Eurodistrict

Sergio Ebersoldt – der Mann, der Deutsche und Franzosen friedlich im Rock’n’Roll vereinen möchte

Sergio Ebersoldt
© Sergio Ebersoldt – Der Sänger aus Straßburg feiert mit seiner Band „Les Chambords“ 25-Jähriges.
Was passiert, wenn deutscher und französischer Rock’n’Roll aufeinandertreffen? Sergio Ebersoldt, Sänger aus Straßburg und Gründer der legendären Band „Les Chambords“, macht es vor: Seit 25 Jahren verbindet er mit Petticoat, Lederjacke und endlosem Highway die Musikwelten beider Seiten des Rheins. Vom Coversong-Hit bis zu eigenem Rock’n’Roll-Spirit zeigt er: Musik kennt keine Grenzen, nur Herz und Groove – und genau das lebt Ebersoldt authentisch und voller Leidenschaft. Deutsche und Franzosen will er vereinen.
Vielbeachtete Serie

Schon vor Jahren hatte der Kulturjournalist und Musiker Jürgen Stark die Idee, als Deutscher von der Ortenau aus in die Musikszene von Straßburg und Elsass zu blicken, sich also gewissermaßen „drüben“ mal umzuhören, um dann von dort für deutsche Leser zu berichten. So entstand für die „Mittelbadische Presse“ eine viel beachtete Serie, die sich in etlichen Folgen Künstlern und Projekten und sogar detailliert dem sehr komplexen Modell französischer Musikförderung widmete.

Zum Auftakt Rock’n’Roll

Nun – Weltsensation! – lebt dieses edle Stück Kulturjournalismus wieder auf: Hier bei uns im Ortenau Journal werden wir nun mit der Kompetenz und den guten Kontakten unseres Kulturkolumnisten Jürgen Stark diese serielle Berichterstattung, die im Rahmen unserer redaktionellen Schwerpunkt-Erweiterung in Sachen „Eurodistrikt“ stattfindet, neu aufleben lassen. Zu Beginn geht es nun gleich tief hinein, zu den Mythen des Rock’n’Roll und zum bei Straßburg lebenden Sänger Sergio Ebersoldt, einem Elsässer Urgestein aus der lebendigen Musikszene unserer französischen Nachbarn.

Von Jürgen Stark

Hausbesuch in Ortenberg, gemeinsam mit Booking-Managerin Barbara Schofield. Vor nunmehr 25 Jahren gründete Ebersoldt die Gruppe Les Chambords und rockte und rollte unermüdlich durch die Lande. Bis heute. Zeit für ein Portrait, über den Rhein hinweg. Mit jeder Menge Fifties-Rock’n’Roll tourten Les Chambords auf einem imaginären endlosen Highway in einem mutmaßlich pink- und türkisfarbenen Cadillac durch die Lande, Motto: „All for the Love of Rock‘n’Roll“.

Sergio Ebersoldt und Jürgen Stark

Sergio Ebersoldt und Jürgen Stark. Foto: Barbara Schofield

Lehre als Koch

Der kraftvolle Sänger wurde am 6. Juni 1962 in Straßburg geboren. In Soufflenheim ging er zur Schule, absolvierte eine Lehre als Koch. Es zog ihn später für drei Jahre nach Paris, es folgten zwei Jahre in Spanien und drei auf Sizilien, doch zurück ging es immer wieder nach Frankreich, so auch in die Nähe von Cannes.

Doch auch über den Rhein hinweg probierte er sein Glück und eröffnete als Koch ein Lokal in Ottenhöfen. Letztlich auch wegen seiner Frau und seinen drei Söhnen entschied er sich gegen die unsoliden Arbeitszeiten in der Gastronomie und schulte um zum Maler. Ein solider Handwerksberuf in dem er auch heute noch arbeitet.

„Jailhouse Rock“ auf dem ewigen Platz Eins

Doch daneben galt seine große Leidenschaft immer auch der Musik. Kommt die Rede auf Elvis Presley, spricht er sofort ehrfurchtsvoll vom „King“, weshalb in seiner ewigen persönlichen Bestenliste noch immer „Jailhouse Rock“ auf Platz Eins steht. Von den Klängen seiner Jugend mit Legenden wie Carl Perkins, Eddy Cochran, Duane Eddy oder Vince Taylor mochte er nie lassen, was er aber niemals als nostalgischen Retro-Sound empfand, sondern eher als Eintrittskarte für ewiges Leben. Denn der agile Sänger ist auch Philosoph und sagt balkenschwere Sätze wie: „Das Leben ist klein, der Tod ist riesengroß“.

Wie so viele Franzosen verehrte auch Sergio den musikalischen Nationalhelden – den legendären Johnny Halliday, der auf scheinbar ewig ein Stück Frankreich zu sein schien und dessen leidenschaftliche Klänge auch über den Rhein und bis nach Deutschland wehten. Bei Halliday lohnt der Blick ins offene Geschichtsbuch, um zu verdeutlichen in welch riesigem Zeitfenster wir uns hier in dieser Story bewegen.

Das Covern eines Welthits

Halliday veröffentlichte am 14. März 1960 bei Vogue seine erste Single „T’aimer follement“. Im selben Jahr folgte dann auch das bei uns gecoverte „Itsy bitsy, petit bikini“ – eine lustige Geschichte, denn beim munteren Covern dieses Welthits gab es keine Grenzen, keine Sprachbarrieren. Das Original „Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini“ war ein genialer Popsong von Paul Vance (Text) und Lee Pockriss (Musik), der 1960 durch Brian Hyland bekannt wurde. Der Millionenseller entwickelte sich zum Evergreen.

Band "Les Chambords"

Die Band von Sergio Ebersoldt: „Les Chambords“. Foto: Sergio Ebersoldt

Coversong von Caterina Valente

Im Juli 1960 wurde er von Club Honolulu (Caterina Valente und ihrem Bruder Silvio Francesco) unter dem Titel „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“ eine Version mit einem deutschen Text von Günter Loose aufgenommen; der geniale Coversong verkaufte sich über 250.000 Mal und erreichte in den deutschen Charts den ersten Platz.

An dieser Stelle entsteht nun tatsächlich auch noch eine Verbindung zu den Toten Hosen, deren angekündigtem Karriereende wir uns hier auch gerade ausführlich widmeten. Denn der ewig genialische Hitkracher „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“ inspirierte 1987 Die Toten Hosen zu einer Punk-Version auf ihrem Album „Never Mind The Hosen – Here’s Die Roten Rosen“.

Spaß mit heißem Teenager-Herzen

Spätestens jetzt wird alles rund, denn als Sergio Ebersoldt vor eben 25 Jahren seine Rock’n’Roll-Combo Les Chambords ins Leben rief, war ihm genau dieser Aspekt der damals neuen Musik mit am wichtigsten: Spaß mit heißem Teenager-Herzen, also „forever young“ mit Herzschmerz, Liebe und Romantik. Jener Rock’n’Roll, den bei uns ein Peter Kraus, auch ein Drafi Deutscher und andere Pioniere mit fröhlicher Nähe zum Schlager zur großen, guten Unterhaltung machten.

In der Musikszene lebendige Gründerjahren

Für Sergio Ebersoldt klare Konsequenz: „Rock’n’Roll ist gelebte Harmonie“, wozu auch die artverwandten Stile wie Rockabilly oder Doo Wop gehören. Aber, wehe, jemand verunglimpft jenen fröhlichen Rock’n’Roll-Spirit aus den durchaus noch in der Musikszene lebendigen Gründerjahren als „Kitsch“, dann lieber dem kräftigen Franzosen aus dem Weg gehen, denn da versteht er keinen Spaß!

Und dann kommt knüppeldickes Lob – vom anderen französischen Ufer, herüber zu uns: „Wenn ich die Wahl habe bei Live-Angeboten, würde ich immer stets Deutschland wählen.“ Bei deutschen Orten, deutscher Lebensart und deutschem Publikum gerät er überraschend ins Schwärmen und demonstriert, wie lebendig die deutsch-französische Freundschaft, die in diesen Tagen nicht nur am Oberrhein eher etwas schwächelt, sein kann – Auftritte auch in der Ortenau sind noch für dieses Jahr geplant.

„Rock’n’Roll ist für die Ewigkeit gemacht“

Seine Band Les Chambords befindet sich derzeit im Umbau, ein neuer Gitarrist soll her, weshalb ein für März geplantes Konzert im Ortenberger „Fantasy“ leider verschoben werden musste. Bis dahin, Jukebox an, Petticoat und Lederjacke vom Dachboden holen, vielleicht „Jump in my Car“ von Chris Spedding anhören und an die Worte des sympathischen Philosophen mit der tollen Tolle vom musikalisch lebendigen Oberrhein denken: „Rock’n’Roll ist für die Ewigkeit gemacht, deshalb mache ich mir um die Zukunft des Rock’n’Roll auch keine Sorgen. Allerdings kannst du diese Musik nur machen, wenn sie aus deiner Seele und von Herzen kommt. Du brauchst das originale Feeling und den Groove.“

Demnächst hoffentlich in der Ortenau

Rock’n’Roll geht nur authentisch und echt, da hat er recht und da können wir Fans und Freunde des Rock’n’Roll uns brüderlich (und schwesterlich) über den Rhein hinweg die Hände reichen und gemeinsam in diesem positiven Spirit tanzen und träumen (den übrigens unsere vertrackten Zeiten bestens und dringend gebrauchen könnten). Das Gute am Rock’n’Roll? Er kennt keinen Fatalismus sondern nur Freude, freuen wir uns also auf Les Chambords, demnächst hoffentlich gut aufgestellt in der Ortenau!

Jürgen Stark

Der Ortenau Journal-Autor und Kolumnist Jürgen Stark

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