Das 20. TonArten Festival in Sasbachwalden hat Spuren hinterlassen. Queerbeet ging es durch die Welt der Kunst, der darstellenden, der geschriebenen, der außergewöhnlichen. Auch in diesem Jahr hatte Gregor Dierck, der musikalische Leiter und Komponist und Arrangeur der zahlreichen Motive der klassischen Musikwelt ein Programm zusammengestellt, das einen erfüllt zurücklässt. So jedenfalls empfanden es nicht nur die Besucher der Funkturmkonzerte, doch dieses Ereignis ist das jährliche Highlight des Festivals.
Ein Rückblick! Die Fahrt beginnt durch das malerischen Sasbachwalden, dem die vielen Fachwerkbauten und die üppigen Blumenarrangements einen besonderen Charakter verleihen. Über mehrere Kilometer führt die Strecke hoch zur Schwarzwaldhochstraße. Ziel ist die Hornisgrinde. Spektakuläre Aussichten weit ins Rheintal bis hin zu den Vogesen begeistern. Die ersten Hinweisschilder. TonArten Turmkonzert. Mittlerweile auf der legendären Schwarzwaldhochstraße heißt es weiterfahren, dann – abbiegen. Hinein in den Schwarz-Wald. Herrlich durch diese natürlich gewachsene Baumallee zu fahren.
Wie ein Mahnmal taucht plötzlich der….Meter hohe Funkturm des Südwestrundfunks auf. Er wirkt erhaben, resistent. Die Grinde-Wiesen sind auch hier ausgetrocknet. Der Wind weht stärker hier oben, die Aussicht – einzigartig.

Der SWR-Funkturm auf der Hornisgrinde.
Festlich feierliche Stimmung herrscht indessen im Foyer des Turmes. Gregor Dierck und Claudia Viegen, die Organisatorin vor Ort, begrüßen ihre Gäste, bedanken sich bei Michael Neubert: „Durch deinen Einsatz und deinem engen Kontakt zum SWR sorgst du immer wieder dafür, dass wir diesen außergewöhnlichen Ort für unsere Konzerte nutzen können! Danke dafür!“ Gregor Dierck ist sichtlich bewegt. Es ist das letzte Konzert in diesem Sommerfestival. Auch dieses ist ausverkauft. Man erinnert sich zu gerne an die vergangenen Funkturmkonzerte.
In seiner Ansprache macht Gregor Dierck deutlich, wie sehr im dieses Projekt am Herzen liegt: „Ich wünsche mir, dass das Publikum in die universelle Sprache der Musik eintaucht, dass Musik nicht nur unterhält, sondern bewegt!“ Diese besondere Atmosphäre im Funkturm soll sein Wunsch unterstreichen, Musik als etwas Schönes, aufzeigen, aber auch zum Nachdenken anregen. „Es geht um Heimat, um Wasser, um Achtung vor unserem Planeten und um den Dialog zwischen alter und neuer Klangsprache!“ Dass er mit dem Titel „Great Minds“ einen musikalischen Bogen von späten zehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart verspricht, erhöht die Spannung ungemein.
Dann, kurz vor 21.00 Uhr, der Start. Eine steile, rund angelegte Treppe geht nach oben. Schmal ist sie, sehr schmal und 75 Stufen hoch. Ein Aufzug kann benutzt werden. Nicht jedermanns Sache, denn hier ist es einfach anders. Ein schmuckloser Industriebau, der erst mal befremdlich wirkt. Oben auf der Plattform sind viele Helfer vor Ort. Etliche Feuerwehrleute. Sicherheit geht vor. Auch hier. Das grüne Licht, das hoch in den meterhohen, nicht begehbaren Turm hinauf leuchtet, wirkt beruhigend.

Links und rechts um den großen, stabilen Mittelteil sind die Stühle angeordnet. Der Blick fällt auf die Bühne. Hier wird das Festivalensemble spielen. Gregor Dierck, ein Virtuose an der Violine, Yannick Rafalimanana der großartige Pianist, Skaiste Diksaityte und Benjamin Spillner mit ihrer Violine und der seltenen Strohgeige. Immer wieder wird später der Blick auf das konzentrierte Spiel von Swantje Tessmann (Violine) fallen, auf Lea Tessmann am Violoncello. Carrie Robinson (Viola) und John Eckhardt (Kontrabass und E-Bass) – sie alle werden mit ihrem Spiel etwas Außergewöhnliches schaffen. Soviel vorweg.
Es wird dunkel. Wassertropfen sind zu hören. Freche, glitzernde Töne. Dann eine gespannte erwartungsvolle Ruhe. Ein langgezogener sanfter Ton folgt, erhöht die Spannung und wird abgelöst von einer feinen klaren Stimme. Sie kommt von oben, hallt aus dem kalten Turm, wärmt die Seele mit ihrem Klang, der fremden Sprache, der feinen Begleitmusik. „O Vis Aeternitatis“ – O Kraft der Ewigkeit. Mit Hildegard von Bingen gelang Gregor Dierck ein sphärischer Einstieg in einen ungewöhnlichen, bezaubernden Abend.
Das Ensemble, gerade noch einzeln im Klangraum verteilt, nimmt auf der Bühne Platz. Sie widmen sich dem Schlusschor aus der Oper „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell (1659 – 1695) und lassen den Klangraum mit Mozarts Nachtmusik, von Dierck umgewandelt und neu arrangiert in „Die ganz kleine Nachtmusik“ förmlich erstrahlen. „Sie verbindet historisches Material mit einer heutigen Klangsprache“ hatte er im Vorfeld angekündigt“.

Es gilt, die Augen schließen und sich beschenken zu lassen von diesen virtuosen Künstlern. Auch von John Eckardts Solostücken für Kontrabass namens Amygdala oder Madeleine. Wunderschön Wolfgang Amadeus Mozarts Menuet I – Trio I und Menuett – Trio II und sehr berührend Clara Schumann mit „Liebst Du die Schönheit“.
Mit der Lichtkünstlerin Katrin Bethke bekommt das Konzert eine neue Dimension. Während Gregor Dierck´s Neuinterpretation von Georg Friedrich Händels (1685 – 1759) Feuerwerksmusik, wie angekündigt auf barocke Festmusik, Jahrmarkt, Jazz und Improvisation trifft und klangvoll den Turm erfüllt, wird dieser nun durch eine spielerische Farbwelt ergänzt.
Mit technischer Raffinesse wirft die Künstlerin lebendige Farbkompositionen auf des alte, nüchterne Gemäuer und zusammen, mit Klang und Farbe verschmilzt jeglicher Gedanke. Man gibt sich der Gegenwart in ihrer ganzen Präsenz hin. Ein großartiges Erlebnis, das noch lange in die Nacht hier oben hoch auf der Hornisgrinde hinein hallt und sich über den mystischen Schwarzwald ergießt.
Siehe auch hier (2025):
Funkturmkonzert auf der Hornisgrinde: Ein magisches Klang-Experiment beim TonArten Festival
Newcomerin Frani begeistert beim Tonarten Festival mit sphärischem Pop und starker Stimme
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