Der prominente deutsch-italienische Musiker, Kabarettist und Songwriter Olaf Bossi gastierte just an seinem Geburtstag mit seiner „Ausmist Comedy Show“ im Kehler Kulturhaus – und inspirierte. Die Leiterin des Kulturbüros, Stefanie Bade, kündigt ihn an, der Applaus donnert, Bossi betritt die Bühne. Diejenigen, die ihn noch nicht kennen, erstarren: Was zum lieben Gott macht Elon Musk in Kehl, und wo ist Bossi nur geblieben? Und ob Musk doch einen im deutschen Kunst-Gefilde verirrten Zwillingsbruder hat?
Wachsende Erfolge
Bossi greift das Thema gleich auf. Er erzählt, wie glücklich er über seine wachsenden Erfolge beim Publikum gewesen sei, die sich immer häufiger im Wunsch vieler Bewunderer äußerten, mit ihm zusammen Selfies zu machen. Bis er verstand, dass die Leute das wegen seiner verblüffenden physischen Ähnlichkeit mit dem reichsten Mann der Welt täten.
Daraufhin habe er begonnen, sich zu fragen, was er mit Elon Musk überhaupt gemeinsam habe. „Nicht das Konto, aber die Vorliebe zum Ausmisten“. Musk habe ja in den USA kräftig ausgemistet – Bossi mache dies seit einiger Zeit bei sich zu Hause.
„Doch kein Genie“
Von jung auf sei er ein völliger Chaot gewesen, habe mit dem Lebensmotto gelebt: „Nur kleine Geister brauchen Ordnung, die Genies behalten immer den Überblick“. „Mit der Zeit habe ich allerdings bemerkt, dass ich doch kein Genie bin“ – und als Vater von zwei Buben sei ihm das Chaos mit Familie ziemlich anstrengend geworden. Bei ihnen sei alles so voll gewesen, dass „die Motten, die aus dem Kleiderschrank herausflogen, nach Luft schnappen mussten“. Und im Lebensmittelschrank hätten sie „schon eine Altstadt gehabt“.
Horde von Hunden
Wenn die Kinder in die Schule mussten, sei die ganze Familie wie eine chaotische Horde von Hunden gewesen, die ständig etwas sucht. „Nachdem sie endlich aus dem Haus waren, standen sie eine Stunde später schon wieder vor der Tür. – Was habt ihr jetzt wieder vergessen? – Dass es Samstag ist!“ „Uff!“
Dem Chaos den Krieg erklärt
Also wurden Lösungen gesucht: Ausmist-Spezialisten und japanische Ratgeber kamen auf den Plan, und dem häuslichen Chaos wurde der Krieg erklärt. Im Saal identifizieren sich nun viele mit Bossis Problem – der Künstler spricht die Zuschauer darauf auch direkt an. Es stellt sich eine Art von „Betroffenheit im positiven Sinne“ ein, denn was er humorvoll und mit Esprit erzählt, ist völlig authentisch, direkt aus dem Leben gegriffen.
Reflexion über Konsumverhalten
Aberwitzig beschreibt Bossi den Ausmist-Marathon in seinem Zuhause: Klamotten, Küche, Bücher, seine riesige Schallplattensammlung, Tonbandaufnahmen aus den 80ern und 90ern, Fotos, Badezimmerschränkchen. Dabei entstehen subtile Reflexionen über Konsumverhalten, ergänzt durch skurrile Schlussfolgerungen: „Was macht glücklich und kann behalten werden, was nicht und kann weg? Wo die Bremse beim Minimalismus ziehen? Ich habe festgestellt, dass ich das, was ich eigentlich gerne trage, schon anhabe. Noch etwas ist gerade in der Waschmaschine, ein Anzug hängt auf dem Stuhl. Dann lieber Schrank ausleeren, Stuhl in den Schrank, und fertig ist die Ordnung!“
Telefonnummern im Gedächtnis
Urkomisch behandelt er auch Themen wie Gesundheit, die Unterschiede zwischen Analogfotografien und digitalen sowie die Frage, was neue Technologien in uns verändert haben. Komik mit Tiefsinn. Es fehlen auch nicht die witzig-nostalgischen Betrachtungen der Zeiten, als es keine Mobiltelefone, kein Internet, kein Netflix und desgleichen gab und die Menschen eine Menge – auch noch so langer – Telefonnummern im Gedächtnis behielten. „Stellen Sie sich vor: Unsere Kinder kennen keine Welt ohne Internet, Netflix und Social Media.“ Dabei kommen auch Erziehungsfragen auf, die unsere Gesellschaft beschäftigen: Wie lässt man Kinder noch Kinder sein, wie schützt man sie?

„Comedy ist nicht gleich Comedy“
Lachen, Kichern und Losprusten am laufenden Band – und dabei auch etwas lernen, sich inspirieren lassen. „Das ist neu – Comedy ist nicht gleich Comedy“, kommentiert in der Pause eine Dame aus dem Publikum. Zumal der Künstler zuvor auch eines seiner bekanntesten, selbst komponierten Lieder vorträgt: „Ich will Jeans, T-Shirt und Freiheit“. Der Saal singt inbrünstig mit – der Text geht vielen tief unter die Haut, klingt nicht komisch, sondern eher nach waschechtem Idealismus. Das mistet man nicht gerne aus.
Intelligent konstruiert
Die Textur der Show ist dicht und intelligent konstruiert. Die Witze bauen stark auf Situationskomik auf, rücken nahe an Skurrilität – nie geschmacklos, sondern liebevoll. Obschon sie des öfteren wie Widerspiegelungen, gar wie Entblößungen wirken, kann das Publikum dabei locker und genüsslich über sich selbst lachen.
Ausbildung als Kabarettist
Bossi versteht es, sich ohne Allüren zu präsentieren – völlig authentisch und ausgesprochen sympathisch. Das sei für ihn der längste und schwierigste Weg seiner Comedian-Karriere gewesen, gesteht er im Gespräch mit Ortenau Journal. Durch die Ausbildung als Kabarettist sei er immer verkrampfter geworden, sich selbst fremd – denn im Rampenlicht inszeniere man sich automatisch. Er habe sich von sich selbst entfernen müssen, weg von der Bühne, „um wieder auf der Bühne zu mir selbst zu finden, ganz natürlich zu sprechen und zu sein wie im realen Leben“.
Die Zugabe mit einem seiner ältesten komischen Lieder, „Schlaflied“, zeigt ihn schließlich als verzweifelten Vater am Bettchen seines Babys, das bis zum Morgengrauen nicht einschläft. Zum Brüllen komisch – vielen Eltern doch so hautnah.
Über Olaf Bossi
Olaf Roberto Bossi (*15. Februar 1971 in Stuttgart) ist ein deutsch-italienischer Musiker, Kabarettist und Liedtexter. Aufgewachsen in Stuttgart, sammelte er früh Bühnenerfahrung und gründete bereits während der Schulzeit erste Bands. Nach dem Abitur studierte er Jura und Modedesign, bevor er sich ab 1994 ganz der Musik widmete. Mit den Projekten The Free und Das Modul feierte er zahlreiche Chart-Erfolge, Goldauszeichnungen und eine Echo-Nominierung.
Ab Mitte der 2000er profilierte sich Bossi zusätzlich als Stand-up-Comedian und trat auf renommierten Comedy-Bühnen auf. Nach einer kreativen Phase als erfolgreicher Komponist und Texter für namhafte Schlagerkünstler kehrte er 2012 selbst auf die Bühne zurück. Mit seinen Soloprogrammen verbindet er Musik, Kabarett und feinsinnigen Humor. Olaf Bossi wurde mehrfach mit Kleinkunstpreisen ausgezeichnet, lebt mit seiner Familie in Stuttgart und zählt heute zu den vielseitigsten Stimmen der deutschsprachigen Kleinkunstszene.
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