Kunst & Kultur

Zwischen Zeitgeist und Tradition: Standing Ovations für Haydns „Schöpfung“ bei Münsterkonzert in Schwarzach

© Marduk Buscher – Das Publikum honoriert die Darbietungen mit Standing Ovations.
Während hochsommerlicher Temperaturen zog es zahlreiche Musikliebhaber ins Schwarzacher Münster. Dort entfaltete Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ seine ganze Wirkungskraft – getragen von der Capella Crucis, dem Karlsruher Barockorchester und drei herausragenden Solisten. Die Aufführung begeisterte das Publikum mit klanglicher Wucht und emotionaler Tiefe. Zugleich wirft das Werk mit seinem religiösen und patriarchalisch geprägten Weltbild Fragen an heutige Zuhörer auf.
Von Marduk Buscher

Fast bis auf die letzte Bank füllt sich die Klosterkirche in Rheinmünster-Schwarzach. Leute jeden Alters und jeder Herkunft finden sich zusammen. Dies ist nicht den viel angenehmeren Temperaturen in dem zu jeder Jahreszeit gemäßigt temperierten romanischen Kirchenschiff geschuldet – draußen herrschen über 35 Grad – sondern dem Wunsch, einem der viel zu spärlichen Münsterkonzerte beizuwohnen, welche vom Landratsamt Rastatt organisiert werden, und die Herzen der Menschen erreichen.

Drei Solisten aufgeboten

In einmaliger Atmosphäre und Akustik stand am 21.6.2026 Joseph Haydns „Die Schöpfung“ auf dem Programm. Die „Capella Crucis“ aus Rastatt und das Karlsruher Barockorchester unter Leitung von Bezirkskantor Jürgen Ochs gestalteten den klanglichen Rahmen für die drei Solisten, Tirza Härer (Sopran), welche die Rollen von Erzengel Gabriel und Eva sang, Eduard Wagner (Tenor), der den Erzengel Uriel darbot, und Christian Noel Bauer (Bariton), der die Rollen von Erzengel Raphael und Adam performte.

Tongewaltiges Orchester

Das Oratorium besteht aus einem Wechsel zwischen gesungenen Rezitativen, Chorgesängen und Arien, die jeweils abwechselnd von den Solisten oder zusammen mit dem Chor vorgetragen werden. Das Ganze untermalt von den tongewaltigen Klängen des Orchesters.

Inhaltlich ist das Stück in drei Teile unterteilt, welche den Schöpfungsakt des christlichen Gottes vergegenwärtigen. Im ersten Teil erschafft er Himmel und Erde, im zweiten Teil Menschen und Tiere. Der dritte Teil ist Adam und Eva gewidmet, die sich des Paradieses erfreuen und ihrem Gott danken.

Streng patriarchalisch geprägt

Wer sich das Libretto genauer anschaut, fühlt sich aus der Zeit gefallen. Gottfried von Swieten hat es auf Basis einer englischen Vorlage kompiliert, die ihrerseits wiederum auf dem Buch Genesis (1. Buch Mose), den Psalmen der Bibel und dem Text „Paradise Lost“ von John Milton basierte.

Dirigent und Solisten (Jürgen Ochs, Tirza Härer, Eduard Wagner und Christian Noel Bauer / v.l.n.r.). Foto: Marduk Buscher

Das zugrundeliegende Menschenbild ist daher streng patriarchalisch geprägt, und überläßt Adam die seine Frau beherrschende Rolle. Andernorts würden Menschen vielleicht gegen dieses veraltete Rollenverständnis protestieren …

„Mehr zu wissen, als ihr sollt“

Den heutigen Zuhörer spricht dabei vielleicht am ehesten die Mahnung des Uriel an, der die ersten Menschen warnt, sie könnten „glücklich immerfort [sein], wenn falscher Wahn euch nicht verführt, noch mehr zu wünschen, als ihr habt, und mehr zu wissen, als ihr sollt“. Auch unabhängig vom christlichen Glaub, hat dies zeitlose Bedeutung.

Wegen der großen Textanteile, die teilweise rezitativ, d.h. relativ gut zu verstehen sind, wirkt das ganze Konzert auf einen nicht christlichen Zuhörer aber stark befremdlich. Gleichwohl wird er anerkennen müssen, daß das klangliche Ereignis eine überwältigende Wirkung hat.

Begeisterungsstürme bei der Uraufführung

Zusammen mit dem strengen Innenraum des romanischen Münsters kommt man nicht umhin, sich die Wirkung des dritten Oratoriums von Joseph Haydn auf seine Zeitgenossen vorstellen zu müssen. Wahre Begeisterungsstürme brachen bei seiner Uraufführung im Wien des Jahres 1798 nach jedem der drei Teile aus.

Wirklich himmlische Töne glaubte man auch heutzutage zu vernehmen. Der glockenklare Sopran jubiliert sozusagen zu allen Himmeln, und der volle Bariton erinnert immer wieder an die Ernsthaftigkeit des Vortrags.

Fehlender Mut des Publikums

Standing Ovations waren daher auch in Schwarzach der Dank des Publikums. Allerdings erst ganz zum Schluß des Oratoriums. Zum Zwischenapplaus, der damals durch Kaiser Franz II. geadelt wurde, fehlte dem Publikum in Rheinmünster wohl einfach der Mut. Der tobende Schluß-Applaus brauste dafür besonders für die Darbietungen von Tirza Härer und Christian Noel Bauer auf.

Das nächste Münsterkonzert findet übrigens erst wieder am 29. November 2026 statt. Es ist mit einer deutlich niedrigeren Außentemperatur zu rechnen.

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