Kunst & Kultur

Anselm Kiefers Kindheitshaus: frühe Werke voller Erdenschwere – eine Einordnung von Marduk Buscher

Werk von Anselm Kiefer
© Haus Kiefer Rastatt – „Sulamith“ von Anselm Kiefer (1981) hängt im Obergeschoss von Haus Kiefer.
Ein unscheinbares Schulhaus in den Rheinauen ist zur Pilgerstätte der Kunst geworden: Im „Haus Kiefer“ in Ottersdorf zeigt Anselm Kiefer Werke aus den Jahren 1971 bis 1986 – dort, wo er als Kind lebte. Der Besuch beginnt mit formalen Hürden und endet in erdenschweren Bildwelten aus Stroh, Asche und Geschichte. Zwischen Enge, Dunkelheit und biografischen Spuren wird spürbar, wie sehr Herkunft und Werk miteinander verwoben sind. Marduk Buscher ließ die Bilder auf sich wirken.
Von Marduk Buscher

Es sollte regnen, dämmern und kalt sein, wenn Sie sich dem Elternhaus von Anselm Kiefer in Ottersdorf nähern! Zwei unbeschriftete Klingeln lassen den uniformierten Zerberus einer Sicherheitsfirma die Haustüre öffnen, die kunstinteressierten Gäste aber keinesfalls eintreten, sondern im Nieselregen auf der Schwelle stehen. Zwei Stufen erhöht fragt er herrisch, ob man denn die Tickets bereits online erworben habe, was wir verneinen müssen. Der Hinweis auf den Online-Verkauf springt auf der Homepage keinesfalls ins Auge. Auch der Eintrittspreis wird missverständlich angegeben.

Keineswegs kostenlose Tickets

Während auf der Startseite zum „Ticketverkauf“ steht, „Anselm Kiefer – Werke 1971 – 1986, Eintritt ohne Führung / Entrance without public tour / Entrée visite libre“, was man auch als „freien Eintritt“ verstehen kann, steht irgendwo anders, sehr viel kleiner: „Tickets müssen zuvor online erworben werden.“ Sie sind dann auch keineswegs kostenlos, sondern es werden für einen Erwachsenen angemessene 5,- € aufgerufen.

Werk von Anselm Kiefer

Photo d´installation „Die Meistersinger“ (1981) von Anselm Kiefer. Foto: Haus Kiefer Rastatt

Presseausweise nicht akzeptiert

Diese zahlen wir selbstverständlich und gerne, nachdem der Türsteher die angebotenen Journalistenausweise nicht akzeptieren wollte, die wir als Ersatz für die ausgelassene Online-Buchung ins Spiel brachten. Da müsse er erst seine Vorgesetzte fragen. Er sei ja nur eine Sicherheitskraft. Von der Vorgesetzten kam keinerlei Antwort, aber wir durften nun doch ins Trockene. Bei Kafka hätte das unwesentlich länger gedauert.

Beschauliche Enge des Elternhauses

Von 1951 bis 1957 hat Anselm Kiefer in diesem ehemaligen Schulhaus gelebt. Ein Kinderbild des Quartaners aus dem Jahr 1955 lässt den Betrachter eine Vogelperspektive auf das unscheinbare Gebäude einnehmen, als habe sich der kindliche Künstler von der beschaulichen Enge seines Elternhauses abheben wollen, wegfliegen, einfach nur weg! Noch war er aber zu jung dazu, und die ausgestellten Werke, die etwa fünfzehn Jahre später entstanden, lassen sich vielleicht erst in diesem Haus seiner Kindheit, inmitten der kahlen, winterlichen Felder der Rheinauen um Ottersdorf, richtig einordnen.

Meist düstere Farben

Materialien wie Erde, Sand, Stroh, Asche und Kohle, die meist düsteren Farben, die ein raues Relief bilden, könnten von einem der Felder vor dem Dorf gekratzt und auf die Leinwand gepresst worden sein. In gewisser Hinsicht ist Anselm Kiefer so doch nicht seinem Heimatdorf entflogen, sondern ist mit beiden Füßen irgendwie dort klebengeblieben. Das erklärt auch, warum er dieses Haus nun zu einem Museum „Haus Kiefer“ umgewandelt hat.

Schwere der Materialien

Die Enge der Räumlichkeiten zwingt zur Auswahl eher kleinerer Bilder, aber selbst dann kann man kaum den notwendigen Abstand gewinnen, um die Motive auf sich wirken zu lassen. Die Schwere der Materialien und Farben korrespondiert nicht nur mit dem Ottersdorfer Regenwetter, sondern natürlich auch mit Anselm Kiefern Themen, welche meist historische Begebenheiten aufgreifen. Beschneite Ackerfurchen mit einem modellartig kleinen und nur angedeuteten Panzer-Umriss erinnern an den Russlandfeldzug, an dem der Vater Anselm Kiefers teilgenommen hatte.

Werk von Anselm Kiefer

Das Werk „Unternehmen Hagenbewegung“ (1975) von Anselm Kiefer. Foto: Haus Kiefer Rastatt

Illusion brechende Positionierung

Wenige Sujets öffnen sich dem Licht, welches seine erste Frau Julia in sein Leben gebracht haben mag, der zum Beispiel das Landschaftsgemälde „Für Julia – Himmel und Erde“ mittels eines Schriftzugs über fast die ganze Breite des Bildes gewidmet ist. Andere Benennungen bleiben – trotz ihrer auffälligen und die Illusion brechenden Positionierung kryptisch. Erst das informative, vierseitige Hand-out, welches der Besucher erhält, gibt Auskunft über die vielschichtigen Anspielungen auf den Nationalsozialismus, den Holocaust oder die Rolle Richard Wagners dabei. Bedrückend auffällig die Farbe Rot in zwei Gemälden, bei denen Klatschmohn Soldaten-Tod und Neubeginn symbolisiert.

Spröde wie sein Türwächter

Der Besuch des „Hauses Kiefer“ ist all denen empfohlen, denen der international anerkannte Künstler bisher den Zugang verwehrte, weil er sich zu groß, zu überwältigend, zu spröde präsentierte, wie sein heutiger Türwächter. Die Rückwendung in das Dorf seiner Kindheit, lässt das Gewordensein seiner Werke sinnlich verstehen.

Werke von Matthias Ullrich

PS: wer gerade dort ist, sollte auf der anderen Straßenseite einen Blick auf die farbenfrohen Werke des Glaskünstlers Matthias Ullrich (Die Glasschmiede) werfen, dessen Fröhlichkeit ansteckend wirkt. Er ist in Ottersdorf geblieben, fliegt aber eher über die sommerlichen Felder. Ist er in seinem Atelier, öffnet er auch nicht angekündigten Gästen gerne die Türe.

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