DTH-Kopf Campino, bürgerlich Andreas Frege, trat schnell in alles überragende Erscheinung bei unserem Talk, Campino war klar erkennbar die „natural born Rampensau“, charismatisch, gut aussehend, von leichter Intellektualität, weshalb man heute im I-Net haufenweise Originalzitate von ihm nachgoogeln kann. Eines ist besonders schön, denn einfach ehrlich, authentisch und aus jenem Musikerholz vergangener Zeiten geschnitzt, welche leider in dieser „Hosen“-Form vorbei zu sein scheint: „Wenn man eine Band zusammenstellt, wenn du dich entscheiden musst zwischen einem guten Musiker und einem guten Freund, dann nimm den guten Freund. Das mit der Musik wird sich schon irgendwie ergeben auf dem Weg.“
Weit über die nationalen Grenzen hinaus
Exakt das war es, was den Spirit dieser Band über all die Jahre prägte und sie ausmachte: Musik unter besten Freunden und für Freunde, daraus wurden dann tausende Freunde, Fans und Follower und das weit über die nationalen Grenzen hinaus. Nochmals zur Frühzeit des Punk und New Wave, woraus hierzulande später die äußerst kreative „Neue deutsche Welle“ entstand. In dieser kurzen Epoche avancierte rebellische Kunst als Ausdruck und Lebensform und wurde Motor für Mode und Style, für „junge Wilde“ in Malerei, Film, Literatur.

Alles wieder vergangen und untergepflügt
Dies war zusätzlich noch Innovator einer Gründerzeit für neue Label und Vertriebe (u.a. Rough Trade), für neue Musik-Clubs und sogar eine neue, freche Publizistik („Fanzines“) – man kann von heute aus berechtigt traurig sein, wenn einem klar wird, wie all das längst wieder vergangen, untergepflügt, verloren ist – „The times they are a-Changing“, wie schon Bob Dylan weise sang. Aus unserem intensiven Pressetermin heraus resultierte dann auch eine jahrelange kreative Freundschaft mit der Band und insbesondere ihrem Sänger Campino, der schnell zum Star wurde und all sein Talent in dieses „public Image“ einbringen und ausleben konnte.
Kreative Ausflüge ohne Limit
Denn als umtriebiger Musikjournalist kam ich schon früh auf die glorreiche Idee, bei den üblichen Interviews mit Künstlern aus dem üblichen Frage-Antwort-Raster auszubrechen und oft gähnend langweilige Musiker-Porträts durch kreative Ausflüge ohne Limit in frecher Kumpanei mit Künstlern umzufunktionieren in künstlerische Autorenbeiträge jeglicher Art – da ich neben dem „Rock Kalender“ u. a. auch jahrelang Musikredakteur für das Jugendmagazin „ran“ war und so recht viel publizistisches Freigelände für Gastautoren bieten konnte, nahm diese journalistische Idee schnell progressiv Fahrt auf und wir ließen es krachen.
Brillanter Texter: Rio Reiser
Mit meinem Lieblingsmotto „Frechheit siegt“ entstanden so herrliche Unikate und publizistische Highlights, bei denen Campino mit lustigen Geschichten aus seinem wilden, bewegten Leben immer wieder dabei war. Zur Feder brachte ich so u. a. auch Rio Reiser (!), der tatsächlich auch ein brillanter Texter war, eine echte „Edelfeder“, wie man unter Autoren und Journalisten sagt, auch Wolfgang Niedecken, Ina Deter, Heinz-Rudolf Kunze oder Udo Lindenberg für den ich selbst lange Zeit als Ghostwriter tätig war.

Unbeschwerte Zeiten musikalischer Unruhe
Solche freien und auch mal ungewöhnlichen Kumpaneien zwischen Künstlern und Medien bzw. Journalisten und Redaktionen, können das Salz in der Suppe oder der Schuss Tabasco im Brei des medialen Alltags sein und sind leider sehr selten geworden, Mainstream ist wie Schnellhefe, stets leicht aufgedunsen und leicht zubereitet – verschimmelt er ganz schnell an der frischen Luft.
Kein Wunder also, dass mein „Rock Kalender“-Co-Herausgeberkollege Thomas Böhm im Rahmen dieses bunten Reigens in unbeschwerten Zeiten musikalischer Unruhe und des permanenten Aufbruchs später eine Reisereportage für den „Musikexpress“ ablieferte, die sich stilistisch auf den Spuren des Kultautors Charles Bukowski bewegte und der absolute Kracher war.
Ursprünglich rauhbeinige Clubmusik
Böhm hatte im Auftrag der Redaktion unsere Freunde „Die Toten Hosen“ auf deren Deutschland-Tournee begleitet, was textlich im Ergebnis irgendwo zwischen Um-die-Wette-Saufen, Rock’n’Randale, atemlos durch die Nacht (ohne Schlageridylle) und ich-glaub-mein-Schwein-pfeift die Leser auf eine einmalige Rundreise mit den äußerst lebendigen und vitalen „Hosen“ mitnahm. Was später zum Stadion-Rock mutierte war ja ursprünglich noch rauhbeinige Clubmusik gewesen, mit hüpfendem Stakkato-Tanz der wilden Punx, die sich zu der Zeit noch – damals hochmodern – Sicherheitsnadeln durch die Backen oder Ohrläppchen stachen, bei blaugespraytem Irokesen-Haarschnitt und Tattoos bis zur Halskrause.

Campino mit Hochleistungssport
Bei dieser DTH- Tour gab es echten wilden Westen mit tieffliegenden Bierflaschen, ruppigen Dorf-Rangeleien, Pogo Dance mit einem stets in der Menge badenden und von und auf der Bühne springenden Campino, der dem Hochleistungssport bei seinem „Stage Acting“ sehr nahe kam. Und nach jeweils „bitterem“ Konzertende war entweder drei Tage „schwarzer Kater“ bei den Fans angesagt.
Oder die örtliche Polizei kam mit der Aufnahme der Personalien kaum noch hinterher, denn, wie Kollege Böhm schrieb, animierte der krawallierende Rock der „Hosen“ auch schon mal wild gewordene Fans in ansonsten staubtrockener, trister, tiefster Provinz dazu, frei stehende Dixie-Mobiltoiletten im Dorf vor benachbarte Discotheken zu rollen und unter Schlachtrufen auf Bürgersteige zu entleeren.
Ungewöhnliche Lebensgeschichte
Doch, doch, es geht auch um Musik. Denn „Hier kommt Alex“, „Eisgekühlter Bommerlunder“ und weitere Hits pflasterten den Weg der Gruppe, die stets zusammen hielt und sich ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte selber schrieb, immer auch als Chronisten in eigener Sache unterwegs, so z. B. zu einem Mitschnitt eines letzten Konzertabends im heimischen Düsseldorf, wonach im März 2019 unter dem Titel „Das Laune der Natour-Finale“ ein Doppel- und Dreifachalbum erschien.
Und das zusammen mit dem Album „Auf der Suche nach der Schnapsinsel – Live im SO36,“ aufgenommen im November 2018 im Berliner Club SO36 – das SO36 war einst eine der Keimzellen des deutschen Punk-Live-Kultur gewesen. Die „Hosen“ begleiteten ungewollt mit solchen Musik-Dokus Aufstieg und Untergang eines Movements – eben bis zum bitteren Ende.
Coverversionen von Punkrock-Klassikern
Echte und verdienstvolle Punkrock-Denkmalpflege war bereits ein Werk von 1991 gewesen, auf dem Album „Learning English Lesson One“ veröffentlichten sie Songs bei denen es sich zum größten Teil um Coverversionen englischsprachiger Punkrock-Klassiker handelte. Bei den Aufnahmen war immer mindestens ein Mitglied der Originalband anwesend – ein historisches Rockmusik-Meisterwerk, nicht nur für Insider.

Wie ein SPD-Politiker vor kaltem Buffet
Alle Geschichten der Band finden hier nicht den Platz. Zum Ende sei noch angemerkt, dass sich Campino zuletzt leider sehr ins politische Mittelmaß verirrte und oft so klingt, als spräche ein SPD-Politiker vor einem kalten Buffet in die Leere dieser Zeit, daher lieber den Rockchronisten Campino mit trefflicher Aussage über den Jahrhundertgitarristen Jimi Hendrix und den vernünftigen Lifestyle seiner Band: „Hendrix war ein Jahrhundertmusiker und ein blöder Sack, der sein Talent, seine Genialität und seine endlose Kreativität nicht nutzen konnte. Ich sage jetzt nicht, dass die Toten Hosen immer eine Abstinenzlerband gewesen sind. Aber soweit kommen wir hoffentlich nie, Gefahr zu laufen, uns im Schlaf totzukotzen.“
Save the Date: Ab Juni geht die Band auf große Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Im Oktober steht ein letzter Auftritt in Argentinien an, wo die Gruppe Kultstatus genießt. Das Tournee-Ende ist für 2027 in Düsseldorf geplant – Frontmann Campino, feiert dann auf dem Abschlusskonzert seinen 65. Geburtstag.
Fotos: Bastian Bochinski

Ortenau Journal-Autor und Kolumnist Jürgen Stark.
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