Die Generation Z, also die zwischen 1995 und 2010 geborenen, sieht sich wie zig Generationen davor, mit Vorurteilen und Klischees konfrontiert. Die jungen Menschen seien faul, bequem, hängen nur in Social Media herum und denken nur an die Work-Life-Balance. Doch wie es sich mit Vorurteilen so verhält, wird das auch der GenZ nicht gerecht. Wir wollen mit einer kleinen Serie von Fachbeiträgen von Nicole Eppie Wagner an der Stelle gegensteuern.
Generation Alpha im Kommen
Es wird vier Teile geben, anhand derer wir etwas Licht ins Dunkel der Vermutungen bringen wollen. Die Autorin ist Nicole Eppie Wagner. Sie ist Sozialpädagogin und seit über 15 Jahren auf die Arbeitswelt, Arbeitsmarktintegration und berufliche Ausbildung spezialisiert. Im ersten Teil geht es um die Tücken des Bildungssystems und die Bedingungen, in denen die GenZ aufwächst. Und mit der Generation Alpha (ab 2010 geboren) steht die nächste Generation bereits in den Startlöchern.
Wer heute über „arbeitsunwillige“ junge Menschen klagt, verwechselt individuelle Haltung mit struktureller Überforderung. Silvija Franjics Gedanken setzen an wichtigen Punkten an – doch die Frage „anspruchsvoll oder arbeitsunwillig?“ lenkt den Blick auf die Jugendlichen, statt auf die Bedingungen, unter denen sie groß werden.
Bildungssystem im Dauerstress
Aus meiner Arbeit in der Arbeitsmarktintegration sehe ich: Kein junger Mensch scheitert aus Bequemlichkeit. Vieles ist Ergebnis eines Bildungssystems im Dauerstress, in dem Fachkräfte kaum noch begleiten, weil sie vor allem stabilisieren. Familien stehen unter massivem Zeitdruck; Autonomie lässt sich schwer vorleben, wenn der Alltag kaum Luft zum Atmen lässt. Während Boomer und Millennials ihre Selbstständigkeit draußen und unbeaufsichtigt entwickelten, wachsen heutige Kinder in einer Kindheit der Kontrolle auf – digital überwacht, sozial isolierter, mit weniger realen Erfahrungsräumen.

Ist die GenZ zu faul? Foto: Messe Offenburg
Schlechte Bedingungen
Autonomie lässt sich nicht per Standortfreigabe erlernen. Wer „Mittelmaß“ beklagt, beschreibt am Ende die Folgen struktureller Engpässe. Die relevante Frage lautet deshalb nicht: Was stimmt nicht mit der Generation? Sondern: Welche Bedingungen verhindern, dass junge Menschen das entwickeln können, was wir später selbstverständlich von ihnen erwarten?
Dialogorientiertes Aufwachsen
Jugendlichen wird heute schnell „Unverbindlichkeit“ oder gar „Phlegmatik“ attestiert. Doch der Blick auf die Erziehung der letzten Jahre zeigt ein anderes Bild. Junge Menschen wurden stark an Beteiligung, Mitsprache und Begründungen gewöhnt. Sie haben gelernt, Entscheidungen zu verstehen, statt sie einfach zu akzeptieren. Dieses dialogorientierte Aufwachsen stärkt Selbstwirksamkeit – kollidiert jedoch oft mit Ausbildungsstrukturen, die weiterhin auf Hierarchie und sofortige Reaktion setzen.
Ruhe und Vorsicht ist nicht Gleichgültigkeit
Was als mangelnde Verbindlichkeit erscheint, ist häufig ein reflektiertes Priorisieren: erst prüfen, dann zusagen. Und der Eindruck von „Phlegmatik“ verwechselt Ruhe oder Vorsicht mit Gleichgültigkeit. Viele Jugendliche navigieren in einer Welt, die ihnen früh Unsicherheit, Leistungsdruck und digitale Dauerpräsenz abverlangt hat. Rückzug ist dann nicht Faulheit, sondern Selbstschutz.
Die Frage ist daher weniger, ob Jugendliche Lebensfähigkeiten verloren haben – sondern ob wir erkennen, wie sich ihre Fähigkeiten verändert haben. Wer sie ernst nimmt, muss ihre Erziehung und Kommunikationsformen mitdenken, statt sie zu problematisieren.

Hängt die GenZ nur am Smartphone? Foto: gpointstudio/freepik
Zutrauen und verlässliche Orientierung
Die Sorge um ein „falsches Behüten“ ist berechtigt – aber sie trifft nur einen Teil der Realität. Aus sozialpädagogischer Sicht wissen wir, dass Selbstorganisation und Verantwortung dort wachsen, wo Kinder echte Beteiligung, Zutrauen und verlässliche Orientierung erfahren. Überbehütung entsteht häufig in Milieus, in denen Leistungsideale und Zukunftsängste hoch sind. Dort wird gut Gemeintes oft zur Entmündigung.
Durchhaltevermögen und Selbstständigkeit
Gleichzeitig erleben wir, dass Kinder aus einfacheren Herkunftsverhältnissen früh Kompetenzen entwickeln, die im Übergang Schule–Beruf Gold wert wären: pragmatische Problemlösung, Durchhaltevermögen, Selbstständigkeit. Aber ja – sie werden auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt systematisch unterschätzt und zu wenig abgerufen. Nicht weil sie weniger können, sondern weil Auswahlprozesse stärker auf Formalität, Auftreten und kulturelle Codes reagieren als auf tatsächliche Bewältigungskompetenzen.
Die Aufgabe liegt deshalb weniger darin, „Helikopterkinder“ zu kritisieren, sondern Bedingungen zu schaffen, die allen Jugendlichen ermöglichen, Verantwortung einzuüben – und gleichzeitig jene sichtbar zu machen, die sie längst tragen.
Über Nicole Eppie Wagner
Als Ausbildungsbegleiterin berät sie Auszubildende, Betriebe und Lehrkräfte zu allen Fragen rund um eine erfolgreiche Ausbildung. Sie unterstützt junge Menschen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt und begleitet Unternehmen bei der nachhaltigen Nachwuchsgewinnung. Mit ihrer langjährigen Erfahrung verbindet sie fachliche Expertise mit praxisnaher Beratung und setzt sich für moderne, realistische und chancengerechte Ausbildungsstrukturen ein.
Siehe auch hier:
Aktive junge Erwachsene beim Freiwilligendienst Offenburg widerlegen Vorurteile gegen GenZ
Jugend unter Druck: Studie zeigt hohe mentale Belastung bei GenZ und Gen Alpha