In Ottenhöfen im Schwarzwald ist man stolz auf seine Mühlen – was nicht zuletzt der offizielle Beiname „Mühlendorf“ belegt. Erst am vergangenen Pfingstmontag kamen die Gäste wieder einmal aus nah und fern ins Achertal gepilgert, um sich die Rainbauernmühle, die wahrscheinlich am meisten fotografierte Mühle, die Hammerschmiede oder die Koppmühle am Hagenstein anzuschauen. Insgesamt neun Mühlen gibt es noch in Ottenhöfen plus die Hammerschmiede direkt an der Hauptstraße.
Dass diese Mühlen heute noch für Gäste so nahbar sind, wie sie es beispielsweise am Pfingstmontag zum „Deutschen Mühlentag“ waren, ist nicht zuletzt dem Team vom Mühlenbau 2.0 zu verdanken. Bereits seit 2013 renovieren und restaurieren sie alles rund um die von Gästen wie Einheimischen so geliebten Schwarzwaldmühlen – und das alles ehrenamtlich.
Die Mühlen sind alle in Privatbesitz und wurden früher von den Höfen ausschließlich für den Eigenbedarf genutzt. Solche Infos und viele mehr gab es am Mühlentag beispielsweise von Matthias Rohrer, einem der Helfer von Mühlenbau 2.0 an der Koppmühle. Er musste sich am Nachmittag immer mal wieder Zeit für einen Schluck Wasser nehmen, war er doch den ganzen Tag vor Ort und erzählte quasi in Endlosschleife den vielen Interessierten die Funktion der Koppmühle und führte sie durch das zweistöckige Gebäude aus den 1870er Jahren.
Eine Brücke über der Acher, die vom Radweg zur Koppmühle führt, wurde 2018 ebenfalls von der Gruppe gebaut. Vorher war der Zugang zur Koppmühle nur über die viel befahrene Landstraße L87 möglich. „Das war lebensgefährlich“, sagte Rohrer und ist sichtlich stolz auf das, was in den vergangenen Jahren bereits alles im Ehrenamt von der Untergruppe der Trachten- und Volkstanzgruppe Ottenhöfen geleistet wurde.

Das Team von Mühlenbau 2.0 um Matthias Rohrer (l.) und Tourismuschefin Melanie Steinlein (2.v.l.). Foto: Nicole Zscherneck
Doch beginnen wir von vorne: Das Renovieren von Mühlen gilt nun nicht unbedingt als ein gewöhnliches Hobby. Wie kam es eigentlich dazu? Udo Kimmig, der erste Vorstand der Trachten- und Volkstanzgruppe Ottenhöfen, war damals der Initiator, wie Matthias Rohrer erzählt. 2011 hat man in Ottenhöfen angefangen mit dem Weihnachtsmarkt. Jeder, der einen Stand haben wollte, sollte eine Holzhütte dort aufstellen. Einige haben sich getroffen, Vereine oder Privatpersonen, und diese Hütten gemeinschaftlich gebaut.
Zwei Jahre später ging es dann los: Die besagte Koppmühle stand schon sehr lange still, das Mühlrad komplett zerfallen. Die Trachtengruppe hatte immer ein Schulzemühlenfest gemacht, das dortige Wasserrad hat sich auch nicht mehr gedreht. „Udo Kimmig sagte dann als Vorstand: Wir machen ein Mühlenfest und das Wasserrad dreht sich nicht, das kann es eigentlich nicht sein“, erzählt Rohrer von den Anfängen.
Da kam dann die Idee, das Ganze wieder aufleben zu lassen. 30 Jahre vorher zeichnete sich nämlich bereits der Schwarzwaldverein für die Mühlen verantwortlich, diese Helfer waren dann aber allesamt schon älter und konnten sich nicht mehr um sie kümmern, man wollte mit einer jungen Gruppe voller Elan wieder neuen Glanz in die immer mehr dem Verfall drohenden Mühlen bringen.
Aufgrund der Arbeit an den besagten Weihnachtsmarkt-Hütten kam Udo Kimmig auf einige Leute zu: „Dich kenne ich, du hast keine zwei linken Hände, du bist jung und dynamisch, machst du da mit?“ Und so kamen einige junge Leute, damals circa 18 bis 20 Jahre alt dazu, den Besitzern bei der Renovierung zu helfen. Mühlenbau 2.0 war geboren. „Das Logo haben wir aber erst später entwickelt“, sagt Rohrer.

Brücke zur Koppmühle. Foto: Nicole Zscherneck
2.0 rührt daher, dass es schon vorher eine Generation gegeben hat, die die Mühlen restauriert hat, nämlich besagter Schwarzwaldverein. Auslöser war eigentlich die Schulze-Bure-Mühle, da hing aber wenigstens noch das Wasserrad. So hat man sich dazu entschlossen, die Koppmühle als erste zu renovieren. Es wurde ein Antrag gestellt, bei der Regionalstiftung der Sparkasse, dort gab es dann eine große Spende. Diese hat gereicht, um das Wasserrad der Koppmühle und den Wasserzulauf zu machen.
Im Jahr darauf ging man zur Benz-Mühle im Unterwasser – hier wurde die Wasserrinne weggerissen und der Zulauf sowie das Wasserrad erneuert. Das war im Jahr 2014. Im gleichen Sommer war das große Hochwasser, dem in Ottenhöfen am Bahnhof die Brücke zum Blustenweg zum Opfer fiel. „Die haben wir auch neu gebaut, das war unsere erste Brücke“, blickt Matthias Rohrer zurück. 2016 ging man dann schließlich das Wasserrad der Schulze-Bure-Mühle an.
2018 folgte die Brücke bei der Koppmühle. Ebenso half man, das Dekorad beim Köningerhof zu erneuern sowie das Wasserrad an der Hammerschmiede und am Mühlenhof. Auch ein erfolgreicher Ausflug nach Malsch stand bereits auf dem Programm: „Ein paar Malscher haben in Ottenhöfen den Mühlenweg gemacht und gefragt, ob wir ihnen daheim auch helfen könnten, und zwar an ihrer Stadtmühle das Rad zu erneuern“, so Rohrer. „Nach einer Abstimmung war klar: Das machen wir, das reizt uns.“ Auch hier dreht sich nun das Rad wieder und produziert Strom.
Circa 25 Jahre hält solch ein Wasserrad. Inzwischen versieht man die Mühlräder mit Edelstahlschaufeln statt mit Holz. Diese werden geschraubt, und nicht wie das Holz gefräst. Somit wird das Rad stabilisiert und nicht wie vorher durch die Fräsung eher geschwächt. Ein bisschen Fortschritt gehöre trotz aller Nostalgie eben auch dazu.

Mühlenrad der Koppmühle. Foto: Nicole Zscherneck
Alle Helfer des Teams von Mühlenbau 2.0 kommen mehr oder weniger aus dem Handwerk. Man musste sich die Thematik aber erst mal aneignen. „Udo Kimmig hat Fachliteratur gekauft und wir konnten uns alle einlesen“, so Rohrer. Sie hatten aber auch das Glück, dass von den vorigen Restaurateuren des Schwarzwaldvereins noch einige gelebt haben und ihnen viele Tipps und Tricks mitgeben konnten, um das Knowhow zu vermitteln.
„Sowas kann man nur machen, wenn man ein bisschen Handwerk auch von daheim mitbekommt. Wir sind von klein auf mit dem Werkeln aufgewachsen.“ Jeder Helfer hat das Werkzeug am Anfang von daheim mitgebracht. Inzwischen konnte man von einer alten Schreinerei alte Maschinen aufkaufen, eine große Hobelmaschine, oder eine Kreissäge aus der Schule, die ausgesondert wurde, aus einem Nachlass bekam man auch einige Werkzeuge.
Alle Mühlen in Ottenhöfen sind nur noch zu Schauzwecken da. Man braucht viel Wasser, um die Mühle zum Mahlen zu bringen, die Schaufeln müssen komplett mit Wasser gefüllt sein. „Die Technik ist 200 Jahre überholt“, erklärt Rohrer. Die meisten Mühlen sind in den 1870er Jahren entstanden. Dies waren keine Lohnmühlen, sondern nur für den Eigenbedarf oder maximal noch für den Nachbarn in Betrieb. Für mehr habe das Wasser nicht gereicht.
Die Mühlen direkt an der Acher, wie die Koppmühle, waren einfacher mit Wasser zu bedienen. Einige, die nur einen Weiher angeschlossen hatten, hatten es da schon erheblich schwerer. Sie haben eine Stunde gemahlen, dann musste man warten, bis es wieder Wasser gab. Wie viele Mühlen gab es in Ottenhöfen früher? „Ich habe hier eine Karte von 1866 hängen, da ist noch keine einzige der heutigen Mühlen aufgezeichnet – da sind zehn Mühlen drauf, außer der Hammerschmiede gibt es heute keine mehr.“

Ein Stück Mühlstein. Foto: Nicole Zscherneck
Die jetzigen gab es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Diese sind erst kurz danach entstanden. „Wenn den Leuten das Geld ausgegangen ist, dann ist die Mühle verfallen oder man hat sie verkauft.“ Ein anderer Hof hatte vielleicht mehr Glück und konnte sich dann wieder eine neue Mühle bauen, es gab also einen ständigen Wechsel. Im Ortskern gab es zudem zwei Mühlen, die auch für Kunden gemahlen haben. Nach dem Krieg waren die Mühlen nochmal kurz wichtig, danach haben sie dann aber bald ihre Wichtigkeit verloren, dafür hätte man sie grundlegend erneuern müssen.
Die Gruppe Mühlenbau 2.0 besteht aktuell aus zehn Personen. Es werden aber immer Helfer gesucht, es gibt immer etwas zu tun. Technisches Interesse sollte vorhanden sein. Auch Spenden sind jederzeit herzlich willkommen, da die Mühlenbauer viel Eigeninitiative einbringen und sich komplett über Spendengelder finanzieren.
„Wir schaffen fürs Vesper“, betont Rohrer das Ehrenamt. Die Eigentümer, wie auch die der Koppmühle, freuen sich immer, wenn sich das Wasserrad wieder dreht. Da schwinge seitens der Eigentümer dann auch immer ein bisschen der Stolz mit, wenn das alle sehen und bestaunen oder fotografieren können. Alleine dafür lohne sich die Arbeit schon. Der Donnerstagabend ist immer gesetzt, da wird gemeinsam gewerkelt.
„Wer von uns Zeit hat, kommt, manche arbeiten Schicht, andere wohnen weiter weg, dann passt es nicht immer bei allen“, sagt Rohrer. Um ein neues Wasserrad einzubauen benötigt es dann einen kompletten Samstag, an dem die ganze Gruppe dann das macht, worauf sie hingearbeitet hat. Was ist das nächste Projekt? Kleinigkeiten, wie an der Hammerschmiede die Tür zu erneuern zum Beispiel. „Die Arbeit geht uns nicht aus.“ Die Grundstückseigentümer kommen generell auf die Gruppe zu und fragen, ob sie helfen könnten, wenn etwas kaputt ist. Das machen sie dann ausschließlich in Absprache mit den Besitzern.
„Mühlenführung? Los gehts!“ Hieß es dann am Pfingstmontag wieder von Matthias Rohrer und er erzählte unter anderem vom Zahnrad, welches den Mühlstein antreibt oder vom Faulenzer und Läufer sowie dem Klappern der Mühle. Oder davon, warum der Müller angeblich mit dem Teufel im Bunde war, er aber trotzdem viel zu wichtig für die Bevölkerung war, und im Mittelalter nicht in den Krieg ziehen musste. Der Raum füllte sich immer mehr mit Interessierten und man lauschte den spannenden Geschichten rund um die Mühle, die früher noch so lebendig war, dem Verfall drohte und durch das Team von Mühlenbau 2.0 neues Leben eingehaucht bekam.
Tipp: Der Mühlenweg in Ottenhöfen führt an allen Mühlen vorbei. Geöffnet sind sie nur an speziellen Tagen, aber auch die Außenansicht lohnt jederzeit.
Ehrenamtliches Engagement für die Erhaltung von historischen Traditionen und Heimatpflege läuft bei uns im Ortenau Journal unter „Good News“!
Weitere Infos gibt es unter:
E-Mail: info@trachten-volkstanzgruppe.de
Website: Trachten Volkstranzgruppe
Instagram: @tvg_ottenhoefen

Ortenau Journal-Autorin Nicole Zscherneck
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