Die Industrie in Baden-Württemberg verzeichnet weiterhin wenig Dynamik. Mit einer schwarzen Null ist die Wirtschaft erneut nur knapp an der Rezession vorbeigeschrammt. 2026 keimt vorsichtige Hoffnung, dass die Konjunktur langsam Fahrt aufnehmen könnte. Dies zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage der wvib Schwarzwald AG für 2025, die heute bei CorTec in Freiburg präsentiert wurde, wie der wvib in einer Pressemitteilung schreibt.
Kein nachhaltiger Aufschwung
Trotz moderat verbesserter Geschäftserwartungen sieht der wvib die deutsche Industrie weiter an Boden verlieren. Und das, während die globale Wirtschaft wächst. Schuldenfinanzierte Sondervermögen brächten keinen nachhaltigen Aufschwung und dürften noch für einen heftigen Kater sorgen, wenn private Investitionen nicht nachziehen, heißt es.
„Marktwirtschaftlicher Aufbruch“
Erst vor wenigen Tagen hatte der wvib seine Jahreskampagne vorgestellt (wir berichteten). Unter dem Claim „Deutschland kann mehr“ wirbt der Verband für einen marktwirtschaftlichen Aufbruch und mehr Wettbewerbsfähigkeit. Die nun vorgelegten Zahlen belegen mehr als einen Stillstand. Sie könnten Ausgangsbasis für einen tatsächlichen Aufschwung sein. Vorausgesetzt, die Politik liefert. Doch an der Stelle sind Zweifel angebracht.
Abbau des Sozialstaats
Doch anstatt endlich die aberwitzige Bürokratie abzubauen, soll der Sozialstaat abgebaut werden, sollen Leistungen eingeschränkt werden. So sorgte der Wirtschaftsflügel der CDU zu Wochenbeginn mit der Forderung für Unmut, dass Kassenpatienten ihre Zahnarztrechnung selbst bezahlen sollen. Außerdem soll der Spitzensteuersatz später greifen und der Solidaritätszuschlag für Reiche gestrichen werden.

Die CDU will den Soli für Reiche abschaffen. Foto: itay-verchik/pixabay
Wasser auf die Mühlen der AfD
Damit würde man aber lediglich die soziale Ungleichheit verschärfen, die fast nirgends in den OECD-Staaten so groß ist wie in Deutschland. Neue Belastungen für den Normalbürger sind damit Wasser auf die Mühlen der AfD, die sich genüsslich die Hände reiben dürfte. Während sich die Altparteien immer weiter von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernen, muss die Rechtsaußenpartei nichts weiter tun, als abzuwarten. Der Wirtschaft ist mit derlei Mumpitz aus der neoliberalen Mottenkiste jedenfalls nicht geholfen.
Irreführende Debatte der CDU
Zwar sind die Änderungen beim Bürgergeld moderat, doch die monatelange Debatte, insbesondere der CDU, ging meilenweit an der Realität vorbei. So wurde das ganze Jahr über der Eindruck vermittelt, Bürgergeldempfänger seien per se faul und arbeitsscheu. Tatsächlich liegt die Zahl der Totalverweigerer bei unter einem Prozent. Mit solchen irreführenden Narrativen wird die Gesellschaft weiter gespalten, werden Ressentiments geschürt und gleichzeitig nichts zu einem wirtschaftlichen Aufschwung getan. Doch anders als bei der gefühlten Gesundheit hilft diese Placebo-Politik den Unternehmen nicht weiter.

Im OECD-Vergleich ist die Ungleichheit in Deutschland mit am höchsten. Foto: prostooleh/freepik
Leichtes Umsatzplus
Die Wirtschaft jedenfalls meldete der wvib im Südwesten für das Gesamtjahr 2025 ein knappes Umsatzplus von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Gesamtjahr 2024 wurde ein nominales Umsatzminus von 4,8 Prozent vermeldet. 47 Prozent der befragten Unternehmen meldeten gesunkene Umsätze. 2024 taten dies noch 62 Prozent der Unternehmen. Demgegenüber stehen genauso viele Unternehmen mit gestiegenen Umsätzen.
„Schwächephase hält an“
Auch die wvib-Hauptgeschäftsführerin Hanna Böhme hat die Hoffnung auf einen Aufschwung noch nicht ganz aufgegeben. „2025 war das dritte Jahr in Folge ohne Wachstum. Die Schwächephase in Baden-Württembergs Industrie hält noch immer an. Der Aufschwung könnte 2026 kommen, aber noch bleibt es ein fragiles Versprechen“, wird sie in der Mitteilung zitiert.
Geschäftserwartung verbessert
Etwas verbessert haben sich 2025 jedenfalls auch die Geschäftserwartungen. So rechnen 39 Prozent in den nächsten sechs Monaten mit steigenden Umsätzen (Januar 2025: 22 Prozent). 48 Prozent würden keine Veränderung erwarten. Mit einem Umsatzrückgang rechnen demnach rund 13 Prozent. Vor einem Jahr rechneten 27 Prozent mit einem Umsatzrückgang. Verrechnet man positive und negative Umsatzentwicklung, so erhält man einen Wert für die Geschäftslage der Unternehmen. Analog dazu ist die Geschäftserwartung der Saldo aus positiver und negativer Umsatzerwartung. Aus dem geometrischen Mittel zwischen Geschäftslage und Geschäftserwartung bildet sich das wvib-Geschäftsklima.

Mehr Unternehmen rechnen mit Umsatzsteigerungen. Foto: wirestock/freepik
Geschäftserwartung auf dem höchsten Wert seit 2022
Das wvib-Geschäftsklima liege derzeit mit 13 Punkten im Plus. Vor einem Jahr habe dieser Wert noch bei einem Minus von 17 Punkten gelegen. Vor drei Monaten lag der Wert bei rund 8 Punkten. Auch an dem Punkt gab es somit eine Verbesserung. Das Gleiche gilt für die Geschäftslage, die 2025 bei 0 Punkten lag. Vor einem Jahren waren dies noch minus 29 Punkte. Der Wert der Geschäftserwartung sei mit 26 Punkten ebenfalls deutlich besser als vor einem Jahr (minus 5 Punkte) und erreicht den höchsten Wert seit Ende 2022.
Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen
Bedenklich ist hingegen die Lage in den drei Schlüsselbranchen der baden-württembergischen Wirtschaft Automotive, Maschinenbau und Metallverarbeitung. Das Geschäftsklima liege hier unter dem allgemeinen Durchschnitt. Am niedrigsten sei der Wert in der Automotive-Branche, während Maschinenbau und Metallverarbeiter etwas besser abschneiden. Doch auch hier gilt: Das Glas ist halbvoll. So hat sich laut der Mitteilung das Geschäftsklima bei den Zulieferern im wvib-Branchencluster Automotive von minus 41 auf 0 Punkte klar aufgehellt. Die Geschäftserwartungen der Branche sind dennoch (11 Punkte) positiv.
Maschinenbau im Plus
Leichte Steigerungen bei den Geschäftserwartungen gab es trotz der kritischen Gesamtlage in der zyklischen Maschinenbau-Branche (6 Punkten nach minus 12 Punkten 2024) und in der metallverarbeitenden Industrie wie CNC-Drehereien oder Umformbetriebe. Bei letzteren kann zwar von einer richtigen Erholung nicht die Rede sein, aber nach minus 6 Punkten beim Geschäftsklima ein Jahr zuvor liegt der Wert nun bei 4 Punkten.

Das Geschäftsklima bei der Metallverarbeitenden Industrie hat sich leicht erhöht. Foto: Ralphs_Fotos/pixabay
Kunststoff-Branche überrascht positiv
Eine kleine Überraschung sorgten die Kunststoff-Unternehmen. Sie würden besser als der Durchschnitt abschneiden. Genauso wie die Medizintechnik. Doch bei ihr kennt man gute Zahlen schon aus der Vergangenheit. Bei der Medizintechnik ist das Geschäftsklima mit 15 Punkten im positiven Bereich, auch wenn die Stimmung vor einem Jahr noch besser war. Die Kunststoff-Branche hat sich laut wvib erholt. Das Geschäftsklima liegt mit 20 Punkten im Plus, dabei sind sowohl Lage (19 Punkte) und Erwartung (21 Punkte) positiv.
Regionale Auswertung zeigt starke Unterschiede
Erstmals hat der wvib in diesem Jahr eine regionale Auswertung des Geschäftsklimas durchgeführt. Zwischen den einzelnen Regionen gebe es durchaus Unterschiede. Während das Geschäftsklima in einigen Landkreisen beispielsweise positiv ausfällt, liegen andere im negativen Bereich. Trotz der ermittelten Unterschiede zwischen den Kreisen will der wvib nicht von Gewinnern und Verlierern sprechen. Grund sind mögliche Verzerrungen aufgrund von geringeren Fallzahlen.
Der Gastgeber der Pressekonferenz des wvib, CorTec, hat im Juli 2025 zum ersten Mal einem Schlaganfall-Patienten in den USA ein Closed-Loop-BCI, eine Gehirn-Computer-Schnittstelle, implantiert. Im Video erzählt der Patient Matt Kidd von seinen Fortschritten:
Null Punkt in Calw
Das Geschäftsklima in Waldshut (39), Lörrach (33) oder Emmendingen (30) ist deutlich im positiven Bereich. Auch die Regionen Karlsruhe, Rastatt, Baden-Baden (21), Breisgau-Hochschwarzwald (16) und Freiburg (19) liegen über dem allgemeinen Durchschnitt. In Tuttlingen und Sigmaringen (12 Punkte) entspreche das Geschäftsklima dem allgemeinen Wert. In Freudenstadt und Calw liegt es bei null Punkten – gleich viele Unternehmen meldeten demnach steigende wie sinkende Umsätze bzw. positive wie negative Erwartungen für die kommenden Monate. Im negativen Bereich liegt das Klima in Pforzheim und dem Enzkreis (minus 11 Punkte), Rottweil und dem Zollernalbkreis (minus 13 Punkte) sowie in Konstanz und dem Bodenseekreis (minus 30 Punkte).
Mehr Aufträge eingegangen
Beim Frühindikator Auftragseingang gibt es ebenfalls Steigerungen, die sich über das ganze vergangene Jahr hinzogen. Bei 48 Prozent hat sich der Auftragseingang im Vergleich zum Vorjahr verbessert (2024: 39 Prozent), bei 34 Prozent dagegen verschlechtert (2024: 45 Prozent). 38 Prozent der befragten Unternehmen erwarten in den nächsten sechs Monaten steigende Auftragseingänge (Januar 2025: 22 Prozent), wie es weiter heißt. 11 Prozent rechnen damit, dass der Auftragseingang eher zurückgehen wird (Januar 2025: 23 Prozent). 51 Prozent rechnen mit stagnierendem Auftragseingang.
Geringere Investitionsquote
Während es bei der Ertragslage keine nennenswerten Veränderungen gab, lässt sich das auch bei der Auslastung sagen. Geringer fällt die Investitionsquote aus, die mit 4,8 Prozent unter den 6,1 Prozent von 2024 liegt. Insgesamt hält der wvib den Stellenabbau in der Wirtschaft für nicht verwunderlich. So hat mehr als die Hälfte der Mitgliedsunternehmen angegeben, 2025 Stellen abgebaut zu haben.

Die Unternehmen haben 2025 weniger investiert. Foto: pch.vector/freepik
Die Prognosen bleiben demnach durchwachsen: 20 Prozent erwarten in den nächsten sechs Monaten einen Anstieg der Beschäftigten (Januar 2025: 16 Prozent), 23 Prozent gehen von einem Rückgang aus (Januar 2025: 26 Prozent). Zum Vergleich: Im Januar 2023 gingen lediglich 7 Prozent von einem Rückgang der Beschäftigten aus.
Vorsichtiger Optimismus
wvib-Hauptgeschäftsführerin Hanna Böhme ist dennoch zuversichtlich: „Der ‚Herbst der Reformen‘ ist ausgeblieben, trotzdem zeigt sich an manchen Stellen Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Wir dürfen jetzt nicht in alte Muster verfallen. Die schwarz-rote Koalition muss Fahrt aufnehmen: Bürokratie abbauen, Sozialsysteme generationengerecht reformieren, das Steuersystem wettbewerbsfähig gestalten und die Energiekosten nachhaltig senken. Kurz: Um die Volkswirtschaft wieder in Schwung zu bringen, braucht es eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die strukturelle Probleme löst.“
Mehr Freihandelsabkommen gewünscht
Nicht profitieren würde die Industrie von der Sonderkonjunktur durch staatliche Schuldenprogramme. Man brauche eine Stärkung des europäischen Binnenmarkts und mehr Abkommen wie jene mit den Mercosur-Staaten (wir berichteten) oder mit Indien. Vor allem aber brauche es laut Böhme eine Stärkung des Versprechens der Sozialen Marktwirtschaft. Wir sollten daran arbeiten, den gesamten Wohlstand zu vergrößern, statt uns immer wieder um die Krümel zu streiten.“ Das, was die CDU-geführte Bundesregierung macht, ist jedoch genau das Gegenteil vom Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft.
Foto (v.l.): wvib-Konjunktur-Pressekonferenz bei der CorTec GmbH: Dr. Frank Desiere, Geschäftsführer / CEO CorTec GmbH; Bert Sutter, wvib-Präsident und Geschäftsführer Sutter Medizintechnik GmbH, Hanna Böhme, wvib-Hauptgeschäftsführerin; Dr. Hans-Peter Laubscher, Geschäftsführer KOHLER Maschinenbau GmbH
Siehe auch hier:
wvib-Kampagne „Deutschland kann mehr“: Optimismus und Reformforderungen aus Südbadens Industrie