Gestiegenes Bewusstsein
Der Ausbau der Windkraft in den Höhenzügen des Schwarzwalds und der damit verbundene Widerstand sowie die intensive Berichterstattung der Medien haben das Bewusstsein der Bevölkerung für die Sensibilität der heimischen Wälder als wertvolles Öko-System geschärft. In Regionen wie dem Schwarzwald kommt zudem die besondere Verbundenheit der Menschen mit den Wäldern hinzu. Laut einer neuen Berechnung des Thünen-Institutes nimmt der Waldboden im Bereich Kohlenstoffspeicherung eine bedeutendere Rolle ein, als bisher angenommen.
Hoch in puncto Kohlenstoffspeicherung
Während viele Bäume in Deutschlands Wäldern in den Trockenjahren 2018 bis 2020 starben und als Kohlenstoffspeicher ausfielen, hat der Waldboden ein Hoch in puncto Kohlenstoffspeicherung erlebt: Neue Ergebnisse des Thünen-Institutes zur Bodenkohlenstoff-Modellierung zeigen, dass der Boden fast alle Kohlenstoffverluste der Bäume in den ersten Schadjahren ausgeglichen und die Senkenfunktion der Bäume übernommen hat. Das schreibt das Institut auf seiner Website.
Bodenzustandserhebung neu berechnet
„Das internationale Gutachter-Team zur Treibhausgas-Berichterstattung hat uns bestärkt, die Auswirkungen der Schadereignisse zwischen 2018 und 2020 auf den Bodenkohlenstoff noch einmal detaillierter zu betrachten“, erläutert Dr. Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut für Waldökosysteme den Hintergrund der Neumodellierung. In der Folge seien die Daten der Bodenzustandserhebung zum Kohlenstoff im Boden neu berechnet worden. Dabei wurden insbesondere die Totholzvorräte und die Wurzelbiomasse angepasst.
Totholz blieb auf der Fläche
Während der Trockenjahre seien große Mengen an Bäumen abgestorben. In den meisten Fällen wurden die Flächen geräumt, in anderen blieb das Totholz jedoch auf der Fläche. Hinzu kamen Nadeln und Blätter sowie die im Boden abgestorbenen Feinwurzeln. Diese reichlich vorhandene, sogenannte Streuauflage sei durch die höhere Sonneneinstrahlung und die damit verbundenen höheren Temperaturen auf den Kahlflächen abgebaut worden, der Kohlenstoff in den Boden exportiert. Die abgestorbenen Wurzeln seien durch Mikroorganismen zersetzt und als Humus im Boden gespeichert worden. Insgesamt in Mengen, wie sie in normalen Jahren nicht vorkommen. „Wir vermuten inzwischen, dass Bäume in trockenen Jahren eher in die Wurzelmasse als in die Blattmasse investieren, um so besser an das Wasser im Boden zu gelangen“, berichtet Bodenexpertin Wellbrock.

Foto: wirestock/freepik
Bodenkohlenstoff durch Waldwachstum gesteuert
Wälder sind weltweit eine wichtige Kohlenstoffsenke. Bäume benötigen für ihr Wachstum das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) und binden es durch Photosynthese in Kohlenstoff-Verbindungen im Holz, während Sauerstoff an die Luft abgegeben wird. Über den Streufall von Laub und Nadeln, durch die Zersetzung von Totholz sowie absterbende Wurzeln gelange der Kohlenstoff zudem in den Boden. Der Bodenkohlenstoff werde also im Wesentlichen durch Waldwachstum gesteuert. Allerdings spielen demnach auch Standorteigenschaften der Böden und das Klima eine wichtige Rolle bei der Kohlenstoffbindung in Böden. Auch der Klimawandel scheine sich über höhere Durchschnittstemperaturen bemerkbar zu machen. Es wird mehr Kohlenstoff aus organischem Material in Bodenkohlenstoff umgesetzt.
Millionen Tonnen Kohlenstoff
Derzeit sei beinahe so viel Kohlenstoff in der oberirdischen Biomasse der Wälder wie in deren Böden gespeichert: insgesamt rund 2.200 Millionen Tonnen Kohlenstoff oder 197,4 Tonnen Kohlenstoff je Hektar. In den lebenden Bäumen seien 1.184 Millionen Tonnen Kohlenstoff oder 108 Tonnen Kohlenstoff je Hektar gespeichert, in Streu und Mineralböden bis 30 Zentimeter Tiefe 936 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Als Totholz sind 46,1 Millionen Tonnen Kohlenstoff (4,2 Tonnen Kohlenstoff je Hektar) gebunden. Alle Zahlen basieren auf Daten der Bundeswaldinventur 2022 und der Modellierung der aktuellen Bodenzustandserhebung (BZE II).
Neue Wälder auf den Schadflächen
Die erneuerte Modellierung zeigt allerdings auch, dass der Boden nicht ungebremst Kohlenstoff aus der toten Biomasse aufnimmt. Der Prozess schwächt sich schon nach wenigen Jahren wieder ab. Gleichzeitig würden auf den Schadflächen neue Wälder heranwachsen, die wieder vermehrt Kohlenstoff in der Biomasse speichern. „Die Ergebnisse basieren auf Modellberechnungen. Erst die Auswertung der dritten BZE wird zuverlässige Daten liefern“, so Nicole Wellbrock. Zwischenergebnisse der BZE II, mit der der Bodenkohlenstoffgehalt in Landwirtschaftsflächen, Waldböden und Mooren erhoben wird, wollen die Forschenden des Thünen-Instituts Ende nächsten Jahres vorlegen. Erste Ergebnisse zeigen schon heute: Trend und Höhe der Kohlenstoffsenke nach der Neumodellierung stimmen überein.
Das könnte dich auch interessieren:
Gegen Einsamkeit im Alter: Das Eckle 47 in Offenburg setzt auf Begegnung, Bewegung und Engagement