Arbeitswelt – Serie GenZ (2)

Faul oder überfordert? Sozialpädagogin Nicole Eppie Wagner blickt hinter die Vorurteile über die GenZ

© freepik – Für die GenZ ist Leistung kein Ideal, sondern eine Kosten-Nutzen-Abwägung.
Nicht Faulheit, sondern Überforderung? In ihrer Serie räumt Sozialpädagogin Nicole Eppie Wagner mit gängigen Klischees über die Generation Z auf – und richtet den Blick auf ein Bildungssystem unter Druck. Zwischen digitaler Dauerablenkung, fehlender Zeit zum Lernen und wachsender gesellschaftlicher Unsicherheit zeigt sich: Junge Menschen kämpfen weniger mit mangelnder Motivation als mit strukturellen Problemen. Eine Analyse, die Ursachen benennt und neue Perspektiven eröffnet.
Gängige Vorurteile

Die Generation Z, also die zwischen 1995 und 2010 geborenen, sieht sich wie zig Generationen davor, mit Vorurteilen und Klischees konfrontiert. Die jungen Menschen seien faul, bequem, hängen nur in Social Media herum und denken nur an die Work-Life-Balance. Doch wie es sich mit Vorurteilen so verhält, wird das auch der GenZ nicht gerecht. Wir wollen mit einer kleinen Serie von Fachbeiträgen von Nicole Eppie Wagner an der Stelle gegensteuern.

Generation Alpha im Kommen

Es wird vier Teile geben, anhand derer wir etwas Licht ins Dunkel der Vermutungen bringen wollen. Die Autorin ist Nicole Eppie Wagner. Sie ist Sozialpädagogin und seit über 15 Jahren auf die Arbeitswelt, Arbeitsmarktintegration und berufliche Ausbildung spezialisiert. Im ersten Teil geht es um die Tücken des Bildungssystems und die Bedingungen, in denen die GenZ aufwächst. Und mit der Generation Alpha (ab 2010 geboren) steht die nächste Generation bereits in den Startlöchern.

Von Nicole Eppie Wagner

Wie wir das Lernen wieder lernen – und warum Zeit dabei der entscheidende Rohstoff ist. Von außen wirkt die Debatte über KI und Lernen oft wie ein Kampf um Technologien. In Wahrheit ist es ein Kampf um unsere Aufmerksamkeit – und damit um unsere Fähigkeit, überhaupt noch zu denken. Wir leben in einer Welt, in der Wissen jederzeit verfügbar ist, aber Aufmerksamkeit ständig zerbricht. Vielleicht ist das größte Bildungsproblem unserer Zeit nicht der Mangel an Informationen, sondern der Mangel an Muße, um sie zu durchdringen.

Nicole Eppie Wagner

Die Sozialpädagogin Nicole Eppie Wagner. Foto: Priscillia Grubo

Gedanken sich ausbreiten lassen

Bildung entsteht nicht durch Geschwindigkeit. Sie entsteht durch Verlangsamung. Durch den Moment, in dem man sich mit einem Gedanken so lange beschäftigt, bis er sich ausbreitet, Widerstand leistet, sich verwandelt. Eine Erfahrung, die für Kinder und Jugendliche im schulischen Alltag immer seltener möglich wird – inmitten permanenter Reize, Unterbrechungen und digitaler Ablenkungen.

Wissen verarbeiten und Bedeutung entwickeln

Umso wichtiger ist es, dass Schulen Räume schaffen, in denen Entschleunigung möglich ist: Zeiten ohne digitale Ablenkung, bewusste Lernpausen, langsame Wissensaneignung, handschriftliches Arbeiten, vertiefende Gespräche. Studien zeigen, dass tiefes, reflektiertes Lernen nur dann entsteht, wenn Lernende Zeit haben, Wissen zu verarbeiten und Bedeutung zu entwickeln – ein Kernfaktor für nachhaltige Lernprozesse.

Kurz gesagt: Kinder und Jugendliche können nur dann wirklich gut lernen, wenn sie im Schulalltag wieder Momente bekommen, in denen sie sich Zeit nehmen dürfen – zum Denken, zum Verstehen, zum Lernen mit Ruhe statt Druck.

Wo liegen Schuld bzw. Ursache?

Silvija stellt die entscheidende Frage: Wo liegen Ursache und Verantwortung in einem System, das Eltern wie Lehrkräfte gleichermaßen überfordert? Aus pädagogischer Praxis wissen wir: Beide Seiten wollen das Beste für Kinder – doch ohne stabile Strukturen bleibt ihr Engagement Stückwerk. Soziologe und Bildungsforscher Aladin El Mafaalani bringt das Dilemma auf den Punkt: „Schulen müssen heute viel mehr Aufgaben erfüllen als früher. Um soziale Ungleichheit zu bewältigen, brauchen wir multiprofessionelle Teams – eigentlich schon in der Kita.“

Lehrkräfte sind besonders gefordert. Foto: freepik

Eltern und Lehrkräfte einbinden

Zugleich erinnert er daran, wie stark sich die Rollen verschoben haben: „Früher konnten Schulen sich auf die Unterstützung der Familie verlassen. Heute müssen sie wesentliche Teile übernehmen, die früher Familien geleistet haben.“ Eltern und Lehrkräfte stärker einzubinden heißt deshalb: Gesprächsräume schaffen, die die Lebensrealitäten von Familien sichtbar machen; verlässliche Kontakte, damit Lehrkräfte Kinder im Kontext verstehen; und Teams, die nicht nur aus Lehrkräften bestehen, sondern aus Schulsozialarbeit, Erzieher:innen, Psychologie, Integrationspädagogik und Familienberatung. So entsteht ein Netz, das weder Eltern noch Lehrkräfte allein tragen müssen. Ein gerechtes Bildungssystem beginnt dort, wo wir Verantwortung teilen – und Beziehung als gemeinsame Aufgabe begreifen.

Ererbte Erschöpfung?

In meiner Arbeit sehe ich täglich, wie weit gesellschaftliche Erwartungen von den Lebensrealitäten junger Menschen entfernt sind. Viele erleben Erschöpfung, die in ihren Familien längst strukturell geworden ist. Für sie ist Leistung kein Ideal, sondern eine Kosten-Nutzen-Abwägung: Wofür lohnt sich Kraft, wenn selbst sichere Vollzeitstellen kaum Stabilität bieten? Gleichzeitig beobachten sie, wie politische Prioritäten an ihrem Alltag vorbeigehen – Milliarden fließen in militärische Aufrüstung, während Bildung, Prävention und soziale Infrastruktur seit Jahren unterfinanziert bleiben. Die Botschaft, die bei der Jugend ankommt, lautet: Zukunftssicherung wird nicht für euch gemacht.

Haben wir also falsch vermittelt?

Vielleicht haben wir vor allem zu viel versprochen: dass Anstrengung automatisch Aufstieg bedeutet, dass Bildung Chancen schafft, dass Arbeit vor Armut schützt. In meiner täglichen Arbeit mit Jugendlichen und Auszubildenden sehe ich, wie sehr diese Erzählungen bröckeln – besonders für junge Menschen ohne Vermögen, ohne familiären Rückhalt, ohne Zugang zu Ressourcen. Ihre Realität ist geprägt von Unsicherheit, nicht von Wahlmöglichkeiten.

Bildung bleibt unterfinanziert. Foto: garetsvisual/freepik

Weniger über Arbeitsmoral reden

Der vielleicht wichtigste Punkt ist: Die Jugend verweigert nicht die Leistung, sondern die Illusion. Sie reagiert nicht mit Resignation, sondern mit Klarheit. Sie fragt nach Sinn, statt blind zu funktionieren. Und vielleicht ist das kein Zeichen eines Werteverfalls, sondern ein notwendiges Korrektiv: ein Spiegel, der zeigt, dass unsere Strukturen nicht mehr tragen. Wenn wir verstehen wollen, was junge Menschen bewegt, müssen wir weniger über „Arbeitsmoral“ reden – und mehr darüber, wohin ein Staat investiert und wem diese Zukunft eigentlich dienen soll.

Über Nicole Eppie Wagner

Als Ausbildungsbegleiterin berät sie Auszubildende, Betriebe und Lehrkräfte zu allen Fragen rund um eine erfolgreiche Ausbildung. Sie unterstützt junge Menschen beim Einstieg in den Arbeitsmarkt und begleitet Unternehmen bei der nachhaltigen Nachwuchsgewinnung. Mit ihrer langjährigen Erfahrung verbindet sie fachliche Expertise mit praxisnaher Beratung und setzt sich für moderne, realistische und chancengerechte Ausbildungsstrukturen ein.

Siehe auch hier:

Faul oder überfordert? Sozialpädagogin Nicole Eppie Wagner blickt hinter die Vorurteile über die GenZ (Teil 1)

Aktive junge Erwachsene beim Freiwilligendienst Offenburg widerlegen Vorurteile gegen GenZ

Authentische Einblicke für die GenZ auf YouTube – TK setzt mit „ZOOM IN“ Maßstäbe im Employer Branding

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