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Das Private ist politisch! Festakt zum 70-Jährigen der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) in Baden-Baden

© Axel Stabnau und Norma Serpin (beide CAFA RSO), Rudi Leonhardt (DFG) und CAFA RSO-Ehrenpräsident Dr. Marduk Buscher
Ein Jubiläum mit politischer Tiefenschärfe: In Baden-Baden hat die Deutsch-Französische Gesellschaft ihr 70-jähriges Bestehen gefeiert – und dabei gezeigt, wie eng persönliche Begegnungen und große Politik miteinander verwoben sind. Im Kulturhaus LA8 wurde deutlich, dass die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich nicht nur auf Verträgen basiert, sondern vor allem auf gelebten Beziehungen. In Zeiten europäischer Herausforderungen gewinnt dieser Austausch neue Bedeutung.
Von Marduk Buscher

Die im 20. Jahrhundert entstandene „Politik der ersten Person“ war unausgesprochen der Leitgedanke eines Festaktes, der dieser Tage das 70-jährige Bestehen der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) in Baden-Baden würdigte. Dabei geht es darum, die scheinbare Trennlinie zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen zu überwinden. Die „erste Person“, das ist jedes Subjekt, das bist Du und Dein Nachbar.

Die Grenke-Stiftung hatte dazu den Festsaal im Kulturhaus LA8 zur Verfügung gestellt, in welchem Rudi Leonhardt als langjähriger Präsident des Vereins etwa 150 Mitglieder und Freunde begrüßen durfte.

Gegenseitige Besuche

Zusammen mit den befreundeten Vereinen in Freiburg und Colmar bildet die DFG seit zwölf Jahren die sogenannte „Triangle“. Gemeinsame Veranstaltungen und gegenseitige Besuche lassen den Gedanken der deutsch-französischen Freundschaft Rhein übergreifend lebendig werden. Prof. Dr. Rolf Jackisch (Freiburg) und Didier Rieber (Colmar) sprachen daher die beiden ersten Grußworte. Alexander Wieland, Erster Bürgermeister der Stadt Baden-Baden, gratulierte im Namen der Stadt und des Stadtrates, sowie des designierten Oberbürgermeisters Thomas Jung, der sich ebenfalls unter den Gästen befand.

Der Generalkonsul der Französischen Republik für Baden-Württemberg und Direktor des Institut Français in Stuttgart, Gaël de Maisonneuve steckte im Stau auf der A8 fest, ließ es sich nach seiner Ankunft aber nicht nehmen, Rudi Leonhardt und seiner französischen Vizepräsidentin Claire Goldammer die silberne Verdienst-Medaille zum Elysée-Vertrag zu überreichen.

(v.l.n.r.) Bürgermeister Alexander Wieland, Dr. Stefan Seidendorf, Rudi Leonhardt, Dr. Brigitte Klinkert, Claire Goldammer, Gael de Maisonneuve vor einer Zeichnung von Tomi Ungerer

Gemeinsame und friedliche Zukunft

Dieser Vertrag zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle im Jahr 1963 war ja, wie Dr. Stefan Seidendorf, der stellvertretende Direktor und kommissarischer Geschäftsführer des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg ausführte, keineswegs der erste Schritt hin zur Versöhnung der beiden seit Jahrzehnten verfeindeten Nachbarvölker. Sein eigenes Institut sei bereits 1948 , also noch vor Gründung der Bundesrepublik, ins Leben gerufen worden, um dazu beizutragen, eine gemeinsame und friedlichere Zukunft zu gestalten. Angeblich hatten Adenauer und de Gaulle ja 1962 ausgerechnet in Baden-Baden während eines „privaten“ Tennisspiels die Idee für den Elysée-Vertrag, der die noch heute geltende Grundlage der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich bildet.

„Sommerhauptstadt Europas“

Das Private und das Politische … hatten aber bereits seit dem Sommer 1945 notgedrungen in Baden-Baden zueinander gefunden, als 40.000 Franzosen in der Kleinen Stadt mit gerade einmal 30.000 Einwohnern einquartiert wurden, weil sich hier, in der schon in den vergangenen Jahrhunderten französisch geprägten „Sommerhauptstadt Europas“ der Verwaltungssitz der französischen Besatzungszone in Deutschland befinden sollte. Dies brachte notgedrungen eine große Nähe zwischen den Bürgern und den Besatzern mit sich, die sich oft Küche und Bad in den requirierten Wohnungen teilen mussten.

Eigener Stadtteil

Als dann ab 1952 ein eigener Stadtteil für die Franzosen, die sogenannte „Cité“ in Baden-Baden Oos erbaut wurde, empfanden viele ehemalige Kriegsgegner dies als störend für die zarte Pflanze der Freundschaft, die sich zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen Baden-Badens aus der Not heraus entwickelt hatte. Aus diesem Grunde wurde 1956 die DFG Baden Baden ins Leben gerufen, der in der Folgezeit bis zu 1.000 Mitglieder angehörten – als Privatleute, deren Zusammenhalt zum Politikum wurde.

Die verliehene Medaille. Foto: Marduk Buscher

Einrichtung sucht Ihresgleichen

Die Festrede hielt die Abgeordnete der Französischen Nationalversammlung, Brigitte Klinkert. Sie ist zugleich französische Co-Präsidentin der deutsch-französischen Abgeordnetenversammlung, welcher jeweils 50 gewählte Mitglieder der beiden nationalen Parlamente angehören, die sich mindestens zweimal im Jahr zu einer binationalen Plenarsitzung treffen. Arbeitsgruppen erarbeiten ständig Vorschläge für eine Vertiefung der deutsch-französischen Zusammenarbeit. International sei dies eine Einrichtung, die Ihresgleichen suche, und überall auf der Welt als einzigartig angesehen werde.

Der “Vertrag von Aachen”

Gemäß Paragraph 4 des im Jahr 2019 erneuerten Elysée-Abkommens, dem „Vertrag von Aachen“, sollen für alle Gesetzgebungen der beiden Regierungen ergänzende Bestimmungen getroffen werden, welche die besondere Situation der Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze berücksichtigen. So zeigte sich Madame Klinkert stolz, dass etwa zwanzig der von ihr zusammengefassten 55 Vorschläge ihres Gremiums vom zuständigen Minister in Paris zur Konkretisierung adoptiert wurden. Die Themen stammen aus dem Alltag der Menschen, betreffen Bereiche wie Ausbildung, Verkehr und Gesundheitswesen. Demokratie bedeutet nämlich auch, das Private zum Politischen zu machen.

“Der Motor Europas”

Klinkert, deren Großvater, Joseph Rey, in nationalsozialistischer Haft zum Tode verurteilt worden war, weil er sich als Elsässer zu Frankreich bekannte, überlebte die Haft und war von 1947 bis 1977 Bürgermeister von Colmar. Diese privat-familiäre Prägung bewegte Brigitte Klinkert, Politikerin zu werden und sich ganz besonders des Zusammenlebens von Badenern und Elsässern am Oberrhein anzunehmen, deren Freundschaft – angesichts der vorausgegangenen Kriege – etwas ganz Besonderes sei, das man aber nicht als selbstverständlich ansehen dürfe.

Geselliges Beisammensein im Spiegelsaal. Foto: Marduk Buscher

„Die deutsch-französische Freundschaft bedarf einer demütigen Pflege“ war Klinkerts Resümee, denn die EU bedürfe ihrer nicht nur als statische Gegebenheit, sondern als Prozess, der stetig weiterentwickelt werden müsse, damit der „Motor Europas“ nicht zum Stocken komme.

Geselliges Beisammensein

Den musikalischen Rahmen der Veranstaltung gestaltete ein Duett aus Violine, gespielt von Boriana Baleff, und Viola, von Agata Rettberg gespielt. Bevor man zum geselligen Beisammensein in den Spiegelsaal des Gebäudes umzog, wo die Gäste Weine des Chateaus Ollwiller und Finger-Food des Restaurants „Rive gauche“ erwarteten, ließ es Baleff sich nicht nehmen, zum 70-jährigen Geburtstag der DFG im Namen des Quantz-Kollegiums zu gratulieren, deren künstlerische Leiterin sie ist, und welches ebenfalls in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen feiert.

Kooperation mit CAFA RSO

Im Rahmen der vor einiger Zeit vereinbarten Kooperation der DFG Baden-Baden mit dem Deutsch-französischen Wirtschaftsclub am Oberrhein, CAFA RSO, war es selbstverständlich, daß dieser Partnerclub bei dem Festakt durch die beiden Co-Präsidenten, Norma Serpin und Axel Stabnau, sowie Ehrenpräsident Dr. Marduk Buscher, vertreten war.

Frieden setzt gegenseitiges Verständnis und – daraus sich entwickelnde Freundschaft voraus. Er ist das Ergebnis vieler im Privaten handelnder Menschen, welche gemeinsam entschlossen sind, das „Nie Wieder!“ in ihrem Umfeld umzusetzen!

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