Baden-Württemberg steht höchstwahrscheinlich eine neue Debatte über das Für und Wider der Atomenergie ins Haus. Es existiert nämlich eine erhebliche Gefahr, ganz nah an der Schweizer Grenze. So informierte der BUND Ortenau in Kooperation mit dem Offenburger Netzwerk für Nachhaltigkeit (ONN) kürzlich über den Zustand der Atomkraftwerke in der Schweiz und die damit verbundenen Risiken.
Veraltete Sicherheitsstandards
Die Eidgenossen betreiben nahe der deutschen Grenze vier Atomkraftwerke, die schon 41 bis 56 Jahre in Betrieb seien, wie der BUND Ortenau mitteilt. Die vier Anlagen seien von aktuellen Sicherheitsstandards weit entfernt. Anders als beim inzwischen stillgelegten AKW Fessenheim fehle im Falle der Schweizer Altreaktoren bisher jedoch das Bewusstsein für die Gefahr, die von ihnen ausgeht – insbesondere für Baden-Württemberg.
Kein sicherer Betrieb möglich
Laut BUND-Sprecherin Petra Rumpel würden alle vier Meiler heute keine Betriebsgenehmigung mehr erhalten, wie sie auf Anfrage des Ortenau Journals betont. Viel zu alt seien die Reaktoren, um einen sicheren Betrieb gewährleisten zu können: „Je älter die AKW werden, desto brüchiger wird das Material. Das Risiko einer Kernschmelz ist latent hoch, wie eine tickende Zeitbombe.“ Man wisse nie, wann sie hochgehen, doch falls das passieren sollte, wäre der Schaden „gigantisch“.
Erfahrungen mit Fessenheim
Im Falle des Uralt-Meilers Fessenheim im Elsass, ebenfalls nahe der deutschen Grenze, sei das Problembewusstsein größer gewesen, weil es gefühlt noch näher war. Fessenheim wurde vor wenigen Jahren nach massivem Druck aus der deutschen Bevölkerung und er Politik stillgelegt worden. Auch dort bestand permanent die Gefahr einer Reaktorunfalls. Rumpel: „Die Technik von Fessenheim ist vergleichbar mit der der vier Schweizer Atomkraftwerke.“

Simulation der Bodenkontamination mit radioaktivem Cäsium-137 nach einem Atomunfall im AKW Leibstadt. Foto: BUND Ortenau
Aktuelle Studie vorgestellt
Armin Simon, Referent für Atompolitik und Reaktor-Risiken bei der Anti-Atom-Bewegung .ausgestrahlt, habe die aktuelle Studie des Trinationalen Atomschutzverbands (TRAS) vorgestellt, welche die Auswirkungen eines schweren Atomunfalls in der Schweiz auf Deutschland untersucht. Dabei sei klar, dass je nach vorherrschender Windrichtung und Größe des Schadens auch extreme radioaktive Belastungen für den ganzen Oberrheingraben zu befürchten seien – bis hin zu einer langfristigen Verseuchung, die das Leben und die landwirtschaftliche Nutzung hier auf Jahrzehnte unmöglich machen könnten. Die intensive „radioaktive Fahne“ könnte sich sogar bis Stuttgart oder darüber hinaus ziehen.
Verseuchung des ganzen Oberrheingrabens
„In dem Gebiet beidseits des Rheins bis nach Karlsruhe oder Stuttgart wäre keine Landwirtschaft mehr möglich. Das Gebiet wäre praktisch unbewohnbar“, ergänzt Rumpel. Dabei wären die Folgen für die Bevölkerung drastisch. Man könne eine solche Menge an Menschen nicht sinnvoll evakuieren. „Es gibt keine Pläne, wie man Millionen von Menschen umsiedeln könnte. Das übersteigt alle Möglichkeiten.“
Drastische gesundheitliche Folgen
Die gesundheitlichen Folgen für die Menschen wären laut der BUND-Frau fatal. Wer eine hohe Strahlendosis abbekommen würde, müsste mit massiven Zellschädigungen rechnen. Die Dosis selbst hinge auch von der Witterung ab. Lediglich gegen das radioaktive Jod könne man überhaupt etwas ausrichten. Das Jod habe eine Halbwertszeit von vier Tagen und zerfalle relativ schnell. Rumpel: „Das Problem ist, dass Menschen mit Jodmangel das radioaktive Jod in der Schilddrüse einlagern, was letztlich zu Schilddrüsenkrebs führt.“

Armin Simon bei seinem Vortrag beim BUND Ortenau. Foto: Petra Rumpel
Jodtabletten können begrenzt helfen
Wer jedoch rechtzeitig Jod einnehme, könne sich schützen, weil er dann kein radioaktives Jod einlagert. Doch ein wirksamer Schutz der Bevölkerung hierzulande sei kaum möglich. Die Verteilung von Jodtabletten, die erst noch von Zentrallagern in die jeweilige Region transportiert werden müssten, dürfte zeitlich kaum zu schaffen sein. Außerdem hänge alles vom richtigen Zeitpunkt der Einnahme ab. Andernfalls seien auch die Jodtabletten wirkungslos.
Szenario wie in Tschernobyl
Gefahr ginge auch von anderen Isotopen aus, die eine längere Halbwertszeit haben. Wenn diese beispielsweise durch Regen in Bodennähe kämen, würden sie – bezeichnet als Fall Out – alles verseuchen, ähnlich wie es in Tschernobyl geschehen sei. Pilze oder Hülsenfrüchte wären auf Jahrzehnte nicht mehr genießbar. In Fukushima habe man Erde abgetragen und in riesigen Säcken gelagert.
Forderung an die neue Landesregierung
Petra Rumpel gibt sich keinen Illusionen hin: „Das Problem ist noch nicht wirklich in der Politik angekommen. Es gibt zwar Einzelne, die sich gegen Atomenergie engagieren, aber bis auf Organisationen wie .ausgestrahlt kümmert sich kaum jemand darum.“ Die Schweizer würden noch sehr an ihren Uralt-Meilern hängen. Armin Simon von eben dieser Organisation .ausgestrahlt ergänzt die Ausführungen von Rumpel: „Wir fordern von der baden-württembergischen Landesregierung eine entschieden Haltung bezüglich eines Abschaltens der vier Atomkraftwerke.“

Aktivisten machen auf das Atommüll-Problem aufmerksam. Foto: Christina Palitzsch
Dokumente unter Verschluss
Das AKW Leibstadt beispielsweise stehe direkt an der deutschen Grenze. Bei einer Laufzeitverlängerung sei eigentlich eine Umweltverträglichkeitsprüfung Pflicht. „Doch die Schweizer Verantwortlichen halten die Dokumente darüber unter Verschluss“, sagt Simon. Überhaupt sei nur eine maximale Laufzeit von 40 Jahren erlaubt. Die vier Meiler seien aber zwischen 40 und 56 Jahren alt.
Spröde Reaktorbehälter
„Der Stahl von Reaktordruckbehältern wird durch den Dauerbeschuss mit Neutronen im Laufe der Jahre spröde. Das erhöht die Gefahr eines Reaktorunfalls erheblich“, erklärt der Experte die technischen Hintergründe. Nach einer lebhaften Diskussion bei der Veranstaltung seien sich Referent, Veranstalter und Besucher einig gewesen, dass die neue Landesregierung in Baden-Württemberg, mit Unterstützung möglichst vieler Bürger und Kommunen, einen verbindlichen Ausstiegsplan für die alten Atomkraftwerke der Schweiz einfordern sollte.
Alternativen durch Wasserkraft
Doch gibt es Alternativen? Laut Petra Rumpel sei die Schweiz bei Stromspeichern gut aufgestellt, es gebe einen hohen Anteil Wasserkraft und Pumpspeicherkraftwerke. Wenn Deutschland mit seinen wenigen Speichern einen Überschuss an Strom verzeichne, könnte durch internationale Vereinbarungen Strom an die Schweiz verkauft werden. Mit den Pumpspeicherkraftwerken könnte die Schweiz umgekehrt Strom an Deutschland liefern, wenn hier ein Stromengpass herrschte. Armin Simon zufolge beträgt der Anteil der Atomenergie in der Schweiz rund 70 Prozent. Durch einen Ausbau der erneuerbaren Energien sei eine Abschaltung der Risiko-Reaktoren durchaus möglich.
Entschlossenes Handeln nötig
Es sieht ganz danach aus, dass der designierte Ministerpräsident Cem Özdemir gleich vom Start weg ordentlich Arbeit ins Haus steht. Ein Abwarten und Zögern darf es nicht geben, sofern die künftige Landesregierung ihren Amtseid, wonach die Bevölkerung zu schützen sei, ernst nimmt. Bei grünen Politkern sollte dies eigentlich kein größeres Problem darstellen. Die Untätigkeit der Regierung Kretschmann muss nun entschlossenes Handeln folgen.
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