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Täglich Einsätze wegen häuslicher Gewalt: Polizeipräsident Jürgen Rieger über Zahlen und Maßnahmen

Jürgen Rieger
© Polizeipräsidium Offenburg – Polizeipräsident Jürgen Rieger spricht über häusliche Gewalt und die Gegenmaßnahmen.
Häusliche Gewalt ist kein Randphänomen – sie begegnet der Polizei im Ortenaukreis täglich. Anlässlich der Ausstellung „Rosenstraße 8a“ in Offenburg spricht Polizeipräsident Jürgen Rieger über konstant hohe Fallzahlen, eine gestiegene Anzeigebereitschaft und den professionellen Umgang der Polizei mit Betroffenen und Tätern. Im Interview erläutert er, welche Formen häuslicher Gewalt besonders häufig auftreten, wie Einsätze bewertet werden und welche Schutzmaßnahmen Beamtinnen und Beamte unmittelbar ergreifen können.
Von Wolfgang Huber

Anfang der Woche hat der Verein Frauen helfen Frauen Offenburg die Ausstellung „Rosenstraße 8a“ in Offenburg eröffnet. Damit wollen die Initiatoren das Thema Häusliche Gewalt in den Fokus rücken, sensibilisieren und aufrütteln. Häusliche Gewalt kommt in verschiedenen Gewändern daher. Es gibt nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch psychische oder etwa finanzielle Gewalt.

Einschätzung der Lage

Bei der Vernissage war auch Polizeipräsident Jürgen Rieger (Polizeipräsidium Offenburg) zugegen. Er nannte aktuelle Zahlen und gab eine Einschätzung der Lage und nannte mögliche Handlungsoptionen der Beamten vor Ort, wenn sie zu Fällen von Häuslicher Gewalt gerufen werden. Das Ortenau Journal hat mit Jürgen Rieger gesprochen.

Ortenau Journal: Herr Rieger, wir sehen bei der Ausstellung „Rosenstraße 8a“ die verschiedenen Formen von Häuslicher Gewalt. Wie hoch sind die Fallzahlen im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Offenburg?

Jürgen Rieger: Ja, wir haben seit zwei oder drei Jahren rund 1.000 Fälle häuslicher Gewalt in den Landkreisen Rastatt, Baden-Baden und dem Ortenaukreis. Das Niveau ist konstant hoch. Wir fahren praktisch jeden Tag, also etwa drei Mal täglich, zu Einsätzen wegen häuslicher Gewalt.

Ortenau Journal: Gibt es in den letzten 20 Jahren eine Steigerung dieser Fallzahlen?

Jürgen Rieger: In den vergangenen 20 Jahren gab es eine deutliche Steigerung. Wir gehen allerdings davon aus, dass dabei auch ein gewisses Maß an Dunkelfeld aufgehellt wurde, weil Frauen sich heute häufiger trauen, Anzeige zu erstatten.

Ortenau Journal: Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer? Kann man dazu etwas sagen?

Jürgen Rieger: Die Dunkelziffer zu schätzen ohne wissenschaftliche Belege ist schwierig. Dazu kann ich keine konkrete Aussage treffen.

Ortenau Journal: Werden die Beamten speziell für solche Fälle geschult?

Jürgen Rieger: Ja. Es gibt dabei zwei Ebenen. Zum einen die Kollegen vor Ort. Dann haben wir in der sogenannten AKUT einen zentral koordinierten Sachbearbeiter. Dort wird zunächst eine Einschätzung vorgenommen, wie schwerwiegend der jeweilige Fall ist. Wenn wir feststellen, dass weiterer Handlungsbedarf besteht, beginnt auf den Revieren die Bearbeitung durch speziell geschulte Sachbearbeiter:innen für häusliche Gewalt. Da wird auch mit dem Jugend- und Sozialamt zusammengearbeitet. Diese Beamten sind eigens dafür ausgebildet und arbeiten bei der Fallaufarbeitung auch mit weiteren beteiligten Stellen zusammen.

Ortenau Journal: Welche Handhabe haben die Beamtinnen und Beamten vor Ort, wenn offensichtlich Gewalt im Spiel ist? Was kann konkret getan werden?

Jürgen Rieger: Selbstverständlich wird zunächst eine Anzeige aufgenommen. Darüber hinaus werden unmittelbar Hilfsmaßnahmen eingeleitet, sodass das weitere Vorgehen in der Regel innerhalb von zwei bis drei Tagen geklärt ist und einer Lösung zugeführt werden kann. Das bedeutet, dass das Opfer mit den Kindern beispielsweise die Wohnung verlassen kann, wegzieht, anderweitig untergebracht wird oder sich – was auch vorkommt – entscheidet, zum Partner zurückzukehren. Der Fall wird dann relativ zügig bearbeitet und abgeschlossen. Zukünftig sind wir durch den Verein Frauen helfen Frauen besser aufgestellt.

Ortenau Journal: Was passiert in Fällen, in denen der Täter im gemeinsamen Haushalt lebt? Welche Möglichkeiten gibt es dann?

Jürgen Rieger: In solchen Fällen gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Entweder wird die Frau aus dem Haushalt herausgenommen, oder es wird gegenüber dem Täter ein Annäherungsverbot ausgesprochen. Dieses gilt zunächst für 24 Stunden und wird anschließend gerichtlich bestätigt. Der Täter darf sich dann der Frau nicht mehr nähern oder wir nehmen ihn in Gewahrsam.

Ortenau Journal: Wie läuft die Einschätzung der Schwere eines Falles ab? Wie oft muss die Polizei zum Beispiel ausrücken, damit weitergehende Maßnahmen ergriffen werden?

Jürgen Rieger: Wenn es so ist, dass eine Frau mehrfach anruft oder sich Vorfälle in einem Haushalt häufen, wird die Gesamtsituation bewertet. In solchen Fällen können dann gemeinsam mit anderen Institutionen Maßnahmenpakete geschnürt werden, und die betroffene Frau wird entsprechend beraten und unterstützt.

Ortenau Journal: Arbeiten Sie dabei auch mit Frauen helfen Frauen zusammen?

Jürgen Rieger: Ja, wir arbeiten mit verschiedenen Institutionen zusammen, unter anderem auch mit Frauen helfen Frauen.

Siehe auch hier:

Wenn Zuhause kein sicherer Ort ist: Interaktive Ausstellung „Rosenstraße 8a“ rückt häusliche Gewalt ins Licht

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