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Petra Fränzen: Warum Frauen helfen Frauen e.V. mit „Rosenstraße 8a“ neue Wege gegen häusliche Gewalt geht

Jürgen Rieger und Petra Fränzen
© Frauen helfen Frauen Ortenau e.V. – Petra Fränzen (hier mit Polizeipräsident Jürgen Rieger) bei der Ausstellungseröffnung.
Häusliche Gewalt beginnt oft leise – und bleibt lange unsichtbar. Die interaktive Ausstellung „Rosenstraße 8a“ macht genau diese verborgenen Strukturen erfahrbar und zeigt, wie Kontrolle, psychischer Druck oder digitale Überwachung den Alltag Betroffener prägen. Im Interview erklärt Petra Fränzen von Frauen helfen Frauen Ortenau e. V., warum die Ausstellung bewusst neue Wege geht, wie groß das Dunkelfeld tatsächlich ist und wo Politik, Gesellschaft und Hilfssysteme dringend gefordert sind.
Von Wolfgang Huber

Mit der interaktiven Ausstellung „Rosenstraße 8a“ rückt der Verein Frauen helfen Frauen Ortenau e.V. das Thema häusliche Gewalt in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Adresse ist frei erfunden – und steht doch stellvertretend für unzählige reale Orte in unseren Städten und Gemeinden, an denen Gewalt im häuslichen Umfeld stattfindet.

Gewalt zeigt sich oft schleichend

Die Ausstellung macht deutlich: Häusliche Gewalt ist keine private Angelegenheit und kein Randphänomen. Sie betrifft Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialem Status, Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Besonders häufig sind Frauen und Kinder betroffen. Gewalt zeigt sich dabei nicht immer offen oder laut, sondern oft schleichend – etwa in Form von Kontrolle, Abwertung oder psychischem Druck.

Wir haben mit der Geschäftsführerin von Frauen helfen Frauen e.V. gesprochen. Im Interview erklärt sie, welche Formen von häuslicher Gewalt am häufigsten vorkommen, wie sich die Situation um die Frauenhäuser darstellt und ob das Konzept der Ausstellung angenommen wird.

Ortenau Journal: Vergangene Woche wurde die Ausstellung Rosenstraße 8a eröffnet. Wie lange hat die Vorbereitungszeit gedauert?

Petra Fränzen: Insgesamt haben wir mehr als zwei Jahre gebraucht, von der ersten Idee bis hin zur finalen Umsetzung. Es ging darum zu überlegen, welche Hinweise wir brauchen, wie wir diese haptisch und später auch digital umsetzen und geeignete Räumlichkeiten zu finden.

Ortenau Journal: Das Konzept mit den QR-Codes und den aufrufbaren Texten geht meiner Ansicht nach voll auf. Wir waren selbst in der Ausstellung, die Beispiele sind sehr eindringlich. War das genau das Ziel des Konzepts?

 

Die Ausstellung „Rosenstraße 8a“ kann über QR-Codes erschlossen werden. Foto: Frauen helfen Frauen Ortenau e.V.

Petra Fränzen: Das hat hundert Prozent unserer Idee entsprochen. Wir wollten die Ausstellung zukunftsfähig gestalten und haben uns gefragt, wie wir Besuchende über verschiedene Wege erreichen können – über Hören, Lesen und digitale Zugänge mittels QR-Codes. Genau das hat sich bestätigt. Darauf sind wir wirklich stolz.

Ortenau Journal: Ist das auch das Feedback, das Sie von den Besucherinnen und Besuchern bekommen?

Petra Fränzen: Eins zu eins. Wir hatten nach der ersten Woche eine große Reflexionsrunde und von allen kam zurück, dass die Ausstellung sehr gut durchdacht ist, die Technik funktioniert und jede Person genau das mitnehmen kann, was für sie persönlich wichtig ist.

Ortenau Journal: Was sind die häufigsten Formen von häuslicher Gewalt?

Petra Fränzen: Aus unserem Beratungskontext ist körperliche Gewalt die höchste und sichtbarste Form. Unmittelbar danach folgen jedoch psychische und wirtschaftliche Gewalt.

Ortenau Journal: Gibt es auch moderne Formen häuslicher Gewalt?

Petra Fränzen: Ganz eindeutig nimmt digitale Gewalt zu, etwa durch Tracking-Systeme oder den Zugriff auf verschiedene Accounts. Das betrifft nicht nur WhatsApp, sondern kann auch ein Amazon-Konto sein, über das Aktivitäten nachvollzogen werden und Rückschlüsse auf Aufenthaltsorte gezogen werden können. Daraus entsteht wiederum Gewalt, etwa durch Kontrolle darüber, wofür Geld ausgegeben wurde. Bei jungen Menschen kommt hinzu, dass Apps genutzt werden, über die man jederzeit sehen kann, wo sich jemand befindet. Das wird oft als Liebesbeweis dargestellt – nach dem Motto: „Warum möchtest du nicht, dass ich weiß, wo du bist?“ Das sind häufig die ersten Anfänge von Gewalt oder können es zumindest sein.

Petra Fränzen

Petra Fränzen hat knapp 100 Mitarbeiterinnen und Helferinnen. Foto: Frauen helfen Frauen Ortenau e.V.

Ortenau Journal: Richtet sich die Ausstellung überwiegend an Frauen oder auch an Männer, um für häusliche Gewalt zu sensibilisieren?

Petra Fränzen: Ideal wäre es, den gesamten Querschnitt der Gesellschaft zu erreichen. Von Schülerinnen und Schülern ab Klassenstufe 8 bis ins hohe Alter, Männer wie Frauen, pflegebedürftige und behinderte Menschen – also alle Gruppen, die von häuslicher Gewalt betroffen sein können.

Ortenau Journal: Wie können Sie als Verein Frauen helfen Frauen e. V. Betroffenen konkret helfen?

Petra Fränzen: Unser Angebot beginnt im ambulanten Bereich mit Fachberatungen. Wenn Frauen sich an uns wenden, stehen unsere Beraterinnen zur Verfügung. Neu hinzugekommen ist eine Online-Beratung, über die Betroffene unkompliziert per Chat Kontakt aufnehmen können. Das ist ein niedrigschwelliger erster Schritt. Anschließend analysieren wir gemeinsam die Gefährdungslage und klären, ob ein Schutzplatz notwendig ist. Wenn das der Fall ist, stellen wir diesen zur Verfügung.

Ortenau Journal: Ist die Zahl der Delikte in den vergangenen 20 Jahren gestiegen?

Petra Fränzen: Wir verzeichnen eine Steigerung von etwa 15 bis 20 Prozent. Dabei gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Ich gehe davon aus, dass wir ein sehr großes Dunkelfeld haben – Fälle, die passieren, aber nie sichtbar werden. Möglicherweise ist es gelungen, das Thema häusliche Gewalt stärker in die Öffentlichkeit zu bringen und dieses Dunkelfeld etwas aufzuhellen. Ich glaube nicht, dass häusliche Gewalt insgesamt zugenommen hat, sondern dass sich mehr Fälle ins Hellfeld verlagert haben. Das ist trotz der dramatischen Zahlen eine positive Entwicklung.

Ortenau Journal: In welcher Verantwortung sehen Sie Staat und Gesellschaft bei der Bekämpfung häuslicher Gewalt?

Petra Fränzen: Der erste Schritt ist, nicht wegzuschauen. Wachsam zu sein, sich nicht wegzuducken, sondern Gelegenheiten zu nutzen, um nachzufragen: Wie geht es Ihnen eigentlich?

Das kann auch ganz niedrigschwellig sein, etwa indem man einen kleinen Flyer weitergibt und signalisiert: Ich habe dich gesehen. Das ist eine Aufgabe für jede und jeden. So wird es zu einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung.

Ortenau Journal: Befürchten Sie angesichts des Erstarkens rechter Positionen einen Rollback bei der Hilfe für Frauen und Kinder?

Petra Fränzen: Ich habe dabei zwei Sorgen. Zum einen, dass wieder verstärkt tradierte Rollenbilder in die Gesellschaft getragen werden – etwa die Vorstellung, Frauen gehörten an den Herd und hätten sich unterzuordnen. Zum anderen befürchte ich, dass gut etablierte Hilfssysteme künftig nicht mehr so arbeiten können, wie es dringend notwendig wäre, etwa durch gesetzliche Einschränkungen oder gekürzte Finanzierungen. Ich hoffe sehr auf eine hohe demokratische Verantwortung in der Gesellschaft, damit das nicht passiert.

Ortenau Journal: Welche Rolle spielt dabei die Istanbul-Konvention?

Petra Fränzen: Die Istanbul-Konvention ist eine wichtige Vereinbarung, die Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung anerkennt. Ein Gesetz entfaltet jedoch erst Wirkung, wenn es umgesetzt wird. Deshalb ist es wichtig, immer wieder öffentlich darauf hinzuweisen, präsent zu bleiben und sicherzustellen, dass Hilfsangebote und Handlungsmöglichkeiten erhalten bleiben.

 

Ortenau Journal: Wie ist die Situation in den Frauenhäusern? Gibt es genügend Plätze?

Petra Fränzen: Wir sind für den gesamten Ortenaukreis zuständig, einen flächenmäßig großen Landkreis. Ich glaube, wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es jemals ausreichend Plätze geben wird, weil wir die tatsächliche Zahl der Betroffenen nicht kennen. Die Dunkelziffer ist hoch. Was wir brauchen, sind schnelle Hilfsmöglichkeiten in akuten Situationen, wie etwa unser Notzimmer, das „Safe Space“, das wir derzeit in Offenburg erproben. Danach geht es darum, ambulante Hilfen zu ermöglichen und Prävention weiter auszubauen.

Ortenau Journal: Wie viele Frauen engagieren sich in Ihrem Verein?

Petra Fränzen: Insgesamt beschäftigen wir 39 festangestellte Mitarbeitende. Hinzu kommen rund 60 Ehrenamtliche, die sich unter anderem im Frauenhaus, im Lädle und beim Bücherflohmarkt engagieren. Sie leisten eine sehr wichtige Arbeit. Wir sind tatsächlich das zweitgrößte Frauenhaus. Diese Anzahl an Mitarbeitenden und die breite Aufstellung von Prävention über Schutz bis hin zur Nachsorge gibt es meines Wissens in dieser Form sonst nicht in Deutschland.

Ortenau Journal: Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium Offenburg?

Petra Fränzen: Absolut hervorragend. Wenn wir dort anrufen, ist sofort jemand da. Die Zusammenarbeit ist sehr eng und verlässlich. Wir sind gegenseitig rund um die Uhr erreichbar. Gerade bei akuten Situationen, etwa nachts oder am Wochenende, wissen alle Beteiligten genau, wen sie kontaktieren müssen, um schnell helfen zu können.

Ortenau Journal: Sie wollten abschließend noch einen Aspekt ergänzen.

Petra Fränzen: Es geht um das geplante Gewaltschutzgesetz, das als sehr revolutionär dargestellt wird. Meine Sorge ist, dass Bundesstandards nicht automatisch zu Verbesserungen führen, sondern sich möglicherweise an einem sehr niedrigen Niveau orientieren. Der zentrale Punkt ist der Rechtsanspruch auf einen Schutzplatz. Das klingt gut, aber ich kenne keine Frau, die, wenn sie keinen Schutzplatz erhalten würde, obwohl sie akut von häuslicher Gewalt betroffen ist, dann den Schutzplatz einklagen würde. Ob das Gesetz tatsächlich die gewünschte Wirkung entfaltet, hängt letztlich von den Handlungsmöglichkeiten bei der Umsetzung ab.

Siehe auch hier:

Täglich Einsätze wegen häuslicher Gewalt: Polizeipräsident Jürgen Rieger über Zahlen und Maßnahmen

Wenn Zuhause kein sicherer Ort ist: Interaktive Ausstellung „Rosenstraße 8a“ rückt häusliche Gewalt ins Licht

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