Arbeitswelt / Wirtschaft

Bewerbungen, Homeoffice und Lean Management: KGS Keller (Renchen) gibt Einblicke in seine Arbeitgeberstrategie

KGS Keller in Renchen
© Wolfgang Huber – Ein riesiges Transparent auf einem Firmengebäude von KGS Keller an der B3 in Renchen.
Der Fachkräftemangel hat sich aus Sicht der KGS Keller Geräte & Service GmbH in Renchen spürbar abgeschwächt. Im Interview mit dem Ortenau Journal sprechen Anika Schmidt und Florian Birkenmayer über bessere Bewerberlagen, weltweites Wachstum sowie ihre Strategie als Arbeitgeber. Sie erläutern, welche Rolle flache Hierarchien, Homeoffice und Lean Management spielen – und weshalb KGS trotz Digitalisierung bei Bewerbungen weiterhin auf den persönlichen Auswahlprozess setzt.
Von Wolfgang Huber

In diesen Zeiten ist in den Medien vor allem von Massenentlassungen die Rede. Doch inmitten der Krise prangt ein riesiges Transparent mit der Aufschrift „Wir stellen ein! KGS Keller“ auf einem Firmengelände an der B3 in Renchen. Grund genug, einmal genauer nachzufragen. Sind Betriebe in der Ortenau aus der Metallbranche vielleicht doch stabiler als die allgemeine Wirtschaftslage?

Das Ortenau Journal hat mit der Personalchefin Anika Schmidt und Geschäftsführer Florian Birkenmayer von KGS Keller Geräte & Service GmbH in Renchen über die Arbeitgeberstrategie, die Bewerberlage und die Geschäftsaussichten des Gesamtkonzerns gesprochen. Die beiden geben auch Auskunft über die Benefits und die Ausbildungssituation.

Ortenau Journal: An Ihrem Firmengebäude hängt ein großes Transparent mit dem Hinweis, dass Sie dringend Fachkräfte suchen. Wie viele Mitarbeiter möchte die KGS Keller Geräte & Service GmbH derzeit einstellen und in welchen Bereichen?

Anika Schmidt: Wir haben in letzter Zeit erfreulicherweise viele Mitarbeiter gefunden. Viele offene Stellen konnten bereits besetzt werden. Aktuell suchen wir noch einen Projektleiter sowie einen Manager für unser Schulungszentrum. Außerdem bilden wir jedes Jahr Auszubildende aus.

Anika Schmidt und Florian Birkenmayer von KGS Keller. Foto: Wolfgang Huber

Ortenau Journal: Wie viele Ausbildungsplätze bieten Sie jährlich an?

Anika Schmidt: Etwa fünf pro Jahr.

Ortenau Journal: Können Sie diese Ausbildungsplätze besetzen?

Anika Schmidt: In diesem Jahr ja, wir haben alle Stellen besetzt. Im vergangenen Jahr war das schwieriger. Es schwankt von Jahr zu Jahr.

Ortenau Journal: KGS stellt Maschinen für die Baugrundverbesserung her. Wenn ich das richtig verstanden habe: Ist Ihr Unternehmen inzwischen auch im Rüstungsbereich tätig oder hängt der höhere Personalbedarf mit dem Sondervermögen des Bundes für die Sanierung der Infrastruktur zusammen?

Florian Birkenmayer: Wir sind im Bereich Gründungen tätig – nicht im Rüstungsbereich. Bevor ein Fundament gebaut werden kann, muss zunächst der Baugrund verbessert werden. Genau dafür entwickeln und bauen wir unsere Maschinen. Das Sondervermögen wird sicherlich einen Teil dazu beitragen. Wir rechnen mit weiteren Aufträgen.

Ortenau Journal: Wir haben vor Kurzem mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Rothenberger über das Thema Bauen gesprochen. Erwarten Sie eine steigende Nachfrage, sobald die gesetzlichen Regelungen beschlossen sind?

Florian Birkenmayer: Wie gesagt: Wir sind nicht im Hochbau tätig, sondern im Bereich der Baugrundverbesserung. Ob anschließend gebaut wird, entscheidet sich erst im Ausschreibungsverfahren. Wir rechnen grundsätzlich mit einem wachsenden Markt – und zwar weltweit. Viele Regierungen investieren derzeit in Infrastruktur, insbesondere in öffentliche Infrastruktur.

Ortenau Journal: Deshalb wollen Sie Ihr Unternehmen personell entsprechend aufstellen. Wie schätzen Sie die Lage auf dem Arbeitsmarkt ein? Spüren Sie den Fachkräftemangel noch?

Anika Schmidt: Vor etwa drei Jahren war der Fachkräftemangel deutlich stärker zu spüren. Während der Corona-Zeit war die Situation vergleichsweise entspannt, weil kaum Unternehmen eingestellt haben. Danach suchten plötzlich alle gleichzeitig dieselben Fachkräfte, etwa Elektroniker. Durch die Krise in der Automobilindustrie hat sich der Arbeitsmarkt inzwischen etwas entspannt. Wir erhalten mehr Bewerbungen und auch die Qualität der Bewerbungen hat sich verbessert.

Ortenau Journal: Der Arbeitsmarkt hat sich also aus Sicht der Arbeitgeber etwas entspannt?

Anika Schmidt: Genau.

Ortenau Journal: Über welche Kanäle rekrutieren Sie neue Mitarbeiter? Setzen Sie auf Print oder Social Media?

Anika Schmidt: Unser Schwerpunkt liegt auf Online-Stellenbörsen wie Indeed oder StepStone. Printanzeigen bringen heute kaum noch etwas.

Ortenau Journal: Nutzen Sie im Bewerbungsprozess bereits KI-Tools oder erfolgt die Auswahl weiterhin klassisch?

Eine Maschine aus der Produktion von KGS Keller. Foto: KGS Keller

Anika Schmidt: Tatsächlich läuft das bei uns noch komplett manuell. Als mittelständisches Unternehmen können wir das noch gut leisten.

Ortenau Journal: Große Unternehmen setzen inzwischen häufig KI ein, um Bewerbungen vorzusortieren. Ist das für Sie derzeit kein Thema?

Anika Schmdit: Nein.

Ortenau Journal: Auf Ihrer Website betonen Sie die Achtung der Rechte Ihrer Mitarbeiter. Außerdem wurde KGS Keller vor drei Jahren vom Handelsblatt für besonders gute Arbeitsbedingungen ausgezeichnet. Welche Benefits bieten Sie Ihren Beschäftigten?

Anika Schmidt: Das beginnt beim Thema Gesundheit. Wir haben einen Betriebsarzt und bieten Hansefit an. Darüber können unsere Mitarbeiter zahlreiche Fitness- und Sportangebote zu vergünstigten Konditionen nutzen. Außerdem gibt es JobRad-Leasing. Auch die Arbeitsplätze sind ergonomisch ausgestattet. Jeder Büroarbeitsplatz verfügt über einen höhenverstellbaren Schreibtisch, eine hochwertige Tageslichtlampe und mindestens zwei große Monitore.

Ortenau Journal: Wie sieht es mit flexiblen Arbeitszeitmodellen aus? Gibt es beispielsweise eine Viertagewoche?

Anika Schmidt: Eine Viertagewoche bieten wir nicht an. Wir arbeiten mit einem Gleitzeitmodell von Montag bis Freitag.

Ortenau Journal: Gibt es außerdem Homeoffice?

Florian Birkenmayer: Ja. Grundsätzlich ist ein Homeoffice-Tag möglich, in vielen Bereichen auch zwei Tage pro Woche, sofern es die Tätigkeit zulässt.

Ortenau Journal: Wie verteilen sich Ihre Beschäftigten auf Verwaltung und Produktion?

Anika Schmidt: Das Verhältnis liegt ungefähr bei 50 zu 50 zwischen gewerblichen Mitarbeitern und Büroarbeitsplätzen.

Ortenau Journal: Das ist eher ungewöhnlich.

Florian Birkenmayer: Das liegt daran, dass wir hier einen Entwicklungsstandort haben. Ein großer Teil unserer Belegschaft arbeitet in der Entwicklung. In klassischen Produktionsbetrieben entfallen häufig rund 80 Prozent der Arbeitsplätze auf die Fertigung und 20 Prozent auf die Verwaltung. Bei uns ist die Verteilung aufgrund der Entwicklungsabteilungen deutlich anders.

Ortenau Journal: Das heißt, dass auch Ihre Entwickler und Ingenieure zumindest teilweise von zu Hause aus arbeiten können?

Florian Birkenmayer: Ja, anteilig ist das möglich.

Ortenau Journal: Wird dieses Angebot von den Mitarbeitern angenommen?

Florian Birkenmayer: Ja, insbesondere von Kollegen, die in Frankreich wohnen. Wenn sie sich den Arbeitsweg von jeweils rund 30 Minuten sparen können, nutzen viele gerne ein oder zwei Tage Homeoffice pro Woche.

Ortenau Journal: Funktioniert das Recruiting von französischen Mitarbeitern ebenfalls über die üblichen Plattformen wie StepStone oder Indeed?

KGS Keller sucht derzeit noch Mitarbeiter und Azubis. Foto: KGS Keller

Anika Schmidt: Der interessierte Elsässer weiß in der Regel, wo er suchen muss. Ich habe es auch schon über französische Plattformen versucht. Das kann funktionieren. Allerdings sind gute Deutschkenntnisse oder zumindest ein gutes Elsässisch wichtig, damit die Verständigung im Arbeitsalltag klappt und sich neue Mitarbeiter hier schnell zurechtfinden.

Ortenau Journal: Lassen Sie uns über die Führungskultur sprechen. Sie ist ein wichtiger Bestandteil des Employer Brandings. Wie würden Sie den Führungsstil bei KGS beschreiben? Eher klassisch mit klaren Anweisungen von oben oder mit viel Gestaltungsspielraum für die Mitarbeiter?

Anika Schmidt: Ganz klar Letzteres. Wir arbeiten mit flachen Hierarchien und geben unseren Mitarbeitern viel Freiraum. Im Sondermaschinenbau lebt unser Unternehmen von der Expertise der Beschäftigten. Dieses Spezialwissen baut sich über viele Jahre auf und ist für uns von großem Wert.

Florian Birkenmayer: Wir beschäftigen ausschließlich qualifizierte Fachkräfte – Facharbeiter, Meister, Ingenieure und Techniker. Eigenständiges Arbeiten ist deshalb unverzichtbar. Wir wollen unseren Mitarbeitern nicht jede Aufgabe vorgeben, sondern vertrauen auf ihre Kompetenz.

Ortenau Journal: Wie gehen Sie mit älteren Mitarbeitern um, die sich dem Rentenalter nähern? Gibt es Konzepte, um deren Wissen im Unternehmen zu halten und an jüngere Kollegen weiterzugeben?

Anika Schmidt: Ja. Wir bilden selbst aus. Erfahrene Mitarbeiter übernehmen als Paten unsere Auszubildenden und geben ihr Wissen weiter. Auch neue Beschäftigte erhalten einen Paten, der sie einarbeitet und fachlich begleitet.

Florian Birkenmayer: Darüber hinaus dokumentieren wir unsere Prozesse systematisch. Wir arbeiten mit einem Prozesshaus und Lean-Management-Methoden. So stellen wir sicher, dass Wissen nicht verloren geht und für alle Mitarbeitenden zugänglich ist.

Beschäftigte bei KGS Keller in Renchen. Foto: KGS Keller

Ortenau Journal: Lean Management begegnet mir derzeit häufiger. Ich habe auch mit Wagner System darüber gesprochen. Arbeiten Sie ebenfalls nach diesen Prinzipien?

Florian Birkenmayer: Ja. Wir haben Lean Management vor rund eineinhalb Jahren eingeführt und damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

Ortenau Journal: Betreiben Sie Employer Branding als Gesamtkonzept, bei dem Kommunikation, Führung, Recruiting und Marketing aufeinander abgestimmt sind?

Anika Schmidt: Eine klassische Marketingabteilung haben wir nicht. Als KGS beliefern wir ausschließlich Unternehmen innerhalb des Keller-Konzerns. Deshalb benötigen wir keine Neukundenakquise und auch kein klassisches Marketing. Sichtbarkeit nach außen brauchen wir in erster Linie für potenzielle Bewerber. Deshalb liegen Employer Branding und Marketing bei uns in der Personalabteilung. Dort läuft alles zusammen.

Ortenau Journal: Zur Einordnung: KGS Keller gehört zum internationalen Keller-Konzern.

Florian Birkenmayer: Richtig. Der Keller-Konzern hat seinen Hauptsitz in England und verantwortet das globale Branding. Unsere Maschinen werden ausschließlich innerhalb des Konzerns eingesetzt. Wir verkaufen sie nicht an externe Kunden.

Ortenau Journal: Die rund 140 Mitarbeiter arbeiten alle hier am Standort Renchen?

Florian Birkenmayer: Ja.

Ortenau Journal: Wie viele Beschäftigte hat der Keller-Konzern weltweit?

Anika Schmidt: Weit über 10.000 Mitarbeiter.

Ortenau Journal: Abschließend noch eine Frage: Die Bundesregierung plant, die zulässige Dauer befristeter Arbeitsverträge zu verlängern. Kommt Ihnen das als Arbeitgeber entgegen?

Anika Schmidt: Ich würde sagen: ja. Das schafft mehr Flexibilität und gibt uns zusätzlichen Handlungsspielraum.

Ortenau Journal: Wo liegt aus Ihrer Sicht der größte Vorteil?

Anika Schmidt: Man kann flexibler auf Marktschwankungen reagieren und ist bei der Personalplanung weniger starr. Außerdem kann man Mitarbeitern, deren Entwicklung noch nicht ganz abgeschlossen ist, mehr Zeit geben und ihnen eine zweite Chance einräumen. Auch dafür ist dieses Instrument hilfreich.

Siehe auch hier:

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Kaum Feedback, keine Struktur: zwischen Anspruch und Realität – Die unterschätzte Rolle moderner Ausbilder

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