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Moralische Supermacht: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen – oder wie die Ortenauer zusammenhalten

Rentnerin
© apg (KI, Symbolfoto) – Kann sich die Oma noch das Brot leisten, während Deutschland Waffen liefert?
Deutschland erklärt der Welt die Demokratie und führt ein Wahlsystem ein, das die eigenen Bürger nicht verstehen. Wir liefern Waffen für 12 Milliarden Euro an die Welt, während die Rentnerin in Achern überlegt, ob sie sich das Brot noch leisten kann. Willkommen im März 2026 – willkommen in der moralischen Supermacht. Der neue „Ortenauer Spiegel“ für den März von unserem Önsbacher Kolumnisten Andreas Peter Geng über neue Stimmen, alte Kriege und die Frage, wer hier eigentlich wen belehrt.
Von Andreas Peter Geng

Es gibt einen alten Spruch, der in deutschen Amtsstuben hängen sollte, aber nie hängen wird: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Kaiser Wilhelm II. hat ihn populär gemacht. Das ging bekanntlich nicht gut aus.

Trotzdem: Der Geist lebt weiter. Deutschland erklärt. Deutschland belehrt. Deutschland weiß, wie es geht – mit dem Klima, mit der Demokratie, mit dem Frieden. Nur mit sich selbst, da hapert es ein wenig.

Am 8. März wählt Baden-Württemberg einen neuen Landtag. Erstmals dürfen 16-Jährige ihre Stimme abgeben. Erstmals gibt es zwei Stimmen – eine für den Direktkandidaten, eine für die Partei. Ein modernes System, sagen die einen. Ein Chaos, sagen die anderen.

Ich sage: Typisch deutsch. Wir reformieren das Wahlrecht, damit es gerechter wird – und keiner versteht es mehr.

Die Jugend darf, die Alten rätseln

In der Ortenau haben wir drei Wahlkreise: Lahr, Offenburg, Kehl. In Kehl kandidiert unter anderem Jörg Meuthen – ja, der Jörg Meuthen, ehemals AfD-Chef, jetzt WerteUnion. Ein Mann, der seine politische Heimat so oft gewechselt hat wie andere ihre Socken.

Die 16-Jährigen, die zum ersten Mal wählen dürfen, haben davon wahrscheinlich noch nie gehört. Sie googeln ihre Kandidaten, vergleichen Programme, machen den Wahl-O-Mat. Die Generation TikTok nimmt Demokratie auf ihre Art ernst.

Und die Älteren? Die stehen vor dem Wahlzettel und fragen sich: Erststimme? Zweitstimme? Was war nochmal was?

Wahl

Werden Wahlen immer komplizierter? Foto: freepik

Eine Bekannte – 72, politisch interessiert, hat ihr Leben lang gewählt – rief mich letzte Woche an: „Andreas, ich verstehe das nicht mehr. Früher war das einfacher.“

Ja, früher war vieles einfacher. Da gab es eine Stimme, einen Kandidaten, ein Kreuz. Heute gibt es zwei Stimmen, Überhangmandate, Ausgleichsmandate und eine Erklärung auf der Website des Innenministeriums, die länger ist als manche Doktorarbeit.

Die gute Nachricht: Demokratie lebt von Teilhabe – in welcher Form auch immer. Manche gehen zur Urne, manche engagieren sich im Verein, manche helfen dem Nachbarn. Jeder auf seine Art.

Vier Jahre Krieg, kein Ende in Sicht

Während wir über Wahlzettel diskutieren, sterben Menschen. In der Ukraine. Im Nahen Osten. Im Iran.

Der Ukraine-Krieg dauert jetzt vier Jahre. Vier Jahre Zerstörung, vier Jahre Leid, vier Jahre Durchhalteparolen. Russland hat seit Februar 2022 über 1,26 Millionen Soldaten verloren – Tote, Verwundete, Vermisste. Die Krim-Brücke ist zerstört. Die Front bewegt sich kaum.

Und Deutschland? Deutschland hilft. Mit 94 Milliarden Euro insgesamt – 39 Milliarden zivil, 55 Milliarden militärisch. Die Bundesregierung hat 2025 Waffenexporte im Wert von 12 Milliarden Euro genehmigt. Die Ukraine ist der größte Abnehmer.

Parallel dazu: Der Iran-Konflikt eskaliert. Die Straße von Hormus ist geschlossen, die Ölpreise steigen, die Erdgaspreise haben sich um über 30 Prozent erhöht. Außenminister Wadephul entschuldigt sich für widersprüchliche Aussagen zur Evakuierung deutscher Staatsbürger aus der Golfregion.

Die WELT kommentierte kürzlich: „Deutschland will moralische Großmacht sein, ist aber sicherheitspolitisch ein Zwerg.“ Das klingt hart. Aber ist es falsch?

37 Prozent teurer – seit 2020

Apropos Realität. Während Berlin über Waffenlieferungen und Weltpolitik debattiert, fragt sich die Rentnerin in Achern, ob sie sich das Brot noch leisten kann.

Die Lebensmittelpreise sind seit 2020 um 37 Prozent gestiegen. Siebenunddreißig Prozent. Das ist nicht Statistik – das ist der Einkaufszettel, der immer kürzer wird.

Die Inflation im Euroraum ist im Februar überraschend auf 1,9 Prozent gestiegen. In Deutschland liegt sie bei 2,1 Prozent. Klingt harmlos? Ist es nicht. Denn die Dienstleistungen verteuern sich um 3,4 Prozent, und die Energiepreise – die zwischenzeitlich gefallen waren – steigen wieder. Dank Iran.

Brot

Viele Rentner:innen können sich kaum noch das Brot leisten. Foto: pvproductions/freepik

Der Verbraucherpreisindex steht bei 122,7 Punkten. Basis 2020 gleich 100. Das bedeutet: Alles, was Sie 2020 für 100 Euro gekauft haben, kostet heute fast 123 Euro.

Experten warnen: Das Schlimmste könnte noch kommen.

Die gute Nachricht? Die Menschen in der Ortenau halten zusammen. Sie kaufen regional, sie helfen einander, sie jammern weniger als die Statistik vermuten ließe. Das ist keine Naivität – das ist Resilienz.

Der Wolf und die Prioritäten

Und dann ist da noch Grindi. Der Wolf von der Hornisgrinde. GW2672m, wie er im Behördendeutsch heißt.

Er ist zum Abschuss freigegeben. Nicht weil er Schafe reißt – nein, das wäre zu einfach. Sondern weil er Hündinnen nachstellt. 180 Sichtungen seit 2024. Der Wolf hat ein Frauenproblem.

Bundesweit formiert sich Protest. Offene Briefe an Cem Özdemir. Petitionen. Mahnwachen. „Grindi“ wird zum Prüfstein für grüne Glaubwürdigkeit.

Gleichzeitig: Der Biber in der Ortenau vermehrt sich prächtig. Mindestens 100 Tiere, Tendenz steigend. Er fällt Bäume, staut Bäche, verändert ganze Landschaften. Aber der Biber ist süß. Der Biber bleibt.

Wolf: zum Abschuss freigegeben. Biber: geschützt. Logik: nicht erkennbar.

In einer Welt, in der Raketen auf Städte fallen, diskutieren wir über den Liebeskummer eines Wolfes. Vielleicht ist das unsere Art, mit dem Wahnsinn umzugehen. Vielleicht ist es Ablenkung. Vielleicht ist es beides.

Wolfsretter

Wolf „Grindi“ hält die Welt in Atem. Foto: Wolfsretter

Die Toten von Seebach

Jetzt wird es ernst. Ohne Ironie, ohne Augenzwinkern.

Ende Februar haben Unbekannte auf mehreren Friedhöfen im Achertal eine Spur der Verwüstung hinterlassen. In Seebach, Kappelrodeck, Waldulm. Zerstörte Gräber. Abgesägte Kreuze. Gestohlene Madonnen.

40.000 Euro Sachschaden, sagt die Polizei. Aber was ist der ideelle Schaden? Was ist ein Grabstein wert, den die Großmutter noch selbst ausgesucht hat? Was kostet eine Madonna, die seit 50 Jahren über dem Grab wacht?

Nichts. Alles.

Die Angehörigen sind erschüttert. Die Polizei ermittelt. Die Täter sind unbekannt.

Ich frage mich: Was ist eine Gesellschaft wert, die ihre Toten nicht in Ruhe lässt? Die Kreuze absägt und Figuren klaut? Die das Heiligste schändet, das wir haben – die Erinnerung an die, die vor uns waren?

Die gute Nachricht – und ja, es gibt eine: Die Gemeinden stehen zusammen. Die Betroffenen helfen einander. Nachbarn bieten an, Gräber zu reparieren. Die Kirche organisiert Gedenkfeiern.

In der Zerstörung zeigt sich, was Gemeinschaft bedeutet. Nicht trotz des Schmerzes – sondern wegen ihm.

Die Kraft im Kleinen

Am 8. März werden in Baden-Württemberg etwa 7,7 Millionen Menschen zur Wahl aufgerufen. Darunter zum ersten Mal: die 16- und 17-Jährigen.

Die Wahlbeteiligung 2021 lag bei 63 Prozent. Manche werden auch diesmal zuhause bleiben – aus Überzeugung, aus Frust, aus Desinteresse. Auch das ist eine Form von Freiheit. Demokratie bedeutet nicht nur das Recht zu wählen, sondern auch das Recht, es nicht zu tun.

Was mich mehr interessiert als Wahlbeteiligungsquoten: Was tun die Menschen zwischen den Wahlen? Wie leben sie zusammen? Wie behandeln sie einander?

Die Kraft liegt nicht in Berlin. Nicht in Brüssel. Nicht im Kanzleramt und nicht im Landtag.

Die Kraft liegt hier. Im Achertal, wo Nachbarn zusammenstehen, obwohl Gräber geschändet wurden. In Kappel-Grafenhausen, wo ein 28-jähriger Bürgermeister zeigt, dass es auch anders geht. In den Wohnzimmern und Küchen der Ortenau, wo Menschen über Preise klagen, aber trotzdem weitermachen.

Friedhofsgrab

Im Achertal – wie hier in Seebach – wurden Gräber geschändet. Foto: Nicole Zscherneck

Was bleibt

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? Vielleicht?

Aber am Wesen der Menschen, die nicht aufgeben – an denen kann die Welt genesen. An den Ehrenamtlichen, die Gräber reparieren. An den Nachbarn, die füreinander da sind. An den Vereinen, die zusammenhalten. An den kleinen Gesten, die niemand sieht – außer denen, die sie brauchen.

Das ist keine Naivität. Das ist Realismus.

Denn am Ende sind es nicht die großen Gesten, die zählen. Nicht die Waffenlieferungen, nicht die Sonntagsreden, nicht die moralischen Belehrungen. Und auch nicht das Kreuz auf dem Wahlzettel – so wichtig es manchen sein mag.

Es sind die kleinen Dinge. Der Handschlag über den Gartenzaun. Das Gespräch am Küchentisch. Das Gebet am Grab.

Das ist Deutschland. Das echte Deutschland. Nicht das der Moralapostel und Besserwisser – sondern das der Menschen, die jeden Tag aufstehen und weitermachen. Ob sie wählen gehen oder nicht.

Freiheit bedeutet Wahlfreiheit. In jeder Hinsicht.

Quellen

Thema

Quelle

Datum

Landtagswahl BW 8. März 2026

Innenministerium Baden-Württemberg

März 2026

Ukraine-Krieg: 1,26 Mio. russische Verluste

op-online.de / Generalstab Ukraine

März 2026

Deutsche Waffenexporte 12 Mrd. €

Handelsblatt

Februar 2026

Ukraine-Hilfe 94 Mrd. € gesamt

deutschland.de

März 2026

Inflation Euroraum 1,9%, Deutschland 2,1%

Reuters / Tagesschau

3. März 2026

Lebensmittelpreise +37% seit 2020

Tagesschau

März 2026

Straße von Hormus / Iran-Eskalation

Wirtschaftswoche / Spiegel

März 2026

Wolf GW2672m „Grindi“

SWR / Ortenau Journal

März 2026

Biber-Population Ortenau: 100+ Tiere

BNN

Februar 2026

Grabschändungen Achertal: 40.000 € Schaden

Ortenau Journal

März 2026

Philipp Klotz, BM Kappel-Grafenhausen

regio-ortenau.de

2026

„Moralische Großmacht“

WELT

Februar 2026

Siehe auch hier:

„Ortenauer Spiegel“: Weinbrand, Fastnacht, Frieden – „Wenn die Russen kommen, kommen sie nur bis Ottersweier“

Kolumne: Über Berufsinfomessen in Zeiten des Fachkräftemangels und die Frage, welche App das Klo repariert

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