Der Auftritt war mit Spannung erwartet worden: Cem Özdemir, Spitzenkandidat von Bündnis 90/Die Grünen kam nach Offenburg in den Schillersaal. Rund 500 Interessierte und Freunde fanden sich ein, um den Ausführungen Özdemirs zu lauschen. Das Ortenau Journal sprach mit dem Ex-Landwirtschaftsminister am Rande der Veranstaltung.
Baden-Württemberg-Derby
Özdemir gab eine Einschätzung der Lage im Landtagswahlkampf, die Motivation der Grünen Wahlkämpfer und seine Chancen, den Posten des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten zu ergattern. Außerdem äußerte er sich zum Derby in der Bundesliga zwischen dem VfB Stuttgart und dem SC Freiburg und ob Boris Palmer unter ihm einen Ministerposten bekommen würde.
Das Interview
Ortenau Journal: Die Grünen haben zuletzt in den Umfragen deutlich zugelegt, der Abstand zu Manuel Hagel ist geschrumpft. Was macht Sie zuversichtlich, die CDU und die AfD im Wahlkampf noch hinter sich zu lassen?
Cem Özdemir: Die Stimmung draußen. Ich frage bei jeder Veranstaltung, wer noch nie auf einer Veranstaltung von mir oder von den Grünen war, und da gehen manchmal die Hälfte, manchmal sogar mehr Hände hoch von Leuten, die sagen, wir wollen uns das mal anhören. Das Rennen ist offen, und in aller Demut geben wir alles. Die Menschen sollen entscheiden, wem sie in einer schwierigen Zeit zutrauen, das Land verlässlich zu führen. Da schadet es nichts, wenn einer Erfahrung hat in Europa, im Bund. Und eins ist für mich ganz wichtig: Mir geht es um die beste Idee, nicht um das Parteibuch. Davon haben die Menschen die Nase voll.
Ortenau Journal: Vergangene Woche haben Sie in Ludwigsburg fünf Minuten stehende Ovationen bekommen. Die Mitglieder scheinen für den Wahlkampfendspurt gerüstet zu sein. Können Sie das bestätigen?
Cem Özdemir: Ja, aber ich sage gleichzeitig auch: Die Wahl ist erst am 8. März. Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter, und bis dahin wird alles gegeben. Erst am Schluss wird zusammengerechnet. Als ich angefangen habe, war der Abstand 14 Prozent, dann war er bei neun Prozent, jetzt ist er noch einmal kleiner geworden (Sechs bis acht Prozent, Anm. d. Red.). Wir nähern uns der Sache an, aber es ist auch klar, es wird noch ein harter Kampf werden. Für mich ist wichtig, dass der Wahlkampf anständig und fair geführt wird, denn wir werden am Ende auf eine Koalition angewiesen sein. Deshalb rede ich auch im Wahlkampf über die Kollegen der anderen Parteien so, dass man sich am Tag nach der Wahl nicht erst entschuldigen muss. Mir ist aber auch wichtig, dass das Land stabil und verlässlich regiert wird.

Ortenau Journal: Kommt für sie eine Drei-Parteien-Koalition in Frage?
Cem Özdemir: Unser bisheriger Koalitionspartner träumt von einer Drei-Parteien-Koalition, einer schwarzen Ampel, also mit der FDP, die wir in Berlin erlebt haben, und mit einer SPD, die in der Bildungs- und in der Finanzpolitik die entgegengesetztesten Positionen haben, die man haben kann. Wie soll das gehen? Davor kann ich nur warnen. Ich habe in Berlin ja auch drei Jahre als Minister gearbeitet. Ich habe dort viel gelernt, vor allem, wie man es nicht machen sollte. Wenn Baden-Württemberg etwas nicht braucht, dann ist es mehr Berlin-Style. Wir brauchen hier keine Streitkoalition, wir brauchen kein Chaos. Wir leben in schwierigen Zeiten, da geht es um Erfahrung, um Verlässlichkeit und um Stabilität. Ich würde dringend davon abraten, hier mit einer Dreierkoalition zu experimentieren. Das hat sich in Berlin nicht bewährt und wird sich auch in Baden-Württemberg nicht bewähren.
Ortenau Journal: Wenn Sie als Juniorpartner in eine Koalition mit der CDU gehen müssten – wäre das eine Option?
Cem Özdemir: Mein Ziel ist, dass wir die führende Kraft bleiben. Das hat sich 15 Jahre in Baden-Württemberg mit Winfried Kretschmann an der Spitze bewährt. Das würde ich gerne fortsetzen, weil ich glaube, dass es für Baden-Württemberg das bessere Modell ist. Aber auch das entscheiden die Wählerinnen und Wähler.
Ortenau Journal: Ihre persönlichen Zustimmungswerte liegen deutlich vor denen von Manuel Hagel. Kann das im Endspurt den Ausschlag geben?
Cem Özdemir: Es geht immer um eine Mischung. Wen will man als Ministerpräsidenten haben in einer schwierigen Zeit, der die Entscheidungen im Staatsministerium trifft? Aber natürlich geht es auch um die Abgeordneten und um die Parteien. Für mich ist klar: In Baden-Württemberg stehen nicht irgendwelche Grünen zur Wahl, sondern die baden-württembergischen Grünen. Das sind die Grünen von Winfried Kretschmann, das sind die Grünen von Cem Özdemir. Das sind vor allem Grüne, die sich deutlich von den Grünen anderswo unterscheiden.
Ortenau Journal: Wie kann Winfried Kretschmann Sie im Wahlkampf noch unterstützen?
Cem Özdemir: Das tut er ja schon. Er hat auf unserem Parteitag eine sehr entschlossene Rede gehalten und wird im Wahlkampf selbstverständlich eine wichtige Rolle spielen. Ich bin sehr dankbar und freue mich sehr darüber, dass er mich kraftvoll unterstützt. Wir haben gemeinsame Veranstaltungen, er wird aber auch eine eigene Tour machen.
Ortenau Journal: Sie waren Landwirtschaftsminister im Kabinett Scholz und kennen die Landwirte gut. Viele befürchten durch das Mercosur-Abkommen eine Überschwemmung des europäischen Marktes mit Billigprodukten. Wie entkräften Sie diese Sorgen?
Cem Özdemir: Baden-Württemberg ist Exportland, wir brauchen Freihandel. Aber natürlich muss es fair zugehen. Ich habe mich als Bundeslandwirtschaftsminister immer für Mercosur ausgesprochen, aber unterstützt, dass die Quote zum Beispiel bei Rindfleisch aus Brasilien begrenzt ist. Auf der anderen Seite erschließen wir Märkte für unsere Produkte, auch für unsere landwirtschaftlichen Produkte. An einer Stelle teile ich die Kritik der Landwirte. Es ist mir wichtig, konnte mich aber leider nicht durchsetzen, Sie ahnen bei wem. Und zwar: Produkte, die hier für unsere Landwirte verboten sind, also Pflanzenschutzmittel, die als gefährlich gelten, dürfen zum Teil exportiert werden. Das finde ich absurd. Warum soll etwas ins Ausland exportiert werden dürfen, dort angewendet werden und dann möglicherweise als Lebensmittel zu uns zurückkommen, obwohl es hier verboten ist? Wenn etwas hier schädlich ist, ist es anderswo auch schädlich.
Ortenau Journal: Die Wirtschaft ist für die Wählerinnen und Wähler das wichtigste Thema. Was planen Sie zu diesem Bereich?
Cem Özdemir: Wir haben schwierige Zeiten, insbesondere für die Automobilindustrie und den Maschinenbau, wo wir traditionell stark sind. Das hat auch mit den Zöllen von Donald Trump zu tun. Davon kann ich nur sagen: Wer AfD wählt, unterstützt Donald Trump oder auch Wladimir Putin und schadet damit der deutschen Wirtschaft. Er unterstützt Leute, die unsere Wirtschaft kaputt machen wollen. Jetzt geht es darum, alles dafür zu tun, dass das Auto der Zukunft auch aus Baden-Württemberg kommt. Wir haben das Auto erfunden, übrigens auch das Motorrad und das Fahrrad. Das Auto der Zukunft wird emissionsfrei sein, aber auch eines, bei dem Software immer wichtiger wird, weil es eine Art fahrendes Mobiltelefon ist. Autonomes Fahren wird immer wichtiger, und in all diesen Feldern müssen wir Spitze sein. Die gute Nachricht ist: Wir haben mittlerweile auch andere Geschäftsfelder, in denen wir führend sind – die Gesundheitswirtschaft, die Verteidigung, Green Tech und viele andere Bereiche. Bei Forschung und Entwicklung spielen wir in einer Liga mit Kalifornien und Massachusetts. Wir geben 5,6 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts dafür aus und liegen damit weit vor anderen Bundesländern. Das hilft uns. Was wir aber besser machen müssen, ist, dass die Produkte, die in Baden-Württemberg entwickelt werden, etwa von Start-ups, hier auch zu Geschäftsfeldern werden. Bislang ist es so: Die Leute gehen hier kostenlos zur Schule, studieren kostenlos, bekommen eine Start-up-Förderung – und wenn ihre Idee erfolgreich wird, kommt der amerikanische Investor und sagt: Hier ist das Geld, komm in die USA. Das möchte ich verhindern. Mein Ziel ist: Die besten Ideen bleiben im Land.
Ortenau Journal: Sie haben kürzlich ihren Freund Boris Palmer besucht. Seither wird spekuliert, ob er Teil Ihres Kabinetts werden könnte. Was sagen Sie Leuten wir mir, die sie darauf ansprechen?
Cem Özdemir: Erstens macht er einen tollen Job als Oberbürgermeister in Tübingen. Deshalb bin ich gut beraten, als jemand, der Ministerpräsident werden möchte, eng mit ihm zusammenzuarbeiten. Er macht vieles richtig, hat eine funktionierende Verwaltung und liefert beim Wohnungsbau, beim Klimaschutz, bei Verkehr und Energie. Genau das habe ich mir angeschaut. Aber ich sage auch ganz klar: Wer sich bei mir selbst als Minister ins Gespräch bringt, wird es garantiert nicht. Erst muss der Bär erlegt werden, bevor sein Fell verteilt wird. Der Bär brummt noch. Insofern vergeben wir hier keine Ministerposten. Ich muss erst einmal die Wahl gewinnen. Alles andere kommt danach.
Ortenau Journal: Als möglicher Landesvater müssen Sie allen baden-württembergischen Bundesliga-Klubs die Daumen drücken. Wie weit kommt der SC Freiburg in der Europa League und welchen Titel holt der VfB Stuttgart?
Cem Özdemir: Ich hoffe, maximal weit. Ich drücke den Freiburgern die Daumen, das ist eine sehr sympathische Mannschaft. Für uns in Baden-Württemberg ist es ein tolles Kompliment, wie viele Mannschaften wir in der ersten Bundesliga haben. Nicht nur da machen wir den Bayern etwas vor. Ich hoffe, sie kommen weit in der Europa League. Mein Verein, der VfB, spielt noch in allen drei Wettbewerben. Das Spiel in Rom war nicht ganz so schön, aber da muss man durch. Am Sonntag bin ich wieder im Stadion und darf zwei baden-württembergische Mannschaften gegeneinander spielen sehen, in Stuttgart.
Siehe auch hier:
Landtagswahl 2026: Diese drei Kandidat/innen schicken die Ortenauer Grünen ins Rennen