– Kultur Special Teil 1 –

Punk, Freundschaft und Abschied: Jürgen Stark erinnert sich an 45 Jahre Campino und Die Toten Hosen

Die Toten Hosen
© Bastian Bochinski – Die Toten Hosen gehen auf Abschiedstour. Doch was ist mit dem „Carpendale-Effekt“?
Eine Ära des deutschen Punkrock geht zu Ende – oder zumindest in die Verlängerung. Mit einem neuen Album und großen Tourplänen steuern Die Toten Hosen auf ihr angekündigtes „bitteres Ende“ zu. Kulturjournalist Jürgen Stark blickt in seinem Kultur Special zurück auf 45 Jahre Bandgeschichte, persönliche Begegnungen mit Frontmann Campino und eine Zeit, in der Punk noch Aufbruch, Rebellion und Lebensgefühl war. Ein Vorruhestands-Nachruf auf eine Band, die Generationen prägte – ein Abschied für immer?
Von Jürgen Stark

Droht ein Abschied auf Raten…?! Das ist nicht unwahrscheinlich, doch der könnte so unterhaltsam werden wie bei Howard Carpendale, der bereits – gefühlte – zwanzig Abschiedstourneen gegeben hat und eigentlich ständig irgendwo auf einer Abschiedstournee unterwegs ist. Dabei lohnt auf jeden Fall bereits jetzt der Nachruf auf die nunmehr „Untoten Unterhosen“ (kleiner Scherz, Lachen ist gesund!), denn deren Zeit ist eigentlich tatsächlich längst abgelaufen, wenn man deren Lebenslauf mal etwas genauer betrachtet.

Musikalische Retrospektive

Die Toten Hosen kündigten bereits 2022 mit einer 35 Jahre-Jubiläumsedition ihren Abgang an: “Bis zum bitteren Ende – Die Toten Hosen LIVE!” 1987–2022“. Auf einer LP und zwei CDs rockten sie mit noch recht vitalem Altherren-Punk durchs Fan-Gelände während der dazu passende Slogan zur musikalischen Retrospektive einlud, jedoch bereits von „Vorruhestand und Luxusrente dank diverser Top-Hits und etlicher ausverkaufter Tourneen“ kündete, wie die Medien übereinstimmend kommentierten. Doch wer über solch eine lange Ära erfolgreich ganz oben im Unterhaltungsgeschäft mitmischt, der geht nie so einfach sang- und klanglos davon.

Das „Verschwinden einer spaßigen Rockband“

Insbesondere lokale Zeitungen aus dem Düsseldorfer Umland der Band machte dieser vermeintliche Schlussakkord, wenig verwunderlich, melancholisch und betrübt, denn nicht nur für die lokalen Medien droht das „Verschwinden einer spaßigen Rockband von der immer leiser und überschaubarer wirkenden deutschen Musikszene“, wie dort eine lokale Tageszeitung schrieb. Die Toten Hosen veröffentlichen am 29. Mai ihr nach eigenen Angaben „letztes reguläres Studioalbum“, quasi immer noch mitten drin in ihrem „bitteren Ende“ und dieses nun aktualisierend.

Den lustigen Zecher-Titel „Trink aus, wir müssen gehen“ sollen Medien und Fans natürlich als muntere Abschiedsbotschaft wahrnehmen. Doch ob die Band danach dann tatsächlich aufhört, lässt sie allerdings in dem offiziellen Statement auf ihrer DTH- Homepage bewusst offen – Der Carpendale-Effekt, denn wenn sich weiterer „Abschied“ absehbar noch richtig lukrativ gestalten lassen sollte, dann wird man kaum noch von einem „bitteren Ende“ bei lohnenswerten Umsätzen sprechen wollen.

Die Toten Hosen  Die Toten Hosen

Fotos: Bastian Bochinski

Das künstlerische Albumcover

Neben dem regulären Album erscheint zusätzlich ein Bonuswerk mit 25 neu eingespielten älteren Songs, aufgenommen gemeinsam mit befreundeten Musikern. Das vorerst letzte Albumcover stammt vom Düsseldorfer Künstler Andreas Gursky, der sein berühmtes Werk „Rhein II“ – zeitweise die teuerste Fotografie der Welt – neu inszenierte. Darauf ist die Band an einem kaputten Opel Rekord zu sehen, eine Anspielung auf das Debütalbum „Opel Gang“ von 1983.

Zurück in die Gründerzeiten einer deutschsprachigen Rockband: Sie kamen aus dem Düsseldorfer Stadtteil Flingern, brachen auf in einer damals völlig anderen Welt, die mit der heutigen fast nichts mehr verbindet – und rockten ganze 45 Jahre mit einem Konzept, welches sich erst sukzessive selbst vor Publikum erschuf. Denn am Anfang war einfach nur Punk – best british – ein musikalischer Aufstand gegen jegliches Establishment, auch gegen das in der damals boomenden Musikindustrie und im feist und fett gewordenen Kulturjournalismus.

Letzter großer Aufbruch handgemachter Musik

Dieser saturierte als frühere Variante von „Mainstream Media“ dem „Bombastrock“ á la Genesis oder Yes ins uninspirierte Flachland gefolgt war. Die Punks verkündeten daher zornig das „Ende des „Rock’n’Roll“ – und avancierten doch nur zu dessen größter Frischzellenkur der Rockgeschichte. Gleichzeitig wurde und war der Punk der letzte große Aufbruch handgemachter Musik in der Jugendkultur und letztes großes weltweites Movement gitarrenorientierter Bands in der gesamten westlichen Hemisphäre. Und das in einer Zeit, die noch weitgehend analog war und in der musikalische Botschaften noch auf Vinyl-Langspielplatten (!) und über LP-Cover-Art veröffentlicht und zu den Fans und deren Plattenspielern nachhause transportiert wurden.

Persönliches Kennenlernen

Die Zeitmaschine: 1984 lernte ich die „Hosen“ bei einem Pressetermin im Hamburger Büro des Labels Virgin kennen, zu dem die Band soeben von der EMI mit lautem Krach und heftiger Juristerei gewechselt war, um dort mit dem Album „Unter falscher Flagge“ durchzustarten. Ich trat an beim Promo-Termin für das „Hamburger Abendblatt“, nebenher gab ich zu jener Zeit auch noch den jährlich erscheinenden „Rock Kalender“ gemeinsam mit meinem alten Schulfreund Thomas Böhm heraus, (die Reihe erreichte bis Anfang der 2000er Jahre über 100.000 Exemplare Gesamtauflage!), mit dem ich synchron lebenslang im Journalismus gelandet war.

Die Toten Hosen  Die Toten Hosen

Fotos: Bastian Bochinski

Das kleine Taschenbuch war lange vor Google u.a. ein Verzeichnis von Auftrittsmöglichkeiten für Bands und beinhaltete sämtliche Geburts- und Todestage von Musikern und Popstars, vor diesem Hintergrund brauchte dieses Gespräch wenig Anlauf, zumal ich selbst noch, im wilden 1979er Wechsel in die 1980er Jahre hinein, im Hamburger „Grünspan“ auf St. Pauli gemeinsam mit der Punkband „Big Balls & The Great White Idiot“ gemeinsam auf der Bühne bei einem der ersten Punkfestivals als „The Unknowns“ (mit Posträubermasken) gestanden hatte.

Gleich auf den Boden hingehockt“

So kam einiges zusammen, zumal ich auch noch Autor eines der ersten deutschsprachigen Bücher über Punk und New Wave war, dem 1980 erschienenen Werk „Der große Schwindel?“ – dieses Virgin-Date war also eher wie ein Treffen unter Gleichgesinnten, was die Jungs genossen, denn so konnten sie sich viel freier und direkter äußern, konnten sich also schon vorab als gut verstanden fühlen! Infolgedessen hatten sich Campino, Andreas von Holst, Andreas Meurer und Michael Breitkopf in dem Büroraum gleich auf den Boden hingehockt – es fehlte eigentlich nur noch ein Kasten Bier in unserer Mitte.

Und dann hätten wir „schäumende Stimmungshits“, wie etwa auf dem Album der Musikkollegen von der „Deutschen Trinkerjugend“ (die frühen Punkrocker hatten jede Menge subversiven Charme und deftigen Humor!), gemeinsam gesungen. Da saß sie nun, die kleine Rasselbande – blutjunge Teenager noch mit der Aura von Schulhof, „Dumme-Jungen-Streiche“ und Pausenbrot, am Vorabend einer großen, Jahrzehnte andauernden Karriere.

Wie ging es weiter mit den Toten Hosen? Teil 2 des Kultur Specials in Kürze im Ortenau Journal.

Jürgen Stark

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