Von Wolfgang Huber
Was wäre Boxen ohne einen professionellen Ringsprecher. Den Krasniqis gelang es, die Branchengröße Stefan Müller zu gewinnen. Der Schweizer tritt bei zahlreichen Box-Events in Deutschland auf. Auch in die USA hat es ihn schon verschlagen.
Harte Arbeit und pures Entertainment
Im Interview spricht der sympathische Baseler über seine Anfänge als Judoka und wie er die Spannung während eines langen Abends aufrecht erhält. Auch Entertainment spielt ein Rolle. Er gibt außerdem seine Einschätzung zum Leistungsniveau von regionalen Box-Galas ab und verrät, was die Box-Fans am Samstag von ihm erwarten können.
Das Interview:
Ortenau Journal: Herr Müller, Sie stehen als Ringsprecher mitten im Geschehen, sind aber gleichzeitig eher im Hintergrund. Wie würden Sie Ihre Rolle bei einer Box-Gala beschreiben?
Stefan Müller: Ich vergleiche das immer mit einem Zirkusdirektor. Der ist der Mittelpunkt, macht eine gute Show und macht die Leute heiß auf die Stars, die dann eigentlich in die Manege kommen. Bei mir ist es einfach der Ring oder der Cage, wo dann die Kämpfer und Kämpferinnen hineingerufen werden. Das ist so meine Funktion: informativ zu sein, aber in einer frischen und attraktiven Art.
Ortenau Journal: Wie sind Sie dazu gekommen, Ringsprecher zu werden und woher kommt die Begeisterung für Kampfsport?
Stefan Müller: Kampfsport habe ich eigentlich schon sehr lange gemacht, seit meinem fünften Lebensjahr. Ich habe mit Judo angefangen, dann Karate, dann Wing Chun, später ein bisschen Kickboxen. Seit mittlerweile über 15 Jahren boxe ich nur noch. Die Begeisterung war eigentlich immer schon da. Weil ich im Kampfsportzentrum Exit Asia in Freiburg trainiere, habe ich meinem Coach irgendwann gesagt, dass ich mir vorstellen könnte, auch als Ringsprecher zu arbeiten. Er wollte ein Event veranstalten. Der andere Hintergrund ist, dass ich eigentlich als professioneller Sänger ausgebildet bin. Ich habe früher sehr viel in Bands gesungen, vor allem in den 2000er-Jahren in Clubs. Da habe ich mir gedacht: Wie kann ich meine Stimme noch anders nutzen – vielleicht früher am Abend und nicht erst um zwei Uhr nachts in der Disco.
Ortenau Journal: Sie haben auch bereits bei großen Boxveranstaltungen gearbeitet und standen bei Kämpfen von Sven Ottke, Robert Stieglitz, Firat Arslan und anderen Boxgrößen am Ring. Ulrich Wegener haben sie auch getroffen. Was unterscheidet solche großen Events von regionalen Box-Galas?

Stefan Müller: Ich war zum Beispiel bei SES Boxing in Magdeburg, wo ich Agit Kabayel moderiert habe. Der ist inzwischen Weltspitze. Da stellt sich gerade die Frage, ob er gegen Oleksandr Usyk kämpfen kann, um alle vier Gürtel. Der Unterschied zwischen großen und kleineren Events ist schwierig zu beschreiben. Man muss immer wissen, wo man herkommt. Kleinere Veranstaltungen mit 600 Leuten können teilweise lauter und intensiver sein als Events mit 6000 Zuschauern.
Ortenau Journal: Wie schätzen Sie das Niveau der Korker Box-Gala ein?
Stefan Müller: Das Niveau ist auf jeden Fall sehr gut. Es hat sich von Jahr zu Jahr gesteigert. Die Krasniqi-Brüder sind einfach voll dabei, voller Elan und hoch motiviert. Ich sehe das auch, weil ich ein Stück weit mitgewachsen bin. Einerseits bin ich sehr dankbar – egal ob bei kleinen oder großen Veranstaltungen –, dass sie mich als Ringsprecher wollen und meine Qualität schätzen. Andererseits haben sie selbst ihre Qualität massiv verbessert. Sie waren nie schlecht, aber man lernt von Jahr zu Jahr dazu. Momentan haben sie wirklich ein sehr gutes Niveau erreicht.
Ortenau Journal: Als Ringsprecher tragen Sie Verantwortung für den Ablauf und die Atmosphäre. Wie bereiten Sie sich konkret auf einen Kampfabend mit vielen Kämpfen vor?
Stefan Müller: Ich bin ein sehr akribischer Mensch mit einer kaufmännischen Grundausbildung. Ich beginne meistens etwa eine Woche vor dem Event mit der Recherche, weil ich in der Regel jedes Wochenende eine Veranstaltung habe. Ich versuche, vom Veranstalter so viele Informationen wie möglich zu bekommen. Dann kontaktiere ich Kämpfer, Kämpferinnen, Trainer oder Leute aus den Boxclubs. Ich frage nach Sponsoren und gehe auch über soziale Medien in den Dialog. Heute hat man da viele Möglichkeiten.
Sehr wichtig ist mir auch, dass ich persönlich zu den Leuten gehe und zum Beispiel frage, wie ihr Name korrekt ausgesprochen wird. So fühlen sie sich ernst genommen. Ich erstelle meine eigenen Fightkarten, versuche Ablaufpläne zu bekommen und recherchiere auch zu möglichen VIP-Gästen. Es wäre schlimm, wenn jemand in den Ring kommt, den alle kennen, und man selbst weiß nicht genau, wer das ist. Dann steht man da und fragt: „Wie heißt er nochmal?“ Das sollte nicht passieren. Man muss wissen, mit wem man spricht.
Ortenau Journal: Am 14. März stehen in Kork elf Kämpfe auf dem Programm. Wie schafft man es als Ringsprecher über mehrere Stunden hinweg, Spannung und Energie im Publikum hochzuhalten?
Stefan Müller: Ich habe zum Glück schon lange kein Lampenfieber mehr, sondern freue mich einfach sehr auf solche Abende. Ich baue das langsam auf. Als ausgebildeter Sänger muss ich meine Stimme vorher nicht besonders vorbereiten, ich bin eigentlich immer bereit. Von Kampf zu Kampf kommt man in einen Rhythmus. Ich vergleiche das gerne mit Langstreckenschwimmen. Am Anfang springt man ins Wasser und startet schnell, aber auf der Strecke muss man einen Rhythmus finden, damit man am Ende noch vorne mitschwimmen kann. Ich bin während des Abends immer ein bisschen unter Strom. Ich esse meist nichts Großes und bleibe ein wenig hungrig – im übertragenen Sinn. Man spürt ja auch das Ambiente: Ist es ruhig, kommt gleich ein Lokalmatador, steigt die Stimmung? Darauf reagiert man. Man ist ein bisschen wie ein Chamäleon und passt sich der Atmosphäre an.
Ortenau Journal: Der Hauptkampf um die Eurodistrict-Meisterschaft zwischen Felix Kriedemann und Miridon Mulolli verspricht hochklassigen Sport. Was erwarten Sie von diesem Kampf?
Stefan Müller: Ich habe mir die Statistiken angeschaut, die sind ziemlich ähnlich. Man muss im Kampfsport aber immer unterscheiden. Im MMA ist es zum Beispiel keine Schande, wenn jemand bei elf Kämpfen vier Siege, sechs Niederlagen und ein Unentschieden hat. Im Boxen achten die Leute stärker auf die Bilanz. Aber auch wenn jemand zwei Kämpfe knapp nach Punkten verloren hat, heißt das nicht, dass er schlecht ist. Wenn ich mir beide Boxer anschaue, denke ich: Das wird kein einfacher Kampf für einen von beiden. Das wird ein intensiver, guter Fight. So wie sie sich auch in den sozialen Medien präsentiert haben, wollen beide unbedingt gewinnen – aber auf faire Weise. Ich nehme beide als sehr angenehme Persönlichkeiten wahr.
Ortenau Journal: Sie sind nicht nur Ringsprecher, sondern auch Entertainer und Sänger. Wie stark spielt Entertainment beim Kampfsport eine Rolle?
Stefan Müller: Entertainment spielt eine große Rolle. Man darf sich als Ringsprecher aber nicht selbst in den Mittelpunkt stellen. Natürlich stehe ich im Zentrum des Rings und bin gewissermaßen der „Single Point of Contact“. Aber wichtig ist, dass das Umfeld im Vordergrund steht. Ich mache viele unterschiedliche Dinge. In der Schweiz moderiere ich zum Beispiel für Sat.1 Schweiz eine Kochsendung namens „Beef Club“. Außerdem habe ich bei einer japanischen Netflix-Serie mitgewirkt. Dafür wurde ich nach Berlin eingeflogen und habe eine Woche lang mit südkoreanischen und japanischen Schauspielern gedreht. Ich bin sehr vielseitig unterwegs. Das hilft mir auch im Ring. Ich habe Freude am Leben, an Menschen und an verschiedenen Kulturen. Das kommt auch daher, dass ich seit 1994 im Tourismus arbeite. Ich habe über 30 Jahre Erfahrung als Agenturleiter und Reiseexperte. Deshalb staunen manche Leute auch, wenn ich ihre Namen korrekt ausspreche. Ich habe einfach mit vielen Kulturen zu tun gehabt. Außerdem habe ich auch als Synchronsprecher gearbeitet, etwa für „Property of Black Beer“. Ich bin einfach gerne vielseitig unterwegs – das gehört für mich zum Entertainment.
Ortenau Journal: Die Ansagerlegende Michael Buffer aus den USA – ist er ein Vorbild für Sie?
Stefan Müller: Michael Buffer ist absolut ein Vorbild. Natürlich wird es auch bei ihm irgendwann ruhiger werden, weil die Menschen älter werden. Auch sein Bruder Bruce Buffer ist ein großer Name. Als ich angefangen habe, dachte ich zunächst, Ringsprecher zu sein sei eine One-Man-Show. Später habe ich gemerkt, dass wir in dieser Szene viel zusammenarbeiten. Heute habe ich ein großes Netzwerk mit anderen Ringsprechern und Ringsprecherinnen, zum Beispiel auch mit Tina Schüßler. Wir arbeiten Hand in Hand und sehen uns nicht als Konkurrenz. Wenn ich für ein Event gebucht bin und eine zweite Anfrage bekomme, empfehle ich manchmal Kollegen. Manchmal wechseln wir uns auch bei Veranstaltungen ab. Mir ist wichtig, dass wir in der Szene zusammenarbeiten.
Ortenau Journal: Mit Ihrem YouTube-Format „Fight Promoter“ sprechen Sie regelmäßig mit Kämpfern und Prominenten aus der Szene. Welche Begegnung ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Stefan Müller: Vincent Feigenbutz zum Beispiel. Er ist eine coole Socke, kommt aus unserer Region und hat eine freche Schnauze, war aber im Gespräch sehr angenehm. Normalerweise redet er nicht so viel, aber bei mir war er sehr gesprächig. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir auch Matthias Preuss, eine große Stimme des Kampfsports, der leider im vergangenen Jahr gestorben ist, und der Wrestler Bad Bones Klinger, der ebenfalls verstorben ist. Wenn man intensive Gespräche mit solchen Menschen führt, bleibt das natürlich im Gedächtnis. Im vergangenen Jahr war ich außerdem in den USA und war dort der erste Ringsprecher bei einem großen Armwrestling-Event „East vs. West“ in Dallas beziehungsweise Arlington. Mit meinem Format habe ich sehr viele Leute interviewt. Mir war wichtig, dass es nicht nur um Fotos oder kurze Begegnungen geht, sondern dass man wirklich in die Tiefe geht und die Menschen kennenlernt. Dafür haben wir 2023 auch den Best Media 2023 Black Belt Lodge Award in Deutschland bekommen.
Ortenau Journal: Was dürfen die Zuschauer von Ihnen am Samstag als Ringsprecher erwarten – und worauf freuen Sie sich persönlich an diesem Abend am meisten?

Stefan Müller kürt den Sieger einer Koch-Show. Foto: Stefan Müller
Stefan Müller: Die Zuschauer können saubere Arbeit und klare Informationen erwarten. Natürlich hoffe ich auf spektakuläre Kämpfe mit tollen Siegerinnen und Siegern – und auch auf Applaus für die Verlierer. Das finde ich sehr wichtig. Ich freue mich außerdem auf gute Interviews und vor allem auf die Menschen. Wenn wir uns rund um den Ring treffen – egal ob vom Bund Deutscher Berufsboxer, vom WBC, Swiss Boxing oder von anderen Verbänden – ist das oft wie ein Familientreffen. Man trifft Freunde mit der gleichen Leidenschaft. Das macht den Abend noch schöner. Und natürlich freue ich mich auch auf das Publikum, gerade in dieser Region, das bei solchen Veranstaltungen immer für eine großartige Stimmung sorgt.
Ortenau Journal: Wenn ein Kampf über die volle Distanz geht: Haben Sie dann oft schon eine Ahnung, wer gewonnen hat?
Stefan Müller: Ich bin kein offizieller Punktrichter, aber ich kenne mich natürlich ganz gut aus. Ich schaue allerdings nicht auf die Scorekarten, weil ich mich auf meine Aufgabe konzentrieren muss – gemeinsam mit dem Zeitnehmer darauf achten, dass alle Kommandos stimmen. Ich tippe manchmal für mich selbst, wer vorne liegt. Wenn ein Kampf über viele Runden geht, zum Beispiel zehn Runden, dann schaue ich kurz vor der Entscheidung beim Supervisor oder Präsidenten über die Schulter, wenn ich mein Mikrofon ausgeschaltet habe. Dann erfahre ich das Ergebnis. Wenn ich danach in den Ring gehe, schauen mich die Kämpfer oft hoffnungsvoll an. Viele denken, ich würde ihnen schon verraten, wer gewonnen hat. Aber ich bleibe völlig neutral und zeige mein Pokerface. Ich möchte die Spannung bis zur offiziellen Verkündung aufrechterhalten.
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Einlass in die Halle ist um 17:30 Uhr, geboxt wird ab 18:30 Uhr. Tickets gibt es unter der Hotline oder an den offiziellen Vorverkaufsstellen. Vorverkaufsstellen: Edeka Straub Kork, Bistro Wolkenkratzer Kehl. Ticket-Hotline: 0152-28810907
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