Man darf es zurecht als eine kleine Meisterleistung ansehen, was das Illenau Theater Ensemble neulich an einem Samstagabend als neues Sommerstück 2026 präsentierte. Alisan Erdogan hat „Dr .Jekyll und Fräulein Hyde“ auf die Bühne gebracht und nach der Premiere stehenden Applaus geerntet.
Ein verdienter Applaus, der dem gesamten Ensemble zuzuschreiben ist, denn an diesem Abend schien jeder der Mitwirkenden ein Stück über sich hinaus gewachsen zu sein. Es war ein grandioses Zusammenspiel eines jeden Einzelnen, der hier seinem Hobby, der Schauspielerei, oft schon seit Jahren nachgeht. Sie alle fanden sich in einem Stück wieder, das Alisan Erdogan mit viel Raffinesse, Ideenreichtum und einer großen Portion Humor inszeniert hat.

Was aber macht dieses Stück so besonders? Da ist einerseits die Geschichte, die sich erst einmal etwas skurril makaber präsentiert. „Blut wird fließen und seltsame Gestalten ihr Unwesen treiben“. Darauf weist schon mal der Zeitungsjunge hin. Arian Schultz, mit zwölf Jahren der jüngste im Bunde, aber schon ein kleiner Meister im Schauspiel, verkündet im „Extrablatt“ lautstark die Vorzeichen monströser Geschehnisse. Dann ein Gong, blecherne Geräusche, die Unheil ankündigt und dem die beiden „leichten Mädchen“, herrlich Eveline Schneider und Brigitte Spengler-Weißgerber, alsbald zum Opfer fallen. Denn Jack the Ripper treibt sein Unwesen.
Mario Gräber, neu im Ensemble, aber als Lehrer in Kappelrodeck auch in der Theaterpädagogik erfahren, schlüpft in die Rolle des Ungeheuers. Doch weitaus präsenter wird er gleich in der Geschichte als Doktor Jekyll sein. Ein zerstreuter Professor, wie er besser nicht gespielt werden konnte. Eine Wunderdroge soll er entwickeln, die das Altern aufhalten soll. Gelder fließen und man möchte Ergebnisse sehen.

Etwa von der nüchtern spröden Dekanin, klasse gespielt von Marga Pätzold, oder der Anwältin Mrs. Utterson, hier Brigitte Spengler-Weißgräber, die sich mit ihrem süffisanten augenzwinkernden Spiel mitten in die Herzen der Zuschauer katapultiert. Sie alle treffen sich in der guten Stube des Professors. Für jeden zugänglich, sein Labor im Hintergrund. Mrs. Pool, großartig, Susanne Kühn, führt hier den Haushalt, unterstützt von Missy, Constanze Fliegel, die die Rolle der naiven Haushälterin souverän meistert.
Dieses „normale“ Alltagsleben wird gründlich durchgemischt, als Doktor Jekyll einen Selbstversuch mit seinem Wundertrank wagt. Ab sofort bleibt kein Auge mehr trocken. Das Verwirr- und Verwandlungssspiel beginnt. Leichen fallen aus den Schränken und aus dem verpeilten, überaus genial gespielten Wissenschaftler wird erst ein Unmensch, später sogar eine Frau. Niemand anderes als Fräulein Hyde.
Eveline Schneider verkörpert hier vielleicht die beste Rolle ihrer Schauspielkarriere. So überzeugend, dass Lord Carry sich in die Schöne verliebt. Wieder einmal zeigt hier Hristiyan Nedyalkov, was für ein Talent in ihm schlummert und wenn er später gar zum Werwolf wird, Marga Pätzold als blutrünstiges Ungeheuer über die Bühne fegt und so gut wie jeder nicht mehr die Person ist, die er einmal war, hat das Spiel seinen Höhepunkt erreicht.

Die Wunderdroge hat einfach fatale Auswirkungen und bringt doch Einsichten in die Tiefe menschlicher Abgründe. Was wird aus jemandem, der alle Hüllen fallen lässt und sein Innerstes nach außen kehrt? Jemand, der endlich zu seiner gleichgeschlechtlichen Liebe steht, wie Fräulein Hyde oder besser Doktor Jekyll, denn aus ihm, entsteht sie. Eine Verwirrung, die Alisan Erdogan bestens unterstreicht, in dem er die Stimmen beider sprechen lässt. Hier ein Lob an die Technik, vor allem aber an Eveline Schneider und Mario Gräber, die diese Verwandlungszeremonie mit Bravour meistern und die konformen Charaktere perfekt entstehen lassen.
Menschliche Abgründe, so vermutet der Autor Louis Robert Stevenson, sind tief in jedem verborgen und wenn hier aus einer biederen Haushälterin – äußerst genial, Susanne Kühn – eine lebensfrohe, unersättliche Nymphomanin wird, Brigitte Spengler-Weißgärber betrunken ihre Ansage macht, Marga Pätzold und Hristiyan Nedyalkov heftig gruselig Angst und Schrecken verbreiten sind alle Lachmuskeln aktiviert.
Da hilft nur noch das beherzte Eingreifen von Fräulein Hyde, oder ist sie gerade Doktor Jekyll? Kurzum, das Stück ist ein sehenswertes, amüsantes, aber keineswegs oberflächliches Sommertheater, das man nicht verpassen sollte, allerdings eine Altersbeschränkung ab 16 Jahren vorsieht.
Alisan Erdogan schafft eine stilvolle, turbulente und klug durchdachte Inszenierung. Seine Crew mischt mit, professionell und mit einer Hingabe, die staunen lässt. Mit wenig Aufwand, guten Ideen, wie die der Schattenwand oder der genialen Umwandlungsszenen mit Darstellern, die für jeden eine Glanzrolle in sich birgt, darf man hier den Hut ziehen. Chapeau !!
Weitere Aufführungstermine, jeweils um 20.30 Uhr im Serenadenhof der Illenau, sind der 17., 18., 19., 24. und 25. Juli 2026. Karten gibt es in den Buchhandlungen Osiander und Büchermehr. Wer das Theater Genuss Ticket (nur freitags und samstags) mitbuchen möchte, sollte dies direkt über das Arkaden Bistro buchen.

Ortenau Journal-Autorin Regina de Rossi
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