Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde in Baden-Baden ist wie das gallische Dorf, welches allen Unbilden trotzt. Die Pfarrstelle verwaist, die Gemeinde überaltert, das Kirchengebäude dringend sanierungsbedürftig, wächst sie dennoch über sich hinaus und versteht es, gemeinsam zu feiern.
„Vakanz-Verweser“ Hans-Martin Ahr ist als Pfarrer sein eigener Nachfolger, weil die Stelle nach seiner Entpflichtung in den Ruhestand im März 2025 noch nicht angemessen neu besetzt werden konnte. Anders, als die „großen“ Kirchen, finanziert sich die Gemeinde nicht über Kirchensteuern, sondern allein aus den Spenden ihrer Mitglieder und Freunde. Nicht einmal ihr Stammhaus, das sie bespielt, ist im eigenen Besitz.
Der neogotische Bau, die ursprüngliche „All Saints Church“ aus dem 19. Jahrhundert, gehört nämlich weiterhin der anglikanischen Kirche, welche sie nach dem 1. Weltkrieg der neu entstandenen „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Baden“ zur Verfügung stellte. Einzige Auflage war, dass diese das Bauwerk zu erhalten habe. Nachdem bereits vor einigen Jahren der Innenraum saniert werden konnte, steht nun eine Außensanierung an.

Pfarrer Hans-Martin Ahr mit dem Ersten Bürgermeister, Alexander Wieland. Foto: Marduk Buscher
Der verbaute Naturstein, neben Leisberger Sandstein ein sehr witterungsempfindlicher Porphyr, zeigt deutliche Risse und Absprengungen, die auf mittlere Sicht als Gefährdung der Verkehrssicherungspflicht der Verantwortlichen eingestuft werden müsste. Dies zöge eine weiträumige Absperrung des Gebäudes nach sich. 200.000,- € muss die kleine Gemeinde dafür aufbringen, um dies zu vermeiden.
Vor diesem Hintergrund fand im Juli eine Benefizveranstaltung statt. Nach einem gut besuchten musikalischen Gottesdienst übernahm der über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Meisterkoch Gerd Astor, dessen Frau Andrea als Vorsitzende des Kirchenvorstandes fungiert, die Bewirtung beim anschließenden Sommerfest.
Zuvor hatte der Posaunenchor Pforzheim unter der Leitung von Ingrid Stängle die Gäste begrüßt. Helmut und Renit Restle setzten mit Orgel und Blockflöte und Stücken von Markus Nickel einen eher beschwingt-spritzigen Kontrapunkt zu dem vollen Ton der Bläser, und Dennis Kozarov begleitete die kolumbianische Violinistin Alexandra Cruz bei den sehr bewegenden Zwischenstücken von Astor Piazzola und Edward Elgar auf dem Klavier.
Das Kirchenschiff zeichnet sich durch eine ausgezeichnete Akustik aus, und so kommt es nicht von Ungefähr, dass Pfarrer Ahr immer wieder routinierten und Nachwuchs-Musikern die Möglichkeit gibt, seine Gottesdienste ehrenamtlich musikalisch zu umrahmen. Dies gelingt ihm durch sein charismatisch-bescheidenes Wesen, welches auch die Gottesdienstbesucher verzaubert, wenn er durch ein hin und wieder eingestreutes Augenzwinkern seine Rolle verlässt.
Dabei hat der Pfarrer stets Wesentliches zu sagen, und er verbindet Zitate aus dem Evangelium mit tagesaktuellen Fragen und Problemen der Gesellschaft. Dieses Mal dient ihm die alttestamentliche Geschichte von Abraham, den Gott auffordert, sein Vaterland zu verlassen, um gesegnet zu werden und so Großes zu erreichen, dazu, jeden Veränderungsversuch eines Menschen als segensreich zu deuten.
Jede Art der „Trübung“, also der Beeinträchtigung des Lebens durch festgefahrene Einstellungen, äußere Missstände oder Gewalt, gelte es zu überwinden. Das könne ein quälender Gedanke sein, eine unerträgliche häusliche, oder auch politische Situation. Weitergedacht wird jede Art von Migration und Veränderung zum gesegneten, also Gott gefälligen Akt. Ein wahrlich revolutionärer Gedanke, dem kaum genug Beachtung geschenkt wurde.

Dennis Kozarov und Alexandra Cruz. Foto: Marduk Buscher
Anders erging es dem frühen Vorgänger in seinem Pfarramt, Ernst Berendt. Der Vater des später als „Jazzpapst“ international bekannt gewordenen Südwestfunk-Mitarbeiters Joachim Ernst Berendt, wurde im April 1940 erster ständiger Pfarrer in der Johanniskirche, nachdem er bereits aus politischen Gründen das nationalsozialistische Berlin hatte verlassen müssen. Aber auch in der badischen Provinz provozierten seine Predigten das systemtreue Publikum, weshalb er am vierten Advent desselben Jahres verhaftet und am 4. August 1942 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde.
Dem aktuellen musikalischen Gottesdienst wohnten ca. 150 Freunde der Kirche bei. Unter ihnen die frühere Oberbürgermeisterin Sigrun Lang und der frühere Südwestfunk-Intendant Peter Voss. Der Erste Bürgermeister der Stadt Baden-Baden, Alexander Wieland, sprach zum Abschluss des Gottesdienstes ein Grußwort.
Aufgrund der misslichen wirtschaftlichen Situation der Stadt ist sicher kein Zuschuss zu den notwendigen Sanierungskosten zu erwarten, weshalb die „standhaften Gallier“ der Gemeinde diese „Trübung“ wohl allein zu stemmen haben werden. Denn die Kirche im Stich zu lassen, kommt natürlich nicht in Frage!
Auch Sie können der Gemeinde durch eine Spende helfen, die Fassade der Johanniskirche zu sanieren.
Spendenkonto:
Evangelisch-Lutherische Gemeinde
IBAN DE15 6625 0030 0006 0012 83
Verwendungszweck: Außensanierung Johanniskirche
Internet: https://elkib.de/unsere-gemeinden/baden-baden

Ortenau-Journal-Gastautor Marduk Buscher
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