Ein Gespräch mit Stefan Kruse über Schwerstkranke, Hightech‑Therapien und die Frage, was unsere Gesellschaft gerade übersieht.
Cannabis. Für die einen ist es ein Lifestyle‑Produkt, für andere eine Droge, für wieder andere ein politischer Zankapfel. Doch was passiert, wenn man das Thema aus einer Perspektive betrachtet, die im öffentlichen Diskurs fast immer untergeht, der der Schwerstkranken?
Stefan Kruse arbeitet dort, wo Diskussionen enden und Realität beginnt. Gehirntumore, Amputationen, Krebs, chronische Schmerzsyndrome. „Wir betreuen keine leichten Fälle“, sagt er nüchtern. „Wir betreuen Totalschäden.“ Ein harter Begriff – aber genau so meint er ihn.
Wenn Therapie an Bürokratie scheitert
In Deutschland darf medizinisches Cannabis verordnet werden. Theoretisch. Praktisch scheitert die Therapie oft an Formularen, Fristen und Gutachten. Genau hier setzt Kruses Arbeit an. Er nimmt Ärzten die Bürokratie ab, erstellt Anträge, Verlaufsberichte und Dokumentationen, damit Ärztinnen und Ärzte das tun können, wofür sie ausgebildet wurden: behandeln.
Denn Cannabis als Medizin ist kein Joint auf Rezept. Es ist eine hochkomplexe Therapie, eingebettet in bestehende Medikationen, Stoffwechselprozesse und Krankheitsbilder. Jeder Mensch reagiert anders. Was bei dem einen hilft, wirkt beim nächsten gar nicht.
Hightech statt Klischee
Vergiss das Bild vom verrauchten Wohnzimmer. In der medizinischen Praxis geht es um Vaporisatoren, standardisierte Extrakte und sogenannte Notfall‑Pens. Ein Atemzug kann ausreichen, um eine Spastik zu lösen oder eine Schmerzattacke zu brechen, schneller als viele klassische Medikamente.
„Wir reden hier über Technologie auf Raumfahrtniveau“, sagt Kruse. Keine Verbrennung, keine Schadstoffe, maximale Kontrolle. Ziel ist nicht der Rausch, sondern Funktionsfähigkeit. Wieder aufstehen. Wieder schlafen. Wieder leben.

Foto: wirestock/freepik
Der sogenannte Entourage‑EffektCannabis wirkt nicht wegen eines einzelnen Stoffes. THC, CBD, weitere Cannabinoide, Terpene und Flavonoide greifen wie Zahnräder ineinander. Diese Wechselwirkung nennt man Entourage‑Effekt.
Lavendel beruhigt. Waldluft fokussiert. Ähnliche Mechanismen finden sich auch in der Cannabispflanze, nur gezielter, stärker, medizinisch nutzbar. Genau diese Komplexität macht Cannabis so interessant für die Medizin, und so schwer greifbar für ein System, das klare Schubladen liebt.
Teillegalisierung: Fortschritt mit Nebenwirkungen
Seit der Teillegalisierung im April 2024 ist Cannabis gesellschaftlich präsenter denn je. Doch der medizinische Bereich leidet unter dieser Entwicklung. Selbstzahler‑Rezepte über Telemedizin boomen. Rund 80 % der Verschreibungen laufen außerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung.
Das Problem: Niemand weiß, ob hier Therapie oder Freizeitkonsum stattfindet. Für echte Patientinnen und Patienten hat das Konsequenzen. Sie geraten unter Generalverdacht. Ihr medizinisches Privileg wird entwertet. Kruse fordert eine klare Trennung: Wer Patient ist, soll geschützt werden. Wer konsumiert, soll aufgeklärt werden. Vermischung schadet beiden Seiten.
Cannabis, Alkohol und die Suche nach Erleichterung
Warum greifen Menschen zu Rauschmitteln? Weil sie funktionieren wollen. Entspannen. Abschalten. Teilhaben. Alkohol war jahrzehntelang das gesellschaftlich akzeptierte Ventil, mit enormen gesundheitlichen Folgekosten. Cannabis wird zunehmend zur Alternative. Mit deutlich geringerem Schadenspotenzial, wenn es verantwortungsvoll konsumiert wird. Das erklärt auch, warum gerade junge Menschen offen dafür sind.
Doch Kruse warnt: Cannabis darf kein Pflaster für ungelöste Probleme werden. Mobbing, psychische Gewalt, emotionale Überforderung – all das lässt sich nicht einfach wegrauchen. Therapie ersetzt keine Therapie.
Was jetzt passieren muss
Verbote haben nie funktioniert. Aufklärung schon. Klare Regeln, saubere Trennung zwischen Medizin und Genuss, geschützte Räume für Beratung und verantwortungsvollen Konsum. Cannabis ist kein Wundermittel. Aber es ist auch keine bloße Droge. Es ist ein Werkzeug. Und wie bei jedem Werkzeug entscheidet der Umgang darüber, ob es hilft oder schadet. Oder wie Stefan Kruse es sagt: „Wir müssen endlich aufhören, über Cannabis zu reden, und anfangen, über Menschen zu reden.“
Siehe auch hier:
Bürokratische Hindernisse für den Cannabis-Anbau