Es war ein echtes Großprojekt und beeindruckte nicht nur die damalige Bundesregierung, sondern auch Medien, Musikverbände und internationale Kulturinstitutionen. Doch Turbulenzen, individuelle Schicksalsschläge bei den Akteuren und die Corona-bedingte Kulturschockstarre sorgten für eine jähe – und bis gestern andauernde – Auszeit.
Gestern? Ja. Denn auch wenn derzeit Kulturpessimismus und Sorgenfalten den öffentlichen Diskurs prägen und sowohl die deutsch-französische Freundschaft als auch die mentale Verfassung der Kulturszene wenig Aufbruchsstimmung erkennen lassen, lohnt es sich – wie so oft – gerade in Krisenzeiten mutig und antizyklisch voranzugehen.
Im Zuge einer strategisch-inhaltlichen Neuausrichtung des Ortenau Journals kommt es nun zu einer weiteren gemeinsamen Aktivität mit unserem projekterfahrenen Kulturkolumnisten Jürgen Stark. Seine frühere Artikelserie über die aktive Musikszene im Elsass und in Straßburg wurde im Ortenau Journal bereits wiederbelebt.
Blick zurück nach vorn
Am 5. Dezember 2009 fand in der Baden-Arena Offenburg vor mehr als tausend begeisterten Besuchern ein außergewöhnliches Konzert statt – in dieser Form einzigartig. Über 100 Künstlerinnen und Künstler standen gemeinsam auf der Bühne, vereint durch eine verbindende Idee.
Zentraler Bestandteil war die eigens für das Projekt zusammengestellte deutsch-französische Band „Le Grand Rhino“, die zugleich den Projektnamen trug. Den Höhepunkt bildete die von Jürgen Stark konzipierte „Trilogie du Rhin“, die er als Texter und Komponist gemeinsam mit seinem langjährigen musikalischen Wegbegleiter Zeus B. Held arrangierte.
Zur Aufführung kam das Werk zusammen mit der Stadtkapelle Offenburg, einem elsässischen Projektchor unter der Leitung von Axel Berger, einem Pariser Akkordeonisten sowie der deutsch-französischen Projektband mit Pascal Wolpert (Drums), Jürgen Stark (Gitarre), Peter Oehler (Gitarre), Jess Haberer (Gesang), Jewly Claden (Gesang), Stanislav Polanski (Bass) und Zeus B. Held (Keyboard). Die musikalische Gesamtleitung lag ebenfalls bei Axel Berger.
Die Idee hinter dem Projekt
Stark, bekannt als leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, ließ seiner Fantasie freien Lauf und schuf mit seiner Trilogie „Le Rhin“ ein Werk mit programmatischem Anspruch. Die zentralen Themen: „Rhein – Zukunft – Liebe“, übersetzt: „Le Rhin – L’avenir – L’amour“.
Der 2007 aus Norddeutschland in die Ortenau gezogene Autor, Journalist und Musiker erinnert sich: „Ich war anfangs verblüfft, wie groß das Desinteresse am französischen Nachbarn war – selbst in Medienkreisen. Die Sprachbarriere ist enorm und eine der Hauptursachen für diese unsichtbare Grenze.“
Und weiter: „Ich könnte mich heute ärgern, dass ich Französisch in der Schule abgewählt habe. Hier unten hätte ich die Sprache gut gebrauchen können – ich liebe das Elsass und die französische Lebensart. Straßburg ist für mich eine der schönsten Metropolen Europas.“
Als Grund sieht Stark auch kulturelle Prägungen: „Die angloamerikanische Dominanz in der Popkultur hat unsere Generation stark beeinflusst. Englisch galt als cool – gerade in Hamburg, der Beatles-Stadt.“
Musik als Brücke
Stark, der über Jahrzehnte als kultureller Vermittler und Projektleiter unter anderem für die Bundeszentrale für politische Bildung, die deutschen Phonoverbände und den Deutschen Musikrat tätig war, setzte auf Musik als verbindendes Element.
Sein Ansatz: lebensnahe Songtexte, die emotional berühren, feinfühlig übersetzt und sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch gesungen.
Für die Übersetzung gewann er den Offenburger Kaffeeröster Philippe Suty, der jedoch tragischerweise im Alter von nur 51 Jahren verstarb. Den deutschen Gesangspart übernahm Jess Haberer, den französischen die Straßburger Sängerin Julie „Jewly“ Claden (ihr jüngstes Album wurde nördlich von London in den Studios der berühmten Pretenders aufgenommen!).
Stark nannte dieses Duett „gesungene Völkerverständigung“ und künstlerische Kommunikation über den Rhein hinweg, das „Wundermittel Musik“ als Handwerkszeug und gesungene Simultanübersetzung.
Große Resonanz und prominente Unterstützung
Die Resonanz war enorm. Der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Schäuble unterstützte das Projekt über Fördermittel der Bundesregierung und würdigte es öffentlich. Auch die damalige Offenburger Oberbürgermeisterin Edith Schreiner lud das Ensemble zum Neujahrsempfang der Stadt ein.
Eine besondere Anerkennung kam aus dem Hause Hubert Burda. Stark berichtet:
„Ich erhielt intern die Nachricht, dass Hubert Burda von dem Projekt sehr angetan sei. Ich bekam die Erlaubnis, das Label ‚powered by Hubert Burda Media‘ für die Projektkommunikation zu verwenden – ohne weitere Abstimmung. Das war für mich eine außergewöhnliche Wertschätzung.“
Denn immerhin war Burda immer ein großer Anhänger der kreativ-künstlerischen Werkstatt-Philosophie von Andy Warhol. Stark: „Wenn man an solchen Maßstäben gemessen wird und solche Unterstützung erfährt, dann sollte man bei passender Gelegenheit weitermachen und ein solches Erbe nicht verkümmern lassen!“

Mehr als ein Konzert: eine Vision
Für Stark war das Projekt nie nur ein einmaliges Ereignis, sondern der Auftakt für etwas Größeres. „Le Grand Rhino“ war als langfristige Initiative gedacht – zur Förderung neuer Ausdrucksformen, kreativer Kooperationen und nachhaltiger kultureller Vernetzung im Oberrheinraum.
Der Eurodistrikt sieht er bis heute als ideales Spielfeld: eine Schnittstelle zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Kulturen und kreativen Akteuren.
Im Zentrum steht eine poetische Idee: ein „geheimnisvolles Licht im Rhein“, ein mystischer Schatz, der gehoben werden muss – als Metapher für Verständigung, Kreativität und gemeinsame Identität.
Wie geht es weiter?
Schon damals gab es Überlegungen für ein Kinder- und Jugendprojekt („Le Petit Rhino“) sowie für ein Musical mit dem Titel „Das Licht im Rhein“. Die Idee für Musical und Theater liegt vor, wie auch laut Stark weitere Songs für ein komplettes Album, was aber soll nun geschehen?
Sein aktueller Ansatz ist pragmatisch: „Eine gemeinnützige Medienplattform wie das Ortenau Journal bietet ideale Voraussetzungen, um diese Idee neu zu beleben, neue und alte Partner zu gewinnen – auch via begleitender Berichterstattung – und Beteiligungen auszuloten.“
Zudem steht mit dem neuen „Recording Studio Stark“ in Ortenberg bald eine Produktionsstätte zur Verfügung, um das bestehende Repertoire professionell aufzunehmen und weiterzuentwickeln.
Auch moderne Kommunikationswege sollen genutzt werden: „Influencer können helfen, die Idee breiter sichtbar zu machen und neue Zielgruppen zu erreichen.“
Sein Fazit: „Let the party get started.“
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