Dr. Michael Blos sitzt seit 2025 für die AfD im Deutschen Bundestag. Im Sommerinterview mit dem Ortenau Journal bezieht er Stellung zu einem Comeback der Kernenergie, der Haltung seiner Partei zu Erneuerbaren Energien, der Migration sowie den Grenzkontrollen. Dass die Grünen mitunter gegen ihre eigenen Überzeugungen abstimmen, um die Brandmauer aufrecht zu erhalten, findet er ein starkes Stück. Auch zur Sozialpolitik äußert er sich.
Ortenau Journal: Sie sind seit 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus? Wie haben Sie sich in den parlamentarischen Betrieb eingefunden?
Dr. Michael Blos: Am Anfang ist man natürlich froh, wenn man Kollegen hat, die bereits Erfahrung haben. Wir sind als AfD-Fraktion stark gewachsen und haben jetzt 150 Abgeordnete. Viele davon sind neu im Bundestag, aber es gibt auch Kollegen, die bereits Abgeordnete waren, insgesamt eine gute Mischung aus erfahrenen und neuen Abgeordneten. Was die Bilanz der AfD-Fraktion betrifft, glaube ich, dass wir der Regierungskoalition schon ordentlich Dampf gemacht und unsere Themen eingebracht haben. Wir haben viele Anträge gestellt, auch in meinem Bereich, also Umwelt und Landwirtschaft, aber auch Themen wie Migration und Außenpolitik intensiv bearbeitet. Ich glaube, wir haben gut dafür gesorgt, dass diese Themen im Fokus stehen und klargemacht, dass die Regierung in vielen Bereichen eigentlich handeln müsste – was sie eben nicht tut.
Ortenau Journal: Kommen wir zur ersten Fachfrage. Sie führen den Rückgang von Insekten als Argument gegen den weiteren Ausbau der Windenergie an. Welche wissenschaftlichen Daten belegen diesen Zusammenhang? Oder welchen Anteil hat die Windkraft Ihrer Ansicht nach am tatsächlichen Insektenverlust?

Foto: Manfred Richter
Dr. Michael Blos: Es gibt, wie in der Wissenschaft immer, viele Studien zu einem bestimmten Themenkomplex. Aus diesem Grund gibt es auch hier nicht die eine konkrete Studie auf die ich mich beziehen möchte. Aber wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, findet man natürlich Arbeiten, die diesen Zusammenhang belegen, wie zum Beispiel die des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt aus 2019. Bereits damals wurde in einer Modellrechnung abgeschätzt, dass jährlich rund 1.200 Tonnen Insektenbiomasse an deutschen Windkraftanlagen geschädigt werden könnten – das entspricht etwa 1.200 Milliarden Insekten. Aber es geht ja nicht nur um Insekten. Es betrifft genauso auch Vögel oder Fledermäuse. Aber nochmals zu den Insekten: Ich erinnere mich, dass man früher, wenn man mit dem Auto gefahren ist, oft viel mehr ihrer Reste auf der Windschutzscheibe hatte.
Ortenau Journal: Das hat sich deutlich geändert.
Dr. Michael Blos: Ja, deutlich. Das ist wirklich bemerkbar. Wenn ich natürlich massenhaft Windräder aufstelle, störe ich die Insekten in ihrem Verhalten. Das liegt für mich auf der Hand.
Ortenau Journal: Der Insektenverlust wird bislang vor allem mit Landwirtschaft, Pestiziden, Flächenversiegelung oder dem Klimawandel in Verbindung gebracht.
Dr. Michael Blos: Der Insektenrückgang hat sicherlich verschiedene Ursachen. Wenn ich bestimmte Pflanzenschutzmittel einsetze, betrifft das gegebenenfalls natürlich auch die Insekten. Aber es gibt, wie schon gesagt auch Studien, wie die des DLR, zum starken Einfluss von Windkraftanlagen.
Ortenau Journal: Wenn Sie das DLR nennen, ist das für mich schon eine brauchbare Information.
Dr. Michael Blos: Ja, das sind Themen, die ich immer wieder über Anträge und Kleine Anfragen in den Bundestag einbringe. Wir haben als Abgeordnete die Möglichkeit, Fragen einzureichen und die Regierung mit den Auswirkungen der Windkraft zu konfrontieren. Sie haben jetzt das Thema Insekten herausgegriffen. Es gibt aber natürlich noch weitere Aspekte: Die Auswirkungen auf den Tourismus, das Thema PFAS und Schadstoffe, die Frage, was passiert, wenn eine Windkraftanlage abbrennt oder die Entsorgung der Rotorblätter und der darin verwendeten Verbundstoffe. Das Thema Windkraft ist also sehr vielschichtig. Auch die Auswirkungen auf den Menschen durch Infraschall und Schattenwurf gehören dazu. Wenn man sich die Ausbaupläne anschaut, muss man sich zudem fragen, was am Ende tatsächlich an Anlagen stehen würde, wenn Deutschland vollständig über Windkraft und Solarenergie versorgt werden soll. Das funktioniert meiner Ansicht nach nicht. Gerade im Energiebereich werden wir darüber sicherlich noch sprechen. Es ist nicht möglich, ein Industrieland allein mit Wind- und Solarenergie zu versorgen.

Sind Insekten von Rotorblättern bedroht? Foto: Hans Hillewaert
Ortenau Journal: Sie setzen sich für eine Rückkehr zur Kernenergie ein. Der RWE-Chef Markus Krebber hat ein deutsches Atom-Comeback jedoch als sehr unrealistisch eingestuft. Der E.ON-Chef Leonhard Birnbaum sieht den Zeitpunkt für eine Rückkehr als verpasst an. Wenn selbst die Betreiber beziehungsweise ehemaligen Betreiber nicht zu den bestehenden oder bereits stillgelegten Atomkraftwerken zurückkehren wollen: Wer soll dann das wirtschaftliche Risiko tragen? Und wie stellen Sie sich die Umsetzung konkret vor?
Dr. Michael Blos: Ich fange einmal damit an, was unser Anliegen ist: Wir wollen, dass der Rückbau zunächst gestoppt wird und dass geprüft wird, welche der abgeschalteten Kernkraftwerke reaktiviert werden können. Zunächst sollte eine Bestandsaufnahme erfolgen. Das wurde allerdings abgelehnt, obwohl auch die CDU eigentlich die Rückkehr zur Kernenergie im Wahlprogramm hatte. Was die Betreiber betrifft, bin ich ganz ehrlich: Ob es um die Kernenergie oder um andere Wirtschaftsbereiche geht – die Aussagen von Wirtschaftsführern sind natürlich auch von den politischen Rahmenbedingungen abhängig. Wenn die CDU als Regierungspartei das politisch mittragen würde, würden die Betreiber anders sprechen. Viele Studien, kommen zu dem Ergebnis, dass eine Reaktivierung technisch machbar und wirtschaftlich sinnvoll wäre. Eine Untersuchung, die wir auch im Plenum immer wieder zitiert haben, stammt beispielsweise von der Radiant Energy Group. Das Problem ist aus meiner Sicht nur, dass der politische Wille fehlt, weil die anderen sich stark auf erneuerbare Energien fokussieren. Von verschiedenen Seiten wird darüber inzwischen der Kopf geschüttelt, auch im Ausland. Die Energiewende in dieser Form funktioniert meiner Ansicht nach nicht. Das haben inzwischen viele Menschen erkannt. Das ist nicht etwas, das sich die AfD ausgedacht hat. Wir sind nach wie vor ein Industrieland, auch wenn wir wirtschaftlich leider im Abbau sind. Ich glaube, dass wir mit Kernenergie auch unsere zukünftigen Energiebedarfe gut decken könnten. Wir wollen schließlich, dass unsere Wirtschaft wieder anläuft und wir nicht weiter einen wirtschaftlichen Aderlass erleben. Wenn man sich beispielsweise die Entwicklung bei der Elektromobilität anschaut oder das Thema künstliche Intelligenz, stellt sich doch die Frage: Wo soll der dafür benötigte Strom herkommen? Andere Länder zeigen, dass Kernkraft Teil einer solchen Strategie sein kann. Ich war auch bereits bei verschiedenen Treffen im Vorfeld der COP, also der Weltklimakonferenzen. Dort sagen viele Länder: Wir brauchen einen breiten Energiemix, und dazu gehört auch die Kernkraft. Auch wenn der Umweltminister Schneider das anders sieht, muss man ihm hier widersprechen: Deutschland geht beim Thema Energie einen Sonderweg. Das lehnen wir ab. Wir sagen klar: Technologieoffenheit, aber die Kernkraft gehört dazu.
Ortenau Journal: Weltweit wird jedoch inzwischen stark auf erneuerbare Energien gesetzt, das ist kein deutsches Alleinstellungsmerkmal. Die Solar- und Windbranche boomt weltweit. Sind Sie generell gegen erneuerbare Energien oder nur gegen die Art und Weise, wie sie in Deutschland umgesetzt werden?
Dr. Michael Blos: Weder ich noch die AfD sind generell gegen erneuerbare Energien. Wir haben immer gesagt: Dort, wo sie wirtschaftlich sinnvoll sind, können sie eingesetzt werden. Dabei spielt es natürlich eine Rolle, dass der Bereich der Regenerativen stark subventioniert wird. Die Frage ist also: Wie und wann trägt sich die Technologie wirtschaftlich von allein? Bei den erneuerbaren Energien ist das derzeit und absehbar nicht der Fall ist. Das andere Problem ist: Wenn man die Energiewende ideologisch durchsetzen möchte, dann stellt sich auch die Frage: Haben wir überhaupt die notwendigen Leitungen und Speicherkapazitäten? Und wenn wir wieder auf Baden-Württemberg schauen: Wie sieht es überhaupt mit der Windhöffigkeit aus? Sind das geeignete Standorte? Macht es Sinn, in Baden-Württemberg entsprechende Vorgaben zu machen? Sie haben selbst den Schwarzwald angesprochen. Ich sehe es auch, wenn ich teilweise von Berlin nach Basel oder Zürich fliege. Man sieht die gerodeten Flächen und die Zuwegungen. Da muss man sich schon fragen: Macht das so Sinn? Ja, auch China baut Solar- und Windkraftanlagen – aber China setzt gleichzeitig auch massiv auf Kernenergie und übrigens auch auf Kohle. Auch das gehört zur Wahrheit dazu.

Der AfD-Politiker Blos will zurück zur Kernenergie. Foto: Shin Ryu Forgers/Wikimedia
Ortenau Journal: Es geht ihnen also eher um die Art und Weise, wie der Ausbau bei uns umgesetzt wird – zum Beispiel darum, dass Windkraftanlagen in den Wald gebaut werden, was man durchaus kritisch sehen kann.
Dr. Michael Blos: Wie gesagt, da spielen viele Faktoren eine Rolle – vom Tourismus über gesundheitliche Aspekte bis hin zu Eingriffen in die Umwelt. Was die Kernenergie betrifft, wird ja immer wieder gesagt, sie sei weltweit auf dem Rückzug. Ich kenne die genaue Zahl jetzt nicht, aber es sind aktuell mehr als 60 Reaktoren neu im Bau, beispielsweise in unserem Nachbarland Polen. Dann wird von den Gegnern immer auch wieder Frankreich als Beispiel angeführt: Bei Hitze müssten die Kernkraftwerke dort angeblich heruntergefahren werden. Tatsächlich geht es aber in erster Linie darum, dass einzelne Anlagen zeitweise ihre Leistung reduzieren beziehungsweise drosseln mussten. Wenn man den Franzosen sagen würde, sie sollten aus der Kernenergie aussteigen, würden sie uns vermutlich den Vogel zeigen. Und Deutschland bezieht schließlich auch Kernenergie aus dem Ausland. Das ist aus meiner Sicht auch das Verlogene an der Situation. Ich finde es moralisch problematisch, wenn man sich gegenüber seinen Wählern aus dem linksgrünen Bereich von der Kernenergie distanziert, während man gleichzeitig eine Energiepolitik betreibt, die den Import von Atomstrom zwingend notwendig macht. Wir brauchen Kernenergie, weil wir Probleme mit der Versorgung haben. Die Speichertechnologien sind nicht ausreichend vorhanden und werden wohl auch nie im benötigten Umfang zur Verfügung stehen. Die Sonne scheint nicht immer, der Wind weht nicht immer und so weiter.
Ortenau Journal: Gehen wir kurz weg vom Thema Energie und zum Thema Grenzkontrollen. Der Bundesinnenminister hat kürzlich eine Verlängerung der Grenzkontrollen angekündigt. Auch der Grenzübergang Kehl ist davon betroffen. Halten Sie diesen Kurs für richtig?
Dr. Michael Blos: Ich bin der Meinung, dass wir das derzeit nicht beenden können. Dauerhaft die Binnengrenzen zu kontrollieren, ist aber natürlich nicht das Ziel. Wir müssen unsere Staatsgrenzen nur kontrollieren, wenn und solange es auf europäischer Ebene nicht mit den Außengrenzen funktioniert. Ich weiß natürlich, worauf Ihre Frage abzielt: Auf den täglichen Grenzverkehr. Wir haben viele Pendler, und natürlich sind die Kontrollen für sie eine Einschränkung. Wir brauchen wirksam geschützte europäische Außengrenzen und das Gemeinsame Europäische Asylsystem, GEAS, muss auch noch viel besser funktionieren. Das ist auch immer wieder Gegenstand der politischen Diskussion. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hatte beispielsweise den Ansatz, Asylverfahren außerhalb der EU durchführen zu lassen, wurde aber von Gerichten zurückgepfiffen. Ich denke, dass wir langfristig zu einem solchen System kommen müssen. Solange es aber mit den Außengrenzen nicht funktioniert, siehe Ceuta, und die Migrationsströme weiter bestehen, brauchen wir leider die Binnenkontrollen.
Ortenau Journal: Kommen wir zum Thema Sachsen-Anhalt. Dort stehen am 6. September die Landtagswahlen an. Die AfD liegt in den Umfragen derzeit deutlich vorne und dürfte wahrscheinlich stärkste Kraft werden. Welche Bedeutung hätte ein solcher Wahlerfolg für die AfD bundesweit und auch für Ihre Arbeit im Bundestag?

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will in Sachsen-Anhalt die Schulpflicht abschaffen. Foto: WOKANDAPIX/pixabay
Dr. Michael Blos: Wenn wir es tatsächlich schaffen, dass Ulrich Siegmund Ministerpräsident wird, wäre das natürlich ein sehr wichtiges Signal. Für den Bundeskanzler und die Koalition wäre ein solcher Wahlausgang natürlich ein Desaster. Die Brandmauer zur AfD wäre dann wohl kaum aufrecht zu erhalten und die aktuelle Debatte dazu zeigt aus meiner Sicht auch schon, dass sich da etwas bewegt. Es gibt beispielsweise die Diskussion über die AfD-Spende eines CDU-Bürgermeisters. Ich glaube, dass bereits tiefe Risse in dieser Brandmauer zu erkennen sind. Wir sehen außerdem, dass es bei der CDU erhebliche interne Probleme und Spannungen gibt. Ich glaube, ein solcher Wahlerfolg würde diese Entwicklung noch einmal beschleunigen.
Ortenau Journal: Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will in Sachsen-Anhalt die Schulpflicht abschaffen und durch eine Bildungspflicht ersetzen. Um ein konkretes Thema herauszugreifen: Halten Sie das für den richtigen Weg?
Dr. Michael Blos: Zunächst ist das natürlich eine Angelegenheit Sachsen-Anhalts. Bildungspolitik ist Ländersache. Deshalb möchte ich als Bundespolitiker und aus Baden-Württemberg heraus gar keine Empfehlungen geben. Ich finde aber, dass man darüber auf jeden Fall nachdenken kann. Andere Länder haben solche Möglichkeiten ebenfalls. Ich schließe das deshalb nicht grundsätzlich aus.
Ortenau Journal: Sie sind Mitglied der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung. Im Dezember 2025 gab es eine Sitzung, bei der es um die elsässische Sonderabfalldeponie Stocamine ging. Die AfD-Vertreter stimmten einer Vorlage zu, während sich die Grünen enthalten haben – angeblich entgegen ihrer eigentlichen Überzeugung, weil die AfD ihre Zustimmung angekündigt hatte. Wie stellt sich der Vorgang aus Ihrer Sicht dar?
Dr. Michael Blos: Ich war damals der Berichterstatter meiner Fraktion, der zu diesem Thema gesprochen hat. Ich habe den Vorgang also unmittelbar erlebt. Bei Stocamine geht es um Sondermüll und Giftmüll, der in Wittelsheim im Elsass in einem stillgelegten Bergwerk eingelagert ist. Dort lagern etwa 40.000 Tonnen Abfälle. Das Thema ist bereits seit längerer Zeit in der Diskussion, unter anderem auf Ebene des zuständigen Départements und bei den angrenzenden deutschen Gebietskörperschaften.

AfD-Mann Blos im Deutschen Bundestag. Foto: Dr. Michael Blos
Ortenau Journal: Sie hatten die grenzüberschreitende Betroffenheit bei Stocamine angesprochen. Welche Rolle spielt dabei insbesondere das Grundwasser im Oberrheingraben?
Dr. Michael Blos: Auf Kreistagsebene wurde und wird das Thema aufgrund der grenzüberschreitenden Betroffenheit immer wieder diskutiert. Es geht insbesondere um die Grundwasserspeicher, die für uns hier im Oberrheingraben von Bedeutung sind. Wir hatten uns überlegt, dass wir dem Antrag dazu, der übrigens von den Linken kam, zustimmen, weil wir auch der Meinung sind, dass geprüft werden muss, ob die Abfälle dort sicher lagern oder ob man sie nicht besser entfernen sollte. Ich habe für unsere Fraktion wie gesagt zu dem Antrag gesprochen und signalisiert, dass wir ihm zustimmen werden. Dabei habe ich die Abgeordneten der Grünen, darunter Chantal Kopf aus Freiburg und Anton Hofreiter beobachtet. Nach meinem Beitrag haben sie sich angeschaut und damit begonnen, die anwesenden Abgeordneten zu zählen und dann offenbar festgestellt: Wenn wir, die Grünen, jetzt zustimmen, bekommt der Antrag eine Mehrheit – mit der AfD. Sie können das auch nachlesen: Suchen Sie einmal nach „Stocamine Chantal Kopf“. Auf ihrer Homepage hat die grüne Kollegin einen Bericht dazu veröffentlicht. Darin schreibt sie – ich gebe das jetzt mit meinen eigenen Worten wieder –, dass man aufgrund der politischen Auseinandersetzung mit Rechtsextremen beziehungsweise wegen der Brandmauer die eigenen Überzeugungen manchmal hinten anstellen müsse. Das finde ich schon ein starkes Stück. Ich bin ein Verfechter davon, dass man nach Inhalten geht. Wenn es um ein Thema geht, das wir unterstützen können, stimmen wir zu, egal von wem der Antrag kommt und wer sonst noch zustimmt. Es geht schließlich um die Sache und darum, etwas für die Bevölkerung zu erreichen. Ich war deshalb wirklich entsetzt, dass die Grünen aufgrund der Brandmauer dieses Anliegen zu Fall gebracht haben. Das war schon ein bemerkenswertes Schauspiel.
Ortenau Journal: Kommen wir zum Schluss zu einem kleinen Blick in die Zukunft: Bei welchen Themen gibt es Ihrer Meinung nach den größten Reformstau? Wo muss am dringendsten etwas getan werden? Ist es die Wirtschaft oder gibt es andere Themen, die bei Ihnen ganz oben stehen?
Dr. Michael Blos: Das Problem ist: Wir haben in Deutschland sehr viele Baustellen. Deshalb ist die Frage schwierig zu beantworten. Sie haben jetzt die Wirtschaft angesprochen. Wir haben zahlreiche Insolvenzen, Unternehmen verlassen Deutschland. Zu den wichtigsten Gründen dafür gehören insbesondere die weltweit höchsten Energiepreise, die überbordende Bürokratie und die immensen Standortkosten. Das Ausland freut sich wahrscheinlich insgeheim darüber, dass wir uns selbst wirtschaftlich so schwächen. Wenn wir in Regierungsverantwortung kommen, werden wir zunächst einen Kassensturz machen. Wir haben rund eine Billion Euro an staatlichen Einnahmen. Das Problem liegt also auf der Ausgabenseite. Das müssen wir uns anschauen. Wir verteilen Geld in alle Welt und lassen uns die ungesteuerte Migration viele Milliarden Kosten. Auch das Bürgergeld spielt dabei eine Rolle. Wenn man sich die Statistik anschaut, hat ein erheblicher Anteil der Bürgergeldbezieher keinen deutschen Pass. Das können wir uns aus meiner Sicht nicht mehr leisten. Wir sind für die Bürger gewählt worden und müssen diese Probleme angehen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Selbst wenn wir jetzt in die Regierung kämen, würde das Zeit benötigen. Wir können nicht von heute auf morgen alles umdrehen und sofort blühende Landschaften schaffen, wie Helmut Kohl es einmal formuliert hat. Aber wir müssen endlich mit dem Umkehrprozess beginnen.

75 Prozent der 2015 Eingewanderten gehen einer geregelten Arbeit nach. Foto: pixabay
Ortenau Journal: Sie sagen, wir könnten uns das derzeitige System von Bürgergeld beziehungsweise Grundsicherung nicht mehr leisten. Wollen Sie die Sozialleistung komplett abschaffen oder lediglich reformieren?
Dr. Michael Blos: Wir wollen die Sozialleistungen nicht abschaffen. Wir haben aber andere Erwartungen. Das Ziel muss sein, die Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Wenn der Abstand zwischen einer Sozialleistung und dem Einkommen aus Arbeit so gering ist, dass man sich überlegen muss, ob man morgens um sechs oder sieben Uhr aufsteht und arbeiten geht oder zu Hause bleibt und vielleicht nur 200 oder 300 Euro weniger hat, kann das nicht sein.
Ortenau Journal: Herr Blos, bei den Migranten ist es allerdings so, dass die Mehrheit derer, die seit 2015 hierher gekommen sind – meines Wissens sind es mehr als 75 Prozent – sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist. Wenn Sie von „Remigration“ sprechen: Geht es darum, generell Menschen mit Migrationshintergrund abzuschieben? Oder ausschließlich um diejenigen, die keine Bleibeperspektive haben? Im Umkehrschluss würde das bedeuten: Menschen, die integriert sind, Deutsch lernen, hier arbeiten, Sozialabgaben leisten und Steuern zahlen, wären von Ihren Plänen nicht betroffen?
Dr. Michael Blos: Wer den deutschen Pass besitzt, ist deutscher Staatsbürger. Das ist für uns selbstverständlich. Man kann sich darüber hinaus natürlich fragen, unter welchen Voraussetzungen jemand die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hat, aber das ist ein anderes Thema. Wir haben in der Tat einen Fachkräftemangel. Wir müssen gezielt dort Fachkräfte anwerben, wo wir sie benötigen. Was wir seit 2015 erleben, ist aber eine vollkommen ungesteuerte Migration.
Ortenau Journal: 2015 hat einiges verändert.
Dr. Michael Blos: Ja, das ist richtig. Und dagegen wenden wir uns. Wenn Friedrich Merz von einem Problem im Stadtbild spricht und anschließend wieder zurückrudert, glaube ich, dass jeder weiß, worum es geht. Natürlich müssen diejenigen, die sich dauerhaft nicht integrieren oder kriminell werden, zurückgeführt werden. Was mich gleichzeitig aber irritiert, ist, dass es trotz der aktuell geringen Zahl an Abschiebungen immer wieder auch Fälle gibt, in denen gut integrierte Menschen betroffen sind. Ich habe mich erst gestern mit einem Kollegen darüber unterhalten. Es geht immer wieder durch die Presse: Menschen, die gut integriert sind, deren Kinder hier zur Schule gehen, die perfekt Deutsch sprechen und arbeiten, werden abgeschoben, während andere, beispielsweise schwere Straftäter, hierbleiben dürfen. Und ich möchte noch einmal auf das Wort „Remigration“ eingehen, das inzwischen sehr negativ aufgeladen ist. Es bezieht sich aus unserer Sicht auf bestimmte Gruppen und nicht pauschal auf Ausländer. In unserer Partei gibt es selbst viele Menschen mit Migrationshintergrund, beispielsweise meine Frau. Und gerade in Baden-Württemberg wählen uns auch viele Zugewanderte.
Siehe auch hier:
AfD-Mann Dr. Michael Blos aus Lahr sieht Koalitionsvertrag als Täuschung der Wähler
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