Am 8. März entscheiden die Offenburger Bürger:innen über die Zukunft des Sonderlandeplatzes. Wird er erhalten bleiben oder muss er einem neuen Gewerbegebiet weichen? Die Stadt favorisiert Letzteres und hat den Bürgerentscheid durch den Gemeinderat anberaumen lassen. Ein Hauptargument der Befürworter des Gewerbegebietes sind die allseits bekannten „Ausgleichsmaßnahmen“ oder „Ausgleichsflächen“.
Bekanntes Argument
Das Argument ist bestens bekannt aus den Debatten um den Ausbau der Windenergie auf den Höhenzügen des Schwarzwalds. Es werde an anderer Stelle wieder aufgeforstet, heißt es wiederholt. Es sind tatsächlich Auflagen, die von den Genehmigungsbehörden für vielerlei Bauvorhaben erteilt werden. Doch in der praktischen Umsetzung hapert es bisweilen. Wenn der Pulverdampf der öffentlichen Empörung durch Windkraftgegner verzogen ist, lahmt es oft an der Umsetzung der Ausgleichsmaßnahmen.
NABU-Mann bei der Pressekonferenz
Bei der Pressekonferenz vorvergangene Woche in den Räumen der Fliegergruppe Offenburg auf dem Flugplatzgelände, an dem mehrere Organisationen wie die Konferenz für Urban Transformation Design (KfUTD), der Angelsportverein Hofweier, der AK Süd oder BI Pro Flugplatz teilgenommen haben, hat der Offenburger Vertreter des Naturschutzbundes NABU, Thomas Brühl, den fehlenden Umsetzungswillen der Verantwortlichen angesprochen.
Artenschutz ist zentrales Anliegen
Der NABU ist laut Brühl der größte Naturschutzverband Deutschlands und hat den Artenschutz als zentrales Anliegen. In Deutschland würden wir ein rasant fortschreitendes Artensterben erleben: „Dieser Biodiversitätsverlust geht immer damit einher, dass Lebensräume zerstört werden. Tiere und Pflanzen brauchen Lebensräume, um existieren zu können – das ist logisch.“

Thomas Brühl (rechts) sprach bei der PK auf dem Flugplatzareal. Foto: Ralph Fröhlich
Rückgang der Artenvielfalt
Bei einer Zählung von Wintervögeln im Januar, an der 145.000 Menschen in Deutschland teilgenommen hätten, habe sich erneut gezeigt, dass sowohl die Zahl der Vögel als auch die Artenvielfalt zurückgegangen sind. „Wir brauchen daher eine Wirtschaft, die die Natur erhält und nicht weiter zerstört“, forderte der Naturschutzexperte.
Probleme mit Ausgleichsflächen
Der NABU-Mann weist auf gesetzliche Verpflichtungen hin: Wer Natur zerstört, muss sie wiederherstellen. Das betreffe sogenannte Ausgleichsflächen. Thomas Brühl: „In der Theorie ist das ein guter Ansatz. In der Praxis funktioniert er oft nicht. Studien aus verschiedenen Bundesländern, unter anderem von der Universität Freiburg, zeigen: Nur etwa ein Viertel der Ausgleichsflächen wird fachgerecht umgesetzt.“ Die Hälfte werde mangelhaft durchgeführt oder später nicht richtig gepflegt, und ein weiteres Viertel werde gar nicht umgesetzt. „De facto bedeute das: Ist Natur einmal zerstört, bleibt sie zerstört.“
Thomas Brühl widerlegt Hauptargument
Diese gesetzliche Regelung dient den Befürwortern von Großprojekten mit Flächenversiegelung stets als Hauptargument für ihre Vorhaben. Nun zerstört Thomas Brühl einen Mythos: dass Naturschützer und Bevölkerung sich beruhigt zurücklehnen können – die Verantwortlichen würden sich um alles Weitere kümmern und mit Ausgleichsflächen für eine ökologische Tragfähigkeit von beispielsweise Windkraftanlagen im Wald sorgen. Im Falle des Bürgerentscheids zum Flugplatz ist es nun wieder so. Die Flächenversiegelung soll mit naturnahen Flächen ausgeglichen werden.

Die uralten Magerwiesen auf dem Flugplatzareal sind bedroht. Foto: Fliegergruppe Offenburg
„Nahrungsgrundlage der Vögel verschwindet“
Übertragen auf dieses Gebiet heißt das für Thomas Brühl: „Wenn hier Magerwiesen zerstört werden, die über Jahrzehnte nicht gedüngt wurden und eine hohe Artenvielfalt aufweisen, bleiben sie verloren. Das betrifft insbesondere Vögel im nahegelegenen Wald, deren Nahrungsgrundlage dadurch verschwindet.“ Er habe recherchiert, wer bei der Stadt Offenburg für Ausgleichsflächen zuständig ist – man finde keine klare Zuständigkeit. Auf Nachfrage erhielt Brühl die Antwort, das sei je nach Projekt unterschiedlich: verschiedene Fachbereiche, Ortsteile, der Abwasserzweckverband oder andere Stellen.
Studie: Unklare Zuständigkeiten
Genau dieses Zuständigkeits- und Kontrolldefizit würden auch die Studien zeigen: Es gebe keine klare Instanz, die Umsetzung und Pflege der Ausgleichsmaßnahmen langfristig überprüft. Das gelte auch für versprochene Begrünungen von Gewerbegebieten, etwa Dach- und Fassadenbegrünung oder Straßenbäume. „Erfahrungen zeigen, dass vieles angekündigt, aber später nicht umgesetzt wird, weil niemand es einfordert oder kontrolliert“, sagte das aktive NABU-Mitglied bei der Pressekonferenz.

Der Offenburger Gemeinderat hatte den Bürgerentscheid beschlossen. Foto: KfUTD
„Selbst nachsehen und Missstände melden“
Die fehlende Transparenz sei ein weiteres Problem. Es sollte öffentlich nachvollziehbar sein, wo Natur zerstört wird, wo Ausgleichsflächen entstehen und wie sich diese entwickeln. Ehrenamtliche Naturschützer müssen Brühl zufolge derzeit selbst nachsehen und Missstände melden. Häufig werde beispielsweise viel zu oft gemulcht statt nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht. Offen sei außerdem, wo die versprochenen Ausgleichsflächen konkret liegen sollen. „Ein Teil der Magerwiesen soll erhalten bleiben, ein anderer zerstört werden. Entweder geht das zulasten der Landwirtschaft, oder es müsste entsiegelt werden – was bislang nicht geschieht.“ In seinen Augen handelt es sich hier um Greenwashing: Es wird viel angekündigt, aber wenig realisiert.
Beispiel Gefängnis
Die klare Position des NABU laute daher: Wertvoller Lebensraum von Tieren und Pflanzen muss erhalten werden. Eine echte Alternative dazu gebe es nicht. Brühl ist sicher: „Die Entsiegelung eines Teils der Landebahn kann den Verlust keinesfalls ausgleichen – die Fläche ist viel kleiner und ökologisch nicht annähernd so wertvoll.“
Es gebe zudem viele Widersprüche bei Ökopunkten und Ausgleichsflächen. Als ein Beispiel in unmittelbarer Nähe nennt Thomas Brühl das Gefängnis. Dafür sei eine Ausgleichsfläche geschaffen worden – eine Wiese, auf der etwa 20 bis 25 Bäume gepflanzt wurden. Danach sei nichts mehr passiert. Das Gebiet sei verwildert, viele Bäume seien eingegangen. So sehe der „Ausgleich“ in der Praxis aus – nämlich oft gar nicht.
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