Wieso gerade hier, könnte man fragen. Weil Rechtsprechung per se einen kulturellen Akt darstellt, der Ausdruck einer entwickelten Gesellschaft sei, postuliert der aktuelle Präsident des Landgerichts, Dr. Frank K. Brede. Weil Kunst einen Kontrapunkt zur trockenen Welt der Rechtsprechung darstelle, kontert – ungewollt – Dr. Michael Borchard, Rechtsanwalt und langjähriger Präsident des Vereins „Kunst und Kultur im Landgericht Baden-Baden e.V.“.
Nach Bredes Begrüßung begann Borchard seine Einführung mit einem exakt 26 Sekunden dauernden Schweigen. Wie man es von vergleichbaren Situationen kennt, erstarb währenddessen das Murmeln der ca. 150 Vernissagen-Gäste, die trotz der fast 40 Grad Hitze draußen in den nur unwesentlich kühleren, brutalistischen Betonbau des Landgerichts gekommen waren.

Die Vernissage im Landgericht Baden-Baden. Foto: Marduk Buscher
26 Sekunden sind -angesichts des sich dramatisch gewandelten Rezeptionsverhaltens der Menschen – die ideale Länge eines zeitlinearen Rezeptionsaktes. Im Alltag schenken die Menschen einer neuen Information oft nur Bruchteile von Sekunden. Ein bewusster Besuch einer Ausstellung zwinge dagegen zu einer längeren Verweildauer vor jedem Ausstellungsstück.
Hilke Turré verarbeitet nach eigenem Bekunden „jungen Stahl mit altem Holz“. Alte Hölzer beziehe sie oft aus den Niederlanden, wo Pfähle jahrzehntelang im Salzwasser alterten. Das Stahlblech schneidet sie meist mit Hilfe eines Laserstrahls. So zeigen einige Ihrer reliefartigen Werke z.B. mehrere Schichten von korrodierenden Stahlblechen in einem Holzrahmen mit Schattenfuge. So entstehen Bilder beispielsweise eines Waldes, dessen grobe Baumsilhouetten an Max Ernsts Varianten des „Großen Waldes“ denken lassen. Im Streiflicht der Abendsonne bekommen Turrés Werke eine besondere Tiefe und wirken wie in einer flüchtigen Bewegung erstarrt.
Sehr vielfältige Motive und Genres präsentiert Karin Marek-Heister. Neben wenig farbigen Gemälden, welche durch ihre Materialität wirken, weil Fasern und Sande in die Farbe vermischt wurden, und was ein bisschen an frühe Werke von Anselm Kiefer erinnert, stehen collageartige Ansammlungen von detailreichen Symbolen, die eine Art goldgrundiger Ikone entstehen lassen. Etwas abseits hängt die Komposition karikaturartiger Halbporträts hinter Tischen oder Bänken. Die oft mit verzerrten Gesichter gestikulierenden Menschen lassen an eine humorvolle Anspielung auf den Ausstellungsort denken.
Für Heinz Heister, der mit seiner Frau mittlerweile in der Schweiz und in Portugal lebt, bedeutet die Ausstellung dennoch ein Heimspiel, da er vor Jahren, als damaliger Richter am Landgericht den Kunstverein gegründet und mehrere Jahre geleitet hatte. Er präsentiert in der Ausstellung ebenfalls einen Querschnitt durch sein künstlerisches Foto-basiertes Schaffen. Dabei tragen spannungsreiche Perspektiven, überraschende Collagen und auch die gewählte Art der Vergrößerung seiner Fotos zu ihrer Wirkung bei.

Werke von Hilke Turré. Foto: Marduk Buscher
Nebeneinander stehen hochglänzende Prints hinter Acryl und matte auf metallischen Dibondplatten. Zusammen mit dem bewussten Spiel zwischen Schärfe, Unschärfe sowie Statik und Bewegung entstehen Momente besonderer Eindringlichkeit. Völlig unbearbeitete Werke stehen neben symbolistischen Bildern, die ihre Wirkung durch die Computer gestützte Kombination eines Fotos mit fotorealistischen Elementen erreichen, die an die Traumwelten eines René Magritte erinnern.
Bis auf die Gerichts-Karikatur von Karin Heister-Marek spielen Menschen eher eine Nebenrolle in den Werken oder sind zur Silhouette erstarrt. „Stille Augenblicke“, in die man mehr als 26 Sekunden lang eintauchen möchte.
Die vielgestaltige Ausstellung ist noch bis zum 16. September 2026 in der Baden-Badener Gutenbergstraße zu sehen.

Ortenau Journal-Gastautor Marduk Buscher
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