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Die Unkenntnis über das Leben in der DDR, über die Menschen („alles Kommunisten“) machte wütend

Peter Marx Kolumne
© FLM design + creative/Ortenau Journal – Kolumnist Peter Marx erinnert sich an die Wendezeit in Thüringen.
35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wirken viele Erinnerungen an die Zeit des Umbruchs noch erstaunlich lebendig. Journalist Peter Marx blickt zurück auf seine Jahre als Korrespondent in Thüringen – und auf die oft erstaunlichen Missverständnisse zwischen Ost und West. Zwischen Anekdoten aus dem Kinzigtal, Begegnungen im Thüringer Wald und einer ungewöhnlichen Radiosendung über zwei Orte namens Steinach entsteht ein persönlicher Blick auf Vorurteile und Neugier.
Von Peter Marx

35 Jahre Wiedervereinigung. Lang her, immer noch präsent. Stichworte: Grenzöffnung, Spaziergang auf der Mauer, Weimar, die Zeit in der Nationalen Volksarmee (NVA), die endlosen Diskussionen über Wessis und Ossis, Solidaritätsbeitrag, Stasi und West-Milliarden. Im Kinzigtal war ich der mitleidenswerte Ossi-Versteher, im Osten dagegen der böse Wessi. Vorurteile ohne Ende, hüben wie drüben.

Idee: Gemeinsame Rundfunksendung

Vielleicht entstand so 1995 die Idee, eine gemeinsame Rundfunksendung zu machen über Steinach im Schwarzwald und Steinach im Thüringer Wald. Was trennt die Gemeinden, was verbindet sie. Die Unterschiede sollten herausgearbeitet werden, die menschlichen genauso wie die wirtschaftlichen, politischen und strukturellen.

Sieben Jahre statt ein paar Wochen

Doch der Reihe nach. 1990 kam ich als Korrespondent des Deutschlandradios erstmals nach Weimar. „Für ein paar Wochen“, hieß es. Daraus wurden sieben intensive Jahre. Eine spannende Zeit! Hier erlebte ich die politischen Geburtswehen eines neuen Bundeslandes: Aus den drei DDR-Bezirken Gera, Suhl und Erfurt entstand der Freistaat Thüringen. Weniger lustig: die Gespräche bei meinen Heimatbesuchen im Kinzigtal. Die Ahnungslosigkeit, die Unkenntnis über das Leben in der DDR, über die Menschen („alles Kommunisten“) wirkte abschreckend, machte wütend.

Keine Linzertorte in Thüringen

Nicht nur bei Freunden, Bekannten, auch in meiner Familie. Ein Beispiel: der Anruf meiner Mutter kurz vor dem ersten Besuch in Weimar. Ihre einzige Sorge, ob es in der Klassikerstadt genügend zu essen gibt. „Sollen wir Brot und Wurst mitbringen?“ Sie beschränkte sich auf eine Linzertorte. Die gab es in der Tat nicht in Thüringen. Alles andere in ausreichender Menge und von der Qualität her nicht schlechter als im Kinzigtal.

Linzertorte

Linzertorte gab es nicht in Thüringen. Foto: freepik

Geplünderte Geschenk-Päckchen

Sicher! Kinzigtäler hatten wenig gemein mit der DDR. Als Kinder verschickten wir über die Schule Lebensmittelpakete mit Schokolade, Kaffee und Zucker in die DDR. Was vor allem die Familien der Stasi-Mitarbeiter freute, die diese Geschenk-Päckchen plünderten. Das war`s. Die DDR interessierte hier kaum jemand. Für mich änderte sich diese Sichtweise erst als ich nach West-Berlin zog. Wenn jede Spritztour durch die Stadt immer vor einer Mauer endet, fragt man sich irgendwann mal, was das eigentlich soll und warum die Mauer immer noch da ist.

Eine Skiarena auf dem Silbersattel

Skifahren im Thüringer Wald! Heute kennen alle Oberhof, dank Biathleten, Rodlern und Bobfahrern. Aber einen Ski Hügel gibt es dort bis heute keinen. Dafür in Steinach unweit der thüringisch-bayrischen Grenze. Eine Skiarena auf dem Silbersattel mit acht Pisten, die längste fast fünf Kilometer lang. So lernte ich 1995 das Dorf mit heute rund 3200 Einwohnern kennen. Und das nur weil eine Kollegin Ost mit West verwechselte. „Lass uns in Steinach Ski fahren. Du kommst doch da her“. Während dieses Skiausfluges entstand in groben Umrissen die spätere Sendung West-Steinach versus Ost-Steinach, was trennt, was verbindet die Gemeinden.

Live senden als Abenteuer

Ein Jahr später rollten die Ü-Wagen des Deutschlandradios auf den thüringischen Marktplatz beim Rathaus und auf den Pausenhof der Georg Schöner-Hauptschule. Wir wollten live senden – was immer ein Abenteuer ist. Meine Kollegin Barbara Walster moderierte aus Baden, ich aus Thüringen. Es wurden muntere 90 Minuten mit Gesprächen zwischen den Bürgermeistern Harald Firnkes und Maria Greiner, die viele Gemeinsamkeiten entdeckten.

Ost-West-Vergleich

Außerdem berichteten Lokalredakteure des Offenburger Tageblatts und der Ost-Thüringischen Zeitung über Land und Leute. Beim touristischen Angebot lag die Ost-Kommune vorn, bei Infrastruktur und Wirtschaftsentwicklung die West-Gemeinde. Zwei Musen erinnern heute an das alte Handwerk von Steinach Ost; früher ein Zentrum für die Produktion von Schiefertafeln und Schiefergriffeln.

Touristisch liegt das Thüringer Steinach vorn. Foto: Kevin Voigt

Wirtschaftsbereiche im Stadtwappen

Das zweite Standbein war die Spielzeugindustrie, die es teilweise noch gibt. Beide Wirtschaftsbereiche sind auch im blau-weiß-goldenen Stadtwappen verewigt. Mir ewig in Erinnerung bleibt der Satz einer verblüfften Steinacher (West) Wirtschaftsvertreterin, die live die Radiohörer bundesweit im Dialekt darüber informierte „Des isch der Peter, mit dem hab ich schon im Sandkasten gespielt.“ Ein Satz, der daraufhin in keiner Satire-Sendung des Deutschlandradios fehlen sollte, in der die „lustigsten“ Radio-Schnitzer vorgestellt worden sind. Sehr zu meiner Freude.

Zwei gleichwertige Gemeinden

Der Hintergedanke der Sendung, dass sich zwei gleichwertige Gemeinden aus Ost und West vielleicht vernetzen könnten scheiterte trotz mehreren Versuchen. Der damalige Schuldirektor Peter Schwörer und der historische Verein organisierten eine Fahrt nach Steinach-Ost und Lauscha, dem Mekka der Christbaum-Kugeln-Hersteller. Im Gegenzug kamen Ost-Vereinsvertreter zum Steinacher Narrentreffen 1998. Der Kinzigtäler Gemeinderat diskutierte nicht einmal über die Möglichkeit einer Patenschaft mit der Ost-Gemeinde, obwohl es diesmal keine Sprachprobleme gab, was sonst gerne aus Ausrede benutzt wird.

Warten auf ein Zeichen

Ex-Bürgermeister Harald Firnkes: „Es kam nie so richtig in die Gänge.“ Die ostdeutschen Gemeindevertreter warteten dagegen auf ein Zeichen aus dem Schwarzwald und beschränkten sich dann, als nichts kam, auf die Partnerschaft mit der Kleinstadt Korb aus dem Rems-Murr-Kreis. Die Schwaben waren schneller und ihr Beitrag zur Wiedervereinigung war ihnen damals wichtiger als der „kommunale Kleinscheiß“, wie es ein Ratsmitglied ausdrückte.

Siehe auch hier:

„Erinnerungen“: Mit der Macht alt geworden – Peter Marx über Kino-Nostalgie und Star-Wars-Leidenschaft

Kolumne: Über Berufsinfomessen in Zeiten des Fachkräftemangels und die Frage, welche App das Klo repariert

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