche Entscheidung liegt inzwischen vor. Dennoch wird der Rechtsweg weiter beschritten. Die Naturschutzinitiative e.V. (NI) hat angekündigt, den Weg bis zum Bundesverwaltungsgericht zu gehen und zu beantragen, den Fall unmittelbar dem Europäischen Gerichtshof vorzulegen. Damit steht weiterhin die Frage im Raum, ob die Maßstäbe der europäischen FFH-Richtlinie bei der Bewertung des Erhaltungszustands ausreichend berücksichtigt wurden.

Unabhängig vom juristischen Fortgang bleibt ein Eindruck zurück: Hier soll ein politisches Statement gesetzt werden. Ein Signal der Entschlossenheit. Ein Beweis von Handlungsfähigkeit. Und genau dafür wird dieser Wolf benutzt. Das Paradoxe daran ist: Die Menschen vor Ort wollen dieses Zeichen nicht. Sie erleben dieses Tier nicht als das Problem, als das es politisch offenbar dargestellt wird.

Wolf

Die Schäden, wegen derer Wölfe bundesweit umstritten sind – gerissene Nutztiere, wiederholte wirtschaftliche Betroffenheit – stehen in diesem Fall nicht im Zentrum. Dieser Wolf erfüllt das klassische Feindbild nicht und verursacht nicht jene Schäden, die üblicherweise als Begründung für eine Entnahme herangezogen werden.

Gerade deshalb empfinden viele Bürgerinnen und Bürger die Entscheidung als unverhältnismäßig – nicht, weil Risiken ignoriert würden, sondern weil Differenzierung erwartet wird.

Zwischenzeitlich haben sich zudem Fachleute an die Landesregierung gewandt und angeboten, mildere Mittel – insbesondere bislang nicht ausgeschöpfte Maßnahmen wie Vergrämung – fachlich begleitet umzusetzen. Diese Schritte konnten bisher nicht zur Anwendung kommen. Gerade darin hätte die Chance bestanden, abgestufte Instrumente vor einer irreversiblen Maßnahme ernsthaft zu prüfen.

Zudem liegt ein erweiterter fachlicher Erkenntnisstand vor, der eine differenziertere Bewertung ermöglicht und es sachlich geboten erscheinen lässt, vor einer endgültigen Entscheidung noch einmal innezuhalten und die verfügbaren Instrumente vollständig auszuschöpfen. „Ungewöhnlich“ ist kein Synonym für „gefährlich“. Näheverhalten muss fachlich bewertet, wissenschaftlich begleitet und transparent kommuniziert werden.

Dieser Fall hätte eine Chance sein können: Koexistenz als lernendes System weiterzuentwickeln und Differenzierung vor Symbolik zu stellen. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass politische Signalwirkung über fachliche Feinabstimmung gestellt wurde. Artenschutz beweist sich nicht in konfliktfreien Zeiten. Er beweist sich dort, wo Politik Maß hält. Und genau deshalb endet diese Debatte nicht hier. Sie beginnt jetzt erst richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Alexandra Aelzenberger

Bühlertal

Unterstützt und mitgetragen unter anderem von folgenden Expertinnen, Experten und Institutionen:

Naturschutzinitiative e.V. (NI), Harry Neumann, Landes- und Bundesvorsitzender

Der Wolfspodcast, Sabine Sebald

Dr. med. vet. Jürgen Seybold

Dr. med. vet. Christine Seybold

Kleintierzentrum Mitteltal

Taskforce Artenschutz

Dr. med. vet. Ulrike Beckmann

Vorstandsvorsitzende & Scientific Advisor Jane Goodall Institut Deutschland e.V.

Andreas Kirschner, Rheinfelden

Kirschner und Seufer Verlag (KuS)

Achim Klumpp, Baiersbronn

1. Vorsitzender des Vereins zum Schutze der Greifvögel und Eulen im Nordschwarzwald

Träger des Bundesverdienstkreuzes

Dres. med. vet. Hartmut Jaissle und Nicole Schreiner, Lauf

Edyta Musiol, Bühlertal, Initiatorin der Petition auf Change.org

Siehe auch hier:

Warum ein Schuss auf den Hornisgrinde-Wolf für Grüne, CDU und AfD im Wahlkampf nach hinten losgehen kann

Podcast

BA Immobilien

Weitere Beiträge