Zwei Männer am Holztisch
In einem jener Seitentäler des Schwarzwaldes, wo der Morgennebel noch Geschichten kennt und die Tannen so dicht stehen, als wollten sie Geheimnisse bewahren, sitzen zwei Männer an einem Holztisch. Zwischen ihnen: Gläser, Flaschen, ein Korkenzieher mit Patina und die ernsthafte, beinahe feierliche Stille vor dem ersten Schluck. Sie nennen sich augenzwinkernd die „Weinbuddies“ – was nach Stammtisch klingt, aber in Wahrheit ein kleines Ritual ist.
Hier wird nicht einfach getrunken, hier wird geprüft, gewogen, geschnuppert, diskutiert. Ein guter Wein darf reden, ein großer Wein muss singen. Und nur wenn er das tut, wenn er Herz und Gaumen gleichermaßen packt wie ein kräftiger Handschlag nach getaner Arbeit, dann findet er seinen Weg aus diesem Tal hinaus in die Welt – genauer gesagt zu uns ins Ortenau Journal.
Was nicht überzeugt, bleibt dort, wo es hingehört: im Glas, im Gespräch, im Vergessen. Denn die beiden sind sich einig: Zeit ist kostbar, Leber auch. Warum also Worte über Mittelmaß verlieren? So erreichen uns in unregelmäßigen Abständen ihre Rezensionen – ehrlich, manchmal poetisch, manchmal rustikal wie eine Vesper auf der Holzbank, aber immer mit Leidenschaft geschrieben. Und genau deshalb veröffentlichen wir sie exklusiv.
Es gibt Weine, die berühren. Der Hermitage Chante-Alouette 2022 aus dem Hause M. Chapoutier gehört hierzu. Als wir die Flasche öffnen, ist schnell klar: Hier steht kein Lautsprecher im Glas, sondern ein feiner Erzähler. Einer, der seine Geschichte nicht in großen Gesten vorträgt, sondern Satz für Satz, Schluck für Schluck. Bereits die Farbe kündigt diese Stilistik an. Helles Gelb mit grünlichen Reflexen leuchtet im Glas und erinnert an die ersten Sonnenstrahlen eines Frühlingstages.
In der Nase entfaltet sich ein vielschichtiges Aromenspiel aus Orangenzesten, Ananas, Zitronengras, Ingwer, Honig und reifer Quitte. Mit etwas Luft gesellen sich Bienenwachs und geröstete Haselnüsse hinzu. Alles wirkt präzise, elegant und erstaunlich fein gezeichnet.
Am Gaumen zeigt der Wein bereits in seiner Jugend bemerkenswerte Tiefe. Grapefruit und Physalis sorgen für Spannung, während Anklänge von Gelee vom grünen Apfel Frische und Frucht miteinander verbinden. Die knackige Säure verleiht Zugkraft, wird jedoch von einer feinen Extraktsüße sanft abgepuffert. Nichts steht heraus, nichts wirkt konstruiert.
Besonders gelungen ist der Holzeinsatz. Er ist präsent, aber niemals dominant. Vielmehr bildet er den Rahmen für die eigentliche Vorstellung. Haselnuss, Vanille, Honig und Quitte blitzen immer wieder auf, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Der Wein tänzelt förmlich über den Gaumen, leichtfüßig und doch mit bemerkenswerter Substanz.
Das Finale scheint kaum enden zu wollen. Lange hallen Frucht, Würze und Mineralität nach und hinterlassen genau das, was große Weine auszeichnet: den Wunsch nach dem nächsten Schluck. In der Nachprobe, mit etwas Zeit und reichlich Luft, offenbart der Chante-Alouette schließlich seine eigentliche Stärke. Die einzelnen Facetten verschmelzen zu einem Gesamtbild von beeindruckender Harmonie.
Der Chante-Alouette ist innerhalb der Haus-Hierarchie bei Chapoutier eher im Mittelfeld verortet. Umso erstaunlicher ist die Größe, die dieser Wein bereits heute erkennen lässt. Seine jugendliche Trinkfreude macht ihn schon jetzt zu einem außergewöhnlichen Genuss.
Gleichzeitig deutet alles darauf hin, dass er erst in einigen Jahren seine volle Klasse offenbaren wird. Wir würden nicht dagegen wetten, dass dieser Hermitage mit weiterer Reife an Cremigkeit, Textur und Opulenz gewinnt und sich dann endgültig in die Liga der großen Weißweine der Rhône spielt. Ein Wein von bemerkenswerter Eleganz und innerer Ruhe. Heute bereits faszinierend, morgen womöglich groß.
Fazit: Dieser Wein hat überzeugt.
Hier: Online-Shop des Weinguts M. Chapoutier
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