Nach dem Ablauf der knapp dreijährigen Amtszeit von Jeanne Barseghian hat der Rat des Eurodistrikts Strasbourg Ortenau im Interkommunalen Dienstleistungszentrum in Benfeld/Elsass einen neuen Präsidenten gewählt. Es ist Thorsten Erny. Der Landrat des Ortenaukreises wurde einstimmig in offener Abstimmung für drei Jahre bestimmt. Seine Vizepräsidentin wurde Catherine Graef-Eckert, die auch Vizepräsidentin der Eurometropole Straßburg für internationale Zusammenarbeit und grenzüberschreitende Beziehungen sowie Bürgermeisterin von Lingolsheim ist.
Der Rat begrüßte zudem die neuen französischen Mitglieder, die im Anschluss an die französischen Kommunalwahlen benannt wurden. Catherine Trautmann, neu gewählte Präsidentin der Eurometropole Straßburg und Oberbürgermeisterin der Stadt Straßburg, tritt damit offiziell als ordentliches Mitglied den Gremien des Eurodistrikts bei.
Ein Dank ging an Ernys Vorgängerin Barseghian, die wichtige Impulse für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in den Bereichen Mobilität, Klima, Kultur und Zweisprachigkeit gesetzt habe. Ab 2027 übernimmt der Eurodistrikt schrittweise die Trägerschaft der Buslinie 280 Erstein-Lahr. Das Vorzeigeprojekt „Spiel & Parle“, bei dem jungen Menschen spielerisch die Sprache der jeweiligen Nachbarn näher gebracht wird, werde fortgesetzt.

Erny, Barseghian und Katrin Neuss. Foto: Geraldine Zimpfer
Schließlich erläuterte die Generalsekretärin Katrin Neuss die Haushaltsentwicklung des Eurodistrikts. Mit zunehmend knapper Kassen muss die Organisation künftig dabei den Gürtel deutlich enger schnallen. Die Rücklagen sind demnach fast aufgebraucht. Gespart werden soll u. a. bei den Förderungen.
Während das Haushaltsvolumen 2025 mit 1,26 Millionen Euro und im laufenden Jahr noch gut eine Millionen Euro betrug, wird es 2027 mit veranschlagten 851.364 Euro deutlich weniger Spielraum für die zu bewältigenden Aufgaben geben. Das Ortenau Journal sprach mit dem neu gewählten Eurodistrikt-Präsidenten Thorsten Erny über die Rolle Europas in unsicheren Zeiten, ein grenzüberschreitendes sozio-kulturelles Bewusstsein, die Finanzen sowie über die Rolle der Medien in diesem Prozess.
Das Interview:
Ortenau Journal: Wie wichtig ist der deutsch-französische Austausch und die Zusammenarbeit in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten?
Thorsten Erny: Die Menschen brauchen Verlässlichkeit. Der Eurodistrikt Straßburg-Ortenau ist dabei ein ganz wichtiges Instrument. Entscheidend ist, dass wir uns vor Ort verstehen, dass wir auch die dicken Bretter gemeinsam bohren und dass eine gemeinsame Grundintention vorhanden ist. Wir wollen grenzüberschreitend enger zusammenarbeiten. Das ist das Signal der Politik aus Deutschland wie aus Frankreich. Präsenz zu zeigen und Interesse zu bekunden, ist auch für die Zukunft ein wichtiges Pfund. Durch gegenseitiges Verständnis und durch Projekte, die wir heute in der Sitzung konkretisiert haben, können wir gemeinsam vorankommen.
Ortenau Journal: Sehen Sie den Eurodistrikt eher als politisches Sprachrohr der Region oder wollen Sie vor allem das Leben der Menschen vor Ort vereinfachen?
Thorsten Erny: Ich glaube, beides gehört zu unseren Aufgaben. Einerseits müssen wir gegenüber der Politik deutlich machen, was wir als Europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit einfordern. Andererseits übernehmen wir ganz konkret Verantwortung, etwa im öffentlichen Nahverkehr. Ein Beispiel ist die Buslinie zwischen Erstein und Lahr. Darüber hinaus gibt es weitere Projekte, die wir eigenverantwortlich umsetzen. Es geht also darum, politische Anliegen zu vertreten und gleichzeitig konkrete Vorteile für die Menschen vor Ort zu schaffen. Kinder lernen bei Spiel- und Sportangeboten wie „Spiel & Parle“ früh die Sprache des Nachbarn kennen, und Kulturveranstaltungen wirken auf beiden Seiten des Rheins. Das sind Themen, die uns im Eurodistrikt besonders wichtig sind.

Der Rat des Eurodistrikts Strasbourg-Ortenau. Foto: Wolfgang Huber
Ortenau Journal: Sie sind auch Landrat der Ortenau. Wie wollen Sie beide Ämter unter einen Hut bringen?
Thorsten Erny: Ich war bisher bereits Vizepräsident des Eurodistrikts und habe gemeinsam mit der Präsidentin die Sitzungen vorbereitet. Von daher wird der Terminaufwand nicht wesentlich größer werden.
Ortenau Journal: Welchen Beitrag kann der Eurodistrikt für ein grenzüberschreitendes gesellschaftliches Bewusstsein leisten?
Thorsten Erny: Ich habe den Begriff des „freundlichen Desinteresses“ verwendet. Ich glaube, wir müssen noch viel mehr miteinander reden, auch wenn Sprachbarrieren bestehen. Wichtig ist, Interesse am Nachbarn zu zeigen und Verständnis für notwendige Maßnahmen aufzubringen. Das ist aus meiner Sicht das Gebot der Stunde. Gerade in der geopolitisch schwierigen Lage mit vielen Unsicherheiten brauchen wir Stabilität am Oberrhein. Vogesen und Schwarzwald werden durch den Rhein längst nicht mehr getrennt. Es ist unser Anliegen, dies weiter zu stärken. Deshalb ist es wichtig, dass der Landrat der Ortenau regelmäßig in Straßburg und Frankreich präsent ist, um deutlich zu machen: Wir wollen enger zusammenarbeiten und ein Zeichen für die deutsch-französische Freundschaft setzen.
Ortenau Journal: Sehen Sie bereits Ansätze in den Köpfen der Menschen auf beiden Seiten des Rheins, dass man sich als gemeinsamen sozio-kulturellen Raum versteht?
Thorsten Erny: Vieles wird mittlerweile als selbstverständlich angesehen. Denken Sie nur an die vielen Pendlerinnen und Pendler, die täglich nach Deutschland kommen. Viele Arbeitgeber sind auf die Elsässerinnen und Elsässer angewiesen. Umgekehrt pendeln auch zahlreiche Menschen aus der Ortenau zur Arbeit nach Frankreich. Das grenzüberschreitende Miteinander gehört längst zum Alltag. Hinzu kommen Einkäufe, kulturelle Besuche und Freizeitaktivitäten auf beiden Seiten des Rheins. Das ist gelebte Grenznähe. Auch für meine Familie gehört das zum Alltag und ist ein Privileg, das ich sehr schätze. Wenn ich über die Grenze fahre, wird mir immer wieder bewusst, wie gut es uns geht und wie wertvoll dieses friedliche Miteinander ist.
Ortenau Journal: Welche Rolle spielen die Medien in diesem Prozess?
Thorsten Erny: Medien können dazu beitragen, in dem sie mehr über den jeweiligen Nachbarn berichten. Sie können erfolgreiche Projekte sichtbar machen und Interesse wecken. Vielleicht sagt dann jemand in Deutschland, der noch nie in Straßburg war: „Da muss ich einmal hin.“ Oder jemand entdeckt die Vogesen als Wanderziel. Umgekehrt erkennen Elsässerinnen und Elsässer die attraktiven Angebote auf deutscher Seite. In vielen Bereichen wird das bereits gelebt. Man sieht es in Restaurants, bei Veranstaltungen oder im Europa-Park. Auch auf Weihnachts- und Adventsmärkten begegnen sich Menschen aus beiden Ländern ganz selbstverständlich. Und der alemannische Sprachraum hilft dabei zusätzlich, weil wir miteinander sprechen können, wie uns der Schnabel gewachsen ist.
Ortenau Journal: Mit welchen Akteuren werden Sie künftig hauptsächlich zusammenarbeiten?
Thorsten Erny: Das wird vor allem die neu gewählte Vizepräsidentin Kathrin Graef-Eckert sein. Sie ist eine Mandatsträgerin, mit der ich bereits in anderen Zusammenhängen zusammengearbeitet habe, unter anderem bei INFOBEST. Wir kennen uns seit mehreren Jahren, und daraus ist ein Vertrauensverhältnis entstanden. Gemeinsam werden wir den Eurodistrikt weiterentwickeln.

Arbeiten zusammen: Vizepräsidentin Kathrin Graef-Eckert und Thorsten Erny. Foto: Geraldine Zimpfer
Ortenau Journal: Das ist also die engste Zusammenarbeit?
Thorsten Erny: Ja, gemeinsam mit der Generalsekretärin, natürlich.
Ortenau Journal: Abschließend noch eine Frage zur Finanzierung. Die Einnahmeseite befindet sich im Sinkflug. Gibt es Möglichkeiten, diese Entwicklung umzukehren, oder ist das Teil einer allgemeinen finanziellen Entwicklung in Europa mit sinkenden Budgets?
Thorsten Erny: Derzeit geht es vor allem darum, die bestehende Beitragssituation stabil zu halten. Wir können von den Haushalten in Deutschland und Frankreich nicht immer mehr verlangen. Deshalb müssen wir die bisherigen Beiträge als verlässliche Grundlage akzeptieren. Darüber hinaus müssen wir nach Kofinanzierungspartnern suchen – etwa durch Sponsoring, Partnerschaften oder Förderprogramme. Auch in den kommenden Förderperioden wollen wir gezielt Mittel akquirieren, um weitere sichtbare Projekte umsetzen zu können.
Ortenau Journal: Heute war auch ein Vertreter des Außenministeriums anwesend, der Konsul. Gibt es dort keine Möglichkeiten, grenzüberschreitende Projekte stärker zu fördern?
Thorsten Erny: Dafür gibt es keine dauerhafte Finanzierung. Es existieren lediglich punktuelle Fördermöglichkeiten. Diese müssen wir gezielt nutzen – beispielsweise über europäische Programme oder andere Förderinstrumente. Dafür braucht es konkrete Ideen und Projekte mit klaren Zielen. Auch über das Deutsch-Französische Jugendwerk können bestimmte Vorhaben förderfähig sein. Ansonsten sind wir auf unsere Mitgliedsbeiträge und auf die Kreativität unseres Teams angewiesen, das mit vergleichsweise wenig Geld sehr viel bewirkt.

Ortenau Journal-Chefredakteur Wolfgang Huber
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